Fenster schliessen
Sehnsucht Deutschland - Film

48 Stunden Potsdam

„Ich fühl’ mich so leer, ich fühl’ mich Brandenburg“, sang Rainald Grebe. Das pralle Leben hingegen findet Christine Dohler in der schicken Hauptstadt mit dem ruppigen Charme – und sogar etwas, das sie an Zuhause erinnert.

Text: Christine Dohler

Fotos: Nanine Renninger

Berlins kleine Schwester

Foto: Nanine Renninger

Für uns im Einsatz: die freie Journalistin Christine Dohler.

So unterschiedlich können Schwestern sein: die eine groß, rotzfrech, Currywurst- Fan, Künstlerin und ständig pleite. Die andere zierlich, elegant, Liebhaberin von bodenständiger Küche, gepflegter Gartenarbeit sowie Kinofilmen und gerne im Porsche unterwegs. Berlin und Potsdam trennte vor der Wende die Mauer, heute ist es nur eine Autostunde, aber gefühlt liegen dazwischen Welten. Fotografin Nanine und ich erkunden 48 Stunden lang die Hauptstadt Brandenburgs, die im Volksmund auch als kleine Schwester Berlins gilt. Wir beide verstehen uns auch wie Schwestern, ich wäre hier die Kleine. Nur ticken wir ähnlich. Wir mögen es lässig, lustig, nicht Schicki-Micki. Berlin kennen wir, doch was macht den Charme der Nachbarin aus? Neben Joop- und Jauch-Villen?

-- Anzeige --



Wir lernen fünf Grund-Charakterzuge kennen:

ERSTENS: LIEBE ZUM GARTNERN

9.15 Uhr Brandenburger Tor

Als wir am Morgen gerade aus unserem Hotel Brandenburger Tor www.hotel-brandenburger-tor.de laufen, da fallen wir der selbst ernannten Blumenfee von Potsdam in die Arme: Ele kommt ursprünglich aus Costa Rica. Weil sie sich in einen Deutschen verliebte, landete sie in Potsdam. Weil sie in Rente ist und Blumen liebt, verschönert sie den Luisenplatz am Brandenburger Tor. Auch Potsdam rühmt sich mit einem Bogen dieses Namens, allerdings im Mini-Format. Der Platz sieht aus wie bei der Landesgartenschau. Dank Ele blüht es sogar unter den Bänken. Dominant: rote Geranien. Kein Hund wagt es mehr, hier sein Geschäft zu hinterlassen. Die betuchten Anwohner spenden das Geld, Ele investiert die Zeit. Schön, aber geleckt. Damit es nicht langweilig wird, kippen Bösewichte nachts mal eine Packung Waschmittel in den Springbrunnen und auf dem Platz schäumt es wie wild. Einen Tag ist der zentrale Ort dann außer Betrieb. Nicht schlimm, denn in Potsdam mangelt es sicher an einem nicht: grünen Orten! An jeder Ecke mäht ein Rasenmäher oder schnippelt jemand im Gebüsch.

11.20 Uhr Sanssouci
Alleine beim Anblick des Plans vom Park Sanssouci tun uns schon die Füße weh. Hier könnte man sicher tagelang spazieren gehen, getrimmte Hecken und Weinberge bestaunen. Wir kraxeln an der berühmten Front-Treppe des Schlosses hoch und besuchen Friedrich den Großen, der hier oben nebst seinen Hunden beerdigt ist. Auf seinem Grab liegen Kartoffeln? Ja, weil er die Knollen in Zeiten der Hungersnot für die Bevölkerung anbauen ließ. „Welcher grüne Fleck in der Stadt ist denn eigentlich noch schön?“, fragen wir drei Hobbygärtnerinnen im Park. Da fliegt uns ruppiger Charme entgegen: „Na, dat müsst ihr schon selber wissen!“
Gut ist, dass man in Potsdam alles erlaufen kann.

