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Sehnsucht Deutschland - Film
Der Hafen mal aus der Luft betrachtet.

48 Stunden Bremerhaven

Eine ganze Zeit lang sah es so aus, als würde Bremerhaven nicht wieder auf die Beine kommen. Doch dann entdeckte man eine ganz neue Kur für den angeschlagenen Stolz der Nordseeküste: Gäste. Vor allem viele. Ihretwegen könnte die Stadt vor einer neuen Blüte stehen.

Text: David Pohle

Fotos: René Supper

Ein bewegender Ort: das Deutsche Auswandererhaus.

Ein bewegender Ort: das Deutsche Auswandererhaus.

Bremerhaven, stolze, wichtige Hafenstadt an der Nordsee. Rosige Prognosen stellten schlaue Experten schon vor Jahrzehnten in Aussicht. Vollgas, ohne Rücksicht auf Verluste, Fortschritt und Wachstum, höher, schneller, weiter. Die Stadt, die zum Bundesland Bremen gehört, will groß rauskommen. Risiken werden keine gesehen, Weitsicht Fehlanzeige, Vorsorge ist nur was für Hypochonder. Das war kurzsichtig, vor allem war es falsch. Heute schickt sich die Stadt nach dem Motto „Du hast keine Chance, also nutze sie“ an, ihrem vorgezeichneten Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

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Was war passiert?
Es kam knüppeldick: Die wichtige Hochseefischerei wurde eingestellt, Werft en gingen pleite und als Anfang der 1990er-Jahre die letzten 4.000 Soldaten der US-Armee ihr B’heaven, das fast 50 Jahre lang ihr wichtigster europäischer Hafen gewesen war, verließen, stieg die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhen. Die Katerstimmung war auf dem Höhepunkt und guter Rat extrem teuer. Bremerhaven hing am Tropf. Und jetzt? Bremerhaven, eigentlich chronisch pleite, hat das Wunder vollbracht, in den Taschen nackter Männer mehrere Hundert Millionen Euro für eine beispiellose Frischzellenkur, fast eine Operation am offenen Herzen, zu finden und diese in das neue Gesicht der Stadt zu stecken: Die Havenwelten sollen den Niedergang stoppen – mit riesigem Hotel, bemerkenswerter Museumslandschaft und hoffentlich großer Zukunft. Tourismus ist dafür die vielversprechende Medizin. Deshalb sind wir hier zur Visite, eher zum Patientenbesuch. Blumen haben wir nicht dabei, aber ein volles Programm für zwei Tage an der Wesermündung. Viel neues, wenig altes Bremerhaven.

11.45 Uhr Little Dubai
Eineinhalb Stunden fährt man mit dem Auto von Hamburg, lässt Bremen links liegen und verlässt die Bundesautobahn 27 in Bremerhaven-Mitte. Wo früher Hafenbrachen lagen, steht jetzt das Hotel Sail City, mit 147 Metern höchstes Gebäude an der Nordseeküste. Ein aufgeblasenes Segel solle es darstellen, meinte der Architekt bei der Einweihung. Ewige Spötter nörgelten, es handele sich um eine Miniaturausgabe des Burj al Arab in Dubai. So what? Das mag 200 Meter höher sein, aber dafür hat esgarantiert keine Bienenvölker auf dem Dach, die freiberuflich Seestadt-Honig produzieren. Und den Weserblick natürlich auch nicht.

12.15 Uhr Hotel Sail City
Die großen Stars der Havenwelten sind allesamt nur einen kleinen Katzensprung voneinander entfernt. Hotel und Klimahaus trennt kaum eine Fischgräte, Auswandererhaus und Zoo sind gleich in Sichtweite. Wir fahren vor, checken ein. Unser Auto steht ja trocken im Parkhaus unter der Lobby. Zimmer im 9. Stock, Bremerhaven liegt uns jetzt zu Füßen. Der Blick über die Weser ist weit, der Zoll scheint winzig und die Containeranlagen im Hintergrund dieses Panoramas gigantisch.

12.45 Uhr Alter Hafen
„Moin“, sagen wir. „Moin“, sagt Jan Rohrbach von der Tourist-Info gegenüber dem Hotel. „Wir möchten Container sehen“, sage ich. „Geht klar, nehmen Sie den Hafenbus. Sie sind noch etwas früh, vorm Zoo können Sie dann einsteigen, das ist nur 100 Meter von hier. Vorher empfehle ich ein Fischbrötchen auf dem Deich. Perso nicht vergessen, viel Spaß und tschüss!“, schickt er uns norddeutsch kurz angebunden, aber herzlich auf den Weg. Wir haben – wie üblich auf Städtereisen – Fahrräder geliehen, kostenlos im Hotel. Nun kurven wir entspannt am Alten Hafen hin und her, bis sich die Schlange vor der Fischbrötchenbude in Wohlgefallen aufgelöst hat. Das hat auch einen Grund: Fisch ist alle. Brötchen ohne alles oder mit Remoulade und Zwiebeln sind noch da. Gucken wir halt so auf die Weser.

