Münster in 48 Stunden - Von Prahl und Picasso

Wenn es in Münster regnet und die Glocken läuten, ist Sonntag. Sagt man. Aber das stimmt nicht. Und Töttchen sind eklig. Aber das stimmt auch nicht. Gründe genug, sich mal für 48 Stunden in die Stadt des Westfälischen Friedens zu begeben.

Das sieht der Türmer von St. Lamberti jeden Tag - Münster in der Abendsonne


Klassiker im Klassiker Leve - Kallis Töttchen aus Wolbeck

Töttchen mit Pinkus im Leve

Tisch 20, das ist der Tisch, wenn man reinkommt, gleich rechts in der Ecke, im Gasthaus Leve. Von hier habe ich Münsters ältestes Gasthaus bestens im Blick, den Zapfer hinterm Tresen, die warm gekachelten Wände, die Tür und die flinken Damen gehobenen Alters, die hier mit selbstbewusstem Mundwerk und einer schicken Schleife am unteren Rücken bedienen.

Ich bin für 48 Stunden in der Stadt und nichts hat mich im Vorfeld so elektrisiert wie die Vorstellung, Töttchen zu essen. Was sich so niedlich anhört, ist Münsters Spezialität Nummer 1. Hamburger Labskaus ist Kindergeburtstag dagegen. Hier sind Kalbskopf, Herz und Lunge drin und die Bedienung, die das selber noch nie gegessen hat, stellt mir mit den Worten „Das ist ja ein Augenschmauß“ einen tiefen Teller vor die Nase und bleibt erwartungsvoll in Sichtweite stehen. Ein helles Pinkus Alt steht für alle Zwecke schon auf dem blank gescheuerten Tisch bereit.

Was soll ich sagen? Das arme Leute Essen ist köstlich und leicht süßsäuerlich.

Hier, wo Wiener Schnitzel wellig gebraten wird und der Tafelspitz zum Fietzebohneneintopf kommt, hätten wir bleiben können. Wären wir auch gerne, sind wir aber nicht. Knapp zwei Tage sind für Münster gar nicht mal so viel und wer viel sehen will, darf keinesfalls versacken.

Münster ist gleich sympathisch, Studentenstadt, kein Fußballclub, den man leidenschaftlich nicht mögen könnte, ein malerischer Stadtsee, der zwar die Düngemittel aus dem Umland in sich trägt, dafür aber einen eigenen Segelclub und mit dem A2 die schönste Sonnenterrasse der Stadt beheimatet, einen echten Hafen, der größer als ein durchschnittlicher Containerfrachter ist, aber kleiner als zwei, eine Promenade, die als Laubbaumallee in 4.5 Kilometern um den Stadtkern führt und motorisiert nicht befahren werden darf, eine gastronomische Szene von der auch andere Städte gerne ein paar Scheibchen abhaben wollten und ein eigener Tatort, der dank Axel Prahl und Jan-Josef Liefers das Image der Stadt in ungeahnte Höhen hat schnellen lassen.

Das haben wir – ich werde begleitet von dem Fotografen Supper, der die ersten zwanzig Jahre seines Lebens hier verbrachte und „seine“ alte Heimat doch kaum wieder erkennt - im Vorfeld über die Stadt gehört, die sich seit dem Westfälischen Frieden vor bald 350 Jahren darauf beruft, ein bisschen wichtiger als Osnabrück zu sein.

Axel Prahl ist ein feiner Kerl. Recht klein, aber groß genug. Sehr sympathisch und randvoll von Qualitäten, die sich auf den ersten Blick nicht gleich erschließen. Münster ging es ähnlich.

Doch seitdem Prahl alias Kommissar Thiel hier für den Tatort ermittelt und sich dabei zu Deutschlands beliebtesten St. Paulifan gemausert hat, scheint jeder die geheimsten Ecken der Stadt zu kennen. Münster hat ein Profil, nicht wie ein Täter, eher wie ein Liebling. Und eine Auszeichnung auch. Vor knapp zehn Jahren erhalten. Dafür gleich als lebenswerteste Stadt der Welt in der Gewichtsklasse bis 750.000 Einwohner, obwohl nur 300.000 hier leben.

Da vorlesungsfreie Zeit ist, ist die Stadt ziemlich leer, es fehlt ein Großteil der knapp 50.000 Studenten, was alle anderen vermutlich ganz schön finden. Ich nicht.

Also wundere ich über den Spruch über Münster „Entweder es regnet oder die Glocken läuten. Fällt beides zusammen, ist Sonntag“. Darüber kann man dann schon mal nachdenken. Wenn es also nicht regnet und die Glocken läuten, handelt es sich um einen x-beliebigen Tag in der Woche. Und wenn weder noch?
Auch egal, heute ist jedenfalls Donnerstag.

Es war ziemlich warm und Greet Verduyn hatte uns den ganzen Tag per Fahrrad die schönsten Ecken ihrer Stadt gezeigt, sie hatte klassisch mit Rathaus und Friedenssaal begonnen, hatte uns die gruselige Geschichte von den Wiedertäufern erzählt, deren Reste vor knapp 500 Jahren – heute nicht mehr sichtbar – in Käfigen am Turm der Kirche St. Lambertii verwest waren, hatte uns in den restaurierten Dom geschleppt und uns auf die münstersche Eigenart des „Auf Neues ist gut schimpfen“ aufmerksam gemacht. „Früher war nicht alles besser, weltoffen, tolerant und liberal ist Münster erst seit wenigen Jahrzehnten“, sagte Greet und radelte vergnügt über die Promenade Richtung Aasee.

Aber das die Münsteraner den Prinzipalmarkt mit seinem Rathaus und den vielen Patrizierhäusern nach dem Krieg originalgetreu wieder aufgebaut haben, wirkt bis heute wie eine Motivation, die Stadt mit Umsicht immer weiter zu entwickeln. Der einst brachliegende Hafen heißt heute Kreativkai und seine vielen Restaurants sind die Ausgehadresse in der Stadt, das Landesmuseum wird mit viel Geld modernisiert und Picasso (genau der berühmte spanische Maler) hat hier ein eigenes Museum mit wechselnden Ausstellungen. Auf dem Gelände einer alten Brauerei, der Germania, ist der gleichnamige Campus mit Designhotel, Nachtclub und Geschäften entstanden, Münster hat sich entzerrt, ist weitläufiger im überschaubaren Rahmen geworden und im steten Wandel.

Nur das beste Töttchen - auch bekannt als „Kallis Töttchen“ - liefert der Schlachter Kalli Hinkelmann aus Wolbeck seit 45 Jahren ins Gasthaus Leve. Schön, dass sich das nicht geändert hat.

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (24.11.2017)