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Sehnsucht Deutschland - Film

48 Stunden Dresden

Der Fluss und die ungeheuerlichen Kunst- und Kulturschätze sollen den Namen Elbflorenz rechtfertigen. Aber könnten Sie sich ein Arnodresden in Italien vorstellen? Karen Amme auch nicht. Sie findet: Dresden ist einzigartig!

Text: Karen Amme

Fotos: Michael Amme

Kutschfahrten durch die Dresdener Altstadt - einfach mal machen und genießen!

Kutschfahrten durch die Dresdener Altstadt - einfach mal machen und genießen!

Eigentlich kann es nicht gut gehen. 48 Stunden Dresden, ein kurzes, knappes Wochenende im Spätherbst, freitags hin und sonntags zurück, dazwischen mein Premierenbesuch in der sächsischen Landeshauptstadt, und die Wettervorhersage klingt so grau wie ostdeutsche Plattenbausiedlungen sind. Nein, das kann eigentlich nicht gut gehen. Trotzdem setze ich mich ins Auto, von Hamburg aus dauert es knapp fünf Stunden, erst fliegt Mecklenburg-Vorpommern am Fenster vorüber, später die Bauten von Berlin, danach lange leere Landschaft , Schilder, die nach Cottbus und nach Dessau, nach Leipzig und nach Senftenberg weisen, dann endlich: Dresden.

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Doch es regnet immer noch, nein: es schüttet. So sehr, dass ich kaum den Blick hebe, als ich aus dem Auto ins Foyer des Hotel QF stürme, nicht Martin Luther sehe, dessen Statue auf dem Neumarkt steht und starr vor sich hin sieht, nicht die Frauenkirche, die doch der Stolz der Stadt ist. Erst einmal sehe ich nichts außer dem Regen. Die Dame an der Rezeption reicht mir mit mitleidigem Blick einen Schirm, sagt, „so soll es das ganze Wochenende bleiben, tut mir leid.“ Ich atme tief durch und kratze kurz meinen Optimismus zusammen.

15 UHR THEATERSTRASSE
Ich treffe Christiane Mörke in der Theaterstraße, sie ist eine weitgereiste Berlinerin, die gern und inbrünstig von ihrer Wahlheimat Dresden schwärmt. Das tut sie nun drei Stunden lang, kündigt sie an, während jeder von uns unterm Regenschirm kauert. Sie wirft ihre schwarze Mähne nach hinten und marschiert los.

15.10 UHR ZWINGER, FESTPLATZ DER NYMPHEN
Wir fangen mit einem der berühmtesten Bauwerke der Stadt an: dem
Zwinger. Weichen Pfützen aus, die sich langsam zu kleinen Seenlandschaft en verbinden, und in denen sich die barocken Fassaden spiegeln. „Das alles“, so meint Christiane und macht eine auslandende Bewegung, „hat August der Starke zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbauen lassen.“ In den Gartenanlagen hat sein einziger ‚legaler’ Sohn seine Hochzeit gefeiert, „aber was für eine!“, sagt Christiane und nickt vielsagend. „August der Starke hatte den gesamten Adel eingeladen“, erzählt sie, und dass er ein echter Macho gewesen sein muss.

Während sie weiter über jenen sächsischen Kurfürsten plaudert, von seinem herrischen Wesen und von seiner stattlichen, starken Figur, sehe ich ihn fast vor der prächtigen Sandsteinkulisse hin und her reiten, seine Muskeln spielen, seine graue Lockenmähne im Wind wehen…

15.20 UHR ZWINGER, PORZELLANSAMMLUNG
Durch ein paar regennasse Scheiben lässt sich ein kurzer Blick auf die Porzellansammlung erhaschen, „die hat übrigens auch August der Starke gegründet, er soll fast süchtig nach asiatischem Porzellan gewesen sein“, sagt Christiane. Sein Porzellan wird mittlerweile außergewöhnlich präsentiert: Peter Marino, der eigentlich Luxusläden wie Gucci
und Chanel präsentiert, hat das Dresdner Porzellan im Zwinger in Szene gesetzt.

15.45 UHR SEMPEROPER
Ein kurzer Blick auf die Semperoper, die fast hinter einem Regenschleier verschwindet und die auf sonnigen Postkarten schöner, prachtvoller aussieht. Ach Dresden!, hadere ich kurz.

15.40 UHR RESIDENZSCHLOSS
Weiter zum Residenzschloss, das nur ein paar Fußminuten vom Zwinger entfernt liegt und dessen dunkelgrauen Türme in den mittelgrauen Himmel ragen. Hinter den Mauern des Renaissancebaus befinden sich laut meiner Stadtführerin diverse Museen, unter anderem das berühmte Grüne Gewölbe, die Rüstkammer und eine der reichsten Schatzkammern Europas. Doch die Eintrittskarten sind heiß begehrt und die Wartezeiten lang, zu lang für einen 48-Stunden-Besuch!

