Fenster schliessen
Sehnsucht Deutschland - Film

Abenteuer Deutschland: Volle Ladung Sylt

Auf der Sylt-Hamburg-Linie segelt Deutschlands einziger Frachter Ladungen aller Art per Hand durch Elbe und Nordsee. Passagiere können anheuern. Wir waren bei einer abenteuerlichen Sturmfahrt an Bord der Undine.

Text: David Pohle

Fotos: René Supper

Der Kapitän Torben Hass steuert mit Leidenschaft das einzige Segelfrachtschiff Deutschlands

Der Kapitän Torben Hass steuert mit Leidenschaft das einzige Segelfrachtschiff Deutschlands

Das kleine Abenteuer meldete sich mittags an, Kapitän Hass schickte eine SMS und schrieb, er würde uns zwei Kojen freihalten, abendliche Anreise nach Hörnum auf Sylt unabdingbar, da morgendliches Auslaufen zu früher Stunde erfolgen müsste, um die gleichermaßen sperrige wie unerwartete Ladung pünktlich im Hamburger Hafen abliefern zu können.

Es war die Zeit der ersten ordentlichen Herbststürme, die den Kapitän bislang gehindert hatte, mit seiner UNDINE, dem einzigen deutschen Frachtsegelschiff, auszulaufen. Doch nun gab es kein Halten mehr, keine Welle zu hoch, keine Windrichtung zu ungünstig, diese Ladung musste Freitagmorgen in Hamburg sein. Und wir würden mitfahren.

-- Anzeige --



Unter dieser Voraussetzung entsteigen wir am Mittwochabend dem letzten Zug der Nordostseebahn in Westerland. Schnelle, dunkle Wolken rasen über den nächtlichen Himmel, kurz und transsilvanisch erhellt durch einen prallen Vollmond. Über Sylt faucht ein wilder Westwind, Reizklima. Die Luft duftet nach Meer und Salz. Das letzte Taxi schaukelt uns von Seitenwinden gepackt nach Hörnum, äußerste Sylter Südspitze.

Der Hafen ist ruhig, hier und da heult es in den Wanten, aber die Wellen wüten vor der Mole. Ein paar Möwen finden nicht in den Schlaf. Die Undine liegt an der Pier, beeindruckend ihr hoher Mast. Sie ist zwischen Ausflugsdampfern und ein paar Fischerbooten der einzige größere Segler, 37 Meterlang, Stahlrumpf, Gaffelschoner mit neun Segeln und rund 80 Jahren auf dem Buckel, von denen ein paar unter dem wahnsinnigen Namen Gert-Ute ertragen werden mussten.

Der Alte ist noch wach. Er heißt Torben Hass, ist der SMS-Schreiber vom Vormittag und der leidenschaftliche Kapitän und Eigentümer der UNDINE. Knapp 40 Jahre alt, blitzende Augen, kantiges Gesicht, millimeterkurze Haare und gepflegte Nichtrasur. Er ist vielmals um die Welt gefahren, jahrelang auf sogenannter großer Fahrt gewesen (das heißt mit der Befähigung, als Kapitän weltweit jedes Schiff zu führen) und war mehrere Jahre Offizier auf der Gorch Fock, Deutschlands sturmerprobtem Windjammerstolz.

Er zeigt uns die unübersehbare Ladung, eine echte Liftgondel (sic), die jetzt aus dem mondänen Inseldorf Kampen in das nicht minder mondäne Bergdorf Lech-Zürs am Arlberg transportiert werden soll. Und da bald der erste Schnee in Sicht ist, wird jede Gondel am Berg gebraucht. Die Seestrecke nach Hamburg wird die erste Etappe für die Gondel auf dem Weg nach Hause.

Ein schnelles Bier gibt es noch auf die Hand, dann klettern wir durch eine Luke unter Deck. Acht Kojen (Betten) auf kleinem Raum. Rhythmisches, leises Schnorcheln zeugt davon, dass drei Kojen bereits belegt sind. Das wird eng. Und das in jeder Hinsicht. Wir – Fotograf René und ich, beide fast Zweimetermänner – origanisieren uns halb kichernd, halb ächzend in die muckeligen, knapp 1 Meter 80 langen Kojen, verkanten und schlummern selig.

