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Sehnsucht Deutschland - Film
Auf keinen Wein an der Saar

Nachgefragt - Interview mit Günther Jauch

Ende letzten Jahres hat Günther Jauch Schluss gemacht. Mit Günther Jauch, seiner sonntäglichen Talkrunde in der ARD. Jetzt hat er mehr Zeit, sich seiner Herzensangelegenheit zu widmen: dem Weingut von Othegraven an der Saar

Text: David Pohle

Fotos: René Supper, www.renesupper.com

Hitzige Debatte? Eher erfrischendes Gespräch mit dem sonst eher interviewscheuen Herrn Jauch

Hitzige Debatte? Eher erfrischendes Gespräch mit dem sonst eher interviewscheuen Herrn Jauch

Wir sind eine halbe Stunde zu früh, Jauch ist schon da. Gelber Pullover, lässig unrasiert, Jeans und schmale 1,88 Meter groß. Es ist die letzte Woche seines Sommerurlaubs, er ist gerade erst angekommen. Flieger nach Saarbrücken, weiter mit der Bahn, die eine Stunde später zwischen seinem Gut und den Othegraven-Weinbergen durchfährt, um ein paar hundert Meter später in Kanzem, so die offizielle Adresse, aber noch vor Filzen (!) zu halten. Man spürt, hier ist nicht der Nabel der Welt. Ein Bahnhof, eher eine Haltestelle wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“, nur nicht so bedrohlich. Trier ist 15 Autominuten entfernt, Luxemburg eine Stunde, der malerische Altarm der Saar fließt direkt am Gut vorbei, 7 Kilometerweiter mündet die Saar bei Konz in die Mosel. Wir befinden uns in Rheinland-Pfalz. Eigentlich lebt Jauch in Potsdam, arbeitet viel in Berlin. Jetzt ist er immer öfter hier. In der schönen Provinz.

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Jauch begrüßt uns, guter Händedruck, freundlicher Blick in die Augen, geht mit uns und Andreas Barth, seinem Kellermeister, in den parkähnlichen Garten hinter dem denkmalgeschützten Herrenhaus, in dem mächtige, höchst exotische Bäume teilweise seit Jahrhunderten vor sich hin wachsen, als Setzlinge und Samen einst Mitbringsel und Testballons früherer Generationen. Smalltalk, den Blick lässt er unauffällig schweifen, wie eine Mutter, die ein Wochenende verreist war und prüft, ob ihre halbwüchsigen Kinder nicht Spuren einer Party hinterlassen haben.

Herr Jauch, warum sind Sie hier?

Zufall und wohl ein bisschen Schicksal. Als Kind habe ich hiergespielt, wenn ich meinen Großonkel Max besucht habe. Spätergab es keine Verbindung mehr an die Saar, bis ich beiläufig in Berlin hörte, das das Weingut von Othegraven zum Verkauf stünde.

Und dann haben Sie es einfach gekauft?

Nein, nein, es gab nur zwei Möglichkeiten: richtig machen oder Finger weg. Ich habe mich für das große Abenteuer entschieden, jahrelang mich und das Gut geprüft, betriebswirtschaftlich und auch emotional. Und dann haben wir es gekauft. Jetzt ist das Gut in der siebten Generation in Familienhand.

Jauchs Großmutter war eine geborene von Othegraven. Als sie starb, übernahm ihr Bruder Max, Jauchs Großonkel, das Gut. Da er selbstkinderlos war, übergab er das Weingut an seine Nichte Heidi Kegel. Von ihr kaufte Jauch das Weingut im Jahr 2010.

Fühlen Sie sich denn als Winzer?

Nein, das muss man im Blut haben, und dafür hätte ich hieraufwachsen oder Weinbau studieren müssen.

Weingutbesitzer passt besser?

(Jauch windet sich) Ich hatte mal einen Österreicher hier, der hat gefragt (verfällt in österreichische Mundart): „Sans jetzt a Latifundist, Herr Jauch?“ Das hörte sich komisch, aber nicht gut an.

Und, was sind Sie dann?

Ich bin eher der Typ, der aus sentimentalen Gründen ein Weingut gekauft hat, um Tradition mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit fortzuführen. Schwierig genug. Früher, in einer Zeit, als hier mit 1 % der produzierten Menge 100 % aller Kosten gedeckt wurden, waren die Zeiten goldener.

Und heute?

Produzieren wir 100 000 Flaschen im Jahr. Wussten Sie, dass 95 % aller in Deutschland getrunkenen Weine unter 5 Euro liegen und dass Aldi der größte Weinhändler ist? Von Othegraven gehört zu den anderen 5 %, unsere Preise beginnen ab 10 Euro. Da wird der Markt schon enger.

4 Tage frei in Deutschland, was machen Sie?

Mir Unbekanntes erkunden, Görlitz (Sachsen) steht auf dem Zettel. Auch die Buchenwälder von Grumsin und das Oderbruch(beide Brandenburg) sind Sehnsuchtsorte für mich. Dann die Völkinger Hütte bei Saarbrücken, da fahre ich oft vorbei, nachts, blutrot angestrahlt, wie ein verrosteter Riesensaurier. Am liebsten mit meiner Frau, die hat viel Sinn und Interesse an solchen Touren.

