Weimar - Weltnest in Thüringen

Weimar erfreut sich steigender Besucherzahlen. Über 600.000 Übernachtungen gab es jeweils in den vergangenen Jahren. Zählt man die Tagesgäste mit, dann ist die Stadt an der Ilm schon "Besucher-Millionär".

Der Weimarer Marktplatz; Foto: Weimar GmbH/Maik Schuck


Wo ist Schiller?

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek; Foto: TTG/Maik Schuck

Im Schatten unter den Linden der Schillerstraße mischt sich der Duft von Thüringer Bratwurst in die Töne eines Vivaldi-Concerto, vorgetragen von der Bläserkapelle „Neva Brass“ aus St. Petersburg. Kleine Gruppen von Touristen schlendern mit ihren jeweiligen Stadtführern vorbei. Man hört Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch, sieht viele Asiaten und Afrikaner.

20 Gehminuten weiter voraus pilgern Besucher zum Historischen Friedhof, um in der Fürstengruft ehrfürchtig die beiden Särge mit den Aufschriften Goethe und Schiller zu betrachten. Doch seit kurzem weiß man: Nicht immer ist Schiller drin, wo Schiller draufsteht. Die abgeschlossene, genetische Untersuchung des Schädels, der bis dahin als derjenige des 1805 verstorbenen Dichters verehrt wurde, gehört einem Unbekannten. Dessen Gebeine ruhen seitdem im Museum für Frühgeschichte unweit des viel besuchten Gottesackers.

Schillers Sarg ist nun also leer. Doch das "Weltnest" Weimar, auf Empfehlung des Europäischen Rats vor fast zehn Jahren zur „Kulturhauptstadt Europas 1999“ ernannt und seit dem Jahr 2000 mit zahlreichen seiner historischen Stätten auf der UNESCO-Welterbeliste vertreten, wird nicht darunter leiden.

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Fotos: Weimar GmbH/Maik Schuck

Weimar - eine Stadt im Wandel

Viel hat sich getan in den letzten Jahren: In der Altstadt wurden zahllose Häuser restauriert oder rundum erneuert. Vieles, was noch wenige Monate vor Kriegsende im Bombenhagel ausbrannte oder zu DDR-Zeiten vom Verfall bedroht war, erhielt einen neuen Kern. Und die Fassaden erstrahlen, weitgehend historisch getreu, in neuem Glanz. Zur Schillerstraße, lange die einzige Fußgängerzone, kamen weitere hinzu, andere Straßen wurden autofrei oder verkehrsberuhigt. In einigen sind die Pferdehufe der Rundfahrtkutschen das lauteste Geräusch.

Alles von kultureller und kunstgeschichtlicher Bedeutung lässt sich bequem zu Fuß erwandern und erforschen. Ganz obenan steht seit der Wiedereröffnung nach dem katastrophalen Brand vom September 2004 die „Anna Amalia“-Bibliothek mit ihrem Rokokosaal. Viele Weimarer standen in jener Nacht weinend vor dem Gebäude, in dem 50.000 Bände vernichtet und noch mehr beschädigt wurden. Täglich werden nur 250 Besucher eingelassen, eine Vorbestellung und pünktliches Erscheinen sind dringend zu empfehlen.

Ansonsten aber geht es in der Stadt trotz der vielen Besucher aus aller Welt gemächlich zu, wenn nicht gerade der traditionelle Zwiebelmarkt (immer am zweiten Oktoberwochenende) oder der Weihnachtsmarkt stattfinden. Wer sich in einem der Sessel vor dem Restaurant „Zum schwarzen Bären“ (Ersterwähnung 1540) direkt am Markt ein wenig ausruhen
will, hört an den Nachbartischen nicht selten illustre Namen klingen: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Grillparzer oder auch Tolstoi und Turgenjew. Aber auch Bach, Mendelssohn-Bartholdy, Liszt und Wagner. Ja, sie waren alle hier, entweder als Residenten oder als Besucher.

Und so begegnen einem auch beim Rundgang durch die Altstadt auf Schritt und Tritt die Großen der Klassik – aber auch die Bahnbrecher der Moderne: Der Belgier Henry van de Velde schuf die Großherzogliche Kunstgewerbeschule, Walter Gropius, den Amerikaner gerne als Vater ihrer Wolkenkratzerarchitektur sehen, gründete 1919 das Staatliche Bauhaus, die berühmte Gestaltungs-Hochschule. Er holte avantgardistische Maler wie Gerhard Marcks und Oskar Schlemmer nach Weimar und auch Paul Klee, Lyonel Feininger und Wassily Kandinsky. Die Liste prominenter Literaten und bildender Künstler, die nicht nur hier, sondern in Deutschland und der Welt ihre Spuren hinterließen, ist endlos …

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Fotos: Weimar GmbH/Maik Schuck
Text: Cord C. Troebst

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (07.04.2013)