Eine Herausforderung ist der Gang zur Toilette, die sich an Deck in einem winzigen, sardinendosen-gleichen Aufsatz befindet, schon das Umdrehen indem Kabuff ist nicht ohne. Gut, dass an Bord eh nicht viel getrunken wird. Gespült wird mit einem Eimer Nordseewasser, den man selber schöpft. Nebeneffekt bei Tageslicht: Sieht man jemanden an Deck mit einem Wassereimer hantieren, weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Acht Passagiere können hiermitfahren, aber – darauf legt der Kapitän viel Wert – die Ladung steht immer im Vordergrund, Luxus ist nicht zu erwarten, und auch ein Bespielungsprogramm für Menschen, die sich selbst nicht genug sind, ist nicht vorgesehen. Hier geht es um christliche Seefahrt, nicht um eine Kreuzfahrt. Und wir sind diesmal fünf Gäste an Bord.

Hans-Hermann und Renate – um die 60 – hatten selber ein Segelschiff, auch ein Hotel. Beides gibt es nicht mehr, stattdessen haben sie jetzt Enkel und ein Trike (dreirädriges Motorrad). Und sie sind abenteuerlustig und tiefenentspannt. Marc ist vielleicht Anfang 40 und das erste Mal auf einem Schiff, er packt gerne beherzt an und möchte mit diesem Trip auf den Spuren seines Vaters segeln, der früher zur See gefahren ist.

Der Kapitän ist guter Stimmung, strahlt komplette Ruhe aus, was uns angesichts der letzten Nacht sehr gut tut. In Böen hatte es bis Windstärke 11 gegeben, das entspricht rund 110 Stundenkilometern, die See brüllt dann, gehen ist nahezu unmöglich und das Wasser wird waagerechtverweht. Nun, inzwischen haben wir nur noch 7 Windstärken, die Sonne ist über der Nachbarinsel Föhr aufgegangen.

Die Mannschaft besteht noch aus dem ersten Offizier Kai-Uwe, der echter Seemann durch und durch ist, aber nebenbei auch kocht. Über seinem Holzofen klebt ein Schild: ‚Ich habe gekocht. Alle haben überlebt.‘ Das stimmt sogar. Da hängt aber auch noch so etwas wie eine Schiffssatzung. Die hat der Kapitän ausgehängt und da steht drauf, dass das Kotzen in das Küchengeschirr verboten ist. Hoffen wir mal, dass der Grund für diese Regel nichts mit Kai-Uwes Kochkünsten zu tun hat.

Hans-Hermann und ich holen erstmal köstliche Brötchen bei dem Hörnumer Bäcker, der den Namen noch verdient hatwww.cafe-lund.de. Kurzes Frühstück im Roof (kabinenähnlicher Aufsatz auf Deck), Aufschnitt ist an Bord, Kaffee auch. Jeder hat für den Törn seinen eigenen Becher, der über dem langen Holztisch hängt, ich habe Nummer 7. Holzofen, offenes Feuer, es gibt sogar Rührei, Marmelade und Nutella. Es gehört zum guten Ton, dass auch die Passagiere ihre Hilfe anbieten oder einfach machen, das Aufklaren der Kombüse (Küche sauber machen) gehört dazu.

Es folgt eine Sicherheitseinweisung, im Notfall gibt es Thermoanzüge für alle, gut zu wissen, denn die Nordsee hat dieser Tage eine Wassertemperatur von maximal 14 Grad. Trotz Land in dauernder Sichtweite, überlebt man das nur recht kurz, würde man unabsichtlich baden gehen oder gar das Schiff sinken. Bisher waren die aber noch nie im Einsatz und Kapitän Hass geht davon aus, dass das auch noch lange so bleibt.

Leinen los, endlich, es ist inzwischen 10 Uhr vormittags. Kaum sind wir aus dem Hafen, blicken zurück auf das extrem schicke Hotel Budersand und den Kontrast der bescheidenen Strandpromenade von Hörnum, da lernen wir, dass es drei Arten von Wind gibt, zu wenig, zu viel oder von vorn. Heute haben wir die beiden letzten Arten erwischt und die Strömung kommt uns direkt entgegen, das heißt Segel setzen unmöglich, stattdessen den alten Dieselmotor anwerfen und mit Motorkraft gegen anstampfen.

Sechs Stunden später, wir machen teilweise Schrittgeschwindigkeit über Grund, ist Hörnum immer noch in Sicht. Ganz langsam schieben wir uns an Amrum vorbei, sehen Seehunde neben dem Schiff und freuen uns, dass der Magen sich langsam an den Seegang, der sachte weniger wird, gewöhnt hat. Höher, schneller, weiter. Hier gilt das nicht. Der Wind bestimmt den Kurs. Normalerweise jedenfalls.

