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Sehnsucht Deutschland - Film

Sächsische Industriekultur - Eine Reise durch die Welt des Handwerks

Wer Sachsens stolze Industriekultur aus der Nähe betrachten möchte, begebe sich auf eine Reise kreuz und quer durch das Land an Elbe, Mulde und Lausitzer Neiße. Wetten, dass Sie eine Fülle überraschender Eindrücke von dieser erstaunlichen Zeitreise mitbringen werden?

Text: Uta Buhr

Fotos: Ria Kipfmüller

Von Pferdenarren und Spinnern

Wie es zu Gutenbergs Zeiten war, wird im Druckkunst Museum im wahrsten Sinne eindrucksvoll gezeigt

Wie es zu Gutenbergs Zeiten war, wird im Druckkunst Museum im wahrsten Sinne eindrucksvoll gezeigt

Heute scheint ganz Döbeln auf den Beinen zu sein. Kein Wunder, denn die von Hengst Elko gezogene Pferdebahn kurvt quietschend durch das schmucke Städtchen an der Freiberger Mulde. Ein Mordsspaß für Passagiere und Schaulustige, die dem seltsamen, rot lackierten Gefährt zuwinken. Die Bahn, echte sächsische Wertarbeit, wurde 1892 in Dienst gestellt und von der Bevölkerung bis 1926 als zuverlässiges Verkehrsmittel geschätzt. „Unsere Bahn ist eine Touristenattraktion ersten Ranges“, freut sich Uwe Hitsche, Vorsitzender des Traditionsvereins Döbelner Pferdebahn e. V. Geduldig trottet Elko am imposanten Rathaus vorbei, völlig unbeeindruckt von den klickenden Kameras am Straßenrand. Wenn aus den Kehlen seiner Passagiere ein lautes „Elko, Feierabend!“ erklingt, läuft der Kaltblüter zur Hochform auf und trabt wie ein Rennpferd. Die Fahrgäste im Wagen werden dabei kräftigt durchgerüttelt. „Leider können wir Sie nicht mit unserer Bahn ans nächste Ziel bringen,“ bedauert Uwe Hitsche augenzwinkernd, nachdem wir sein mit Hunderten von Exponaten gefülltes Pferdebahnmuseum inspiziert haben.

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„EWIGE, EWIGE SACHSEN!“
Klingt in diesem Ausruf Kurt Tucholskys etwa ein leiser Neid mit? Er, der Urberliner mit der berühmt-berüchtigten Kodderschnauze, amüsierte sich zwar über die Mundart der Sachsen, zog aber gleich zeitig den Hut vor ihrem Fleiß und Erfindergeist. Ja, die Sachsen waren helle. Sind es noch heute. Qualitätsarbeit sowie eine Vielzahl von Manufakturen und Industriebetrieben machten den Freistaat im 19. Jahrhundert zu einer der reichsten Regionen Europas.

„UNSERE BAHN IST EINE TOURISTENATTRAKTION ERSTEN RANGES!
UWE HITSCHE ÜBER DIE DÖBELNER PFERDEBAHN"


Und schon sind wir auf dem Weg zu den „Spinnern“ in Leipzig, zu denen auch Neo Rauch, der international umjubelte Star der modernen Kunstszene, gehört. Jeden Tagstrampelt er auf seinem Rad zur ehemaligen Baumwollspinnerei im Westen Leipzigs. Bereits aus der Ferne leuchten die roten Backsteinmauern den Besuchern entgegen. „Nach Neo können Sie die Uhr stellen. Leider ist er gerade nach Hause gefahren.“ Schade, aber was Bertram Schultze, der Geschäftsführer der Leipziger Baumwollspinnerei sonst noch zu bieten hat, ist nicht von schlechten Eltern. Zunächst einmal heißt es, die verrosteten Gleise der alten Werksbahn zu überqueren. Die riesigen Betriebshallen, in denen einst bis zu 4.000 Arbeiterinnen auf 260.000 Spindeln Baumwolle im Akkord produzierten, dienen heute den darstellenden Künsten. Kuschelig ist der Frühstücksraum, in dem die Frauen in der Pause ihre mitgebrachten Butterbrote verzehrten. Auf einem Regal sind die Hinterlassenschaften der Werktätigen zu bestaunen: neben Kaffeetassen allerlei Schnickschnack und eine Schnapsflasche. Nein, getrunken wurde hier nicht. Das sei wohl eher als eine Mahnung an die Ehemänner gedacht gewesen, schmunzelt Bertram Schultze. Die Damen bekamen nach jeder Lohnzahlung ein paar Stunden frei, um ihre Einkäufe zu tätigen, ehe die Männer ihr schwer verdientes Geld in der nächsten Kneipe verjubeln konnten.

