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Sehnsucht Deutschland - Film
©Peter von Felbert

Sagenhafter Ausblick: Felsformationen Katzenstein und Nonnenfelsen

Erzgebirge - ein entspanntes Mädelswochenende

Höhenmeter. Nebel. Tritt in die Pedale. Ein entspanntes Mädelswochenende sieht anders aus! Aber wo sich Hunderte erhabene Kilometer Radweg zwischen Deutschland und der Tschechien schlängeln, muss es doch Verschnaufspausen geben, für die sich das Ganze lohnt. Und siehe da: Im Auf und Ab zwischen Sachsen und Böhmen führen die Wege zu jahrhundertealten Handwerkstraditionen und dem Glück an der Küchenfront.

Text: SD Redaktion (Karin Lochner)

Fotos: ©Peter von Felbert

MÄDELSTOUR INS ERZGEBIRGE

©Peter von Felbert

Handwerkskunst im Erzgebirge: Nussminiaturen

Die meisten Radler fahren bei ihren Touren durch das Erzgebirge auf den 1215 Metern hohen Fichtelberg, den höchsten Berg des deutschen Gebirgsteils. Meine Freundin Charlotte und ich steigen hingegen 500 Meter tiefer rastend von unseren Drahteseln und blicken ins wildromantische Schwarzwassertal. Ich umarme die Kameradin aus Kindertagen. Glückauf, wünschen wir uns nach Erzgebirgs-Sitte - auch wenn der allgegenwärtige Gruß der Bergleute den Weg hinunter in den Berg markierte, statt wie bei uns die Tagesetappe und unser kleines Gipfelglück.
Wir beide wollten fünf Tage weg von daheim, von den Ehemännern, den Kindern, den Haustieren. Mal den Alltag, das hektische Karussell aus Terminen und Pflichten hinter uns lassen. Kraft schöpfen in einer Mädelswoche. Wie früher. Ideal, dass wir uns auf das Erzgebirge einigten. Dabei wehrte ich mich anfangs mit Händen und Füßen. "Keine Sorge", beruhigt Charlotte mich, "ist ja nicht Himalaya, sondern ein deutsches Mittelgebirge."

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Und was für eins. Wir sehen, dass die Hügel um unsere erste Station, die frühere Silberstadt Freiberg von so vielen Wegen und Furchen durchzogen sind, dass es uns schwerfällt, eine Route auszuwählen. Das liegt sicher auch an den vielen emsigen Studenten, die den Freizeitwert der Stadt schätzen. Doch das Erzgebirge ist außerhalb von Studentenkreisen und der Adventszeit noch ein Geheimtipp. Die südliche Urlaubsregion Sachsens grenzt an Tschechien und - darin gelegen - das Sudetenland. Es ist ein eher unscheinbarer Winkel Sachsens, das doch an Spektakulärem so reich ist. Das Erzgebirge ist nicht aufregend wie das Elbsandsteingebirge oder pittoresk wie die Filmkulissenstadt Görlitz. Im Erzgebirge reihen sich beschauliche Berggipfel an wellige Hügel, überzogen von nebelverhangenen Wäldern.