Das Ziel unseres Kapitäns ist maximale Nachhaltigkeit, das heißt, so viel zu segeln wie irgend möglich. Der Diesel stinkt. Und dem Kapitän stinkt, dass von 5 Tonnen Kraftstoff jetzt 22 Liter pro Stunde verbraten werden, die Tonne kostet 650 Euro und je höher der Verbrauch, desto niedriger die Fracht. Aber maximale Flexibilität ist für den Kapitän, der bei der Marine auch studiert hat, Grundvoraussetzung für nachhaltigen Erfolg.

An den glaubte aber der Bankberater von Hass nicht. „Wer fährt denn damit, nach Sylt?“ Und tatsächlich stand Kapitän Hass kurz vor dem Ruin, teure, unvorhergesehene Reparaturen fielen an. Doch mittels einer Art Crowdfunding konnte der einfallsreiche Kapitän 50 Gesellschafter finden, die sich beteiligten und die Zukunft der UNDINE sicherten. 2015 soll sogar ein zweites Schiff dazu kommen. Läuft jetzt, das Geschäft mit der Fracht, grinst Hass.

Die Fracht ist übrigens nicht die Gondel, die ist die Ladung, die Fracht – ähnlich einer Miete – ist das, was man für die Ladung bekommt. 70 Tonnen kann die UNDINE in ihren erstaunlichen Bauch aufnehmen, das entspricht zwei vollen LKW-Ladungen.

Und was sind das für Leute, die die Dienste der UNDINE in Anspruch nehmen, will ich wissen. Immer mehr sind es. Leute, denen es nicht so sehr auf Geschwindigkeit ankommt, die sich gerne per offiziellem Undine-Stempel bestätigen lassen, dass ihre Ware, Steine, Strandkörbe, Gartenmöbel, Bauholz, Nahrungsmittel, eigentlich alles, orginal handsailed auf die Insel oder nach Hamburg gekommen ist. Das ist maximal umweltschonend. Und auf keinen Fall teurer als zwei LKWs.

Immer mehr Insulaner unterstützen den couragierten Kapitän und lassen ihre Waren von der UNDINE transportieren. Das tut gut und gibt ihm Rückhalt, denn er hat große Pläne in der Tasche. Kaffee zum Beispiel könne man auf segelnden Containerriesen über den Atlantik verschiffen. Das hört sich nicht nur romantisch an, das Konzept ist konkret, alleine der Werbewert wäre gigantisch, ist der Kapitän sicher. Verhandlungen laufen und vielleicht dauert es nicht mehr lange und ein großer Reeder traut sich diesen zukunftsträchtigen Schritt in die Vergangenheit. Gesegelten Kaffee würde ich mir sofort in den Becher schütten.

Es wird langsam dunkel, die Konzentration beim Rudergehen ist erhöht, die beleuchteten Tonnen, die das Fahrwasser markieren, sind nicht immer sofort zu erkennen. Wie weit wir heute noch kommen, richtet sich nach den Gezeiten. Nur wenn wir mit der Flut rechtzeitig in die Nähe der Elbmündung kommen, kann es weiter gehen.

Gegen 23 Uhr lege ich mich in meine Koje am Bug. Es schaukelt enorm und die Wellen klatschen gegen die stählerne Bordwand. Während ich noch denke, dass ich so wohl nicht einschlafen kann, bin ich ins Traumland abgereist.

Um fünf Uhrmorgens rattert der Anker. Wir sind vor Büsum im Nationalpark Wattenmeer, Sandbänke um uns herum, voll mit Vogelschwärmen und Seehunden, absolute Ruhe, kein Handyempfang. Die Schifffahrtsstraße in die Elbe ist in Sichtweite, echte Containerriesen schieben sich langsam hinein. Jetzt warten wir bis vormittags auf Hochwasser.

Diese Art von historischem Segelschiff zu segeln ist harte Arbeit, das merken wir, als Michel, ein junger Schweizer, der im Fernsehen einen Film über die Undine gesehen hatte, sich mündlich kurz bewarb und Tage später als maritimer Laie anheuern durfte, uns Kommandos gibt, die Ankerkette über eine Art Winsch hochzuziehen. Das ist so anstrengend, dass man unweigerlich im T-Shirt dasteht, bevor man vor Anstrengung platzt.

