Stuttgart - Hauptstadt im schwäbischen Weinland

Auf der Württembergischen Weinstraße durch Stuttgart: Das Weinland Württemberg umfasst rund 9.000 Hektar Rebfläche und erstreckt sich zwischen der Schwäbischen Alb im Süden und dem Taubertal im Norden. Von Adrienne Friedländer

Ungewohnte Großstadt: Weinberg in Stuttgart; Foto: Stuttgart-Marketing GmbH


Stuttgart - Weinberge mitten in der Stadt

Gaumenschmaus: Stuttgarter Weindorf; Foto: Pro Stuttgart Verkehrsverein

Es riecht nach Wein, Hefe und Schwefel. Irgendwo klingelt ein Telefon. Ohne das Fließband aus den Augen zu lassen, fischt Christel Currle (39) den Telefonapparat aus einer Kiste leerer Flaschen. Wenn Sie am Freitagnachmittag kommen, ist es ruhig, hatte die Winzerin versprochen.

Doch davon ist nicht viel zu merken. Sechstausend Liter Wein sollen heute abgefüllt werden und seit sechs Uhr in der Früh stehen Christel Currle, Mutter Heiderose und Mitarbeiter Carlos Reyes am Fließband.

In Stuttgart werden nicht nur schöne Autos gebaut, sondern auch hervorragende Weine produziert. Die Lage der Stadt im Talkessel am Neckar bietet mit viel Wärme und Sonne ein perfektes Klima für den Weinanbau. So gehört Stuttgart nicht nur zu den größten Weinbaugebieten Deutschlands, sondern ist auch die einzige Großstadt mit einem städtischen Weingut. Umrahmt von Hügeln, Wäldern und Reben besticht die Schwabenmetropole durch ihren Kontrast zwischen Großstadt und Weinbergidylle.

Auf individuellen oder geführten Weinwanderung und Weinbau-Rundfahrten kann man entlang des Neckars die Weinstadt entdecken. Und überall auf dem Weg – ob auf exklusiven Degustationen, in urigen Gasthäusern oder einfachen Besenwirtschaften – gibt es am Wegesrand zum regionalen Wein auch immer „äbbes Schwäbisch’s“ (etwas Schwäbisches) zum Viertele.

Das ganze Jahr über bietet die Landeshauptstadt Veranstaltungen rund um die Rebe. Höhepunkt ist das jährlich Ende August stattfindende traditionelle Stuttgarter Weindorf – Die „Botschaft der schwäbischen Lebensart“, wie die Stuttgarter sagen. Vorbei an der Grabkapelle des Königs von Württemberg, durch Hügel, Wälder und Weinberge schlängelt sich die Württembergische Weinstraße vom Stuttgarter Zentrum bis nach Uhlbach. Hier liegt das Weingut von Christel Currle, der einzigen Frau im Stadtgebiet mit eigenem Weingut!

Besen sind in Stuttgart nicht zum Fegen

Weinanbau hat eine lange Tradition in der Familie. Schon Großvater Currle hat auf den Bergen in Uhlbach Wein angebaut. Er gründete damals die örtliche Genossenschaft und belieferte diese bis 1974 mit seinem Wein.

Eine Generation später wollte Sohn Fritz dann lieber selber herausfinden, was aus seinen Trauben wird und eröffnete sein eigenes Weingut. „ Eigentlich war ich mir als als kleines Mädchen immer ganz sicher, einmal Floristin zu werden“, erzählt Christel Currle „Aber dann kam alles ganz anders, oder wie wir Schwaben sagen: „Mr ko koin Furz uff a Brettle nagla – Manche Dinge lassen sich eben einfach nicht erzwingen.“

Bis heute erfährt der Besucher hier alles über Weinkultur und die Weinbautradition der Stadt. Über dem einfachen Holztresen im Keller der Currles hängt ein großes Schild: „Dohannahocketdiawoällaweildahannahocket“. Übersetzung für Nicht-Schwaben: Hier hocken die, die hier immer hocken.

Zweimal im Jahr, im Oktober während der Weinernte und im März öffnet die Familie Currle, wie viele andere Winzer in der Region für einige Wochen ihre Besenwirtschaft. Die Tradition der Besenwirtschaften reicht zurück bis ins Jahr 791. Karl der Große förderte nicht nur den Weinbau, sondern sorgte sich auch um die Finanzen seiner Bürger. So durften die Bauern in den Besenwirtschaften auch ohne Schankkonzession Wein ausschenken. Noch bis vor einigen Jahren geschah dieses in den Wohnräumen der Bauern. Die Besenwirte räumten einfach die gute Stube und bewirteten dort ihre Gäste mit hauseigenem Wein.

Aber auch heute sitzt man im Besa, wie die Besenwirtschaften auch genannt werden, oft noch unter alten Familienbildern, in einer umgebauten Scheune oder im Keller des Hofes. „Besenwirtschaft zum Dreimädelhaus“ benannte Heiderose Currle die Besenwirtschaft der Familie Currle nach ihren Töchtern. Hier serviert sie Freunden, Ausflüglern und eben „denen, die hier immer hocken“ zu Tochter Christels Weinen deftige Hausmannskost, wie selbstgemachte Maultaschen, schwäbischen Wurstsalat und Schlachtplatten.

Flüssige Poesie aus Schwaben

Eleganter gespeist wird im Haus Belvedere hoch oben auf dem Kriegsberg, wo bereits seit dem 13. Jahrhundert Wein angebaut wird. Die Weinberge mitten im Zentrum sind ein Stück Stuttgarter Kultur und gehören in das Stadtbild. So stehen die Reben des Kriegsberges am Hauptbahnhof auch unter Naturschutz.

Seit 1952 baut die Industrie und Handelskammer jährlich 3.000 bis 8.000 Liter der beliebten Trollinger und Riesling Weine an. In den Genuss der Handelskammer-Traube kommen außer hohem Staatsbesuch allerdings nur die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der IHK. Weit schweift der Blick vom Kriegsberg über den gesamten Talkessel, den ersten Stahlbeton-Fernsehturm der Welt, die Mercedes Benz Arena und den Bahnhof bis nach Bad Cannstatt, dem ältesten Bezirk der Landeshauptstadt und Sitz des städtischen Weingutes.

Hier in Canstatt und auf den historischen Innenstadtweinbergen werden die Trauben, Stuttgarter Mönchhalde, Canstatter Zuckerle und Canstatter Halde angebaut, keine leichte Aufgabe auf den oft steilen Mauerterrassen der Stadtberge.

Neben der Weinverkostung bietet das städtische Weingut seinen Gästen Genuss für alle Sinne. So etwa, wenn der Travertinkeller, der Gewölbekeller des Weingutes, sich während der „Krimiwoche im Weingut“ vom Verkaufs- und Lagerraum in eine stimmungsvolle Theaterkulisse verwandelt.
Wein ist Leidenschaft, flüssige Poesie und Individualität, sagte die Württembergische Weinkönigin einmal in ihrer Begrüßungsrede zur Eröffnung des Stuttgarter Weindorfes. Viel Zeit, um über „flüssige Poesie“ nachzudenken, bleibt Christel Currle im Laufe ihres zwölf Stunden Arbeitstages nicht. Denkt Sie noch manchmal an ihren Floristen-Traum? Lachend winkt sie ab „Heute gelingt es mir ja nicht einmal mehr aus drei Tulpen einen Strauß zu binden.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (24.08.2016)