Helgoland - eine Insel für sich

Wer einen Sinn für Natur hat und fernab von allem einmal richtig abschalten möchte, findet keinen besseren Ort als Helgoland im Winter. Sehnsucht Deutschland-Redakteurin Jana Gerlach war reif für die Insel

Blick vom Oberland auf die Düne; Foto: Lilo Tadday


Meerblick bis zum Horizont

Eine Kegelrobbe mit Baby; Foto: Helgoländer Hochseewinter

Anfangs bin ich skeptisch, eine Insel so weit ab von allem, so klein, dass man sie in ein paar Stunden umwandert hat, muss doch ein Gefühl von Beklemmung und Abgeschiedenheit verursachen.
Als sich die Fähre der Insel und ihrer Düne, die wie ein Beiboot neben ihr liegt, nähert, weiß ich aber: nein, beklemmend ist hier nichts. Der Tag ist diesig und mild, und an Land fällt mir als erstes die Luft auf, die wirklich so klar und rein ist, wie Helgoland es Luftkurgästen verspricht. Ich atme lang und tief, als wäre ich durstig. Ich steige die Treppen zum Oberland hinauf, das etwa die Hälfte der Insel ausmacht. Erst einmal einen Überblick verschaffen, von oben.

Der Rundweg auf den Klippen ist atemberaubend, die Lange Anna leuchtet rot, die Dünen sind lieblich, kaum ein Mensch ist unterwegs. Auf der mit 61 Metern höchsten Erhebung, dem Pinneberg, kann ich einmal im Kreis um mich blicken, sehe Oberland, Unterland, die Düne und dahinter nichts, außer der Weite des Meeres. So weit weg war ich in Deutschland noch nie.

Durchgepustet und mit dem friedvollen Gefühl der See freue ich mich auf mein Bett im Hotel Rickmers Insulaner, einem gehobenen und gemütlichen Haus in Hafennähe, in dem ich mich gleich wohlfühle.
Im Hotel-Restaurant probiere ich abends die berühmten Helgoländer Knieper. „Knieper“ heißt nichts weiter als „Kneifer“ und bezeichnet die Scheren des Taschenkrebses, dessen Panzer immerhin bis zu 30 Zentimeter groß werden kann. Die Knieper sind dementsprechend üppig und schmecken köstlich, sobald ich raus habe, wie ich mit der Kniepergabel an das feine Krebsfleisch komme. Dazu gibt es drei Saucen in den Farben Helgolands: Rot, Grün und Weiß.

Nach einer Nacht tiefen Schlafes bin ich am nächsten Morgen mit einem Schlag hellwach: Die Sonne scheint und die ganze Insel erscheint in einem völlig neuen Licht. Bereits nach einem Tag habe ich verstanden: Helgoland heißt, seine Wahrnehmung für die Natur zu schärfen. Und die gibt es reichlich: Robben, Seehunde, Vögel aller Herren Länder, Pflanzen in großer Vielfalt, oft einzigartig. Und auch die „tote“ Natur, mit ihren unzähligen Fossilien und den beeindruckenden Steinformationen, machen die Insel zu einem Unikum.

Seehunde und Kegelrobben liegen bereits dick und breit am Strand der Düne, als ich mit der kleinen Fähre übersetze. Rolf Blädel, der Seehundjäger der Insel, führt mich zu ihnen. Im Naturschutzgebiet Helgoländer Felssockel gelegen, können Besucher auf der Düne den Tieren so nahe kommen wie an keinem anderen Ort in Deutschland. Die massigen Kegelrobben, immerhin die größten freilebenden Raubtiere des Landes, sind agil, sie balgen, brüllen sich an und robben ihre 300 Kilogramm erstaunlich flott über den Sand.

Baby-Robben auf der Düne beobachten

Dezember und Januar sind die Monate, in denen die Weibchen ihre Jungen gebären, ich halte Ausschau nach den Robbenbabys, die in ihrem weißen Embryonalhaar wie knopfäugige Kuscheltiere aussehen. Doch ich komme ein paar Wochen zu früh, Herr Blädel zeigt mir zwar viele trächtige Kühe, aber Nachwuchs kann ich nicht entdecken. „Das werden achtzig Stück dieses Jahr“ prophezeit er.
Ein gutes Jahr, wenn es wahr wird, im letzten schätzte er siebzig und behielt recht. Die Populationen sind wieder stabil, wachsen sogar, denn die Tiere werden nicht mehr bejagt. Nur wenn die Jungtiere aus dem letzten Winter nicht genug gefressen haben und kaum Abwehrkräfte aufbauen konnten, werden sie leicht von Lungenwürmern befallen. Bevor sie elend sterben, erlöst der Seehundjäger sie dann, daher sein Name. In den Wintermonaten ist seine Arbeit aber meist erfreulich: Zusammen mit anderen Naturschutzführern bringt er beim „Robbenbaby-Watching“, das Helgoland Touristik anbietet, Besucher fachkundig zu den frisch geboren Jungtieren.