16.10 UHR BÄCKEREI REIMANN
Kurze Pause in der Dresdener Traditionsbäckerei in der Schlossstraße. Christiane und ich kosten auf die Schnelle einen original Dresdner Christstollen, der als die Mutter aller Christstollen gilt und dessen Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. „Und der übrigens nicht zu verwechseln ist mit dem Stollen nach Dresdener Art“, wie mir dann der Bäckermeister höchstpersönlich erklärt. „Denn nur Dresdner Christstollen werden nach dem Originalrezept gebacken!“ Mein Fazit: köstlich!

16.30 UHR FRAUENKIRCHE
Am Taschenbergpalais vorbei – „das hat August der Starke für seine Mätresse bauen lassen!“ – marschieren wir weiter. Es regnet immer noch, aber Christiane Mörke redet so viel und schnell, dass ich den Dauerregen zwischendurch fast vergesse. Dann stehen wir vor der Frauenkirche, vor diesem Bau, dessen Wiederaufbau die halbe Welt bewegt hat. Ich rufe mir in Erinnerung, wie die ganzen Spenden gesammelt wurden, um die Kirche, die im Dresden wieder aufbauen zu können. „Jeder Dresdener kann sich noch an die Ruine erinnern und an die Regale rundherum, in denen die Steine sortiert wurden, 9.000 konnte man für den Wiederaufbau verwenden“, erzählt Christiane. Ich lasse meinen Blick umherschweifen, bleibe an den dunklen Steinen in der Fassade der Barockkirche hängen, „das sind die alten Steine.“ Um den Neumarkt herum wirken die Fassaden ebenfalls steinalt, doch ebenso wie die Frauenkirche wurden auch sie in der Feuernacht dem Erdboden gleichgemacht – und erst nach der Wende im alten Stil wieder aufgebaut.

17.15 UHR BRÜHLSCHE TERRASSE
Über die Brühlsche Terrasse geht’s weiter. „August der Starke hat die Geschäft e irgendwann an seinen Sohn übergeben“, erzählt Christiane, „doch für den war das nichts, der hat sich nur für Kunst interessiert.“ Das Offizielle hat er seinen Minister regeln lassen, Graf Brühl, der sich hier die Brühlschen Terrassen bauen ließ.

17.35 UHR AUGUSTUSBRÜCKE
„Gleich muss ich los!“, kündigt meine Stadtführerin an, zuletzt will sie mir noch die Augustusbrücke zeigen, „die schönste und älteste Brücke der Stadt“, von der aus man einen zauberhaft en Blick auf die Altstadtsilhouette hat …

17.50 UHR GOLDENER REITER
… und noch einmal ist die Rede von August dem Starken: vor seinem goldenen Denkmal am Ende der Augustusbrücke, das ihn golden und hoch zu Ross in Cäsar-Manier zeigt. „So war er halt!“, ruft Christiane und winkt. „Schau du dir jetzt das Barockviertel an!“

19 UHR WILLIAM
Das Barockviertel verschiebe ich, stattdessen kehre ich im William ein, einem Restaurant im Dresdener Schauspielhaus, das Sternekoch Stefan Hermann unter seinen Gourmet-Fittichen hat. Hier schlemme ich mich auf persönliche Empfehlung des Obers durch Kürbissuppe und Moritzburger Lachs-Forelle.

21.30 UHR MAX, LUISENSTRASSE
Ein kurzer Absacker im Max, das es zweimal in Dresden gibt, einmal in der Altstadt, einmal in der Neustadt. Aber ausgehen solle ich in der Neustadt, hatte Christiane mir noch mit auf den Weg gegeben, zum Beispiel im Max. So nippe ich jetzt an meiner Bloody Mary und verfolge gedankenverloren die Regenbäche, die ununterbrochen am Fenster hinunterstürzen.

10 UHR BAROCKVIERTEL
Die Straßenbahn ratt ert mich in Dresdens Neustadt, in die Nähe der Königstraße, die hier zusammen mit den benachbarten Straßen Rähnitzgasse und Obergraben das Vorzeigequartier sind. Hier sind schicke Boutiquen und Feinkostläden zu Hause, klitzekleine Galerien und Antiquitätenläden. In einem der kleinen Hinterhöfe decke ich mich bei Hanno Brahms (www.postkarten-verlag.de) mit mehr kunstvoll gestalteten Postkarten ein, als ich in den nächsten Jahren verschicken können werde. Aber toll sind sie!

12 UHR ALBERTPLATZ, BAUTZNER STRASSE
Zeit für das Szeneviertel namens Äußere Neustadt. Vom Albertplatz aus wende ich mich gen Osten, trinke einen schnellen Latt e Macchiato im Cafe Oswaldz www.oswaldz.de lasse die Sachertorte links liegen und laufe die Bautzner Straße hinunter. Hier wirkt Dresden wie eine Mischung aus Kommerz und Chaos, ich lasse mich treiben und lande ein paar Schritt e weiter in einem Schokoladenladen. In dem kleinen meisterhaft en Betrieb stellt Amina Kühnel, Schokoladenfachfrau mit marokkanischen Wurzeln, Pralinen und Tafelschokolade her www.dresdner-schokoladenhandwerk.de.

