Wolfsburg und die Autostadt: Retorte vom Feinsten

Glücksfall für Wolfsburg und die Region: Der VW-Konzern baut hier nicht nur Autos, sondern macht sich frei nach Pippi Langstrumpf die Stadt , wie sie ihm gefällt. Fritz Vossiek blickt hinter die Kulissen der Stadt, die auf der grünen Wiese wuchs.

Die Autostadt; Autostadt/Rainer Jensen


Ein Auto fürs Volk

Die Autostadt hat viel Kraft und Werk fürs Volk; Foto: The Ritz Carlton/Ralf Tooten

Ich fahre Bahn. Komme an und stehe vor dem Bahnhof. Da bin ich. In Wolfsburg. Das hört sich ja schon mal ganz knackig an und ist sicher ein Fortschritt zu dem früheren Namen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. So nämlich hieß die heutige Hauptstadt des VW-Konzerns 1938, als beschlossen worden war, quasi auf der grünen Wiese zwischen Schwarzbunten den Grundstein für eine Fabrik zu legen, die bezahlbare Autos – eben die Kraft-durch-Freude-Wagen – für Deutschlands brave Bürger am Fließband produzieren sollte. Adolf Hitler persönlich weihte das Werk ein, ein paar Jahre später hatte der Führer den Weltkrieg und das Leben verloren. Das Werk samt Stadt lag in der britischen Besatzungszone, KdF war aus der Mode gekommen und ab 1945 hießen die Fahrzeuge Volkswagen – Käfer, um genau zu sein. Und damit gleich Klarheit herrschte, wurde der an schlechte Zeiten erinnernde Name der Stadt gegen den Namen des benachbarten Schlosses ausgetauscht. Wolfsburg war geboren.

Doch während die Mutter, der VW-Konzern, prosperierte und weltweit expandierte, blieb die junge Stadt, die vor allem Schlafstätte für die Mitarbeiter des Werks war, blass und milchgesichtig. Wenig attraktiv in jedem Fall. Das wurde nicht besser, als Deutschland geteilt wurde und die ehemals strategisch günstig gelegene Wiese sich als Sackgasse im schwach bevölkerten Zonenrandgebiet entpuppte. So wäre es vielleicht weitergegangen, Wolfsburg hätte vor sich hin existiert, graumausig und pickelig wie ein Teenager, gut in der Schule, aber ohne echten Freundeskreis. Ging es aber nur bis 1990. Die Wiedervereinigung kam, Wolfsburg lag auf einmal wieder mitten in Deutschland und in Ferdinand Piëch, dem Patriarchen von VW, reifte der Gedanke, die Ärmel für die Marke und den Standort aufzukrempeln und etwas zu tun.

Wie genau das aussehen sollte, war nicht definiert, doch sollte es die emotionale Bindung zwischen neuen, alten oder potenziellen Kunden und VW als Marke stärken. Das – so der Gedanke – würde auch Wolfsburg im unscheinbaren Schafspelz aufwerten, die Stadt interessanter, lebens- und liebenswerter machen. Wer dafür in Frage kam, war Piëch klar und er bürdete die Herkulesaufgabe seinem Kommunikationschef, dem damals 35-jährigen Hamburger Otto F. Wachs, auf. Rückblickend meint dieser zu den Anfängen: „Hier gab es am Anfang ja gar nichts. Es gab lediglich eine grüne Wiese, um nicht zu sagen, eine braune, und Öltanks. Vornehm ausgedrückt, das war die Rückseite des VW-Werks.“

Glanzparade der Markenbildung

Das mit der grünen Wiese war ja schon einmal gut gegangen und für Herrn Wachs, den man getrost als Mister Autostadt bezeichnen kann, kein Hinderungsgrund. Er reiste durch die Welt, jagte Ideen, suchte Inspiration und plante. Jahrelang. Mit Fahrzeugauslieferung sollte es zu tun haben, denn die VWs wurden ja direkt nebenan im Werk produziert. Ein Automobilmuseum wäre auch nicht schlecht, da hätte man auch endlich einen guten Platz für die alten Kisten. Und ein paar ganz neue Ansätze waren sowieso enthalten, als 1996 das Modell der Autostadt präsentiert wurde. Erfolgreich. Zwei Jahre später kamen die Bagger, im Mai 2000 war Eröffnung.

