Scheuermanns Weinkanon / Teil 7 - Fürsts Frühburgunder Centgrafenberg R/Franken

Mit dieser Serie unternimmt der Hamburger Weinautor Mario Scheuermann den Versuch aus der Trinkerfahrung beinahe eines halben Jahrhunderts seinen persönlichen Deutschen Weinkanon aufzustellen. Teil 7 – Fürsts Frühburgunder Centgrafenberg R aus Franken

Paul, Monika & Sebastian Fürst; Foto: Weingut Rudolf Fürst


Frühburgunder Centgrafenberg R von Fürst; Foto: Luise von Marxen

Die siebte Folge meiner Serie der deutschen Weinklassiker ist einer eher seltenen, der breiten Öffentlichkeit weniger bekannten Sorte gewidmet, dem Frühburgunder. Ein besonders schöner Vertreter dieser raren Traube kommt vom Weingut Rudolf Fürst aus Bürgstadt am Main im westlichen Franken, aber dazu später. Der Frühburgunder ist etwas für Kenner, weil er rar und deshalb meist auch nicht eben billig ist.

Viele Weinfreunde halten diesen Rotwein für eine „kleine“ Variante des Pinot Noir oder Spätburgunders. Von dem stammt er tatsächlich als natürliche Mutation ab, ist aber eine Sorte mit eigenständigem Charakter. Sein Name rührt daher, dass seine Beeren sich ein bis zwei Wochen früher als die des Spätburgunders zu färben beginnen.

Wann genau sich die beiden Sorten auseinanderentwickelt haben, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Sicher ist nur, dass es schon im 19. Jahrhundert Frühburgunder in Franken gab und dass die Sorte wegen ihrer Qualität geschätzt wurde. Dies belegt ein Briefdokument aus dem Jahr 1875 in Frickenhausen am Main. Aber angesichts der genetischen Vielfalt muss es die Traube auch anderswo gegeben haben, zum Beispiel in der Gegend von Ingelheim im Rheinhessischen und in Württemberg, wo sie auch Clevner heißt.


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Mit der Zeit allerdings geriet die Sorte in Vergessenheit. In den 1960er-Jahren war sie fast völlig verschwunden, mit nur noch 15 Hektar bundesweit gar vom Aussterben bedroht. Dass es nicht so weit kam, ist vor allem dem Weingut Julius Wasem in Ingelheim zu verdanken, wo man schützend die Hände über die rare Traube legte und sie dadurch erhielt. In den Siebzigerjahren erkannte man auch an der Forschungsanstalt Geisenheim das große Potenzial der Sorte und begann, mit systematischer Klonenselektion die Trauben zu mehren.

Zu dieser Zeit erwachte auch das Interesse des jungen Paul Fürst, der damals in Geisenheim studierte, an der Sorte. 1974 pflanzte er seinen ersten Frühburgunder in Bürgstadt auf einem Weinberg, der heute fast 40 Jahre alt ist. Einen anderen Weinberg mit alter Genetik übernahm er vom Gasthaus Stern, veredelte die Reiser (Zweige) und legte ihn 1985 neu an. Aus diesen insgesamt nur 2 Hektar, also zwei Fußballfelder großen Anlagen stammt heute das Lesegut für seinen Centgrafenberg R. Die Böden dort sind heiß und karg, steinig und trocken. Entsprechend gering ist der Ertrag dieser kleinbeerigen Sorte: 15 bis 30 Hektoliter pro Hektar (1 Hektoliter = 100 Liter).

Dieser Frühburgunder gehört für mich in die Kategorie der Weine, die man mindestens ein Mal im Leben getrunken haben muss. Warum, mag diese kleine Episode erklären: Es war vor einigen Jahren bei einer der sogenannten Schlüsselrunden im Sterne-Restaurant Landhaus Scherrer, wo sich passionierte Weinfreunde unter den Stammgästen zu einer Weinprobe trafen.

In einer verdeckten Probe stand eine Serie von hochkarätigen Burgundern wie der 1er Cru Gevrey Chambertin 2000 von Dugat-Py im Glas bereit, aber auch ein sogenannter „Pirat“, unbekannt und verwegen. Die kundige Gesellschaft fand schnell heraus, welcher der Weine kein Burgunder war, war sich aber auch einig, dass es sich dabei eindeutig um den besten Wein handelte: rot, sinnlich, tief und ausdrucksvoll, aber eben kein französischer Pinot Noir. Es war der Frühburgunder „R“ des Jahrgangs 2003 von Paul Fürst. Solche Momente adeln einen Wein vom Piraten zum Champion.

Erstmals gemacht wurde der Wein in dieser Art im Jahr 1997 und er war damals einer der ersten deutschen Rotweine, die die Schallmauer von 100 Mark für eine Flasche durchbrachen. Der aktuelle Jahrgang 2010, es gibt kaum mehr als 1.500 Flaschen, kostet 57 Euro und ist damit einer der teuersten Rotweine aus Deutschland.

Er präsentiert sich in einem Rubinrot von mittlerer Tiefe, leuchtend und brillant. Das Bukett verströmt einen sinnlichen Duft von reifen roten Beeren, fein gerahmt von delikat-würzigen Eichennoten vom Ausbau in neuen burgundischen Pièces (Fässern). Schon in der Nase verspricht der Wein Eleganz. Am Gaumen ist er fleischig, leicht dickflüssig und cremig. Er zeigt eine wunderbare fruchtige Süße, feine Kräuteraromen und eine leichte Bitterschokoladennote. Man kann ihn durchaus in diesem jungen Stadium genießen. Wenn Sie sich allerdings zurückhalten können, ihm vier, fünf Jahre der Reife gewähren, wird der Frühburgunder vom Centgrafenberg es Ihnen danken. Und Sie selbst sich auch.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (10.10.2017)