Was sollte ein ausländischer Gast denn erleben?

Immer wenn ich im Ausland bin, bekomme ich noch mehr Sinn für die Vielfalt bei uns. Er sollte daher ein Gefühl bekommen für die Berge, die Meere, einsame Strände, auch die Großstadt – eher Berlin als München. Und an die Saar könnte er auch mal kommen.

Die Inspektion läuft weiter. Jauch scheint zufrieden. Dank Maulwurfsgitter bleiben deren Hügel aus, die noch zerstörerischen Wildschweine haben sich woanders ausgetobt. Aber Fridolin fehlt. Jauch entdeckt ihn über einer Wurzel hängend, befreit ihn mit sanftem Kick und freut sich, dass der kleine Mähroboter nur scheinbar konzeptionslos die Arbeit wieder aufnimmt. Die Feigen, die vertrocknet wie die Hodensäcke sehr alter Männer aussehen, sind nicht geerntet worden. Vielleicht deshalb.

Sind Sie selbst im Weinberg?

Eher nicht. Natürlich weiß ich, wie das geht. Aber am Telefon, im Büro und in der Vermarktung, da kann ich wirklich was bewegen. Wenn ich zur Lese im Weinberg bin, störe ich eigentlich nur. Unsere Erntehelfer lachen sich tot, wenn ich loslege.

Vermarktung?

Als alle Welt hörte, der Jauch kauft sich ein Weingut, gab es sofort viele schulterklopfende Experten. Einer schlug vor, unsere Rieslinge unter dem Label „Millionärswein“ zu verkaufen. So ein Quatsch. Wir leben den bodenständigen Dreiklang von Tradition, Weinberg und Saar. Heraus kommen entsprechend gute Rieslinge.

Was ist das Geheimnis Ihrer Weine?

Steile Südhänge, rauer Schieferboden, perfektes Klima und mit Andreas Barth ein Mann, der daraus das Beste machen kann. Er hat mich überzeugt, dass Wein Ruhe braucht, reifen muss, solang es eben dauert und dass man der Natur freie Bahn lässt. Und so muss man ihn auch trinken: mit Zeit und Respekt vor der Natur und dem Wein. Der Altenberg ist die längste, ununterbrochene Steilstlage, eine monumentale Steilwand. Nach Bewirtschaftungsfaktoren ein spektakuläres Monster, ergänzt Andreas Barth.

„Günther Jauch“ (die sonntägliche Talkshow in der ARD wurde im November eingestellt) gibt es ja nicht mehr, das hat mich sehr gebunden, ab mittwochs hatte ich keine Zeit für irgendetwas mehr, allgemein war und ist mein Leben sehr verplant. Per Handschlagvertrag mache ich noch ”Wer wird Millionär?“ (WWM) – seit 16Jahren übrigens – und wenn die Zuschauer, RTL oder ich irgendwann nicht mehr wollen, hört das auch auf. Neue Sachen suche ich jedenfalls aktiv nicht.

Die Frage nach einem Lebensplan winkt er amüsiert ab. Es würde eh immer anders kommen, und Brüche seien Teil des Lebens.

Trinken Sie eigentlich Bier?

Klar, seitdem ich 30 Jahre alt bin. Mit Hefeweizen wurde ich im Augustiner-Keller von München während meiner Zeit beim Radio sozialisiert. Bis dahin hatte ich nur Florida-Boy-Limo getrunken.

Inzwischen haben wir das Herrenhaus erreicht. Jauch erzählt, dass die Erntehelfer alle hier im Haus wohnen, dass es um gelebten Team-gedanken geht – oder sprach er von großer Familie? Die Tischtennisplatte überrascht ihn. Neu? Andreas Barth lächelt milde.

Und wem Ihre Weine nicht schmecken?

Das ist mir egal, Wein ist Geschmackssache. Wie ein Baustil oder ein Autodesign. Manche wollen nur Grauburgunder, andere nur die Tanninbomben aus Übersee.

Warum leben Sie in Potsdam?

Als ich erstmals da war, war es verfallen, kaputt, da musste man einen zweiten Blick für Schönheit haben, für die tolle Landschaft, für das, was entstehen kann. Den hatte ich. Jetzt ist alles im Schnelldurchgang von 25 Jahren aufgebaut worden, das Holländische Viertel ist schöner als jemals zuvor. Und trotzdem ist die Stadt wie eine Puppenstube.

Jauch hat ein Leuchten in den Augen, öffnet eine Schuppentür. Dahinter ein uralter Opel, im besonderen Von-Othegraven-Rot lackiert.

Habe ich 18 Monate im Internet beobachtet, keiner wollte den haben. Dann bin ich hin, habe gesagt: „Sie haben bestimmt viele Interessenten.“ Jauch freut sich wie ein kleiner Junge. Ich habe ihn bekommen. Auf dem Weg von Berlin hierher ist er uns in den Kasseler Bergen verreckt. Jetzt repräsentiert der alte Herr das Gut und darf höchstens 100 Kilometer am Tag fahren.