Zurück auf der Hauptinsel komme ich bei der Hummerbude 35 vorbei, dem Sitz des Vereins Jordsand, der sich um den Seevogelschutz an deutschen Küsten kümmert und jeden Tag die Orni-Meldungen - eine Liste mit den aktuell gesichteten Vögeln - aushängt. Die Insel ist ein Paradies für Ornithologen, die sich hier - wie die Vögel - aus aller Welt versammeln. Ich spüre noch die Nachbeben der Sensation der letzten Tage: Ein Steinortolan hatte sich aus Vorder-Asien nach Helgoland verirrt und sämtliche Forscher in Entzücken versetzt. Ich lasse mich anstecken und bin froh, meinen Vogelführer eingesteckt zu haben. Rotdrossel, Strandläufer und Wintergoldhähnchen kann ich am Wasser, vor den Klippen oder im Unterholz ausmachen.

Zugvögel auf ihrem Weg in alle Himmelsrichtungen peilen Helgoland als Zwischenstopp auf ihrer oft über ganze Kontinente führenden Flugroute an. Wenn ich mir vorstelle, dass der kleine Steinortolan gerade 4.000 Kilometer zurückgelegt hat, kommt mir meine Welt plötzlich ganz klein vor. „Wer auf Helgoland leben möchte, muss sich einlassen.“ So beschreibt Lilo Tadday die Insel und greift meine Gedanken auf. Die Fotografin mit Ausstellungsräumen in der Hummerbude 36 ist vor über 30 Jahren der Liebe wegen auf die Insel gezogen und lebt und arbeitet hier in ihrem großen „Fundus“, wie sie ihre Wahl-Heimat nennt. „Gerade im Winter, in Zeiten der Stürme, bestimmt die Natur, was geht und was nicht. Wenn man hier mal 3 Tage nicht wegkommt, dann ist das eben so.“

Tatsächlich geht kein Flugzeug oder Schiff vom Festland zur Insel, wenn mehr als 10 Windstärken herrschen. Aber gerade das macht den Reiz der Insellage aus, denn wenn bei Sturm ein dringender Anruf kommt, man solle sofort im Büro erscheinen - es geht schlicht und einfach nicht! Diese Abgeschiedenheit ist zum Einen vielleicht ein Nachteil – sie kann aber auch ein Vorteil sein.
Zum Beispiel für Menschen, die darunter leiden, dass sie nicht abschalten können: Workaholics, die arbeiten, bis sie irgendwann umfallen. Für diese Dauergestressten bietet das Rickmers Insulaner unter dem Stichwort „Mental Wellness“ Seminare an, in denen sie lernen, wieder auf sich zu hören.

Ein Fels voller Tunnel

Für alle, die längere Zeit auf der Insel bleiben, kommt die ,geistige Gesundheit‘ meist von ganz allein. Zumindest treffe ich viele Inselbewohner, die sich hier ein entspannendes Hobby gesucht haben.
So auch Hans Stühmer, ein Urgestein mit Urgestein, ein paar Buden neben Fotografin Tadday. Ihm haben es die Steine und Fossilien angetan, die mit der langen Erdgeschichte der Felserhebung zu tun haben: Belemniten (auch als Donnerkeil bekannt), Ammoniten, roter Flint (Feuerstein) und Bernstein sind seine Sammelleidenschaft. Der ehemalige Leiter des Schiff-fahrtsamtes und gelernte Taucher ist eher durch Zufall zu den versteinerten, zum Teil 400 Millionen Jahre alten Tieren und Pflanzen gekommen – und sie haben ihn nicht mehr losgelassen. Bei Tauchgängen hat Stühmer Dutzende bedeutende Ammonitenfunde gemacht, von denen sich einige nach wissenschaftlicher Untersuchung als völlig unbekannte Arten herausstellten. Einige Fossilien, wie Cephalosporium stuehmeri, wurden nach ihm benannt und sind im Helgoländer Museum zu betrachten.

Zum Insel-Museum gehört auch ein unterirdischer Bunker, der mit der bedeutenden und bewegten Geschichte Helgolands zusammenhängt. Als einzige Hochseeinsel, weit draußen in der Deutschen Bucht gelegen, war sie vor allem militärisch von großer Bedeutung. Nach langer Zugehörigkeit zu Dänemark und England ging das kleine Stück Land 1890 an das Deutsche Reich über und erlangte Bedeutung als mondänstes Seebad des Kaiserreiches. Der Glanz ging mit den Weltkriegen unter, Helgoland wurde zum strategisch wichtigen Stützpunkt und gipfelte im Projekt Hummerschere: Die Nazis begannen einen Festungshafen zu bauen, zehn Mal größer als heute, in welchem die gesamte deutsche Flotte Platz finden sollte.

Nach Kriegsende versuchten die Briten die militärischen Anlagen und damit eigentlich die gesamte Insel zu sprengen. Beim Big Bang 1947 explodierten 6700 Tonnen Sprengmaterial und erzeugten die größte nichtnukleare Detonation, die die Welt bis heute gesehen hat. Die dramatische Geschichte Helgolands lässt sich am besten im noch bestehenden Tunnel der ehemals 13,8 km langen Bunkeranlagen verstehen. Drei Mal die Woche finden hier ergreifende Führungen zur Historie des Eilandes statt, die eine Ahnung vermitteln, wie gebeutelt dieser kleine Ort einmal war.

Bewegt und entspannt verlasse ich Helgoland nach drei Tagen. Anders als gedacht, hilft die räumliche Begrenzung der kleinen Insel, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Fernab von Reizüberflutung und Dauer-Bespaßung nimmt sich der Besucher ein Beispiel an der Gelassenheit der Insulaner und findet hier wirklich zu sich selbst.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (15.11.2012)