Zu Gast in Garmisch-Partenkirchen - endlich im Aufbruch

Fast immer perfekte Winterbedingungen herrschen in Bayerns beliebtesten Ferienort. Nun haben die erfolgreiche Austragung der Ski-Weltmeisterschaft sowie die leider gescheiterte Olympia-Bewerbung für 2018 moderne Akzente in die typisch bayerische Region gebracht. Das war lange überfällig und gut so.

Auf der Kandahar entscheidet sich auch das Schicksal von GaPa? Foto: Marcel Lämmerhirt/Ski-WM OK


Garmisch-Partenkirchen: Aufbruch ins morgen

Der Kutscher heißt Fiaker, typisch bayerisch. Foto: Markt Garmisch-Partenkirchen

Wenn die Sonne in aller Frühe ihre Strahlen über die weißen Teppiche schickt, die sich zwischen dem Nadelbäumen fast bis in den Ort schlängeln, überkommt einen sofort die Lust. Hinein in den Schnee! Hinauf auf die Gipfel und die Piste hinunter! Nur: welche nehmen? Den Hausberg, die Gudibahn oder gleich das Zugspitzblatt? Zu keinem der Skihänge in Garmisch-Partenkirchen ist es weit. Im Gegenteil: Hier beginnen die Pisten – und nicht nur eine – quasi vor der Haustür.

Garmisch und Partenkirchen. Eine Gemeinde im Doppelpack, zwangsverheiratet für die Olympischen Spiele von 1936, Markt und nicht Stadt und trotzdem mit kleinstädtischem Flair.

Die 27.000-Seelen-Gemeinde könnte das Kitzbühel Deutschenlands sein – und ist es glücklicherweise (noch) nicht. Als Hausberge Münchens wird das Garmischer Skigebiet gerne bezeichnet. Schließlich liegt es nur 90 Kilometer südlich der bayerischen Landeshauptstadt, und das ist für die skifahrbegeisterten Münchner wirklich nur ein Katzensprung. Und es führt in ein Wintersportgebiet, das anspruchvolle Alpin-Pisten – und mehr – zu bieten hat.

Lange Jahre lag der beliebte Ferienort in einer Art Dornröschenschlaf. Die Gäste kamen eh nach Garmisch - oder Ga-Pa, wie man es neuerdings nennen will, damit Partenkirchen nicht immer unterschlagen wird. Man musste sich kaum bemühen. Doch inzwischen holt der Ort auf, will noch attraktiver und auch ein bisschen moderner werden. Die außergewöhnlichen Luxushotels Das Kranzbach und Schloss Elmau sind längst Magneten– nur einige Kilometer entfernt. Zudem gibt es neben dem 5-Sterne-Traditionshaus Reindl’s Partenkirchener Hof das neu eröffnete Atlas Grandhotel in der Partenkirchener Ludwigstraße – das noble Grandhotel Sonnenbichl wird gerade generalüberholt. Im 20 Kilometer entfernten Mittenwald hat ein Koch der Generation „Jeunes Restaurateurs d’Europe“ Das Marktrestaurant mit moderner Alpenküche vom Feinsten eröffnet. Dem setzt Garmisch die Gourmetküche Akram’s vom ehemaligen und TV bekannten Zugspitzkoch Mohammed Akram aus Pakistan entgegen.

Was die Natur betrifft, könnte es der liebe Gott – und die Bayern denken noch häufig an ihn – jedenfalls gar nicht netter gemeint haben. Ob Osterfeldkopf (2050 Meter) oder Alpspitze (2628 Meter), Kreuzeck (1651 Meter), Hausberg (1340 Meter) oder natürlich DER Berg Deutschlands, die Zugspitze mit fast 3000 Metern: diese grandiosen Berge erheben sich im Süden Garmisch-Partenkirchens, die Orte liegen ihnen direkt zu Füßen. Für die Skipisten an den Nordhängen bedeutet dies glücklicherweise beste Schneeverhältnisse. Schneefreuden von Ende November/Anfang Dezember bis Anfang Mai sind hier keine Seltenheit.

Nicht die perfekte Welle, sondern den perfekten Schwung über die perfekten Pisten zur perfekten Zeit in seiner Skiheimat weiß deswegen Christian Neureuther zu ziehen. Die Skilegende und der Ehemann „unserer Gold-Rosi“ Rosi Mittermeier, hat hier als Fünfjähriger seine ersten Schwünge in den Schnee geschrieben. Er kennt sein Revier: die erste Sonne vom Osterfeldkopf zur Hochalm hin genießen, später auf die ruhigere Kochelbergabfahrt ausweichen, um dort einen Einkehrschwung in der schönen Drehmöser Hütte zu machen. Aber wenn sich zur Mittagszeit die meisten in und vor den Hütten tummeln, ist das Kreuzeckgebiet super befahrbar. Der frühe Nachmittag ist die beste Zeit für die berühmte Kandahar-Abfahrt. Die Abfahrtstrecke ist eine der steilsten und anspruchvollsten Pisten im alpinen Skirennen. Doch bekommt auch der geübte Skifahrer zittrige Knie, wenn er den „Freien Fall“ hinunterkurvt.

Den Après-Ski in der Café-Bar Kandahar hat man sich dann redlich verdient.

