Rendezvous mit Karl in Aachen

Öcher, Printen und das Fischpüddelchen gehören zu Aachen wie Karl der Große, der Dom und der Hofschatz. Uta Buhr war für SEHNSUCHT DEUTSCHLAND auf Städte Tour.

Wahrzeichen: Der Aachener Dom; Foto: Deutsche Zentrale für Tourismus e.V./Rainer Kiedrowski


Aachen, die Stadt der Brunnen

Die Rotunde des Elisenbrunnens; Foto: Deutsche Zentrale für Tourismus e.V./Sabine Schmidt

Wo bitte geht es hier zum Elisenbrunnen? Aachen ist so reich an Brunnen, dass sich der Besucher etwas hilflos auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz umsieht, an dessen Stirnseite ein strahlend weißes klassizistisches Gebäude ins Auge fällt. Doch eine katholische Ordensfrau, die gerade des Weges kommt, deutet lächelnd ins Innere des Tempels und sagt, wir würden gleich schon merken, um welche Art von Wasser es sich hier handelt.

Und in der Tat, aus vergoldeten Löwenköpfen tropft schwefelhaltiges Heilwasser. Ein Geruch nach verfaulten Eiern wabert unter der hohen Kuppel. Eingravierte Namen an den Säulen belegen, wie angesagt eine Kur in den schwefelhaltigen Kochsalzquellen bereits in früheren Jahrhunderten war. Aus allen Teilen Europas strömten gekrönte Häupter nach Aachen, um hier Heilung von mancherlei Gebrechen zu suchen. Zu den Kurgästen zählten auch so illustre Persönlichkeiten wie Friedrich der Große von Preußen, Zar Peter der Große sowie König Pippin, der Vater Karls des Großen.
Und natürlich waren die Römer auch schon hier.

Nach ihren Eroberungszügen erholten sie sich in den warmen, heilenden Fluten. „Die wenigsten Touristen wissen, dass die korrekte Bezeichnung für Aachen Bad Aachen ist!“ Nathalie Rath, temperamentvolle Stadtführerin und bekennende Öcher – eine echte Aachenerin also –, legt Wert auf diesen gar nicht so kleinen Unterschied. Denn das bereits in der Antike hochgeschätzte Heilwasser spielt auch heute noch eine Rolle. Wenn auch die gepflegten Kuranlagen seit geraumer Zeit außerhalb des Stadtkerns angesiedelt sind.

Die Öcher – sprich: Öscher – sind traditionsbewusst, wie es sich halt gehört für Bürger eines schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert gegründeten Gemeinwesens. Hier tummelten sich schon Steinzeitmenschen, Kelten und Römer, bis Karl der Große 768 die Stadt zum Mittelpunkt seines Fränkischen Reichs erhob.

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Fotos: Deutsche Zentrale für Tourismus e.V./Rainer Kiedrowski (1), Sabine Schmidt(1)

Wo das Geld im Kreise läuft

Gerade entsteht im Elisengarten die Archäologische Vitrine, die dem Publikum die Frühgeschichte Aachens unter einem gläsernen Dach nahebringen soll. Im Erdreich wurden sogar Reste eines steinzeitlichen Schlagplatzes, das heißt ein Areal mit Resten von Werkzeugen zur Bearbeitung von Materialien, aus der Epoche um das Jahr 3000 vor Christus freigelegt.

In der Altstadt brummt es bis in die späten Abendstunden wie in einem Bienenstock. Babylonisches Stimmengewirr überall. Vorherrschend sind die gutturalen Laute der Belgier und Niederländer aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die für ein paar Stunden zum Einkaufen und Schauen herübergekommen sind. Aber auch Franzosen, Italiener, Engländer, Amerikaner, Japaner und Chinesen interessieren sich für die reiche Geschichte der alten deutschen Kaiserstadt.

„Wir sind international und unsere Sprache ist es auch“, lacht Nathalie Rath. „Es gibt eine Vielzahl flämischer Vokabeln in unserem Dialekt und auch die Besatzung durch die Truppen Napoleons hat ihre Spuren hinterlassen. Wir spazieren beispielsweise auf einem Trottoir und spannen bei Regen einen Parapluie auf.“

Wer den historischen Stadtkern durchstreift, der neben schönen alten Häusern manche kulinarische Verlockung bereithält, verspürt Lust, die Nacht zum Tage zu machen und das schier unerschöpfliche Angebot uriger, holzgetäfelter Kneipen, Gaststätten und Restaurants ausgiebig zu testen. In dem Gewirr enger, holperiger, zum Teil abschüssiger Gassen, auf Straßen und Plätzen mit ihren Kirchen und palastartigen Gebäuden findet der Tourist sich leicht zurecht.