DAS GEFÜHLTE ENDE DER WELT
Nach dem Zweitem Weltkrieg fiel das Grenzland in einen tiefen Dornröschenschlaf. Bis 1989 war der eiserne Vorhang und die Nachkriegswunde „Sudetenland“ eine unüberwindbare Barriere. Hier war das gefühlte Ende der Welt. Durch die jahrzehntelange Abgeschiedenheit wirkt die Gegend heute, als warte sie darauf, wachgeküsst zu werden. Das Erzgebirge hat jedoch beachtliche historische Höhenflüge auf dem Buckel: Ob Kreuzzüge, Dreißigjähriger Krieg, Deutsches Reich, Zweiter Weltkrieg: es war immer mitten drin. Die Hauptstadt Freiberg war einst sogar Sachsens reichste Stadt. Das lag am Silber, dem Zinn und den Erzen, die ihre Bewohner dem Erdinneren abzuringen vermochten. Die Region hat Jahrhunderte lang zum Glanz der sächsischen Höfe beigetragen, ohne selbst etwas abzubekommen. Was anderswo als Goldrausch bezeichnet wurde, heißt im Erzgebirge „Berggeschrey“ und lockte 800 Jahre lang Zigtausende Menschen an. Heute unvorstellbar. Dabei muss sich die Gegend beileibe nicht verstecken. Mit neuem Selbstbewusstsein strebt man nun sogar UNESCO-Kulturerbe-Status für die einzigartigen Industriedenkmäler an. Die Zechen finden sich an vielen Ortsrändern und sind die stillen Wahrzeichen des Landstrichs. Jede Epoche hinterließ Spuren, in denen es sich wie in ein lebendiges Geschichtsbuch abtauchen lässt. Im wahren Wortsinn.

Fährt man ratternd im Käfigaufzug in einen Besucherstollen ein, öffnet sich das Innenleben wie eine düstere Zeitmaschine noch weit in den tiefen Bauch des Erdbodens, manchmal kilometerweit. Wie in Freiberg, wo ein verwinkeltes Röhrensystem eine Stadt unter der Stadt darstellt und als Lehrbergwerk für Studiengänge der Bergakademie genutzt wird. In einer Führung lassen wir uns von einem pensionierten Bergmann seinen harten Berufsalltag unter Tage erklären. Wie ein Schweizer Käse sei die Unterwelt seiner Heimatstadt, sinniert er.
Nicht nur die unterirdischen Wege sind bemerkenswert. Auch die Radtouren durch die stillen Wälder. Es ist eine Landschaft, die sich nicht aufdrängt, sondern allmählich erschließt. In den Talsenken und an den Hügelspitzen finden Wildschweine, Hirsche und Rehe ideale Lebensbedingungen. Immer wieder sehen wir Wildhasen in den Feldern übermütige Haken schlagen und Rehe am Waldrand stehen.

OFEN BULLERT, KATZE SCHNURRT
Die malerischen Hügel locken uns am nächsten Morgen nach Seiffen. Auf einer Fläche von sieben Hektar können wir im Freilichtmuseum 14 historische Dorfgebäude besichtigen, wieder aufgebaut und zu einem Dorfensemble zusammen gefügt. Das Areal ist ein restauratorisches Gesamtkunstwerk. In der Reifendreherwerkstatt von 1760 zeigt Dirk Weber die damals innovative Technik. Nur noch wenige beherrschen das typisch Seiffener Handwerk, das Anfang des 19. Jahrhundert aufkam. Dabei wird ein gedrechselter Reifen in Dutzende Scheiben zerteilt. Erst dann werden die Querschnitte von Tieren, Engeln oder Bergmännern sichtbar. Reifendrehen erfordert abstraktes Denkvermögen und enorme Geschicklichkeit. Damit konnte schnell und viel produziert werden konnte: Nach kurzer Bearbeitung mit dem Schnitzmesser war die gewünschte Figur fertig.

Gern stellt man sich vor, wie der erzgebirgische Bergmann in seiner Freizeit gebastelt, geschnitzt und gedrechselt hat und in diesen schöpferischen Mußestunden die einmalige Spielzeugkunst entstand, für die die Gegend international berühmt wurde. Es war jedoch wirtschaftliche Not. Durch das Auf und Ab des Zinn-Weltmarktpreises, wandten sich die Bergleute dem heimischen Werkstoff Holz zu und wurden die Billiglöhner für Händler von Augsburg bis Venedig. Anfänglich als Zweitberuf, sicherte das Kunsthandwerk das Überleben. Die ganze Familie konnte dabei mithelfen und körbeweise Spielsachen produzieren.