Doch während ich noch über die rosafarbenen Trüffelpralinen sinniere, zieht mich schon der nächste Laden in seinen Bann: der schönste Milchladen der Welt, wie sich die Pfunds Molkerei selbst nennt. Umgeben von handgemalten Fliesen von Villeroy & Boch koste ich ein Stückchen von Pfunds Räucherkäse und erstehe noch ein Stück Pfunds Milchseife www.pfunds.de.

14.30 UHR ALAUNSTRASSE
Die Alaunstraße ist Teil des Szeneviertels, deshalb hat Claudius Michalk sich auch genau hier mit seiner Baumstriezel- Manufaktur www.baumstriezel-manufaktur.de niedergelassen. Was Striezel bedeutet? „Hefebackwerk“, klärt der Chef auf, und schiebt gleich noch hinterher, dass es sich bei Baumstriezeln um transsilvanische Hochzeitskuchen handelt. Ich koste einen Striezel, in dessen Teig getrocknete Tomaten, Parmesan und Pinienkerne geknetet wurden – und schmelze dahin…

16 UHR ROTHENBURGER STRASSE
Auf meinem Weg zurück zum Albertplatz und zur Straßenbahn bleibe ich immer wieder hängen, in kleinen Läden und in überraschend schicken Boutiquen, zum Beispiel im Peccato www.peccato.de , wo es Bilderrrahmen und Blusen, Tücher und Taschen gibt.

19 UHR HELLERAU
Hellerau liegt auf halbem Weg zwischen Dresdens Zentrum und dem Flughafen im Norden, die Straßenbahn Nummer 8 schaukelt mich hin, währenddessen lese ich, dass Hellerau eine Gartenstadt ist, nach englischem Vorbild und als Gegenentwurf zu tristen Mietskasernen angelegt. Mitten zwischen den Reihenhaussiedlungen liegt mein Ziel: das Fest spielhaus Hellerau. Hier erlebe ich eine für meinen Geschmack ziemlich mutige Performance: Krazy Kat oder When Love hurts… Eine filmisch-musische Arbeit, in der die Krazy Kat-Cartoons von Comic-Autor George Herriman auf die Spitze getrieben werden.

10 UHR DEUTSCHES HYGIENE-MUSEUM
Ein Besuch des Deutschen Hygiene-Museums ist Pflicht, das hatt e mir schon die in Dresden lebende Verwandtschaft eingetrichtert. Sie hatten mich auch aufgeklärt, dass dieses Museum Idee und Baby des Odol-Gründers Karl August Lingner ist. Über die Stadtgrenzen ist das Museum für seine Dauerausstellung Abenteuer Mensch bekannt, zu der auch der berühmte Gläserne Mensch gehört, in dem ich mir jetzt jedes kleine Äderchen anschauen kann, das sich in unserem Körper befindet.

Doch der eigentliche Grund für meinen Besuch befindet sich ein paar Räume weiter: die Ausstellung Blicke! Körper! Sensationen! Ein historisches anatomisches Wachskabinett . Hier ein wächserner Arm, dessen Hand durch eine Kreissäge abgetrennt wurde, da die Penis-Abbildung eines Syphilis-Kranken in mehreren Verfallsstufen. Zum Gruseln! Die Skulptur That Girl des kalifornischen Künstlers Paul McCarthy beruhigt mein Gemüt wieder. Der Lebendabguss der Assistentin des Bildhauers wirkt erschreckend echt. Ist die junge Frau wirklich aus Wachs? Oder schläft sie? Oder ist sie tot?

12:15 UHR NEUMARKT
Schnell zurück zum Neumarkt. Muss ich erwähnen, dass es immer noch regnet? Ach, Dresden! Bevor ich meine sieben Sachen im Hotel QF zusammensuche, schiebe ich noch schnell die Tür zur Sächsischen Vinothek www.saechsische-vinothek.de auf. Welcher Wein ist empfehlenswert? Welcher ist besonders köstlich? Die Verkäuferin hinterm Tresen versprüht eher trockenen Charme, dennoch finde ich ein paar Flaschen, die ich zur Erinnerung mitnehmen möchte: Eine Flasche Rotwein vom sächsischen Weingut Schloss Proschwitz. Und einen Grauburgunder vom Schloss Wackerbarth. Die werde ich trinken, wenn ich wieder in Hamburg bin und zurückdenke – an den Regen, an das nackte Mädchen im Hygiene-Museum, an die Baumstriezel und die Sachertorte, die ich nicht gekostet habe… Ach Dresden! Ich komme im Sommer wieder!

Foto: Michael Amme Foto: Michael Amme Foto: Michael Amme Foto: Michael Amme

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