Michel sieht aus wie ein echter Bilderbuchseeräuber, Ringel-T-Shirt, keinerlei Anzeichen von Kälteempfinden, breiter Gang, Lotsenmütze und dazu immer ein Messer am Gürtel. Er müsse zwar noch viel lernen, mache sich aber schon recht gut, grinst der Kapitän.

Die See ist jetzt ruhiger, der Wind dreht langsam, und als wir die Elbmündung erreichen, hissen wir endlich die Segel. Kein Wunder, dass sich mit Seeleuten in Hafenkneipen keiner anlegen will, denn hier ist voller Körpereinsatz notwendig und der historische Seemann in aller Regel ein kräftiger und zäher Kerl. Wir springen an den Tauen hoch, hängen und ziehen mit aller Kraft, bis die Segel im Wind stehen, sich blähen, der Diesel verstummt und wir dahingleiten.

Nach Hamburg rein sind es immer noch sechs Stunden, es ist schon Nachmittag. Cuxhaven zieht vorbei, die Einfahrt in den Nordostseekanal bei Brunsbüttel, Brokdorf, dann Stade. Die Sonne versinkt über Niedersachsen auf der Steuerbordseite, backbord ist Schleswig-Holstein, die Grenze geht mitten durch die Elbe.

An die Gondel gelehnt, trinken wir ein Bier und träumen. Als es dunkel wird, holen wir auch bald die Segel runter. Es ist fast 23 Uhr, als wir dann im Hamburger Museumshafen Övelgönne anlegen. Fast 40 Stunden hat die Reise gedauert, die als Entdeckung der Langsamkeit so anders schöner war als alles, was man sonst so im normalen Leben erfahren kann. Wir heuern ab, ein letzter fester Händedruck, ein klarer Blick, und verlassen irgendwie erschöpft und etwas wehmütig das Schiff. Der Boden unter uns scheint noch etwas zu schwanken. Haben wir das wirklich gemacht? Wir fühlen, wir waren auf großer Fahrt. Für unsere Verhältnisse. Auf der Hamburg-Sylt-Line mit der UNDINE.

Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper

Weitere interessante Artikel

Hamburg - die Elbe im Herzen

Hamburg ist das Tor zur Welt. Das spürt man nirgends besser als am Hafen. Vor allem in der HafenCity überschlagen sich die städtebaulichen Entwicklungen derzeit.

Bayern - wo der Himmel weiss-blau lacht

Wer noch nie in Bayern war, sollte es schnellstens nachholen. Gastfreundlich, urig, Berge, Biergärten, Seen, Almen, Bayern - alles da, nur noch schöner als man es sich vorstellt. Sehnsucht Bayern ist mehr als ein Modetrend.

Nationalpark Wattenmeer - Weltnaturerbe seit 2009

Das Wattenmeer ist eine der faszinierendsten Landschaften unserer Erde. Ein Großteil liegt vor unseren Nordseeküsten, ist Nationalpark und Weltnaturerbe. Von David Pohle

Schönau im Viechtacher Land

Beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ wurde Schönau im Viechtacher Land, was wiederum im Bayerischen Wald liegt, 2007 als eines von deutschlandweit nur acht Dörfern mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Schleswig-Holsteinische Ostseestrände und Badeküsten

Schleswig-Holstein, meerumschlungen, so beginnt die wunderschöne Landeshymne. An der Ostsee ist man zwar nicht umschlungen, aber dafür kann man an den herrlichen Stränden den Kopf in den Sand stecken.

Suche  
Fotowettbewerb 2016
Jetzt den Kalender 2017 bestellen!
Cover 2015
Magazin hier bestellen!
Ausgabe 04/2016

Ausgabe 04/2016


Einzelausgabe
Leseprobe

Newsletter hier anmelden!





Urlaubskataloge kostenlos bestellen
  • ZugspitzLand – Urlaub in allen Variationen
  • Erzgebirge - Urlaubsmagazin 2017
  • Bad Brückenau - Bayerisches Staatsbad
  • OstseeFerienLand - wo Urlaub in Schleswig-Holstein am Schönsten ist
  • Bayerisch-Schwaben - Heiter bis sportlich: die Top-Ten-Radtouren
  • Brilon & Olsberg im Sauerland
-- Anzeige --


-- Anzeige --