Ruhrgebiet - Komma lecker bei mich bei

Das heißt in astreinem Ruhrgebietsdeutsch, man möge näher herantreten. Schließlich war das gesamte Ruhrgebiet eine Kulturhauptstadt Europas und alle fahren hin, denn hier ist es aufregend schön. Von Marion Boehm

Angesagt: der moderne Innenhafen Duisburgs; Foto: ©Ruhr Tourismus / Jochen Schlutius


Vom grauen Pott zur Kulturhauptstadt Europas 2010

Seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe - die Zeche Zollverein in Essen; Foto: Rupert Oberhäuser

An dieser Weltgegend wird gern mal vorbeigefahren. Ruhrgebiet. Wo ist das eigentlich genau? Hömma! Tief im Westen!

Das ist der vermeintlich graue Pott mit den Schlöten und Zechen, den Brieftaubenschlägen, den Trinkhallen, Buden. Wo Pilsken getrunken und Pläuschken gehalten wird. Das ist auf Schalke, der VfL, Schwarzgelb Borussia, Schimanski. Wo für klare Worte kein Genitiv notwendig ist. Und wo Manfred zu Manni und Josef zu Jupp geadelt werden.

Das sind die Klischees, aber auch die Identität, das ist der Mythos, aber auch Lebenswirklichkeit. Ab sofort wird nicht mehr vorbeigefahren. Und am besten nimmt man sich fürs Anhalten gleich ein ganzes Jahr Zeit.

Das gesamte Ruhrgebiet war Kulturhauptstadt Europas 2010, mit der Stadt Essen als „Hauptstadt“ dieses polyzentrischen Gebildes aus 53 Städten.

Dabei ist das Zechenland schon seit Langem ein wahrer Hochofen der Kultur. Spätestens seit der „Internationalen Bauausstellung Emscher Park“ in den 1990er-Jahren, die mit innovativen Ideen und Projekten wichtige Impulse für die Neustrukturierung setzte.

Wohl kein Ort in Europa bündelt mehr Galerien, Museen und Theater als das Land an Lippe, Emscher, Ruhr und Rhein.

Weit vor der Nominierung 2006 durch die EU-Expertenjury befand sich das heute 5,3 Millionen Einwohner große Revier im deutlichen Wandel von der sich immer mehr zurückziehenden Schwerindustrie hin zu Kunst und Kultur, Geschichtsvermittlung und Naturerleben.

Aus den Gebeinen des ausgedienten Bergbaus, auf dem der Wohlstand Deutschlands aufgebaut worden war, entstand eine kreative und überaus inspirierende Industriekultur.

Da lag es nah, dass das Ruhrgebiet endlich auch offiziell Kulturhauptstadt wurde. Wer sich für Pott-Pur(i) entscheidet, wird zunächst die namhaften Orte westdeutscher Industriekultur ansteuern.

Ein Besuch im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum gibt den besten Überblick über den Kohleabbau, die 170 Jahre währende Montanindustrie und die damit stark verbundene Historie des Landes. Eine Führung im Stollen vermittelt, wie unter Tage Blut, Schweiß und Tränen geflossen sind.

Bernhard Scholten ist eigentlich Bergbauingenieur, doch seit acht Jahren ist er Museumsführer, personifizierter Strukturwandel – und Witzbold.

Mit trockenem Humor erzählt er im Ruhrgebietsdialekt, woher der Begriff „tiefergelegt“ stammt: „Dat Ruhrgebiet hat sich aufgrund der zusammengerutschten Stollen um bis zu 17 Meter tiefergelegt. Getz wissen Se auch, dat dat Wort hier seinen Ursprung hat.“

Er berichtet vom letzten Grubenpferd Tobias, das 1966, nach 17 Jahren, erstmals im Tageslicht sein Gnadenbrot bekam. Er lässt den fast 16 Kilo schweren Abbauhammer knattern, mit dem die schwarzgesichtigen Kumpel Kohle, Erze und Gestein aus dem Flöz herausgequält haben. Erschrocken halten sich die Kinder die Ohren zu.

Noch drei aktive Zechen gibt es. Ab 2018 ist dann für alle endgültig Schicht im Schacht.

