Deutschlandreise Schwäbische Alb: Die Natur-Netzwerker

Nicht erst seit der Ernennung zur Unesco-Biosphäre im Mai 2009 ist die Schwäbische Alb eine einzigartige Erholungsregion. Argrarwissenschaftler, Landwirte und Gastwirte arbeiten eng zusammen und machen die Alb für Menschen, die gerne genießen, zu einer allerersten Adresse.

Copyright Stevan Paul

Blick vom Hursch



Natur pur im Biosphärenreservat

Schloss Lichtenstein. Copyright Schwaebische Alb Tourismus

Kühle Schluchtwälder, glitzernde Bachläufe, Hochebenen, Hügel und Höhlen, steile Felsen, Streuobstwiesen, Wacholderheiden und Burgen prägen die beeindruckende Kulisse der Schwäbischen Alb, nur 50 Kilometer von Stuttgart entfernt.

Seit Mai 2009 ist ein großer Teil der Region von der UNESCO als Biosphärengebiet anerkannt. Weltweit gibt es nur 553 Modellregionen, in denen „klassischer Umweltschutz mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der im Gebiet lebenden Menschen verknüpft werden“, erklärt der Geologe Achim Nagel.

Schützen durch Nützen ist das Leitmotiv für einen lebendigen Naturschutz, der Ökologie, Ökonomie und Soziales nachhaltig berücksichtigt. Warum die Modellregionen weltweit unter dem Begriff Biosphärenreservat geführt werden und einzig die Schwäbische Alb Biosphärengebiet genannt wird, erklärt Achim Nagel lachend: „Die freiheitsliebenden Schwaben würden das Leben in einem Reservat nicht akzeptieren!“

Nagel ist Mitarbeiter der Geschäftsstelle Biosphärengebiet Schwäbische Alb, einer Gruppe von Argrarwissenschaftlern, Biologen und Landschaftsplanern, die in Zusammenarbeit mit dem Förderprogramm PLENUM und verschiedenen Naturschutzverbänden die Entwicklung des Gebiets gestalten, Projekte in der Region unterstützen und fördern.

Im Zentrum der AlbBiosphäre liegt der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen, das Herzstück der Biosphäre. Vom deutschen Kaiserreich bis zum Abzug der letzten Soldaten 2005 war die Hochebene militärisches Manövergebiet, blieb von Straßenbau und Besiedelung verschont.

Die einzigartige Hochlandschaft kann heute auf 45 Kilometer Wegstrecke erkundet werden. Weil das Militär neben der reichen Tier- und Pflanzenwelt auch reichlich gefährliche Munitionsreste hinterließ, lassen sich einige Wege nur in Begleitung eines TrÜP-Guides erschließen, die geschulten Biosphärenbotschafter führen kenntnisreich über das Gelände.

Auch Landschaftsführerin Rita Goller zeigt Gästen den Weg und macht auf eine große Attraktion des Hochplateaus aufmerksam – die Ruhe! Nur der Wind pfeift durch die Schusswunden der alten Bäume, hier und da Vogelgesang und ein kräftiges „Mäh!“ aus der nächsten Senke.

Stadtschäfer Stotz ist es mit seiner Schafherde – das Fleisch seiner Lämmer ist als „Stotz Lamm“ eingetragene und prämierte Marke. Gerhard Stotz gehört zu den insgesamt 16 Schäfern, die mit ihrer Herde über die Hochebene ziehen. Er und seine Kollegen beliefern dabei nicht nur die Köche der Gegend mit Albwiesen-Lammfleisch, ganz nebenbei engagieren sich ihre 30.000 Tiere auch in der Landschaftspflege: Sie lüften und lockern mit ihren Hufen beim Gehen den Boden, mampfen gegen die Verbuschung der Grasflächen an.

Frau Goller kennt auch den Weg zum Hursch, dem 42 Meter hohen Aussichtsturm des Schwäbischen Alpenvereins am Rande des Truppenübungsplatzes: „Ich geh da aber nicht rauf!“, verkündet sie resolut. Schnell wird klar, warum Frau Goller am Boden bleibt: Der Turm schwankt flexibel im Wind, die luftige Gitterbauweise macht zudem die Höhe extrem „erfahrbar“.

Der Blick über die Landschaft ist dann allerdings grandios und entschädigt für den Angstschweiß.

Ein Genießerland - ohne Frage

Abwechslungsreich wie die Natur ist das Angebot an außergewöhnlichen kulinarischen Spezialitäten in der Region.

Rita Goller und ihr Mann züchten nebenberuflich Weinbergschnecken, beliefern im Herbst und Winter die Küchen der Gegend mit der saisonalen Delikatesse und beleben eine alte Alb-Tradition: Die Schneckenzucht war einst wichtige Einkommensquelle der Landbevölkerung.

Bis nach Österreich wurden die Tierchen transportiert und verkauft, bauernschlau schickte man nur die attraktivsten Mägde auf den langen Weg nach Wien, die schönen Schwäbinnen garantierten großes Kundeninteresse und einen guten Abverkauf.

Geschichtsträchtig ist auch die Alblinse. „Mir wär es lieb, sie würden nicht zu ausführlich berichten“, seufzt Woldemar Mammel von der Öko-Erzeugergemeinschaft Alb-Leisa, „wir vermarkten die Linsen eher regional.“ Kein Versandhandel, kein Onlinestore, die Alblinse gibt es nur in Baden-Württemberg. Dass es sie überhaupt noch gibt, ist Mammels Hartnäckigkeit zu verdanken.

