Scheuermanns Weinkanon/Teil 3 - Van Volxems Saar Riesling

Für diese Serie schöpft der Hamburger Weinautor Mario Scheuermann aus seiner Trinkerfahrung, gesammelt in beinahe einem halben Jahrhundert, und stellt seinen persönlichen deutschen Weinkanon auf. Teil 3: Saar Riesling vom Weingut Van Volxem

Bei der Arbeit im Weinberg für die Van Volxem Trauben. Foto: www.vanvolxem.de


Weingut Van Volxem - Wein und Wille

Eigentlich noch junges Gemüse und trotzdem ein wahrer Klassiker: Van Volxems Saar-Riesling

In Scheuermanns Weinkanon geht es nicht um die teuersten, berühmtesten und besten
Hochprädikatsweine Deutschlands, sondern um die wahren Klassiker.

Den Saar-Riesling von Van Volxem

gibt es zwar erst seit dem Jahrgang 2000 und
dennoch hat er einen Platz in dieser Liste der wahren Klassiker verdient. Er repräsentiert
einen Weintypus, der einst dafür sorgte, dass Rieslinge von der Saar weltweit begehrt
waren und höhere Preise erzielten als beispielsweise die ersten Gewächse aus Bordeaux.
Jahrzehntelang war dieser Typ vergessen, ja verpönt, mit dem Ergebnis, dass
ein solcher Wein der alten Art heute wenig mehr als 10 Euro kostet und ein Premier aus
Bordeaux leicht das Hundertfache.

Als Roman Niewodniczanski zu Beginn dieses Jahrhunderts das zwar sehr traditionsreiche,
aber abgewirtschaftete Weingut Van Volxem in Wiltingen übernahm, begann er,
mit circa 7 Hektar tauglicher Rebfläche einen Traum zu verwirklichen. Innerhalb einer
Dekade wuchs das Weingut zu einem Vorzeigebetrieb mit über 45 Hektar und damit
zum zweitgrößten im Anbaugebiet Mosel und einem der 50 größten in Deutschland.

Mit dem Saar-Riesling – der von Anbeginn an sozusagen der Grand Vin im Portfolio
des Guts war – hat Niewodniczanski nicht nur einen großartigen Wein geschaffen, der
zeigt, was Riesling von der Saar sein kann und auch vor hundert Jahren einmal war. Er
hat damit auch eine bedeutende Marke aufgebaut, die ihm eine Flaschenzahl ermöglicht,
die je nach Jahrgang zwischen 60.000 und 160.000 schwankt.

Damit schafft er eine nationale Marktdurchdringung und eine weltweite Repräsentanz in Spitzenrestaurants. So wurde Niewodniczanski zu einem Vorbild für viele ehrgeizige junge Winzer und Betriebsleiter, leider aber auch zur Zielscheibe von Kollegenneid jener Winzer, die
an Mosel und Saar lieber alles so belassen wollen, wie es bislang war:
kleinteilig, engstirnig und pappig süß.

Sie reagieren auf seinen Erfolg mit Traubenklau und Müllausbringung
in besten Van-Volxem-Lagen.

Renaissance des Naturweingedankens

Doch Niewodniczanski lässt sich dadurch nicht beirren. Ihm schwebt Großes vor,
nicht weniger nämlich als die Rückkehr eines Weintypus, der vom Ende des 19. Jahrhunderts
bis in die 1920er-Jahre weltweit geschätztes und teuer bezahltes Aushängeschild
der deutschen Weinwirtschaft war.

Er ist auf dem besten Wege, uns allen einen Traum zu erfüllen, den Traum von der Renaissance
des Naturweingedankens, wie er sich ab den 1860er-Jahren an Saar und Mosel entwickelt
hatte. Sein Saar-Riesling lebt nicht von vordergründiger Primärfrucht und Süße, sondern von Struktur und Mineralität.

Der 2010er zeigt eine komplexe Würze in der Nase und am Gaumen ein ganz
und gar ausgewogenes Verhältnis von Säure, Alkohol, Extrakten und Frucht mit einem
Hauch von Süße. Man kann ihn jetzt bereits genießen, sollte aber auch einige Flaschen
wegpacken, denn nach fünf, sechs Jahren beginnt eine zweite, gereifte Phase, die einen
noch größeren Genuss verspricht.

Solche Weine schätzte man im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den
feinen Kreisen dieser Welt als ideale Begleiter zu Krustentieren, Fisch und Geflügel.
Erst in den 1930er-Jahren änderte sich der Geschmack, als es technisch möglich wurde,
die Gärung der Weine zu unterbrechen und diese trotz erheblicher Restsüße kaltsteril
abzufüllen. Damals erst begann die Karriere der lieblichen Moseltröpfchen, die
im Laufe der Jahrzehnte den Ruf der Region ruinierten.

Die Trauben für den Saar-Riesling von Van Volxem kommen zu 50 bis 75 Prozent
aus eigenen Lagen des Weinguts. Der Rest wird von fünf Winzern geliefert, die schon
lange unter Vertrag sind. Voraussetzung sind mindestens 30 Jahre alte Rebanlagen
und Trauben ausschließlich aus echten Schiefersteillagen mit naturnaher Bewirtschaftung.
Der Most wird nicht angereichert und mit natürlichen Hefen spontan vergoren.
Das ergibt in der Regel einen Wein mit um die 10 Gramm Restzucker und einem
Alkoholgehalt von 11,5 bis 12 Volumenprozent.

150 Eichen und ein 30-Jahres-Plan

Der Wein wird überwiegend in Fudern (1.000 Liter fassende Eichenfässer) und
Doppelfudern ausgebaut, die zwischen fünf und dreißig Jahre alt sind. Noch liegt ein
kleiner Teil auch in Tanks. Doch bis zum Jahr 2020 soll auch der letzte Edelstahltank
verschwunden sein. Dass dies so lange dauert, liegt an der Sorgfalt, die auf die Fässer
verwendet wird. Vor zwei Jahren ließ Niewodniczanski in den familieneigenen Wäldern
in der Eifel 150 Eichen fällen und dieStämme zum Fassbinder Stockinger nach
Österreich bringen. Dort werden sie fünf bis sieben Jahre lang gelagert und dann erst
zu Fässern verarbeitet, die zunächst zwei Jahre lang weingrün gemacht werden, wobei
dem Eichenholz die nicht erwünschten Gerb- und Farbstoffe entzogen werden, ehe
sie auf dem Weingut zum Einsatz kommen.

Und noch zehn Jahre später kommen auch die ersten Junganlagen, die Niewodniczanski
ab 2001 anlegen ließ, in das Alter, in dem ihre Trauben tauglich für den Grand Vin
sein werden, von dem es dann in entsprechenden Jahren trotz niedriger Erträge auch
mal 200.000 Flaschen geben kann. Ein 30-Jahres-Plan geht dann zu Ende. Um große
Weine auch in großer Zahl zu machen, braucht man als Winzer vor allem zwei Dinge:
Zeit und Willen.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (15.11.2012)