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Sehnsucht Deutschland - Film

Zwei in einem: Oktoberfest und Oidn Wiesn

Alle Jahre wieder toben Millionen Menschen auf der Münchner Theresienwiese. Sogar von Übersee kommen sie angereist, planen diesen Kurztrip Monate vorher. Wem das Oktoberfest zu laut, zu wild, zu groß ist, der macht es sich am besten auf der Oidn Wiesn, dem historischen Fest im Fest, gemütlich.

Text: Max Fleschhut

O'zapft is

Foto: Tommy Lösch

12 Liter Bier und dann auch noch so ein schön Na dann Prost!

6 Millionen Liter Bier, ebenso viele Besucher, eine halbe Million Brathähnchen und gut 12.000 Arbeitskräfte: Die „Wiesn“ ist Jahr für Jahr eine einzige Rekordveranstaltung und schimpft sich nicht umsonst das größte Volksfest der Welt. Allein der Aufbau der Lagerhallen-großen Bierzelte auf der Münchner Theresienwiese nimmt zwei volle Monate in Anspruch – für rund zwei Wochen Volksfest.

Dabei war das Ganze ursprünglich nicht einmal als regelmäßige Veranstaltung gedacht. Das erste Oktoberfest am 17. Oktober 1810 war nichts anderes als ein Pferderennen mit Umtrunk, veranstaltet zur öffentlichen Huldigung des frisch gebackenen Brautpaares Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Der bis dahin namenlose Austragungsort für das Rennen, ein Feld außerhalb der Stadt, wurde kurzerhand nach der Braut „Theresienwiese“ benannt. Und so heißt das mittlerweile asphaltierte und in die Stadt eingewachsene Areal bis heute. Wie nicht anders zu erwarten wurden an jenem denkwürdigen Tag Brautpaar und Pferderennengewinner mit reichlich Alkohol gefeiert, der damals noch am Rande der Rennbahn in kleinen Buden ausgeschenkt wurde. Und mit der Ausrede, den Eheleuten jedes Jahr aufs Neue zu huldigen, wollte ab da kein Münchner mehr auf die Sause verzichten. Des besseren Wetters wegen verlegte man die Veranstaltung in die letzten beiden Septemberwochen (nur die letzten Wiesn-Tage werden heute dem Namen „Oktoberfest“ noch gerecht).

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Längst ist aus dem Hochzeitsjubiläum die größte Saufparty, der größte Single-Treff und der größte Vergnügungspark der Welt geworden und lockt Einheimische ebenso aufs Festgelände wie Touristen aus aller Welt. Was den einen daher als Massenbesäufnis zuwider ist, bezeichnen andere als bierselige Völkerverständigung. Die größte ausländische Fraktion hat sogar ihre inoffiziellen, eigenen Oktoberfest-Tage: Das zweite der drei Wiesn-Wochenenden wird liebevoll als Italiener-Wochenende bezeichnet. Um dem besonders großen Ansturm von Reisebussen und Wohnwagen aus Richtung Süden Herr zu werden, sagt das Radio Verkehrsmeldungen an diesen Tagen zweisprachig durch, und die Münchner Polizei holt sich Unterstützung aus Südtirol.

Kein Wunder, dass die Wiesn wie alle großen Touristenattraktionen dieser Welt viel zu teuer ist. Denn welches Mitglied einer italienischen Reisegruppe und welchen extra per Flugzeug angereisten Australier interessiert es schon, ob der Maßpreis von 9,40 € auf 9,70 € gestiegen ist oder das Hendl nun zehn oder elf Euro kostet? Unter Münchnern dagegen ist zur Oktoberfestzeit der Bierpreis diskussionswürdiger als der Benzinpreis. „Frechheit“, grantelt man da – und geht anstandshalber doch auf (mindestens) eine Maß hin. Lederhosen und Dirndl wollen ja wenigstens einmal pro Jahr ausgeführt werden, auch wenn sie längst nicht mehr Erkennungszeichen echter Bayern sind. Zur Wiesn-Zeit trägt schließlich jeder Tracht, vom „Saupreiß“ bis zur Japanerin. Die meisten Bekleidungsgeschäfte in der Münchner Innenstadt richten dazu eine gesonderte Abteilung ein.

Fassen wir einmal zusammen: überfüllt mit Touristen, sündhaft teuer und kommerziell bis zum Gehtnichtmehr. Was hat das Oktoberfest – nüchtern betrachtet – überhaupt noch mit Volksfest und Tradition am Trachtenhut? Münchner würden als Antwort darauf verweisen, dass ausschließlich Bier der sechs Münchner Traditionsbrauereien Augustiner, Paulaner, Löwenbräu, Spaten, Hacker Pschorr und Hofbräu ausgeschenkt wird. Dass dieses etwas würzigere und stärkere Festbier seit jeher speziell für die Wiesn gebraut wird (was einen höheren Preis zumindest teilweise rechtfertigt). Dass bis 18 Uhr in den Bierzelten nur bayerische Blasmusik zum Besten gegeben wird („Smoke On The Water“ und „YMCA“ werden für den Abend aufgespart). Dass sich das kulinarische Angebot aus Hendl, Schweinshaxe und Steckerlfisch in den letzten 200 Jahren kaum verändert hat. Und dass es neben Tower Power und Flip Fly viele Fahrgeschäfte gibt, die seit mehr als hundert Jahren zur Wiesn gehören wie die Brezn zur Weißwurst: Das Varieté-Theater „Schichtl“ zum Beispiel, in dem seit 1869 bei jeder Vorstellung eine lebendige Person enthauptet wird. Oder das „Teufelsrad“, auf dem Unerschrockene seit 1910 das Gleichgewicht zu halten versuchen, während sie dem Beschuss aus einer Schaumstoff-Abrissbirne und derben bayerischen Beschimpfungen standhalten. Oder Pitts Todeswand, in der sich seit 1928 waghalsige Motorradfahrer Steilwandrennen liefern.

