

Blutrot geht die Sonne über der Nordsee auf. Der Tau glänzt auf den Wiesen Norderneys, als wir uns mit der LFH-Cessna in die Luft schwingen. In nur fünf Minuten bringt uns Pilot Jan Lüppen Brunzema in seiner „fliegenden Kiste“ nach Juist (www.juist.de).
Unter uns dehnt sich ein lang gestrecktes Eiland. „Auf der einen Seite offene See, auf der anderen Wattenmeer, in der Mitte sattes Grün. Ich bin immer wieder hin und weg, obgleich ich oft rüberfliege“, gesteht unser Kapitän.
Der mit kräftigen Kaltblütern bespannte Planwagen erwartet uns schon auf dem winzigen Flugplatz. Und in gemütlichem Trab geht es mitten hinein ins „Töwerland“ – Zauberland – wie die Juister ihre Insel zärtlich nennen.
Im Gegensatz zum urbanen Norderney (www.norderney.de) herrscht hier absolutes Autoverbot. „Ausgenommen ist natürlich der Arzt“, korrigiert Elke Koßmann, die Chefin vom Hotel „Achterdiek“, einem schönen Traditionshaus direkt hinter dem Deich. Sie ist hier aufgewachsen und meint wie alle Insulaner, der silberne, kilometerlange Sandstrand sei der schönste in ganz Ostfriesland.
Wir wandern über die Strandpromenade durch den Hauptort mit seinen schmucken reetgedeckten Friesenhäusern. Schließlich legen wir eine Rast am Hammersee ein, der bläulich zwischen den Dünen hervorleuchtet.
Obwohl Juist und Norderney nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, hegen die Bewohner eine althergebrachte Animosität gegeneinander. „Moin“, sagt der knorrige Fischer , den wir an der Mole treffen. „Is dat’n Wunder? Der Kurgedanke stammt nämlich von Juist.
1783 schrieb Inselpastor Janus an unseren seinerzeitigen Landesherrn Friedrich II. von Preußen und pries Töwerland als idealen Kurort an.“ Und dann machte zum Ärger der Juister sechzehn Jahre später Norderney das Rennen als erstes deutsches Nordseeheilbad. Der Adel rief und alle, alle eilten nach Norderney, um demneuen Trend zu frönen und die Sommerfrische in der gesunden jodhaltigen Nordseeluft zu verbringen: Der deutsche Kaiser, Alexander von Humboldt, Theodor Fontane und andere Berühmtheiten jener Tage.
Auf den sieben Inseln hüpft man jedoch nicht mal eben so von Eiland zu Eiland wie in Nordfriesland. Ein regelmäßiger Fährdienst ist auf Grund der Gezeiten nicht möglich.
Wer nicht immer wieder zu einem Fährhafen auf dem Festland zurück will, um etwa von Baltrum nach Borkum oder von Juist nach Wangerooge zu gelangen, vertraut sich dem bereits eingangs erwähnten Jan Lüppen Brunzema an und landet ebenso schnell wie sicher auf der gewünschten Insel. Einzig Spiekeroog kann nicht angeflogen werden. „Mit mir klappt es fast immer“, strahlt der braungebrannte Mann. Einzige Ausnahmen sind Eisregen und dichter Nebel.
Jedes Jahr verzeichnen die Ostfriesischen Inseln etwa acht Millionen Übernachtungen. „Die Zahl ist konstant“ freut sich Ulli Elter von der Nordsee GmbH und betont, kaum eine andere deutsche Ferienregion habe so treue Gäste.
Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Inseln bei den Landsleuten in Nordrhein-Westfalen. Das kommt in erster Linie davon, meint er, dass die sieben schönen Schwestern so grund-verschieden sind und jede ihren eigenen Reiz hat.
Da ist zum Beispiel Baltrum (www.baltrum.de) mit einer Fläche von gerade einmal 6,4 Quadratkilometern und 516 Einwohnern. Im Volksmund heißt sie“bald rum“, denn zu Fuß schafft man den Inselrundgang locker in drei Stunden. Hier gibt es – wie auf Juist – nur Pferdefuhrwerke. Und das Radfahren ist genau genommen den Baltrumern vorbehalten. Die Insel ist so recht nach dem Herzen von Familien mit Kindern, die im Sommer mit den Seehunden um die Wette schwimmen. Die friedlichen Heuler gehören ebenso zu den angestammten Bewohnern der Inselwelt wie die vielen Fasane, von den Baltrumern liebevoll „Inselhühner“ genannt.