14.15 Uhr Hafenbus
Die kurzweilige Livemoderation ist mit Kalauern gespickt. Im Containerhafen – „Das ist die Fläche von 360 Fußballplätzen, neben-, nicht aufeinander“, krächzt es aus dem Mikrofon – stehen zahllose Lastwagen, Betonmischer, in Plastik eingeschweißte Hubschrauber und sogar Wasserwerfer mit arabischen Schriftzeichen zum Transport in die weite Welt bereit. Neue Autos warten gefühlt zu Zehntausenden, manche sind angekommen, andere gehen
in den Export. Gigantische Transportschiffe, die aussehen wie überdimensionierte Schuhkartons, öffnen ihre Mäuler, schlucken die Ware und spucken sie irgendwo in Übersee wieder aus. Die rund 5 Kilometer lange Stromkaje, die längste der Welt – hier werden die Container verladen –, befährt der Bus leider nicht, zu heikel. „Sicherheit, Sie verstehen, oder wollen Sie einen Container auf den Kopf kriegen?“ „Nö, lieber nicht“, denke ich. Am Ende
zieht es sich etwas, sodass wir die erste Gelegenheit zum Ausstieg beim Klimahaus nutzen.

16.20 Uhr Klimahaus
Da die meisten Besucher in der Zeit von ca. 10 bis 15 Uhr ihre Exkursionen machen, ist das futuristische Gebäude, das an eine auf dem Rücken liegende Niere erinnert und so etwas wie der prominente Herzschrittmacher der Stadt ist, schon ziemlich leer. Gut für uns, denn so können wir uns nahezu alleine auf die Reise entlang des achten östlichen Längengrads begeben. Darauf liegt Bremerhaven, aber zum Beispiel auch der Regenwald Kameruns, Korallenriffe vor Samoa, Teile der Antarktis und Alaskas sowie die nahe Hallig Langeneß. Und im Klimahaus sind die dort jeweils vorherrschenden Bedingungen eins zu eins umgesetzt. Trockene Hitze, feuchte Schwüle, eisige Kälte und Bremerhavener Schietwetter schärfen das Bewusstsein für die immer wichtigere Frage: Was ist eigentlich Klima?

18.30 Uhr Polarstern
Wie das Klima in diesem Hause unmittelbar auf uns wirkt, ist überraschend: Wir haben vor allem Appetit auf lokalen Fisch. Also rauf auf die Räder, Richtung Kaiserhafen. Wir suchen die letzte Kneipe vor New York. Auf dem Weg dahin sehen wir die Polarstern im Dock. Der prächtige Eisbrecher, der fast ganzjährig als Forschungs- und Laborschiff in Arktis und Antarktis eingesetzt wird, hatte kurz mal Sehnsucht Heimathafen.

19.30 Uhr Letzte Kneipe vor New York
Die Seemannskneipe, inzwischen überwiegend ohne Seemänner, ist urig. Von außen als unscheinbarer Geheimtipp zu klassifizieren, ist innen alles sehr rustikal: dunkles Holz, breiter, flacher Tresen, maritime Devotionalien. Das Bier ist kalt, es gibt Fisch in Truckerportionen, die polnische Bedienung ist nett. Diese Kneipe kann man lieben, keine
Gourmandie, aber originell – vor allem samstagabends, wenn Bruni Schlager und Shantys singt – und rustikal mit fairen Preisen.

21.45 Uhr Lili Marleen
Auf dem Rückweg halten wir an einer Laterne, die als nett e Erinnerung an Lale Andersen, die wohl berühmteste Tochter der Stadt, an der Linzer Straße steht. Mit dem Ohrwurm Lili Marleen rücken wir wieder ein ins Hotel.

09.10 Uhr Auswandererhaus
Wer nah am Wasser gebaut hat, den können die bewegenden Biografien, 18 davon Auswandererschicksale, 15 Zuwanderergeschichten, von denen man je eine beim Betreten des Museums annimmt, ganz schön mitnehmen. Zukunft ungewiss, Mut, Hoffnung und oft auch Verzweiflung riesig. Ich reise mit Carl Laemmle, der 1884 in das Land der schon damals unbegrenzten Möglichkeiten ging und in Kalifornien die Universal City Studios gründete, an einem Ort, der heute als Hollywood bekannt ist. Eine Erfolgsgeschichte. Andere gehen wenig spektakulär und illusionslos zu Ende.