Auch in der Werkstatt von Friedmar Gernegroß wirkt es, als wäre die Zeit stehen geblieben, wenn er seine kleinen Kunstwerke in seinem Großelternhaus in Dorfchemnitz drechselt. Seine filigranen Figuren sind Szenen in Walnussschalen. Kaum zu glauben, dass eine Weihnachtspyramide hinein passt und sich sogar noch dreht. Friedmar Gernegroß fertigt fingernagelgroße Blumen, Pilze, Säulen und Engel voll inniger Konzentration. Seine Frau und eine Mitarbeiterin setzen die Einzelteile später in der Nussschale mit Pinzetten zusammen. In der Ecke bullert der Holzofen, auf dem Sofa schnurrt eine Katze. „Gernegroß“ hört sich nach Künstlernamen an, ist jedoch der echte Familienname der Werkstatt in dritter Generation. Charlotte und ich sind verzaubert von den Begegnungen mit den liebenswerten Originalen. Daheim hatten wir unsere Familienauszeit so hart erkämpft, jetzt, kurz vor der Heimreise, sind wir bereit, unsere zukünftig geplanten Mädelswochen aufzugeben. Besser gesagt, sie zu erweitern. Meine Freundin will ihren Mann ins Erzgebirge bringen. Er ist ein passionierter Bastler und wäre von Friedmar Gernegroß' Können hingerissen. Er könnte sich außerdem beim Training austoben.
Wir haben die Schilder „Stoneman“ und die schwitzenden Radfahrer auf diesen anspruchsvollen Trail gesehen. Der Rundweg Stoneman ist ein Highlight für Mountainbiker aus der ganzen Welt. Wir sind immer mal einen Teilabschnitt geradelt. Der 162 Kilometerlange Rundweg ist eine schlammintensive Herausforderung, auf dem sich die Radler teilweise durchs Gelände schlagen. Er ringt uns höchsten Respekt ab. Dafür gibt es Gold für den, der die Strecke an einem Tag bewältigt - oder Silber und Bronze für zwei oder drei Tage.

Ich selbst bin noch weit von solchen Leistungen entfernt. Doch jeder kann im Erzgebirge glücklich werden. Die Frischlinge, die es moderat ansteigend bevorzugen und immer wieder Halt machen wollen, um z.B. eine Handwerksstätte zu besuchen oder ins Bergwerk einzufahren, aber auch ein Profi, der die Überwindung von insgesamt 4400 Höhenmetern beim steten Auf und Ab nicht scheut. Sie finden hier ihr Glück.

Radeln oder Wandern? Am vorletzten Tag sind wir ein wenig platt und wollen uns verwöhnen lassen. Bei einem Besuch im ältesten Gasthof Bärensteins, einem Ort nahe dem Wintersportparadies Oberwiesenthal. Kräutertöpfe stehen beim Landgasthof zur Fichte vor dem Eingang. Die Wirtin wischt ihre Hände an der Schürze ab und begrüßt uns mit Handschlag. Sie habe ihre Hobbys Kochen und Dekorieren zum Beruf gemacht, verkündet sie mit einem Lächeln. Im Holzofen knistern die Scheite, auf den Tischen recken die Wiesenblumen in den Vasen ihre Köpfchen nach oben. Im Hintergrund fährt ein Spielzeugzug als Schnapsexpress an jeden Gästetisch. Dass die Bauingenieurin Constanze Sauer ihrer Heimatstadt Chemnitz den Rücken kehrte, um hier gemeinsam mit ihrem Mann den Landgasthof zu betreiben, hat sie nie bedauert. Das Erzgebirge sei eine Schönheit auf den zweiten Blick, sagen die Eheleute. Die Gastgeberin serviert Marillenknödel - Einflüsse der königlich-kaiserlichen Küchenkunst. Alles auf ihrer Speisekarte ist selbst gemacht. Auch Wurst und Fleisch kommen von regionalen Erzeugern, das Gemüse vom Markt. Die Kräuter holt sie vor der Haustür. Frischer geht‘s nicht.