13.25 Uhr Freundschaftsinsel
Wir fühlen uns namentlich von der grünen Freundschaftsinsel mitten in der Stadt angezogen. Auf dem Kleinod sprießen Elfenblumen, Goldschalen und lauern nackte Frauen(-statuen) im Gebüsch. Und mittendrin lockt ein kleiner Biergarten www.insel-cafe.com mit Blick auf die Havel. Fühlt sich an wie bei einer Landpartie.

ZWEITENS: NAH AM WASSER GEBAUT

14.30 Uhr Heiliger See

Wer wasserscheu ist, wird sich nicht in die Insel Potsdam verlieben. Hier fließt es überall oder ruht sanft schaukelnd ein See. Der Liebling der Städter: der Heilige See. Glasklar und idyllisch liegt er hier mitten in der Stadt. Deswegen haben sich auch an seinem Rand die Reichen eingenistet. In einer gemütlichen Stunde hat man den See umrundet, heißt es. Wir entscheiden uns aber für etwas mehr Abenteuer und mieten uns ein Floß, mit dem wir rund um die Stadt schippern. Wir könnten auf diesem Holzbrett mit bescheidener Hütte sogar wie mit einem Hausboot Urlaub machen, doch da wir nur so kurz zu Gast sind, leisten wir uns noch Kapitänin Anika, die das 5 PS starke Motorboot für uns zwischen den anderen Schiffen umhersteuert, während wir den Blick schweifen lassen können: Auf Schloss Babelsberg (Sommersitz von Kaiser Wilhelm I.), die Glienicker Brücke (die Verbindung zur Schwester Berlin, bis 1989 verlief in ihrer Mitte die Staatsgrenze), Seerosenfelder und die Speicherstadt.

Okay, wer aus Hamburg kommt, der ist schwer mit anderen Speicherstädten zu beeindrucken. Aber wir finden: Blendet man die Plattenbauten zwischendurch aus, könnte man mit der kleinen Dame Potsdam Welt-Wasserstädte wie Amsterdam überrunden. Allerdings nicht mit unserem lahmen Floß. Das ist für Menschen gebaut, die keinen Bootsführerschein haben und einfach mal in das Fahrgefühl kommen mögen. Hätte die Sonne geschienen, wären wir zwischendurch baden gegangen. So plätschert das Wasser und die blonde, sportliche Mittdreißigerin Anika erklärt uns ihre Liebe zu Potsdam: „Die Stadt ist wie ein guter Mix aus Berlin und einem Brandenburger Dorf.“ Man könne jeden Tag ausgehen, aber auch ruhig am See spazieren. Nur dass hier so viele Leute mit Geld hinziehen, macht die Mieten und Preise nicht gerade attraktiv. Ach ja, und im Winter sei es ein bisschen langweilig, da flieht sie nach Asien, um zu surfen. Hauptsache Wasser!

DRITTENS: BODENSTANDIGER GESCHMACK

17 Uhr Hollandisches Viertel

Potsdam ist auch eine Süße. Hier findet man sogar ein Haus, in dem es ausschließlich deutschen Käsekuchen gibt, im gemütlichen Holländischen Viertel, das aus 134 Ziegelsteinhäusern besteht und im 18. Jahrhundert von einem niederländischen Baumeister errichtet wurde. Heute reihen sich hier kleine Läden und Gastronomie aneinander. Wer es liebt, von Laden zu Laden zu bummeln und zwischendurch in ein Café zu fallen, ist hier genau richtig. Im besagten Käsekuchen-Café Guam stehen nicht Toast oder Eis auf der Karte, sondern wirklich nur Varianten des Klassikers: Mohn, Rhabarber, Spekulatius. 30 Sorten. Der Renner: Florentiner Bienenstich. Der Café-Besitzer hatte schon Angebote aus Singapur und New York, Filialen zu eröffnen, und der hauseigene Tortenbäcker gewann zweimal die offizielle Käsekuchenmeisterschaft von Brandenburg. Wir wissen bald warum: so fluffig, dieser Kuchen!