„SACHSEN, SACHSEN! EY! EY! DAS IST STARKER TOBAK!"
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE


GOETHE, DIE DRUCKKUNST UND NUDELN AUS SACHSEN
„Sachsen, Sachsen! Ey! Ey! Das ist starker Tobak!“ Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Wahlsachse, wusste wie kein anderer Papier und gute Druckqualität zu schätzen. Das „Museum für Druckkunst“ in Leipzig schlägt jeden in den Bann, der gern liest. Hinter einer schönen Art-déco-Fassade sind Druckmaschinen „Made in Sachsen“ – prachtvolle eiserne Ungetüme aus verschiedenen Epochen – zu bestaunen. Ein heller sächsischer Kopf namens Timotheus Ritzsch gab hier 1650 die erste Zeitung der Welt mit dem seltsamen Titel Einkommenden Zeitungen heraus.
„Selbst Nudeln können die Sachsen besser als andere!“ Den Beweis für die Behauptung eines Gastes liefert die Eilenburger Lebensmittelassociation in Riesa, die am 12. Juli 1850 im Eilenburger Gasthof „Zur Rose“ gegründet wurde. Etwa 64 Jahre später wurde in der Stadt mit der Produktion von Nudeln begonnen. In der Teigwarenfabrik Riesa können Besucher sogar die Produktion genau unter die Lupe nehmen. Die „gläserne“ Produktion, die Einblicke in die verschiedenen Abläufe gewährt, kommt bei den Besuchern gut an. Da weiß man doch, was später auf den Teller kommt.

„DAS NEUE LEBENSSCHIFF LIEGT UNTER DAMPF. ES DIENE EUCH BESTENS ZU FRISCHEM, FRÖHLICHEM KAMPF.“ DER ARCHITEKT HANS SCHAROUN ÜBER DEN „NUDELDAMPFER“ HAUS SCHMINKE

BAUKUNST À LA CARTE UND BIERSELIGKEIT IN „GÖRLIWOOD“
Wer das Haus Schminke in Löbau nicht gesehen hat, weiß nichts von moderner Architektur! Hans Scharouns Schöpfung von 1930 liegt eingebettet in das üppige Grün eines parkähnlichen Gartens. Das Haus erinnert an einen schnittigen Schiffsrumpf. Fritz und Charlotte Schminke, ein Löbauer Unternehmerehepaar, gab Scharoun, dem Vater der organischen Bauweise, völlig freie Hand bei der Gestaltung der von Licht und Luft durchfluteten Villa. Ein veritables Meisterstück. Gerade rückt das Fotografenteam eines Hochglanzmagazins an, um Modeaufnahmen zu schießen. „Wat für ne Hütte!“ Die hippen Berliner sind begeistert von der schlichten Anmut des Hauses.

