Lokalheld/13: Hansa-Theater

Das Hamburger Hansa-Theater auf St. Georg ist das älteste Varieté im Lande und heute nicht mehr aus unserer Zeit. Eigentlich. Doch die Legende lebt und ist fideler als je zuvor. Dank Thomas Collien und Ulrich Waller, zweier Männer mit Mut und Vision.

Das Hansa Theater stammt aus einer anderen Zeit - doch die Legende lebt


Plüsch,Kellnerknopf & Theaterteller

Ulrich Tukur ist Freund des Hauses und gelegentlicher Conférencier

Mit Zeitreisen in die Vergangenheit ist das so eine Sache. Entweder sind sie nicht möglich oder aber man schwelgt verträumt in alten Erinnerungen, die eigentlich schon etwas schal sind. In Hamburg ist das anders. Hier gibt es das aus der Zeit gefallene Hansa Varieté Theater. 1894 von Paul-Wilhelm Grell, einem Bierbrauer aus Heide, eröffnet, um sein Gesöff besser zu verkaufen, ist das Theater als Ausflugslokal mit 1.500 Plätzen in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs von Anfang an eine Topadresse für ungebremstes Tamtam. Zunächst sind es Tiere, Muskelmänner, ringende Frauen und andere Sensationen, die unter Beschallung wechselnder Blaskapellen für reichlich Dampf unterm Dach sorgen.

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Nach und nach steigt das Niveau, Lokalhelden wie der um die Ecke geborene Hans Albers und auch Freddy Quinn, der von den Hamburgern adoptierte Junge von St. Pauli, teilen sich die Bühne mit den berühmtesten Künstlern der Welt wie dem Entfesslungskünstler Houdini, dem Jongleur Rastelli und dem unheimlichen Zauberer Hanussen. Die Comedian Harmonists singen von Veronika und dem Lenz, Cornelia Froboess von der Badehose und dem Wannsee, der Clown Charlie Rivel gibt „Akrobat schööön!“ein Gesicht und die in den Sechzigern noch gänzlich unbekannten Zauberkünstler Siegfried und Roy brechen von hier nach Las Vegas auf.

Schon 1943 ist aber das erste Mal Schluss mit lustig, im Bombenhagel der Operation Gomorrha wird das Hansa komplett zerstört. Doch der Wiederaufbau folgt. Und nach dem Motto „The show must go on“ geht es am Steindamm weiter. Die Stars kommen wieder, sogar Elefanten treten auf. Nur die Zuschauer werden weniger, sodass das Varieté, das bis heute nie im Fernsehen zu sehen gewesen ist, Silvester 2001 nach über 107 Jahren mit rund 36 Millionen Besuchern und mehr als 25.000 Künstlern in 51.188 Vorstellungen den Vorhang nicht mehr hochzieht.

Knapp acht Jahre später stehen Thomas Collien (46) und Ulrich Waller (57) vor der Tür. Als Intendanten des Hamburger St. Pauli Theaters sind die Partner und Freunde voller Erinnerungen an die gute alte Zeit im Hansa. Colliens Großvater wird noch von Josephine Baker geschwärmt haben, die dort im Bananenröckchen so skandalös freizügig und gleichermaßen entzückend tanzte. Und Waller denkt noch an die Robben, die ihm im Hinterhof, den er als armer Student einst mit dem Hansa teilte, abends laut rufend den Nerv raubten. Jetzt fahren sie zum Steindamm, wo das Theater inzwischen von Sexshops, Dönerimbissbuden und zwielichtigen Gestalten umgeben ist. Und was sehen sie?

Nichts, aber auch rein gar nichts hat sich seit 2001 verändert, das Theater mit seinen gepolsterten Stühlen, Tischlämpchen, Kellnerknöpfen und der plüschigen Atmosphäre wartet in bestem Zustand auf den Dornröschenkuss.
Das unternehmerische Kribbeln, das beide gehabt haben müssen, kann man sich vorstellen. Aber in Hamburg müssen Dinge reell sein, das heißt auch, man sollte nichts überstürzen. Nun sind beide Theatermacher gut vernetzt und mit der freundschaftlichen Hilfe des Frankfurter Tigerpalasts steht schnell ein Programm, wechselnde Conférenciers, die vergnügt und professionell durch die Abende führen sollen, sind mit Rampensäuen wie Ulrich Tukur, Horst Schroth, Stefan Gwildis und weiteren Hochkarätern schnell gefunden. Dabei hat sich der Ablauf im Hansa nie geändert: vor der Pause vier Auftritte und nach der Pause noch mal vier.

Modern ist nur das Programm
Immer ein wilder Mix aus Akrobatik, Jonglage, Comedy und Zauberei auf Weltklasseniveau. Dazu die Hansa Boys mit dem weltgrößten Kontrabassisten (2,06 Meter) und dem kleinsten Schlagzeuger Deutschlands (1,59 Meter), die mit leichter Hand musikalisch durch den Abend begleiten. „Es gibt nur noch wenige Ecken in Hamburg, wo Vergangenheit und Tradition so lebendig sind, der Eindruck einer scheinbar vergangenen Epoche von Kunst und Unterhaltung, die neben TV und Telespielen fast anachronistisch wirkt, so erlebbar ist.“ Das schrieb Ulrich Waller 1984 als Journalist in der taz. Tauscht man „wenige“ gegen „fast keine“ und „Telespiele“ gegen „Internet“, hat der Text in 30 Jahren nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Man muss den beiden Machern für ihre Unternehmung danken, die schon in der sechsten Spielzeit faszinierende, gar nicht schale Zeitreisen in die Vergangenheit offeriert.


Tipp: Die Legende lebt
Vom 22. Oktober 2013 bis 23. Februar 2014 können Sie wieder täglich (außer montags) die Zeitreise in der „Schmuckschatulle des Varietés“ erleben. Tickets ab 28,90 Euro, die Kuchen- und vor allem Theaterteller bestellt man besser vor. Eigene Kinder hatten schon mit 7 Jahren großes Vergnügen.

Steindamm 17, 20099 Hamburg
Karten: (040) 47 11 06 44

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (20.11.2017)