Wem es trotzdem noch zu laut, zu wild und zu modern zugeht, sollte sich seinen Weg durch die Menge Richtung Riesenrad bahnen. Dort befindet sich der Eingang zur „Oidn Wiesn“ (für Saupreißn: zum historischen Oktoberfest). Auf einem abgegrenzten Areal, einer Art „Fest im Fest“, leben die vielbesagten guten, alten Zeiten wieder auf. So oder so ähnlich hat wohl Großmutter das Oktoberfest erlebt: mit Traditions-Schaustellerbuden und -Fahrgeschäften wie Dosenwerfen, Kettenflieger und Schiffschaukel, mit Bier aus Steinkrügen, mit historischen Schausteller-Wohnwagen und Oldtimer-Traktoren. Ein Marionettentheater unterhält die Kleinsten auf traditionelle Weise; beim „Hau den Lukas“-Vorläufer „Dicke Berta“ beweisen sich die Mannsbilder; und „Goaßlschnalzer“ verbreiten mit rhythmischem Peitschenknallen bajuwarische Nostalgie. Ab und an muss man Platz machen für ein Pferdegespann, das eine neue Ladung hölzerne Bierfässer anliefert. So heimelig-idyllisch kann das Oktoberfest sein.

Der Eintritt zur Oidn Wiesn beträgt 3 €, Kinder unter 14 Jahren zahlen nichts. Am Eingang bekommt man ein Armbändchen, mit dem man jederzeit raus und rein kann. Wenn das Gelände voll ist, werden die Tore geschlossen und neue Besucher nur tröpfchenweise hereingelassen. Das ist bei großem Andrang zwar ein wenig nervig, stellt aber sicher, dass das Areal nie überfüllt ist. So geht es denn auch wesentlich gemütlicher zu als auf dem Rest vom Fest: Viele Familien nehmen hier eine Auszeit vom Bierzelt-Wahnsinn und freuen sich, dass die Fahrgeschäfte nur einen Euro kosten, oder dass es nicht nur einen Bier-, sondern auch einen Limogarten gibt. Aber auch Einheimische ohne Kinder finden hier eine willkommene Zuflucht vor torkelnden und pöbelnden Sauftouristen. Bierzelte gibt es hier auf der „oidn“ zwar auch, doch wird darin eher geratscht oder den Volksmusikanten gelauscht als auf den Bänken getanzt. Aufgespielt wird erfrischenderweise kaum behäbige Blasmusik, sondern ein bunter, aber dennoch traditionsbewusster Stilmix junger bayerischer Formationen. So richtig betrunken ist niemand; die Oide Wiesn zieht eben ein anderes Publikum an als ihre große, laute Schwester. Und das ist der Meinung, dass man auch Spaß haben kann mit „nur“ zwei Maß im Bauch. Zum Beispiel im Velodrom, wo man mit ulkigen Fahrrädern um die Wette fährt – oder auch nur anderen dabei zuschaut.

Wie das Oktoberfest überhaupt war auch die Oide Wiesn eigentlich als nur einmalige Veranstaltung gedacht, nämlich zum 200-jährigen Wiesn-Jubiläum 2010. Doch die Bayern gewöhnen sich eben schnell an Volksfeste, sodass sich die Veranstalter zu einer alljährlichen Wiederholung gezwungen sahen. Lediglich alle vier Jahre müssen die Wiesn-Besucher darauf verzichten, weil das Areal für das Bayerische Zentral-Landwirtschaftsfest gebraucht wird (das nächste Mal 2016). Ansonsten darf man alljährlich auf der Oidn Wiesn den bayerischen Trinkspruch wörtlich nehmen: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“

- - - Knigge - - - Richtig verhalten im Festverkehr - - - Knigge - - -

Bestellen: Es heißt DIE Maß, wobei das „a“ kurz gesprochen wird.

Trinken: Nie nach einem „kleinen Bier“ fragen. Eine Maß ist (zumindest auf dem Oktoberfest) eine untrennbare Einheit. Wer weniger Alkohol im Glas haben will, bestellt eine Radler-Maß (zur Hälfte Limo).

Konsumieren: Wer eine halbe Stunde lang vor einem leeren Glas sitzt, wird in aller Deutlichkeit zum Bestellen aufgefordert – oder zum Räumen des Platzes für wirklich Durstige.

Zahlen: Mit Trinkgeld immer schön auf den nächsten Fünfzig-Cent-Betrag aufrunden, auch wenn die Maß eigentlich schon teuer genug ist. Aber es ist ja nicht alle Tage Oktoberfest, und die Bedienungen arbeiten hart für ihr Geld.

Tanzen: Auf den Bänken darf man abrocken; wer aber auf die Tische steigt, riskiert den Rauswurf aus dem Zelt.

Anbandeln: Trägt das Madel die Dirndlschleife links, ist sie noch zu haben; rechts bedeutet vergeben, in der Mitte: Jungfrau. Ist die Schleife hinten, handelt es sich um eine Witwe – oder eine Kellnerin.

Foto: Thorsten Näser Foto: A. Kupka Foto: B. Römmelt Foto: Frank Bauer

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