Bei der Ruhr Tourismus GmbH gibt es alle Infos über das Ruhrgebiet unter der Hotline: 01805 18 16 20 (0,14 €/ Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 0,42€/ Min. aus dem Mobilfunk)

Typisch Ruhrgebiet: CPM, Folkwang-Museum und die Zeche Zollverein

Knapp 15 Minuten sind es vom Bergbau-Museum bis zum Profi-Grill in Bochum-Wattenscheid. Über die berühmtberüchtigte A40, den Ruhrschnellweg. Wobei die Bezeichnung Schnellweg hier eher ironisch verstanden werden darf, aufgrund der enorm vielen Staus wurde sie sogar in „der längste Parkplatz des Ruhrgebiets“ umgetauft .

Unvorstellbar: Im Kulturhauptstadtjahr wurde die Trasse voll gesperrt und verwandelte sich für einen Tag in das spektakuläre „Still-Leben“. Etwa 20.000 Tische bildeten im Juli auf rund 60 Kilometern „die längste Tafel der Welt“. Es wurde mit Tanz, Theater, Lesungen und jeder Menge Selbstinszenierung gefeiert.

Jetzt aber ist erst mal Zeit für CPM. Das Ruhr-Metropole-Nationalgericht: Currywurst, Pommes, Mayo. Nirgends in Deutschland ist die Imbissbudendichte höher. Hier im Profi-Grill steht Raimund Ostendorp, der in seinem früheren Leben Koch in einem Drei-Sterne-Restaurant war.

Davon übrig geblieben ist die hohe Qualität, hier aber zum kleinen Preis. Alles wird selbst gemacht und schmeckt entsprechend lecker.

Das Rezept für die Frikadellen hat Ostendorp aber vom Vorbesitzer Kurt Kotzlowski übernommen, „Kurts Frikadelle“ für 1,50 Euro, die „C-Wurst“ 2,20 Euro.

Ein Geheimtipp ist die Pommesbude schon lange nicht mehr. Das Fernsehen, Udo Lindenberg, Jürgen Flimm und der Vorstand von Krupp waren auch schon da.

Wer vom Ruhrpott spricht, meint vor allem die nahtlos ineinandergehenden Städte. Das macht Besuche leicht. Essen ist nur einen Kohlenwurf von Bochum entfernt und liegt mittendrin.

Essen hat natürlich Krupp und die herrschaftliche Villa Hügel am schönen Baldeneysee, das größte Kino Deutschlands – die Lichtburg, ein Monumentalpalast mit Geschichte – und das Museum Folkwang.

Das Unperfekthaus hingegen ist Essens kleine Villa Kunterbunt gegenüber dem nagelneuen Einkaufszentrum am Limbecker Platz. Scharfer Kontrast, charmantes Konzept: Künstler erhalten mietfrei ein Atelier, Besucher zahlen einmalig 5,50 Euro Eintritt und dürfen den Kreativen in ihren Werkstätten zuschauen, durchs Haus stromern oder auch dort übernachten.

Reinhard Wiesemann, der Gründer des UPH, ist gleichzeitig auch Erfinder der „Abschiedskohle“. Ein ansehnliches Stück davon, als Mitbringsel durchsichtig und sauber verpackt, ist das Symbol für die Zukunft des Ruhrgebiets: „Tschüss Kohleindustrie, hallo Kulturindustrie!“

Die Hauptstadt der Hauptstadt besitzt seit 2001 aber auch ein UNESCO-Weltkulturerbe und darf sich mit den ägyptischen Pyramiden und dem Grand Canyon auf eine Stufe stellen. Höchst beeindruckend ist es, nach der Fahrt in der Straßenbahn mit der offiziellen Kulturlinie 107, die auf 17 Kilometern knapp 60 Sehenswürdigkeiten abfährt, vor den ästhetisch sachlichen Backsteinbauten der Zeche Zollverein zu stehen.

Der Blick geht gen Himmel zum mächtigen, repräsentativen Förderturm auf dem 140 Fußballfelder großen Gelände des Monuments von Schacht XII – der ehemals größten Zeche des Reviers.