Althergebrachtes vermischt sich auf das Reizvollste mit Zeitgenössischem. Als topaktuell prägt sich der mit dem Namen „Kreislauf des Geldes“ belegte Brunnen dem Besucher ein. Die auf dem Brunnenrand agierenden Figuren stellen die stets mit Geld einhergehenden Attribute Geiz, Gier, Gönnerhaftigkeit, krumme Geschäft e und Bettelei dar. Am lieblichsten aber sprudelt es am unteren Teil der Krämerstraße.

Der von beweglichen Figuren umringte Puppenbrunnen, der die Stadtgeschichte erzählt, begeistert jeden Besucher. Hier klicken zu manchen Zeiten die Kameras im Sekundentakt. Neben der in Bronze gegossenen Aachener Marktfrau zieht der hoch auf einer Stange schwebende, leicht zerzauste gallische Hahn die Blicke auf sich. Stellt er vielleicht die späte Rache der stolzen Öcher dar für all das, was die Franzosen der Stadt einst antaten?

Denn die ließen so ziemlich alles mitgehen, was von Wert war. Selbst vor den antiken Säulen aus einem Kaiserpalast im Imperium Romanum, die einst Karl der Große als Geschenk erhalten hatte, machten sie nicht Halt. Die Säulen befinden sich heute aber – gottlob – wieder an ihrem angestammten Platz im Dom!

Endlich nähern wir uns dem großen Karl, der im Mittelalter unter dem römischen Namen Carolus Magnus weit über die Landesgrenzen hinaus verehrt wurde. In erhabener Pose thront seine Statue im Habit eines Renaissanceherrschers mit mächtiger Reichskrone auf dem Haupt über dem monumentalen Karlsbrunnen in der Mitte des Marktplatzes. Eäzekomp – Erbsensuppenschüssel – nennen die Öcher den Brunnen in liebevoller Respektlosigkeit.

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Wie der Karl noch größer wird

1,80 Meter misst der Kaiser, wenn man einmal die Krone abrechnet, erklärt eine Reiseleiterin gerade ihrer aufmerksam lauschenden Gruppe. „Lebensecht“, fügt sie hinzu. „Denn Karl war für seine Zeit sehr stattlich.“ Als im Halbdunkel des prächtigen Aachener Doms ein Domführer den Besuchern aus Hamburg vor dem mit Silber und Gold beschlagenen Karlsschrein erklärt, die Vermessung der Knochen im Schrein habe gar ein Gardemaß von 1,95 Metern ergeben, entfährt es einer gestandenen Dame: „Mein Gott, Karl wird ja immer größer. Wie ist das nur möglich?!“

Aber der junge Mann lässt sich nicht aus dem Konzept bringen: „Meine Dame, was bedeuten diese körperlichen Maße schon angesichts der wahren Größe dieses Kaisers, der bereits im 8. Jahrhundert die Grundlagen für ein christliches Abendland und ein modernes Europa schuf“, sagt er, während er seine Gruppe auf die Empore zum Thron Karls führt. Wer einen mit Gold und Edelsteinen geschmückten Herrschersitz erwartet, wird arg enttäuscht. Ganz gewöhnlicher Marmor wurde verwendet, der allerdings aus dem Jerusalem der Römerzeit stammt.

Der Marmor ist mit Graffiti übersät und ein eingraviertes Mühlespiel deutet darauf hin, dass die Söldner sich während ihres Diensts die Zeit mit Spielen vertrieben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Jesus Christus auf dem Weg zu seinem Tempel über diese Platten geschritten sein könnte...

Wir machen einen Abstecher auf den lauschigen Fischmarkt, der vom Fischpüddelchen, einer zauberhaften Bronzefigur, bewacht wird, genießen eine Tasse Schokolade in der Traditionskonditorei Van den Daele und machen uns auf in Richtung Domschatzkammer. In ihr werden Reliquien von unschätzbarem Wert verwahrt, unter anderem das aus vergoldetem Silber gefertigte Armreliquiar Karls des Großen sowie die herrliche Karlsbüste aus getriebenem, zum Teil vergoldetem Silber.

Fast hätten wir nach der Pracht und Herrlichkeit des Domschatzes eine Spezialität vergessen, für die Aachen weltberühmt ist – die Printen! Diese sind allgegenwärtig. Läden, in denen es verführerisch duftet, bieten die süßen Kalorienbomben in Hülle und Fülle an – mit Schokolade überzogen, mit Mandeln bespickt und in allen nur denkbaren bunten Varianten. Und dabei waren die Printen ursprünglich in Teig gepresste Heiligenbilder, die die Gläubigen anno dazumal auf ihren Wallfahrten mit sich führten. Nur im äußersten Fall durfte von dem steinharten Gebäck einmal eine Ecke abgeknabbert werden. Heute genießt man sie, weich und würzig, zum starken Kaffee und auch mal zwischendurch. Die Öcher wünschen dazu „Völl Plaisir“ – also viel Spaß und guten Appetit!

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (02.04.2015)