Das Erbe der Eiszeit in Mecklenburg-Vorpommern

Gletscherreste, Seenplatte und Bachläufe sind das Vermächtnis der Eiszeit in Mecklenburg-Vorpommern. Von Kranichen und umfunktionierten Aktenschränken berichtet Anna Rettig, die die Müritz mit dem Rad und vom Wasser aus entdeckt.

Eine Region voller Naturschönheiten - die Mecklenburgische Seenpatte


Vermächtnisse der Natur

Auf Kähnen unterwegs - die Müritzfischer

Die letzten Häuser sind noch in Sichtweite, als es mit dem Rad nach rechts auf einen schmalen Sandweg geht. Die Kiefern ragen hier meterhoch in die Höhe, das Sonnenlicht fällt geheimnisvoll durch die Äste und in der Nähe ist das erste Froschquaken zu hören. Ronald Gipp hält an, nimmt den Fahrradhelm ab, legt den Kopf in den Nacken und lauscht. „Ist das nicht Wahnsinn?“, fragt er. „Wir sind keine zwei Kilometer rein in den Park – und von der Stadt ist schon nichts mehr zu hören!“

Ronald Gipp ist seit gut 20 Jahren Ranger im Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern und noch immer begeistert vom „Busch“, wie er das wald- und seenreiche Gebiet nennt. „Vor rund 12.000 Jahren war in dieser Gegend nicht viel los“, erklärt Gipp, als zwei Frauen mit Nordic-Walking-Stöcken zügig an ihm vorbeiziehen. Erst mit dem Ende der Eiszeit seien die Müritz, der bundesweit größte See, und der im Osten angrenzende heutige Nationalpark entstanden. Riesige Gletscherreste blieben liegen, schmolzen irgendwann ab und bildeten Seen. Hinzu kamen laut Gipp die unzähligen Abflussrinnen, die vor Jahrtausenden miteinander verbunden gewesen sein müssen und heute das verzweigte Wasserstraßennetz der Region bilden. „Das Gletscherwasser ist hier mal richtig durchgeschossen und hat die Gegend entscheidend geprägt.“

Das ist beim Radfahren bestens zu erkennen. Immer wieder führt der Müritzrundweg von der Stadt Waren aus an schmalen Bächen, breiteren Flüssen oder kleineren und größeren Seen vorbei – wie zum Beispiel am Warnker See. Da ist schon aus einigen Metern Entfernung lautes Gezwitscher zu hören. „Wer reingeht, wird ausgeschimpft “, warnt dann auch lachend ein Tourist aus Süddeutschland, der gerade aus dem Beobachtungsstand kommt. Und tatsächlich: In dem nach vorn offenen Holzhaus haben sich Schwalben ihre Nester gebaut. Oben im Gebälk sind gleich mehrere davon.

Aufgeregt zwitschernd fliegen die Vögel zur Nahrungssuche zum Ufer und in Windeseile wieder zurück zu den Nestern. Die eigentliche Attraktion ist aber der Panoramaausblick über den See, der im Herbst ein wichtiger Rastplatz für Zehntausende Entenvögel ist. Fast kreisrund liegt er vor einem; auf dem Wasser bildet der Wind kleine Wellen. Während gerade zwei Gänse landen, kreist etwas entfernt ein Kranich in der Luft und ein Schwan verteidigt sein Revier lautstark gegen zwei Eindringlinge.

Ranger Gipp radelt weiter. Er erzählt von den ersten Pflanzen, die nach der Eiszeit wuchsen. Von den Kiefern, die zu DDR-Zeiten zehntausendfach gepflanzt wurden. Von der Gründung des Parks im Jahr 1990. Und natürlich von den Tieren, die in Deutschlands größtem Nationalpark zu sehen sind. Denn mit ein bisschen Glück können Besucher beobachten, wie sich Seeadler ins Wasser stürzen, sich eine Ringelnatter auf einem Stein sonnt, Rohrweihen durch die Baumwipfel fliegen und Hirsche sich zur Brunft treffen. Hinzu kommt die Liveübertragung vom Fischadlerhorst in Federow, wo in diesem Jahr wieder ein Greifvogelpaar ein Junges aufzieht.

Wer die Müritz und ihre Umgebung aktiv erkunden möchte, kann das aber auch vom Wasser aus tun: mit dem Segelboot etwa, einem Kajak – oder im Kanadier. Nach einer kurzen Einweisung wird der Kanadier an der Boeker Mühle am südöstlichen Müritzrand ins Wasser geschoben und gleitet nach ersten Paddelversuchen gemächlich über den Kanal. Auf der Wasseroberfläche treiben Dutzende Seerosen, Libellen schwirren umher und ein paar Meter entfernt landet ein Kranich, versteckt im hohen Schilf. So geht die Tour weiter über die „Alte Fahrt“, die einstige Wasserverbindungsstraße zwischen Hamburg und Berlin. Seit den 1930er-Jahren ist diese nun schon für den Fährverkehr geschlossen – und wurde von der Natur zurückerobert: Die Bäume ragen über das Wasser, am Ufer wiegt sich das Schilf im Wind.

Dieser Wasserreichtum zieht auch zahlreiche Angler an und ist zudem die Lebensgrundlage der Müritzfischer wie Jörg Jaenisch. Bereits als Kind war er „fischbesessen“, wie er sagt; später machte er sein Hobby zum Beruf. Seitdem hat sich einiges verändert, aus der DDR-Genossenschaft wurde ein Betrieb mit rund 30 Fischern. Die haben in der Region mittlerweile neun feste Standorte, an denen der frische Fisch verarbeitet, geräuchert und als Suppe oder mariniert auf Brötchen verkauft wird. Vor einigen Jahren kam dann noch das „Müritzgold“ hinzu, Kaviar aus Hecht- und Maränenrogen.

Das Angebot der verschiedenen Höfe ist dabei zwar ähnlich, beim Räuchern schwört jeder Fischer jedoch auf sein eigenes Verfahren. Jaenisch beispielsweise setzt auf etwas Unkonventionelles: In seinem Fischerhof in der Nähe von Warens Hafenpromenade stehen, etwas versteckt hinter den Verkaufsständen, alte Stasi-Aktenschränke – umfunktioniert zu Räucheröfen. Der Fischer lacht, als er die ungläubigen Gesichter der Besucher sieht. „Die funktionieren prima“, versichert er und zeigt als Beweis einen frisch geräucherten Aal: „Goldgelb und noch immer etwas saftig.“


Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (19.11.2017)