Zollverein ist heute Zentrum für Design und Kreativwirtschaft und mit etlichen Veranstaltungen zentraler Punkt im Kulturhauptstadtjahr.

Das von Lord Norman Foster umgestaltete Kesselhaus beherbergt das red dot design museum, weltweit größtes Zentrum für moderne Entwürfe. Das Casino, eines der besseren Restaurants, liegt im ehemaligen Kompressorenhaus mit Zechenatmosphäre.

Eine Rolltreppe mit leuchtend orangenen Wänden führt in die Kohlenwäsche mit ihren Maschinen. Ein hoher Klotz, in dem bis 1986 135 Jahre lang Kohle von Stein getrennt wurde, ist dramatische Kulisse für das dort im Januar 2010 eröffnete Ruhr Museum.

Hier wird ausführlich und mit viel Liebe zum Detail erzählt, wie alles wurde, was es ist, vom versteinerten Farn, dem Fußball, den Arbeitersiedlungen.

Der niederländische Architekt Rem Koolhaas leitete den Umbau und ließ ein Treppenhaus einbauen, das wirkt als fließe glühender Stahl die Handläufe entlang. Das gesamte Gelände erschließt sich am besten mit der teils von echten Bergmännern geleiteten zweistündigen Führung, bei der sich spätestens vom Dach erkennen lässt, wie grün es hier überall ist und wie nah alles im Ruhrgebiet liegt.

In der Kokerei gibt es im Sommer ein Freibad, im Winter eine Eisbahn und nachts erstrahlt das Industriedenkmal, wie übrigens fast alle dieser architektonischen Zeitzeugen, in einer schillernden Lichtinszenierung.

Am schönsten lässt sich das Phänomen Industriekultur wohl am Landschaftspark Duisburg-Meiderich zeigen. Das 1903 gebaute Thyssenwerk wurde 1985 nicht dem Erdboden gleichgemacht, sondern zunächst sich selbst und der Witterung überlassen.

Nun wachsen um und auf der großen Anlage Bäume und Sträucher, Efeu und Moos begrünen den Rost. Eine ganz besondere sentimentale Stimmung befällt einen hier. Leben wurde dem alten Eisen bereits 1997 anlässlich der „IBA Emscher Park“ wieder eingehaucht: Die Werkshallen wurden vielfältig für Veranstaltungen und Festlichkeiten umgenutzt, im alten Gasometer befindet sich Europas größtes Tauchsportzentrum, in Erzbunkern sind alpine Klettergärten angelegt und der Hochofen ist ein 70 Meter hoher Aussichtsturm.

Es gibt Rad- und Wanderwege auf dem 200 Hektar großen Abenteuerspielplatz. Erlebbares industrielles Erbe, bei dem man sich schmutzig machen kann.

Zudem ist das Hüttenwerk immer wieder Filmkulisse. Natürlich war der Duisburger Tatort auch schon hier.

Kirsten Mohr, Geschäftsführerin des Reisebüros Tour de Ruhr im Besucherzentrum des Geländes, ist Lokalpatriotin: „Es gibt fantastische Kulturangebote von Weltrang. Ganz besonders aber mag ich die
Kunstinstallation ‚SchachtZeichen‘. Rund 400 gelbe, leuchtende Ballons schweben eine Woche lang über jenen Orten, wo früher im Revier Bergbauanlagen waren. Organisiert und unterstützt von Bewohnern, Grundstücksbesitzern, Traditionsvereinen. Ich mache natürlich auch mit!“

Wer noch mehr Zeugnisse dieser Ära besuchen möchte, kann sich auf die komplette Route der Industriekultur begeben, auf den „Jakobsweg des Malochers“, wie der Bochumer Comedian Hennes Bender formuliert. Der Rundkurs umfasst auf 400 Kilometern das industrielle Erbe des Reviers.

Bei der Ruhr Tourismus GmbH gibt es alle Infos über das Ruhrgebiet unter der Hotline: 01805 18 16 20 (0,14 €/ Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 0,42€/ Min. aus dem Mobilfunk)

Komm zur Ruhr

Der Duisburger Innenhafen, nicht mit dem Binnenhafen zu verwechseln, ist ein weiteres Paradestück des Strukturwandels. Architekt Lord Norman Foster legte die Basis für das heutige Quartier.