Schon 500 v. Chr. gab es Linsenanbau auf der Schwäbischen Alb, erst in den Wirtschaftswunderjahren verschwand die Linse, das einstige Überlebensessen hatte ausgedient. 1985 begann Mammel auf seinem Biobauernhof mit dem Anbau der französischen Le Puy-Linse.

Pionierarbeit. Verschollen blieben die alten Sorten Späths Alblinsen. Jahrelang suchte Mammel die Linsen, die erst 2006 in der drittgrößten Gendatenbank der Welt, dem Wawilow-Institut in St. Petersburg, wiederentdeckt wurden.

Die Alb-Leisa der Bioland-Erzeugergemeinschaft finden sich jetzt wieder auf den Speisekarten der Region, werden regional vermarktet und finden reißenden Absatz. Und wie kommen die Genießer bundesweit zur Linse?

„Einfach herfahren, ein paar Tage Urlaub genießen und dann mit einem Jahresvorrat an Linsen wieder heim“, rät Mammel augenzwinkernd.

Auch der Albbüffel galt lange verschollen, zum vorletzten Mal wurde er vor 120.000 Jahren im Ländle gesichtet. „Huaaah“, brüllt Willi Wolf, der schwäbische Cowboy, über die Wiesen.

Am Waldrand tauchen sie auf, stecknadelgroß zeigen sich die ersten Tiere am Horizont, werden größer, werden mehr, 200 tiefschwarze Albbüffel laufen auf ihren Meister zu, stehen da, mächtig, dampfend und schnaufend: die größte Büffelherde Deutschlands.

Am Wolfschen Hof, auf den Weiden rund um Hohenstein und in der Metzgerei Failenschmid kann man das liebe Vieh antreffen. In Letzterer wird das fettarme Büffelfleisch freilich nur zu Wurst, Schinken oder Frischfleischköstlichkeiten gemacht.

Fleischlos glücklich machen die Forellen und Bachsaiblinge der Familie Illing, die in einer alten, restaurierten Hammerschmiede in Zwiefalten eine Fischzucht unterhält. Das hat Tradition, schon die Mönche des nahen Münsters fischten im klaren Wasser der Zwiefalter Aach.

Im kleinen Biergarten oder der gemütlichen Gaststube kann man die frischen Fische genießen, fein geräuchert oder aus der Pfanne mit herzhaften Bratkartoffeln und kühlen Erfrischungsgetränken serviert.

Freunde geistreicher Getränke zieht es nach Owen-Teck, dort brennt Thomas Rabel exzellente Edelbrände und Obstwasser. In seiner Brennerei fängt er die feinen Aromen von Blüten, Beeren, Kräutern und den Früchten der Streuobstwiesen in feinen Destillaten ein.

Raritäten wie schwäbischen Whisky und Kirschwasser aus dem Kirschholzfass können im Hofladen verkostet und erstanden werden. Brenner und Obstbauern tragen wesentlich zur Pflege der Obstwiesen in Europas größtem Streuobstgebiet bei.

Der kulinarische Reichtum der Region findet sich auf vielen Speisekarten wieder. Ein saisonales Biosphären-Menü serviert Jürgen Autenrieth vom Hotel Gasthof Herrmann in Münsingen. 400 Jahre alt ist das Haus und seit vier Generationen in Familienhand, die Küche ist modern und klar: Wildkräutersalat in Holunderblütenvinaigrette mit Albbüffelmozzarella, samtige Wildkräutercremesuppe mit Dinkelcroutons, saftige Steaks vom Stotz Lamm mit Schabziegerkruste, cremige Panna Cotta mit heimischem Waldmeister.

25 regionale Produzenten beliefern Authenrieth, so schmeckt die Alb – und das große Weinangebot ebenfalls. Ein Glücksfall, dass die Familie auch moderne Zimmer zur Übernachtung anbietet.

Ambitioniert gekocht wird auch in der Rose, dem ersten Biohotel Baden-Württembergs, in Hayingen-Ehestetten. Hier steht Simon Tress am familieneigenen Herd. In der angeschlossenen Kochschule wechselt er sich mit Mutter Inge ab, die rein vegetarische Kochkurse anbietet. Inge Tress pflegt zudem einen beeindruckenden Kräutergarten, aus dem sich auch die Küche bedient.

Die Familie betreibt auch den rustikalen Gasthof Friedrichshöhle, unweit des Biosphären-Informationszentrums Wimsener Mühle, direkt an einer der größten Naturattraktionen der Alb: Die Wimsener Höhle ist die einzige, mit einem Boot befahrbare Höhle Mitteleuropas! 70 Meter geht es hinein in die 1,5 Millionen Jahre alte Höhle, glasklar leuchtet das eiskalte Wasser im Eingangsbereich, der Bootsmann lenkt den Kahn immer tiefer in die Höhle, Kerzen illuminierte Wände und die niedriger werdenden Gesteinsdecken... ein außergewöhnliches Erlebnis – und nur eines von ungezählten Abenteuern, die es im Biosphärengebiet Schwäbische Alb zu erleben gibt.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (18.11.2017)