Nie werde ich es vergessen, Januar 1990, mein erster Besuch in Ulrichshusen. Wie viele andere Familien wurde auch unsere 1945 enteignet. Nun kamen wir zurück. Nach Ulrichshusen, das älteste Haus der Familie. Aber das Schloss war 1987 abgebrannt, ein Trümmerhaufen und mein Vater stand mittendrin. Dann wurde er getroffen. Nicht vom Schlag, sondern von einer Eule, die ihm direkt auf die Schulter gesch…en hatte. Wir Kinder und mein Vater nahmen es mit Humor. Ein Wink des Himmels, sagte er und beschloss, Ulrichshusen wieder aufzubauen.
Die ganze Familie hatte sich aufgemacht, nicht ahnend, was uns erwarten würde. Ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise. Mit Reiseführern aus der Vorkriegszeit. Doch was meine 1945 geflohene Großmutter von ihrer geliebten Heimat in Erinnerung hatte, hatte nichts mit dem zu tun, was sich unseren Augen jetzt bot. Kaum ein Baum stand noch an derselben Stelle, von Steinen nicht zu sprechen.
„Guckt mal den Giebel an! Der hat eine ganz typische Form. Renaissance!“, erklärte unsere Mutter. „Renääähhssonsss“, wiederholte ich. Das ist 20 Jahre her, damals war ich acht Jahre alt. Dass wir fortan jahrelang unsere Ferien als Abenteuerurlaub im Stück „Rückkehr und Wiederaufbau“ hier verbringen würden, ahnten wir nicht. Mein Vater kaufte eine Holzhütte im Baumarkt und platzierte sie direkt unter der alten Eiche auf dem Schlosshügel. 24 qm, vier Bewohner, vier Matratzen, ein Hund und später auch noch meine Großmutter samt Klappbett. „Wer niemals in einer Hütte gelebt hat, weiß das Schlossleben nicht zu schätzen!“, sagte sie.
Die Hütte war die erste Investition, nachdem wir 1993 den Zuschlag für Ulrichshusen bekamen. Die zweite war ein 15 Meter hoher Baukran. Die nächsten Jahre standen im Zeichen des Aufbaus. Ich erinnere die Bauplanungs-sitzungen in unserer Hütte, meinen Vater im Blaumann in der Ruine oder auf dem Bock eines Radladers im Park. Und meine Mutter, wie sie aus der kleinen Feldküche unserer Hütte die vielen Helfer versorgte. Allein das Aufräumen der Brandschäden dauerte ein Jahr.
Mit Unterstützung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Deutschen Stiftung Denkmal-schutz sowie ständig hoch gekrempelten Ärmeln kämpften meine Eltern für die Vision eines wieder aufgebauten, prächtigen Ulrichshusens. Im Dreißigjährigen Krieg war das Haus schon einmal abgebrannt. Und wieder aufgebaut worden von unserem Vorfahren Bernd-Ludolph von Maltzahn, Wallensteins Quartiermeister. Gebraucht hat er damals zwei Jahre, wir sollten sieben brauchen. Doch noch in Ruinen fand die alte Gutsanlage 1994 ihre neue Bestimmung: Ulrichshusen würde auf Jahre der Mittelpunkt der Festspiele Mecklenburg-Vorpommerns werden.
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