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Sehnsucht Deutschland - Film

Weinlese 365/24/7

Beinhartes Winzerleben. Markus Schneider und Katja Neiss testen Grenzen. Aus Leidenschaft. Und aus Liebe zur Pfalz. Pausenlos

Text: Stefan Nink

Fotos: Melanie Hubach

Rund um die Uhr im Einsatz

Arbeiten wie ein Tier, 24 Stunden im oder auch neben dem Saft stehen...

Arbeiten wie ein Tier, 24 Stunden im oder auch neben dem Saft stehen...

Und da kommt er – ach was: Da stürmt er heran, mit großen Schritten und einem Schwung, als wolle er einen im Vorbeigehen mitreißen, hinüber in den nächsten Weinberg, komm, hopp, schnell, wer weiß, wie lange das noch gut geht mit dem Wetter! Markus Schneider ist das, was man umgangssprachlich eine Naturgewalt nennt: raumgreifend, stimmgewaltig, ein Typ wie ein Bär, mit Leuchtturmaugen, schallendem Lachen und einem Charisma, das aus dem heimischen Ellerstadt locker mit hinüber nach Rheinhessen reicht, mindestens. Einer der erfolgreichsten Winzer der zweitgrößten deutschen Weinregion ist er natürlich auch. Vor allem aber ist er gerade mit den Nerven ziemlich runter. Seit zwei Tagen nichts mehr gegessen! Nicht geduscht! Kaum geschlafen! „Der Jahrgang macht mich fertig!“, ruft er.

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„Nochmal so ein Herbst, und wir sehen hier alle aus wie die Zombies!“

Ein früher Oktobertag in der Pfalz, ein Morgen, an dem die Luft kristallin ist und ein warmes Licht die Dinge von innen leuchten lässt. Ellerstadt liegt zwischen Ludwigshafen und Bad Dürkheim in einer 
jener südwestdeutschen Landstriche, die immer so aussehen, als habe man sie am Computer komponiert. Es ist eine Gegend, die Besucher unbewusst beruhigt, ziemlich schnell geht das. Vielleicht liegt das an den fehlenden Ecken und Kanten der Landschaft, alles hier scheint ineinander zu fließen, als sei die Welt tatsächlich der eine große, zusammenhängende Organismus, von dem Wissenschaftler so gerne reden. Wie die Wellen eines rotgelbgrünen Meeres strecken sich Weinberge in alle Richtungen, ein sanftes Auf und Ab bis zum Horizont. Manchmal steht ein Baum zwischen den Reben, ein alter, mächtiger, perfekter Baum, allein auf weiter Flur, und es ist, als wolle er alle Blicke auf sich ziehen, als wolle er den Menschen lehren, wieder auf das Einzelne zu achten, auf das Detail. Manchmal möchte man anhalten, irgendwo, und einfach nur schauen.

„Meine Heimat. Das hier. Das bin ich.“

Schneider steht an einem seiner Weinberge, an einem von insgesamt 90 Hektar, die er nach und nach hinzukaufte, seit er mit 15 Jahren und einer winzigen Parzelle angefangen hat. Der Cabernet hängt dicht, Schneider steckt sich drei, vier Trauben in den Mund, zerdrückt, kaut, knatscht, weiß der Teufel, was ein Winzer da noch alles macht, und dann beschließt er, dass auch die roten Trauben jetzt runter können.

Die anderen Sorten sind schon gelesen. In diesem Jahr sei alles auf einmal reif geworden, das habe ihn und sein Team an den Rand der Erschöpfung gebracht, erzählt er. „Da arbeitest du wie in Trance. Du hast keinen Hunger, du spürst die Knochen nicht, du machst einfach weiter. Immer weiter, immer weiter.“