Geschäftiges Garmisch, beschauliches Partenkirchen - der Mix ist gut

Das Wintervergnügen ist nicht allein für alpine Skifahrer gemacht. 28 Kilometer gespurte Langlaufloipen – eine Tour führt sogar bis Schloss Linderhof! –, ausgewiesene und gesicherte Rodelstrecken mit Nachtrodeln bei Flutlicht auf dem Hausberg. Am anspruchsvollsten ist die Schlittenfahrt den Forstweg von der urigen St.-Martins-Hütte hinab; schließlich darf man zuerst die 1,6 Kilometer hinauflaufen. Ob Eislaufen im Olympia-Eisstadion oder auf einem der zugefrorenen Seen, Eisstockschießen bzw. Curling, mit Tourenski und Schneeschuhen auf den Wank oder eine eindrucksvolle Wanderung durch die bizarre, Eis starrende Schlucht der Partnachklamm: in Garmisch, Partenkirchen und der näheren Umgebung gibt es nichts, das es nicht gibt. Selbst Biathlonkurse für Neugierige werden angeboten. Etwas bleibt allerdings für Nichtprofis tabu: Der Sprung von der futuristisch anmutenden Sprungschanze im Olympia-Skistadion. Wer trotzdem das Bauchkitzeln im Absprungturm fühlen möchte, bucht eine Schanzenbesichtigung.

Aber was wäre ein Skiort ohne Sehen und Gesehen werden? Der „Catwalk“ befindet sich in Garmischs breiter Fußgängerzone „Am Kurpark“, durch die sich früher der Verkehr wälzte. Das nutzen einladende Cafés wie das auf Bio-Sauerteigbrot spezialisierte Aran oder das stylische Maronis und hie und da auch Gastwirtschaften wie der Gasthof Mohrenplatz, um seinen Gästen, eingemummelt in Decken und bei heißem Tee, schaumiger Caffè Latte oder dampfenden Punsch, den Blick auf die großartige Bergkulisse zu ermöglichen. Zum Bummeln gibt es eine Hand voll kleiner Boutiquen und schöner Schuhgeschäfte, Holzschnitzereien und Sportläden. Die wirklich exklusiven Geschäfte entfalten sich erst auf den zweiten Blick. Wie „Die Krawatte“, vom Krawatten- und Accessoiregeschäft zu einem Atelier für Maßanzüge und Kostüme avanciert, oder „Trachten Grasegger“. Wie viel Kilometer Dirndlstoff bei Trachten Grasegger in den Regalen liegen, hat noch niemand zusammengerechnet. Fein sortiert nach Farben liegen ganze Regalmeter lang Stoffballen über Stoffballen. Dass auch die Tracht moderner wird, beweist Grasegger Junior mit einer kleinen Kollektion an Jacken, Pullover, Janker und Röcken seines Label „Garmisch 2964“.

Das Zentrum „Partanums“, wie Partenkirchen zur Römerzeit hieß, ist sehr viel beschaulicher als das geschäftige Zentrum Garmischs. Wer die Ludwigstraße vom südlichen Ende her entlangläuft, wo sie relativ schmal und verkehrsberuhigt ist, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Haus schöner als das andere, ein lüftlgemaltes Motiv detaillierter als andere, wie die fröhlich zechende Gesellschaft an der Fassade des mehrfach ausgezeichnete Traditionsrestaurant Fraundorfer. Kurios die alte Seilerei neben dem designorientierten Modeatelier. Nur ein Fenster, als Schaufenster dekoriert und ein Schriftzug darüber, weist darauf hin. Feste Öffnungszeiten gibt es nicht, der Eingang ist um die Ecke. Einfach klingeln. Es wird geöffnet, wenn jemand da ist.

In der Pfarrgasse 3 gleich bei der Kirche liegt unauffällig das Schuhgeschäft Zollner. Drei Generationen hat die Schusterei überdauert und einige Krisen überstanden. Kurz vor Wintereinbruch ist der 47-jährige Josef Zollner sehr beschäftigt, denn dann stellt er per Handarbeit die Winterarbeitsstiefel her. Den geformten Fuß aus dickem Rinderleder samt Filzschaft bekommt er vorgefertigt aus Italien. „Aber um daraus einen wintertauglichen Stiefel zu machen, braucht es noch 12 weitere Arbeitsschritte“, erklärt er und schießt per Druckluft Klammern in die Schuhe. Die muss er dann wieder mühsam entfernen, um den Schuh doppelt nähen zu können. Dann hält er ein Paar Stiefel in der Hand, das in jeder Großstadt reißend Absatz fände. Normalerweise arbeitet er an seinen Haferlschuhen, auf die er sich seit einigen Jahren spezialisiert hat und die er an ausgewählte Geschäfte liefert. 600 Paar fertigt er jedes Jahr.

Nach so viel Folklore tut ein Besuch im verrückten Blumenladen „Unverblümt“ gut. Klaus Strasser eröffnete im November 2010 seinen Laden in der Ludwigstraße, wo schon wieder das Kleinstadtleben tobt und der Verkehr lärmt. Vorher führte er ihn in Münchens Lehel und dekoriert noch immer luxuriöse Hotels und Läden in München, aber die Aufbruchstimmung in Garmisch-Partenkirchen gefällt ihm.

„Es tut sich was in Garmisch, die Leute werden offener für Außergewöhnliches“, meint er und fügt verschmitzt hinzu, während er mit leichter Hand die ersten Tulpen in komplizierte Gebinde steckt: „Und außerdem habe ich es von hier so nah zu den schönsten Loipen der Welt.“
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Autorin: Birgitt Hölzel

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (11.08.2014)