Wo und vor allem wie finden Sie die Zeit, sich dem Weinguternsthaft zu widmen?

Wir steigen ein paar Stufen hinab, Jauch begeistert sich für die Schimmelpilzkulturen an den Kellerdecken.

Als ich erstmals hier runter kam, dachte ich, man müsse hier mal ordentlich mit dem Kärcher durch. Heute weiß ich, wie wichtig die Kulturen für unsere Weine sind.

Ist das hier Provinz?

Das kann man wohl sagen. Wir sind ab vom Schuss. Heute weiß doch keiner, wo die Saar ist. Nur im Saarland? Im Dumont-Reiseführer ”Mosel“ kommt die Saar überhaupt nicht vor, obwohl wir als Weinanbaugebiet seit 2007 zur Mosel gehören. Leute fliegen heute irgendwo hin und wollen doch nicht wissen, wo genau sie dann sind. Ich habe früher Stadt-Land-Fluss gespielt, wer was wusste, sah gut aus. Und bis heute interessiert mich, wo ich bin.

Und wie sind die Leute so?

Anders als in der Stadt. Gut anders. Ich habe eine Handvoll Nachbarn, viele Winzer, die ich nachts um 4 Uhr um Hilfe bitten könnte. Die wären alle sofort da, helfen mit Mensch und Maschine. Andersrum gilt das natürlich auch. So ist das hier. Wenn zum Beispiel die jungen Weine verkostet werden, sind sie alle da. Und wenn dann gegenseitig gefrotzelt und gepiekst wird, dann weiß der Ansässige, dass die Stimmung bombig ist und sich alle liebhaben.

Inzwischen sitzen wir an einem langen Tisch im Haus. An den Wänden hängen einige Ahnen. Jauch hat alle Zeit der Welt, sein Telefon ist aus.

Ist das, beziehungsweise, was ist Glück für Sie?

Glück? Die Antwort ersparen Sie mir lieber, das hat dann so den Anflug eines schockierenden Geständnisses. Und meine Frau liest es dann und sagt stirnrunzelnd, dass sie das gar nicht wusste …

Apropos nicht wissen, ist da Erotik im Wein?

Na ja, ein Weingut beflügelt die Fantasie der Gesprächspartner und hat durchaus mehr Erotik als eine Schrauben- oder Sockenfabrik. Wobei Erotik wohl eher Interesse ist.

Ihr Leibgericht?

Gern Leber. Klassisch mit Kartoffelpüree oder Salbei, Leberwurst mag ich aber nicht.

Und was noch nicht?

Sülze, Aspik. Und nix gegen Austern, ich weiß nicht mal, wie die schmecken, will das aber auch nicht rausfinden.

Hand aufs Herz. Kennen Sie die richtigen Antworten bei WWM?

Nein, kenne ich nicht. Erst wenn die Antwort unumstößlich ist, leuchtet ein Lämpchen: Grün ist für richtig, Rot ist falsch.

Und wie sind die Kandidaten so?

Das ist wie Gottes großer Zoo, alles ist schon dagewesen und vorgekommen. Da passieren Dinge, die kann man sich einfach nicht ausdenken. Schlimm sind die Entscheidungslahmen, die nicht zu Potte kommen. Dann wird es langweilig.

Mitleid?

Mal ja, mal nein, die Sendung ist eben hart, aber ungerecht.

Die vorletzte Ausgabe SEHNSUCHT DEUTSCHLAND liegt auf dem Tisch, Potsdam war Titelthema. Jauch blättert sofort, liest quer, stellt fest, dass man für eine Runde um den Heiligen See keine Stunde braucht, so wie von unserer Autorin beschrieben. Sogar er brauche nur eine halbe, wenn er einmal drum herum laufe.

Aber machen Sie mich nicht zum Fitnessguru. Das bin ich nicht.

Am 13. Juli 2016 wird der Mann 60 Jahre alt. Die Frage, ob wir uns den Termin für eine Party freihalten sollen, lächelt er weg. So kommen wir zum Ende. Wir danken für das lange, interessante Gespräch, als Jauch auffällt, dass er uns nichts angeboten hat.

Oh, mein Gott, wollen Sie etwas trinken? Wenn das meine Frau erfährt. Wasser? Ein Glas Wein? Bitte trinken Sie doch noch etwas.

Wir lehnen dankend ab, das Gespräch war erfrischend genug.

Weingut von Othegraven

Das Weingut – ausschließlich Riesling – ist von Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet, Verkostungen möglich, Weinverkauf. Mit Voranmeldung können auch am Samstag Gruppen ab 6 Personen zur klassischen Weinprobe kommen. Der Preis liegt bei 20 Euro pro Person. Weingut Von Othegraven, Weinstraße 1, 54441 Kanzem, Telefon: 06501/15 00 42,
www.von-othegraven.de

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