Nur die wenigsten Menschen können sich beim Öffnen einer Flasche Wein vorstellen, wie viel Arbeit in ihr steckt. Winzer wie Schneider sind spätestens ab Anfang September im Dauereinsatz. Dann beginnen die Tage mitten in der Nacht und sobald es dämmert, stehen sie und die Erntehelfer bereits im Weinberg. Da stehen und arbeiten sie, bis es zu dunkel ist, um noch etwas zu erkennen – bevor sie im Betrieb weitermachen. Und wirklich kürzer sind die Arbeitstage in den anderen Monaten ja auch nicht. Früher habe man immer gesagt, im Winter könne ein Winzer Urlaub machen, meint Schneider, aber das stimme längst nicht mehr. Kontrollieren, entblättern, ausdünnen, damit Luft und Sonne durchdringen und die Nährstoffe sich auf die stärksten, gesündesten Reben konzentrieren, irgendetwas ist immer zu tun.

„Es ist kaum eine Woche im Jahr, in der man nicht hundertprozentig für den Wein da sein muss.“

Schneider ist eine Marke, eine immens erfolgreiche. Sein Wein wird in der Business Class über den Wolken serviert und auf Kreuzfahrtschiffen, und als sich der amerikanische Präsident neulich mit der 
deutschen Bundeskanzlerin zum Abendessen traf, stand auf dem Tisch eine Flasche Sauvignon Blanc aus Ellerstadt (und das passende Foto war auf den Titelseiten der Weltpresse zu sehen). Es klingt oft nach Kunst, wenn er vom ersten Schluck Spätburgunder eines Jahrgangs erzählt oder davon, wie er austariert, wie lange welche Lage bei wie vielen Sonnenstunden noch benötigt. Mit Kunst aber, sagt er dann, habe sein Job nix zu tun, allenfalls ganz am Rande. Sein Beruf sei Handwerk. Knochenarbeit. Plackerei. Natürlich habe er das gewusst. Trotzdem habe er nie etwas anderes gewollt: Wein machen. Guten Wein machen. Guten Wein in der Pfalz machen.

Bei dieser Landschaft muss einen so viel Heimatverbundenheit nicht wundern. Die Pfalz ist eine stille Schönheit. Sie hat es nur selten vorne auf Bildbände gebracht, und auf die Titelseiten der Reisemagazine noch seltener. Die Pfalz gehört nicht zu den dramatischen Regionen Deutschlands, sie ist keine Zugspitze und kein Mittelrheintal und kein Kreidefelsen-Rügen. Die Pfalz prahlt nicht und protzen ist ihr fremd. Stattdessen wartet sie geduldig ab, bis man da ist. Von der Autobahn herunter, über die 
Landstraßen. Die führen tief ins Herz einer Region, die wie hingetuscht unter einem Himmel liegt, von dem 1.800 Stunden im Jahr die Sonne scheint. Eine Region, in der Esskastanien und Auberginen, Melonen und sogar wilde Datteln wachsen, einfach so.

Irgendwann, nach fünf oder 
neun oder dreißig Kilometern hat sie einen dann
 gepackt, die Pfalz. Und sie wird einen so schnell nicht wieder loslassen. Jede Wette: Es fährt niemand (niemand!) an einem sonnigen Spätnachmittag durch Freinsheim oder Deidesheim, ohne einen Satz wie „Ach, ist das schön hier!“ zu sagen. Und einen Ort wie Kindenheim, in dem jedes vierte oder fünfte Haus ein Weingut zu sein scheint, in dem die Reben an den Häuserfronten ranken und 
die Weinberge sich an einigen Stellen bis an die Hauptstraße herangepirscht haben – solche Orte gibt es anderswo überhaupt nicht. Aber anderswo schaut man ja auch nicht morgens als erstes auf das Barometer und lässt den ganzen Tag über das Radio laufen, um ja keine Vorhersage zu verpassen.

Auch Katja Neiss hat das Wetter genau beobachtet in den vergangenen Tagen. Jetzt steht sie an einer kleinen Kirche in den Weinbergen, an einem Ort, an dem sich einst eine keltische Kultstätte befand und seit dem 8. Jahrhundert immer wieder Gotteshäuser standen. Der Blick reicht an klaren Tagen bis in den Schwarzwald, weiter hinten krümmt sich sanft der Horizont, man kann die Größe der Welt erahnen an einem Platz wie diesem. Und auch, wie viel Wein in diesem Teil Deutschlands angebaut wird. 2014 standen hundert Millionen Rebstöcke auf 228 Pfälzer Quadratkilometern.