12.30 Uhr Luneplate
Wir checken aus dem Sail City aus und treff en Rüdiger Staats, den Pressesprecher von Bremenports, der wohl das schönste Büro hat. Es liegt noch über unseren Panoramazimmern. Von da aus zeigt er mit hanseatischer Gelassenheit Richtung Luneplate. Bremerhavens neuester Stadtteil wurde als Ausgleichsfläche für den letzten Containerterminal gekauft und ist jetzt als Naturschutz- und damit quasi Naherholungsgebiet
ausgewiesen. Wasserbüffel wurden angesiedelt, fast 20 prächtige Exemplare leben dort unter der Führung von Bulle Valentino, dessen „850 Kilogramm italienische Eifersucht“ den wilden Haufen zusammenhält. „Und fressen tun die auch alles, was eine hochsensible Leistungskuh verschmähen würde“, grinst Staats.

14.15 Uhr Backfischfest
So eine gute Stimmung habe ich in einem Fischladen noch nicht erlebt, hinterm Tresen wird gegrinst, gelacht und kokettiert. Ganz selbstbewusst offenbar, denn bei Fisch 2000 am alten Fischereihafen – das bestätigt auch Herr Staats, der uns hergeführt hat – gibt es den besten Backfisch in Fishtown, die immerhin noch Fischhauptstadt Deutschlands ist. Nirgends, auch nicht in Hamburg, wird so viel Fisch verarbeitet wie hier. Nur kommt er nicht auf Schiff en aus der Nordsee, sondern per Lkw aus Dänemark und sonst woher. Eine Portion ist gut, zwei sind besser. Ich lege mich fest: der beste Backfisch Deutschlands.

15.00 Uhr Fischereihafen
Mitten im Fischereihafen an der Mündung der Weser liegt das nagelneue Best Western Hotel. Neuer Stahl und altes Holz sollen das kulturelle Erbe der Stadt aufnehmen. Gelungen, finde ich. Ein Fischtrawler liegt am Kai, Möwengeschrei am Himmel, Bremerhavens Havenwelten in der Ferne. Alles vor meinem Fenster. Das ist riesig und schon beim Frühstück lässt sich von hier aus der Hafen samt Attraktionen in Augenschein nehmen.

15.45 Uhr Schifffahrtsmuseum
Schnelldurchlauf, der dem Museum nicht gerecht wird. Am Minipool machen wir trotzdem fest und steuern mit jungenhaft er Begeisterung Modelltanker und -frachter per Fernbedienung.
17.55 Uhr Kekse
Einen Geheimtipp müssen wir aber noch ablaufen: Brownies & Cookies von Michaela Reinhardt. Epizentrum, wenn es um Kekse geht, die den Namen noch verdienen. „Man muss sich der Liebe und dem Backen stets mit ganzem Herzen widmen“, haucht Michaela und schwört, niemals die Familienrezepte zu verraten, die sie aus dem Staate New York mitgebracht hat. Schade eigentlich.

19.30 Uhr Weitblick
Gestern Abend war das Licht schlecht, heute klart es aber kurz auf. Letzte Auff ahrt zur Aussichtsplatt form Sail City. Wir sind alleine, 21. Etage, 86 Meter über der Weser. Der Wind pfeift, jetzt kommt Regen, die Sonne geht. Da René mir keinen Antrag macht – es ist schon eine spezielle Romantik –, gehen wir auch.

20.45 Uhr Krohns Eck
Eigentlich wollten wir ins Natusch gehen, eines der besten Fischrestaurants in ganz Deutschland und gleich um die Ecke, aber heute Abend war für kurz entschlossene Fischfreunde kein Tisch mehr frei. Also landen wir bei Mäggie im Krohns Eck, keine Alternative im Wortsinn, aber nach einem langen Tag eine Kneipe mit bestem Lokalkolorit. Den Rest des Abends beobachten wir einen holländischen Schlepperkapitän bei dem Versuch, eine üppige Blondine an Land zu ziehen. Erfolglos. Doch weil er die Niederlage mit Anstand trägt, spielen wir ihm den alten Schlager Hein Mück aus Bremerhaven vor. Der hatte nämlich Glück bei den Frauen.

08.45 Uhr Katerfrühstück
Die Frischzellenkur hat der stolzen Stadt gutgetan, die Operation scheint gelungen, der Patient lebt und ist auf dem Wege der Besserung. Statt en Sie ihm doch einen Besuch ab, dem nordischen Patienten, vielleicht schon diesen Sommer zur Sail.

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