Dass die Autostadt über zehn Jahre später ein gigantisches Erfolgsmodell ist, wurmt nur die anfänglichen Bedenkenträger und liegt auch an den Partnern, die von Anfang an dabei waren, zum Beispiel The Ritz-Carlton. Der weltweit agierende Luxushotellerie-Konzern investierte in ein komplett neues Haus, das – mutiger, ja visionärer Standortwahl sei Dank – visà-vis der vier imposanten Schornsteine des VW-Kraftwerks liegt, das Ferdinand Porsche, der VW-Käfer-Erfinder, 1939 in Betrieb genommen hatte und dessen Abwärme heute den in einem Seitenbecken des Mittellandkanals schwimmenden 40 Meter langen Außenpool des Hotels wohl temperiert. Nebenbei versorgt es zudem ganz zweckgemäß Wolfsburg, die Autostadt und das VW-Werk mit Strom und Wärme. Allen Unkenrufen zum Trotz gehört das Hotel heute zu den besten in Deutschland, hat ständig höchste Auslastungen und – was sicher dazu beiträgt – den 3-Sterne-Koch Sven Elverfeld im Restaurant Aqua, der diesem bereits höchste kulinarische Weihen beschert hat.

Natürlich dreht sich in der Autostadt fast alles ums Auto. Doch die ständig wechselnden Perspektiven darauf machen Spaß und füllen Marketingfloskeln wie Nachhaltigkeit und Umwelt mit echten Inhalten, die trotz allen Designs glaubwürdig und unterhaltsam rüberkommen. Marken von VW, zum Beispiel weltliche wie Škoda und Seat, aber auch geistige wie Lamborghini und Audi, haben eigene moderne Pavillons, die den besonderen Charakter der jeweiligen Marke mit bis ins Detail durchdachten Installationen kunstvoll in Szene setzen. Und die Macher leisten sich Verzicht. Auf Werbung. Keine Spots, keine Plakate, keine Dauerbeschallung, man hat ja auch ein Heimspiel. Stattdessen wird im Zeithaus die Geschichte der Modernisierung des Autos – komplett markenunabhängig – präsentiert. Da steht die Göttin – die DS – von Citroën neben der mehr als 5 Millionen Mal verkauften Ente gleicher Provenienz, der BMW neben dem Cadillac. Und ein paar besonders schön lackierte VWs gibt es natürlich auch. Das ist norddeutsche Souveränität.

Widdewiddewitt bum bum...

Und was in erster Linie der Marke Volkswagen zu Gute kommen sollte, ist gleichzeitig wohl die größte Investition in den Standort Wolfsburg gewesen. Zehn Jahre nach der Eröffnung haben schon mehr als 20 Millionen Menschen die Autostadt besucht und sicher kaum einen Unterschied zwischen der Autostadt und dem Rest von Wolfsburg gemacht. VW hat das Image von Wolfsburg verändert. Genauso wie die Fahrzeuge immer windschnittiger und moderner werden, hat Wolfsburg seine Unscheinbarkeit verloren, ja, ist – trotz Retortengeburt – sogar auffällig attraktiv geworden und unter den deutschen Großstädten eine junge Wilde. Wolfsburg ist erwachsen geworden, in nur zehn Jahren. Aber noch nicht fertig. Das hässliche Entlein war eben immer schon ein Schwan, was nur niemand erkannte, vor allem es selbst nicht, und es ist noch nicht absehbar, was Wolfsburg eines Tages noch sein kann.

Jedenfalls hat die Autostadt Mut gemacht. Auf der anderen Seite des Kanals, nur einen Brückengang entfernt, ist das phæno, ein wirklich sensationelles Wissenschaftsmuseum, entstanden, daneben Outlets, wo preisbewusste Smart-Shopper ihre neuen Autos randvoll mit vergünstigter, nicht mehr ganz aktueller Designerware laden können. Und nicht weit davon ist unter dem Motto „Alles in Bewegung“ der Allerpark aus dem Boden gestampft worden, 130 Hektar mit Volkswagen-Arena, Badelandschaft en, Klettergärten und Freizeitangeboten, die Couchpotatoes der übelsten Sorte auf die Beine bringen. Sogar Segeln kann man dort. Das Motto passt darüber hinaus zur Stadt und auch zu dem inzwischen international etablierten Tanz- und Kulturfestival Movimentos, das – man ahnt es – von der Autostadt ins Leben gerufen wurde. So schön kann Markenbindung sein.

Nun ist das alles nicht uneigennützig, die Mutter, der Konzern, VW, macht sich – frei nach Pippi Langstrumpf – die Stadt, wie sie ihr gefällt. Aber das ist ja auch ganz legitim, leben die VWler doch in Wolfsburg. Nur der Bahnhof, den könnte mal wieder jemand auf Vordermann bringen.

-----------------------------------------------------
Text: Fritz Vossiek
Fotos: Autostadt/Rainer Jensen und The Ritz Carlton/Ralf Tooten

Quelle: www.sehnsuchtdeutschland.com (20.11.2017)