19 Uhr Spargel und Roulade
Natürlich ist das nicht hip, exotisch oder kalorienarm. Aber wir freuen uns, dass wir hier auf Lokale treffen, die „Speckers Landhaus“, „Der weisse Schwan“ oder „Zur Linde“ heißen und Hausmannskost servieren. Von der großen Schwester Berlin wurde das Bier mit Waldmeister- oder Himbeerbrause in die Speisekarten übernommen („Berliner Weisse“), ansonsten gibt es brandenburgische Rouladen nach Omas Rezept für Nina, für mich Beelitzer Spargel. „Hmm, schmeckt nicht so gut wie bei meiner sächsischen Schwiegermutter“, sagt Nanine, aber isst trotzdem alles auf, weil sie Deftiges liebt. Ich bin mehr die Süße von uns beiden und bestehe auf einen Besuch in der lokalen Schokoladenmanufaktur. Verkaufshit ist eine Büste von Lokalheld Friedrich dem Großen. Egal welche Form, sie schmilzt eh auf der Zunge!

22.30 Uhr Weinberg
Als wir nachts müde ins Hotel fallen, werden wir nochmal in den Garten geschickt. Der freundliche Herr an der Rezeption verrät uns seinen Geheimplatz: eine einsame Bank mitten in einem verwunschenen kleinen Park mit Blick über die ganze Stadt (von der Weinbergstraße die endlose Treppe raufsteigen und oben rechts durch das eiserne Gartentor gehen, das verschlossen aussieht, aber offen ist). Die Liebe, die alle Stadtgärtner in die Natur stecken, strahlt selbst nachts.

VIERTENS: HISTORISCHE FIGUR

10 Uhr Hollandisches Schloss Cecilienhof

Noch frisch im Kopf, machen wir uns an Tag 2 auf in die Vergangenheit. Die Stadt ist ein einziges historisches Vermächtnis, gepflastert mit Erinnerungen und bedeutenden Orten. Aus der Kaiserzeit oder der DDR-Zeit. Ständig gibt es ein Gedenken oder ein Jubiläum zu feiern. Unsere Zeitreise geht ins Jahr 1945. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tagte die Potsdamer Konferenz, bei der die Siegermächte die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen besiegelten. Dazu steuern wir das Schloss Cecilienhof am Ufer des Jungfernsees an. Ursprünglich wurde das Schlösschen unter Kaiser Wilhelm II. für seinen Sohn Kronprinz Wilhelm und dessen Gemahlin Cecilie aus dem Haus Mecklenburg-Schwerin errichtet. Wenn sie gewusst hätten, wer mal auf ihren Stühlen sitzen würde: Stalin, Churchill und Truman. Mit den Zeitzeugen-Berichten aus dem Audioguide am Ohr und dem Blick auf den Konferenztisch wird die Geschichte für uns lebendig. Wir tauchen gebannt ab und bekommen noch nicht einmal mit, dass jemand unseren Regenschirm entwendet.

FUNFTENS: VOLLIG ABGEDREHT

14 Uhr Filmpark Babelsberg

Da werden wir gleich ganz klein: Ohhh, das Sandmännchen! Fuchur, der Drache aus dem Film "Die unendliche Geschichte"! Der Bauwagen aus Löwenzahn! Im Filmpark von Potsdam-Babelsberg trifft man keine Micky Mäuse, sondern die Helden der deutschen Fernsehkultur. Und wir müssen zugeben: Es ist zwar ein klassischer Freizeitpark mit Mott o-Restaurant (Prinz Eisenherz) und Kinderunterhaltung, aber es macht Spaß! Es hat etwas gedauert, bis wir verstanden haben, welche Film-Attraktionen man in Potsdam erleben kann: Also, es gibt einmal das Filmmuseum in der Innenstadt. Dort bekommt man anschaulich erklärt, wie sich die Filmszene in der Stadt entwickelt hat und was hier schon alles produziert wurde.