Auf nach Görliwood! Wie bitte … Ach ja, die cleveren Bürger des wunderschönen Görlitz haben ihre Stadt umgetauft, nachdem Hollywood mit Stars wie Kate Winslet, Ralph Fiennes und Bruno Ganz 2007 hier Teile des Films Der Vorleser drehte. Zwar wurden die etwas dunkleren Teile von Görlitz als Kulisse genutzt. Immerhin spielt die Handlung im Jahre 1958, als die prachtvollen Barockpalais und herrschaftlichen Bürgerhäuser noch nicht renoviert waren. Aber die Schauspieler sollen das heutige Stadtbild sehr genossen haben. Nach dem Dreh werden sie ihr abendliches Bierchen bestimmt in der Landskron Brau-Manufaktur getrunken haben, just wie auch Jackie Chan alias Passepartout. Mit seinem Freund, dem Erfinder Phileas Fogg, tummelte er sich in dem Film In 80 Tagen um die Welt zwar laut Drehbuch in den Docks von New York. In Wirklichkeit aber spielte sich die Handlung vor der Kulisse der Brau-Manufaktur – heute KULTur BRAUEREI Görlitz – ab.

Die gigantische Werksanlage gehört zu den ältesten Industriedenkmälern Deutschlands. Gutes Bier gibt es hier auch heute noch. Hinzugekommen ist jede Menge Kultur. Führungen durch die Brauerei und Abendveranstaltungen in den alten Produktionshallen und auf dem Hof ergänzen sich auf das Beste. „Wir gehen mit der Zeit“, sagt die Geschäftsführerin Katrin Bartsch. „Der Schornstein muss ja rauchen.“

VON KOHLE UND FERTIGBAUHÄUSERN
Der ältere Mann vor der Energiefabrik Knappenrode schüttelt sich, wenn er an seine frühere Arbeit in der Brikettfabrik denkt. „Nein, was waren wir dreckig. Aber gutes Geld haben wir verdient.“ 67 Millionen Tonnen Braunkohlebriketts für die heimischen Haushalte und die Industrie der DDR wurden hier gepresst. Auch Frau Kathleen Hoffmann, die Pressesprecherin des längst in ein Industriemuseum umgewidmeten Brikettwerks, erinnert sich noch lebhaft an die kaum vorstellbaren Arbeitsbedingungen von damals. Während sie die Gruppe durch alle Fabrikhallen führt und hier und da einen Knopf drückt, damit die Besucher den ohrenbetäubenden Produktionslärm hören können, erklärt sie akribisch sämtliche Arbeitsvorgänge. Völlig durchfroren machen wir uns auf den Weg nach Niesky, wo uns eine Tasse Kaffee im Konrad-Wachsmann-Haus erwartet. Das ganz aushölzernen Fertigteilen gebaute Haus entstand im Jahre 1929 und beweist eindrücklich, dass Fertigbauarchitektur alles andere als hässlich sein muss. Diese Villa ist von schlichter Schönheit, warm und anheimelnd. „Siehste, geht doch!“, sagt einer aus der Gruppe. „Man muss eben mit Herz und Verstand dabei sein.“ So isses.

TIPPS FÜR SACHSEN

DÖBELNER PFERDEBAHN
Seit Mai rollt die Pferdebahn wieder durch das Städtchen. Fahrten von Juni bis Oktober an jedem ersten Samstag im Monat, von 10 bis 12.30 und 14 bis17 Uhr (nächster Termin: 6. Juni 2015).

PFERDEBAHNMUSEUM
Die Geschichte der Döbelner Pferdebahn ruht in dem Museum (Niederwerder 6). Von den Anfängen übertechnische Entwicklungen bis hin zu einigen Kuriositäten. Alle Informationen im Internet:
www.doebelner-pferderennbahn.de

MUSEUM FÜR DRUCKKUNST Leipzig war im 19.und 20. Jahrhundert einer der weltweit wichtigsten Standorte des druckgrafischen Gewerbes. Noch bis 4. Oktober 2015: die Ausstellung Leipzig beeinDRUCKT www.druckkunst-museum.de

HAUS SCHMINKE
Eindruck hinterlässt auch das Werk des Architekten Hans Scharoun. Führungen am Wochenende oder nach Termin, für Seminare und Veranstaltungen ist es auch buchbar. Sogar schlafen kann man im Haus Schminke in Löbau. www.stiftung-hausschminke.de