Ein attraktives Ausgehviertel, auf dem sich Galerien und Museen befinden, allen voran die alte, spannend umgebaute Küppersmühle, heute das Museum für Moderne Kunst. Aber auch Büros, das Legoland Center mit riesiger Giraffe und eine Marina.

In der Faktorei 21, einem ehemaligen Speicher im lebendigen Innenhafen, lässt sich auf der Terrasse am Wasser vielleicht bei einem süffigen Grubengold-Bier darüber sinnieren, dass früher doch nicht alles besser war.

Jedenfalls nicht die Luft im Pott. Die ist mittlerweile viel sauberer geworden. Das ehemals landüberziehende Kohlenschwarz ist einem überraschend üppigen Grün gewichen, das Tieren und Pflanzen ein wichtiges Biotop ist.

Entlang Emscher und Ruhr, den früheren Industriekloaken, die sich langsam erholen, gibt es Rad- und Wanderwege. Auf dem Ruhrtalweg lassen sich von Duisburg bis ins Sauerland 13 Highlights der Region abradeln.

Die Stadt Ennepetal im Süden der Region ist sogar Asthma- und Naturheilstätte und zählt inzwischen zu den offiziell ernannten Kurorten.

„Überall Grün hier!“ Oft vernommener Ausruf vom überraschten Besucher auf den landschaftsbestimmenden Hügeln und Halden, die vom Bergbau übrig geblieben sind und hier und da aus der flachen Landschaft ragen. Jedes dieser Wahrzeichen ist irgendwie anders und auf seine Art sehens- und besteigenswert, Autos sind verboten.

Die Halde der Zeche Prosper in Bottrop wird von einer Stahlpyramide gekrönt, dem Tetraeder, einem 70 Meter hohen Aussichtsturm. Der Aufstieg ist nicht ohne. Bereits auf der ersten Plattform wird nach dem Blick durch das Stahlgeflecht der Treppe klar, was noch auf einen zukommt. Aber der Ausblick von insgesamt 120 Metern ist atemberaubend.

Die Halde Haniel, mit 159 Metern eine der höchsten, hat nicht nur ein Amphitheater, die Bergarena, sie ist auch amtlicher Wallfahrtsort. Ihr Bergkreuz wurde 1987 von Papst Johannes Paul II. gesegnet.

Ein touristisches Muss ist der Besuch des Gasometers in Oberhausen. Der ehemalige Gasspeicher wirkt mit über 100 Metern Höhe bereits von außen mächtig. Der Innenraum ist von beeindruckender Dimension, schön und einschüchternd zugleich. Der Knüller ist die Fahrt mit dem gläsernen Lift auf das Dach der überdimensionalen Dose, wo einem dann das grüne Revier zu Füßen liegt.
Wieder unten angelangt wird beim Spaziergang am nahen Rhein-Herne-Kanal klar, dass das Ruhrgebiet natürlich nie nur Stahl und Kohle war.

In unmittelbarer Nähe liegt das Schloss Oberhausen. Das kleine, aber feine rosafarbene Schloss wurde nach dem Krieg wieder im klassizistischen Stil aufgebaut und beherbergt die Ludwiggalerie. Die aktuelle Ausstellung „Zwischen Kappes und Zypressen“ zeigt Gartenkunst im Ruhrgebiet vom Rokoko bis hin zum Projekt der geeinten grünen Metropole Ruhr mit Parks, Gärten und begrünter Industriebrache. Wozu also weit fahren, wenn hier die Zypressen stehen?

Wie sang Herbert Grönemeyer auf der Eröffnungsfeier zum Kulturhauptstadtjahr auf Zeche Zollverein: „Komm zur Ruhr!

Bei der Ruhr Tourismus GmbH gibt es alle Infos über das Ruhrgebiet unter der Hotline: 01805 18 16 20 (0,14 €/ Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 0,42€/ Min. aus dem Mobilfunk)

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (01.04.2015)