26 Hektar davon gehören zum Weingut Neiss, Familienbetrieb, Riesling und Spätburgunder 
hauptsächlich, sieben Festangestellte und eine Schar von Erntehelfern, auch sie in den vergangenen Wochen im Dauereinsatz. „In der Landwirtschaft haben die Maschinen den Menschen längst komplett ersetzt“, sagt sie.

„Im Weinbau wird aber immer noch viel manuell gemacht.“

Traubenlese mit der Hand ist ein mühseliges Geschäft. Aber sie garantiert, dass der Winzer unbeschädigte Trauben einfährt und – wenn er das möchte – faule Beeren bereits beim Abschneiden auslesen kann. Der Nachteil? Langsames Tempo, hohe Personalkosten, könne man sich ja vorstellen, sagt Katja Neiss. Ein Arbeiter auf jeder Seite einer Rebenreihe, jeder mit Eimer, jeder mit Schere, und dann los, Traube für Traube, Meter für Meter. „Wenn man hohe Qualität haben will, muss man was dafür tun.“ Auch in den Weinbergen des Weinguts Neiss startet man bei Tagesanbruch. Um zwölf wird das Mittagessen vom Hof gebracht. Winzer und Helfer essen zusammen und nutzen die Pause gleich zur Lagebesprechung: Wo müssen wir als nächstes schneiden? Wo sind die Beeren perfekt – und wo brauchen sie noch einen Tag oder zwei?

Und der richtige Zeitpunkt: Auf den kommt fast alles an. In den Wochen vor der Lese patrouillieren die Pfälzer Winzer mehrere Stunden täglich zwischen ihren Reben, kontrollieren die Beeren, schauen zum Himmel, hören in sich hinein. Ob man schon liest oder noch hängen lässt, hängt auch damit zusammen, ob man Intuition und Bauchgefühl stärker vertraut als Statistik und Wettervorhersage. Kindenheim liegt in der Nordpfalz, eine Bezeichnung, die viele Winzer früher lieber unter den Tisch fallen ließen, weil das „Nord“ Kühle und Kälte signalisierte. Heute freut sich Katja Neiss über die zwei bis drei Grad, die es bei Kindenheim kühler ist als im Süden der Region. Doch, das ist schon so: Es wird wärmer, stetig, wärmer und feuchter.

Man nennt die Pfalz ja gerne die Toskana Deutschlands. Und tatsächlich kann es passieren, 
dass man abends im Hof eines Weingutes sitzt und vor einem violetten Abendhimmel staffeln sich die sanften Hügel Richtung Horizont und es sieht tatsächlich aus wie in Italien und duftet auch so. Nun grenzt die Pfalz aber zuallererst einmal an Frankreich und von dort haben sich schon vor Jahrhunderten eine Art Gemütsruhe und ein gewisses Laissez-faire über die Grenze ins Gengut gemogelt. Dass man sich als Pfälzer nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt, hat schon Helmut Kohl bewiesen. Und der war da keine Ausnahme. Es muss schon mehr kommen als die Warnung vor noch heißeren Sommern, um den Pfälzer ernsthaft zu beunruhigen.

Markus Schneider hat 1991 als Winzer angefangen und Ernten erlebt, die von der Lese der frühesten Sorte bis zur spätesten acht Wochen dauerten. Dieses Mal hatten er und die anderen gerade mal vierzehn Tage Zeit, heftig sei das gewesen, richtig heftig. „Noch so ein Jahr, und ich setz mich bei McDonalds an die Kass’!“ Er schweigt einen kurzen Moment. Er überlegt. Er schüttelt den Kopf. „Ich glaube, das hab ich letztes Jahr auch schon gesagt.“

Foto:Melanie Hubach Foto: Melanie Hubach Foto: Melanie Hubach Foto: Melanie Hubach

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