BÖRSE Herrschaftliche Zimmer direkt am Untermarkt, wo das Grand Hotel Budapest seine Filmkulisse hatte. DZ ab 113 Euro/Nacht. Gegenüber dem Flüsterbogen einen Wunsch anvertrauen. www.boerse-goerlitz.de

EMMERICH
Sehnsucht nach Besonderem ist die treibende Kraft für die Gestaltung des historischen Hauses.Das reicht uns schon. Kassler, Klöße und Backobst im Jonathan vis-à-vis. Trip perfekt.DZ ab 95 Euro. www.emmerich-hotel.de

BRAUKUNST DIE ÖSTLICHSTE
Brauerei Deutschlands befindet sich in ...ja genau, Görlitz. Seit 1869 werden hier in den denkmalgeschützten Hallen ausgezeichnete Biere produziert. Kultur spielt auch eine große Rolle. Zum Beispiel beim Landskron Braufest der Sinne vom 12. bis 14. Juni 2015. www.landskron.de

VOLLE ENERGIE
75 Jahrelang wurden in der Energiefabrik Briketts hergestellt. Heute ist die Fabrik ein Museum. www.saechsischesindustriemuseum.de

BERGBAU-TECHNIK-PARK
Südlich von Leipzig verbindet der Park Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Braunkohlebergbaus. Beeindruckend sind die riesigen Krähne.
www.bergbau-technik-park.de

DRESDEN UNTER VOLLDAMPF
Die Dampfschiff fahrt brachte die Industrialisierung in Schwung. Noch heute befährt die in Dresden beheimatete, älteste und größte Raddampfer-Flotte der Welt die Elbe zwischen Diesbar-Seußlitz und Bad Schandau.
www.saechsische-dampfschiffahrt.de

MEIßEN LUXUSGÜTER
Das weiße Porzellan aus der Manufaktur Meißen. Weltbekannt Weitere Vorzeigesachen Mode, Schmuck und werden hier auch hergestellt. www.meissen.de

DIE ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR - EINE REISE DURCH SACHSEN
Lust auf eine Zeitreise in das goldene Industriezeitalter Sachsens? Im 19. Jahrhundert war Sachsen die führende Wirtschaftsregion Deutschlands. Die Zeugender florierenden Zeit und teilweise auch heute noch aktiven Produktionsstätten– Fabriken, Webereien, Bergbauanlagen … – machen Sachsens Kulturreichtum und die Bedeutung der damaligen Industriekultur erlebbar. Die Route führt quer durch Sachsen: Von Leipzig im Nordwesten, wo Druck- und Spinnkunst verwurzelt sind, nach Plauen im Südwesten, Produktionsort der weltberühmten Spitze, über die sächsische „Bergbauhauptstadt“ Freiberg im Zentrum des Landes bis ganz in den Osten nach Görlitz, dessen Entwicklung im 19. Jahrhundert größtenteils der Glasindustrie zu verdanken ist. Zum sächsischen Industriekulturerbe gehören auch altes Handwerk und Manufakturen, von denen noch heute manche lebendig sind und produzieren. Die vollständige Route finden Sie im Internet unter: www.sachsen-tourismus.de

MANUFAKTURHAUS
Ute Czeschka hat eine Leidenschaft für Manufakturen und bietet deutschem Handwerkeine Plattform. Für Menschen mit Sinn für Schönes sind das Manufakturhaus oder der Online-Shop eine echte Fundgrube. www.manufakturhaus.de

LEIPZIG BAUMWOLLSPINNEREI
Über 100 Künstlerarbeiten hier täglich. Führungen geben einen Einblick in die Geschichte der Spinnerei und die gegenwärtige Nutzung. Wer länger bleiben möchte: Die wahrlich tolle Pension Meisterzimmer (www.meisterzimmer.de) auf dem ehe maligen Fabrikgelände kann ab 75 Euro/Nacht bewohnt werden. www.spinnerei.de

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