Dann findet man die Studios im zehn Minuten entfernten Babelsberg, in denen man vorab geführte Touren buchen kann. Je nachdem, was dann da so produziert wird und wie geheim das so ist, darf man Teile der Kulissen besichtigen. Brad Pitt war auch schon hier. Momentan wird zum Beispiel die amerikanische Serie Homeland mit Claire Danes in den Studios gedreht. Streng geheim alles! Wer den Filmpark besucht, kann aber auch an einer kleinen Führung durch einen Teil der Film-studios teilnehmen, die übrigens größer als Hollywood sind! Wir erkunden die Serien-Straße von der RTL-Dauer-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Vorne Häuserfassade, hinten Baugerüst. Toll bei so einer Tour sind ja immer die Anekdoten.

Mein Favorit: Jackie Chan sprang für einen Film 15 Mal von einem Balkon, am Ende brach er sich sogar das Bein. Die Szene gefiel dem Regisseur auch dann noch nicht und sie schaffte es nie in den Film. Außerdem stehen hier noch Überreste von dem Film "The Monuments Men": Militärzelte und ein Jeep, den George Clooney gesteuert hat. Vor seiner Verlobung. Ich setze mich glatt mal auf den Sitz, auf dem einst der Schauspieler saß. Wenigstens das. Wer braucht jetzt noch Hollywood?

19 Uhr Souvenir
Auf der Heimreise verschicke ich mein schönstes Potsdam-Souvenir: das Foto, wie ich auf dem zotteligen Drachen Fuchur reite. Es geht per SMS an meine kleine Schwester Sonja. Sie schreibt zurück: „Ihr habt ja dieselbe Frisur!“ Tja, Potsdam ist eher so die brav-gemütliche Schwester, während meine anders ist: frech!

Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Weitere interessante Artikel

Meergold Rehbehn & Kruse - frischer Fisch aus Eckernförde

In der traditionsreichen Fischräucherei lernt man nicht nur, dass die echte Kieler Sprotte eigentlich aus Eckernförde kommt, sondern bekommt vor allem Fisch von bester Qualität.

Romantik Hotel Kieler Kaufmann - Wahrlich herrschaftlich

Familiengeführtes Haus mit Klasse: Das Romantik Hotel Kieler Kaufmann liegt inmitten eines großzügigen Parks, der sich direkt bis ans Ufer der Kieler Förde erstreckt.

Erstklassiges Design - SIDE Hotel Hamburg

Das einzigartige SIDE Hotel ist das erste und einzige 5-Sterne-Design-Hotel in Hamburg. Nahe der Binnenalster und den City-Einkaufspassagen gelegen, verbindet es Luxus mit Design und Wellness mit Lifestyle.

Traumstraßen: Route der Industriekultur – Teil 2

Von Norden nach Süden. Von Osten nach Westen. Im großen Kreis, von A nach B oder auch querbeet. Auf den Spuren eines bestimmten Themas unterwegs, ist auf Deutschlands Traumstraßen der Weg das Ziel. Teil 1: Route der Industriekultur/Ruhrpott

Winterhütten in Deutschland - unsere Top 10, Teil 1

Von Nord nach Süd, von Ost nach West – SEHNSUCHT DEUTSCHLAND präsentiert die zehn schönsten Feriendomizile für traumhafte Wintertage zu zweit, mit der Familie oder mit Freunden.

Suche  
Fotowettbewerb 2016
Jetzt den Kalender 2017 bestellen!
Cover 2015
Magazin hier bestellen!
Ausgabe 04/2016

Ausgabe 04/2016


Einzelausgabe
Leseprobe

Newsletter hier anmelden!





Urlaubskataloge kostenlos bestellen
  • Chiemsee - Hotel Gut Ising
  • Rheinland-Pfalz - Gastlandschaften
  • Calw - Die Hermann Hesse-Stadt, der Fachwerktraum im Schwarzwald
  • Bayerisch-Schwaben - Heiter bis sportlich: die Top-Ten-Radtouren
  • Wilhelmshaven - Lust auf Meer
  • Erzgebirge - Urlaubsmagazin 2016
-- Anzeige --


-- Anzeige --