„Langeoog, dat is noch wat“, heißt es in einem Gedicht. Gemeint ist sicherlich die nostalgische Inselbahn, die sich durch Wald und Buschwerk schlängelt. In dieser unberührten Natur nistet die größte Silbermöwenkolonie der gesamten Region. Fast wäre die „lange Insel“ in Vergessenheit geraten. Als die große Flut zu Weihnachten Anno 1717 eine riesige Bresche – „dat groot Sloop“ – in die Insel schlug, lebten hier noch zwei Menschen. Jedoch im 19. Jahrhundert entdeckte der Fürst von Schaumburg-Lippe Langeoog (www.langeoog.de) als ideale Sommerfrische für sich und seinen Hofstaat und begründete damit Langeoogs Kurstatus.
Spiekeroog (www.spiekeroog.de) gilt als „Dornröschen“ unter den Inseln. „Die Dornenhecke“ existiert in den Köpfen dieser eigenwilligen Insulaner“, schmunzelt ein Gast aus Hamburg, der jedes Jahr hier Urlaub macht und die vermeintliche Sturheit der Spiekerooger liebt.
Tradition gilt ihnen alles. Eine Piste für Kleinflugzeuge? Nein danke! Radfahren? Fehlanzeige! „Vernünftige Leute fahren hier nicht Rad. Allen anderen ist es verboten“, verkündet ein Schild kurz und bündig. Auf Spiekeroog mietet man einen Bollerwagen, in dem man Kind, Kegel und Einkäufe transportiert. „Sieh’s wohl, geht doch!“ Die Insulaner nicken zufrieden. Die größten Attraktionen neben dem schneeweißen Sandstrand, der sich rund um die Insel zieht, sind die zauberhafte „Alte Inselkirche“ aus dem 17. Jahrhundert sowie der Feigenbaum im Windschatten des „Alten Inselhauses“, der wundersamerweise in diesem rauen Klima gedeiht und jedes Jahr süße Früchte trägt.
„Wangeroog hett’n hooge Toorn!“ Der 1854 erbaute Leuchturm diente bis vor etwa dreißig Jahren noch als Seezeichen. Heute geben sich hier Leute, die ganz hoch hinaus wollen, in 40 Metern Höhe das Ja-Wort. Auf Wangerooge (www.wangerooge.de) verspürt der Urlauber den Hauch der großen weiten Welt. Denn während er im Strandkorb vor sich hindöst, ziehen am fernen Horizont Frachter, Tanker und Containerschiffe an ihm vorbei. Auch als Meeres-Therapiezentrum hat sich die Insel seit langem einen Namen gemacht.
Der Anflug auf Borkum (www.borkum.de), die westlichste und größte ostfriesische Insel, ist grandios: Zu unseren Füßen eine Sandbank mit riesigen grünen Flecken und wie Spielzeug hingetupften Wohnsiedlungen.
Jene römischen Legionäre, die Mitte des ersten Jahrhunderts auf „Burcana“ landeten, würden sich angesichts des wohlgeordneten Gemeinwesens und seiner gut genährten Bewohner heute bestimmt verwundert die Augen reiben: „Dort lebt ein beklagenswert armes Volk“, hatte Geschichtsschreiber Plinius d.J. erschüttert nach Rom berichtet. Und die undankbaren Friesen hatten es auch noch gewagt, sich den Zivilisationsversuchen des mächtigen Imperium romanum zu widersetzen!
„Den Römern sind ihre Bekehrungsversuche offenbar schlecht bekommen“, lacht der waschechte Ulli Elter. Wie anders, meint er, solle man sonst diesen Vers deuten, der ins „Buch der Ostfriesischen Inseln“ eingegangen ist: „Un kamen wi no Börken. Dor steken’s uns mit Förken.“ (Und als wir nach Borkum kamen, wurden wir mit Mistgabeln gestochen).
Die Freiheit liebenden Friesen gingen lieber in den Tod als in die Sklaverei. Ihr Wahlspruch „Lever duad as Slav“ ist über manch schön geschnitzter Tür zu lesen.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang am Strand sitzen wir im behaglichen „Teestübchen“ am Bahnhofspfad und rühren die Sahne unter das starke goldfarbene Friesengebräu.
Der Weißhaarige am Nebentisch sieht missbilligend zu uns herüber: „Ein Sakrileg“, sagt er streng. „Die Sahne tupft man mit dem Löffel auf den Tee, so dass sie sich ausbreitet wie eine Wolke.“ Das war nun noch zu guter Letzt eine Lektion in feiner ostfriesicher Lebensart.
Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (03.09.2010)