EINMAL IST KEINMAL
An nächsten Tag sieht die Stadt Annaberg im zarten Sonnenlicht noch schöner aus. Beim Abschied kommt Wehmut auf, die so gut hierher, in dieses raue Klima passt. Unsere Ferien im Erzgebirge waren Unsummen kleiner Freuden, die die Tage durchsetzten wie die Speckwürfel einen fluffigen „Buttermilchgetzen“ - ein köstliches Kartoffel-Gericht der Bergleute. Das nächste Mal werden wir mit unseren Familien zurückkehren. Es ist dann halt nicht mehr unsere Mädelswoche. Charlotte, praktisch veranlagt, meint, am besten kämen wir zwei Mal im Jahr ins Erzgebirge. Mal mit, mal ohne Familie. Darauf stoßen an. Auf dem Marktplatz von Annaberg verglühen die warmen Sonnenstrahlen. Die Schatten auf dem Kopfsteinpflaster verlieren bereits ihre scharfen Konturen an die Dämmerung. Beim Zuprosten zaubert das filmreife Abendrot ein bernsteinfarbenes Leuchten in unsere Gläser, bevor die Sonne hinter dem Kirchturm der St. Annenkirche verschwindet. Dann und wann kann das Erzgebirge also doch spektakulär sein.

TIPPS

FRÜHER WAR SCHÖNER?
Ein kleines Stück zurück in der Zeit geht es mit unseren Lieblingsstationen im Erzgebirge: von Vollbier, Figuren und vergangenem Reichtum


Familienbetrieb
Hier lässt sich der bewegten Unternehmensgeschichte und dem großen kunsthandwerklichen Können der Holzfigurenmanufaktur über die Schulter schauen.
wendt-kuehn.de

Reiche Zeche
Mühen und technische Meisterleistungen unserer Vorfahren aus dem 14. Bis 20. Jahrhundert erfahren.
besucherbergwerk-freiberg.de

Trinkwerk
Eigens für den Brauhof wird das „Freiberger Kellerbier“, ein unfiltriertes helles Vollbier, gebraut. Ab in die Schankstube
brauhof-freiberg.de

Rad für Tretfaule
Alle Radliebhaber, die ein Leihrad für ihren Urlaub brauchen, sind bei Stefan Weinhold richtig. Besonders der, der sich von ganz leise surrenden Elektromotoren unterstützen lassen möchte
radsport-weinhold.de

Auf der Mauer
Die prächtigen Burgen und Schlösser zeugen von vergangenem, stolzem Reichtum. Und das kann man auf Schloss Augustusburg, der Burg Scharfenstein und im Schloss & Park Lichtenwalde auch heute noch sehr gut nachvollziehen.
die-sehenswerten-drei.de

Blick ins Böhmische
Landgasthof zur Fichte, das älteste Gasthaus Bärensteins – aber zum Glück nicht die Küche: Die Gerichte der Chefin sind zum Niederknien!
landgasthof-zur-fichte.de

Für Zugliebhaber
Gaststube, Ferienwohnungen und Zimmer erster sowie zweiter Klasse. Und das alles ist auch noch in ehemaligen Zugwaggons untergebracht.
wolkensteiner-zughotel.de

Eindrucksvoll
Freiberger Dom mit Tulpenkanzel, goldener Pforte und Orgel.
freiberger-dom.de


Sie möchten auch das Erzgebirge bereisen? Weitere Infos erhalten Sie beim Tourismusverband unter:

Tourismusverband Erzgebirge e.V.
Adam Ries-Straße 16
09456 Annaberg-Buchholz

Tel.: 03733-18800-0
Fax: 03733-18800-20
info@erzgebirge-tourismus.de
www.erzgebirge-tourismus.de

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