Fenster schliessen
Sehnsucht Deutschland - Film
Durch die Lüneburger Heide fetzen. Foto: Florian Wagner

Abenteuer Deutschland: Ritt des Lebens

Von den Alpen nach Sylt – querfeldein mit Pferd. 1.700 Kilometer wildromantischer Wahnsinn in 66 Tagen. Rückreise per Helikopter. Fotograf Florian Wagners Abenteuer Deutschland zaubert mit spektakulären Aufnahmen das Spiegelbild eines schönen Landes

Text: Johan Dehoust

Fotos: Florian Wagner

Auf in den Sattel

Für den Rückweg sattelte Florian Wagner in den Helikopter um. Foto: Florian Wagner

Für den Rückweg sattelte Florian Wagner in den Helikopter um. Foto: Florian Wagner

Fast wäre der siebte Tag schon der letzte gewesen. Als Florian Wagner seine Brottüte aus der Satteltasche zieht, zuckt sein Pferd zusammen und prescht mit ihm in ein Weizenfeld. Er landet auf der harten Ackerkruste – und kommt nicht wieder hoch. Die Sonne brennt, wir stehen wie gefroren auf der Landstraße kurz hinter Neuhausen. War es das? Endstation niederbayerischer Acker?

Vor einer Woche sind wir am Fuße der Zugspitze losgeritten. Die Wettersteinwand lag nebelverhangen hinter uns – und Deutschland vor uns. Sechs Menschen, fünf Pferde, ein Hund. Wir wollten bis nach Sylt reiten, einmal von Süd nach Nord durch die Republik.

-- Anzeige --



Ohne Florian würde das unmöglich sein. Er ist Fotograf und hatte die Idee zu diesem Abenteuer. Seit er nach der Schulzeit als Cowboy in Australien gearbeitet hatte, reitet der 46-jährige Oberammergauer. Er hat zwei Pferde, die Paintstute Soloma und den Araberwallach Rooh. Viele Jahre reiste er für seinen Beruf durch die Welt. Dann entschied er, mit Gleichgesinnten Deutschland zu erkunden. Er hat sein Team wohlüberlegt ausgewählt: die Assistentin Hannah Gorkenant, Wilfried Kolb, der uns mit Jeep und Anhänger begleitet, die langjährigen Pferdekenner Barbara Ochotta, Karin Maushart und Thomas Beyer. Florian selbst ist der Kopf der Unternehmung.

Kein Abenteuer ohne Abenteuer
Fünf Sekunden, die wie fünf Stunden erscheinen: Von dem Fotografen ist nichts zu sehen. Und dann – endlich – erscheint Florians Kopf wieder über den Weizenähren. Wir rufen den Krankenwagen und reiten dann ohne unseren Anführer zu einem Pferdehof nahe der Donau. Abends ruft Florian an: nur Prellungen, schmerzhaft zwar, aber morgen früh sei er wieder dabei. Wir haben unsere Pferde monatelang auf diese Reise vorbereitet. Haben sie an gefährliche Situationen gewöhnt: an über die Straße rollende Bälle, vorbeirasende Züge, schmale Brücken. Aber die Tiere bleiben unberechenbar. Winzigkeiten reichen, um ihren Fluchtreflex auszulösen. Wie die raschelnde Brottüte.

Auf in den Sattel
Unsere Reise führt durch die Oberpfalz und Oberfranken. Schon vor Sonnenaufgang sind wir unterwegs, ausgestattet mit Stirnlampen und reflektierenden Halftern. So schaff en wir es meist, vor der Mittagshitze am Tagesziel zu sein, und verhindern, dass den Pferden der Schweiß durchs Fell rinnt. Mir fällt es anfangs noch schwer, um vier schon im Satt el zu sitzen, ich gewöhne mich aber bald daran. Nicht lange, bis ich verstehe, warum Barbara im Morgengrauen so gern Goethes Gedicht Freisinn zitiert: Lasst mich nur auf meinem Satt el gelten! Bleibt in euren Hütt en, euren Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne.

Endlose Landstraßen, Feldwege und Trassen durch den Wald. Hochsommer, um die 30 Grad. Fünf bis sieben Stunden brauchen wir jeden Tag für die durchschnittlich 25 Kilometer langen Etappen. Ungefähr so schnell waren einst auch die Postkutschen unterwegs. Nach Tagen im sanft en Hügelland erreichen wir das steile Fichtelgebirge. Wir sind erst am Nachmittag gestartet, weil Barbara und Karin noch die Ledersättel einfetten wollten.

Ein Hase liegt ausgestreckt im Gras. Erst als wir direkt neben ihm sind, springt er auf. Endlich kühlt es auch ein wenig ab. Wir genießen den würzigen Geruch der Nadelhölzer. Über weichen Kiesboden traben wir unserem Ziel entgegen: dem Gasthof Waldsteinhaus unterhalb des fast 900 Meter hohen Großen Waldsteins. Dort angekommen, beginnt gleich die übliche Prozedur: Pferde absatteln und sie in kleine, mit Plastikpfählen und Schnüren abgesteckte Koppeln führen. Einige der Eimer mit einer Körnermischung füllen, die anderen dann mit Wasser. Erst wenn die Pferde versorgt sind, bauen auch wir unsere Zelte und Feldbett en auf.

Zwei Tage später verlassen wir Bayern auf einer schmalen Brücke über die Saale. Thüringen. Kurz vor Weimar brechen beim Galopp die ersten Hufeisen – Tribut für viele Teerstraßen. Barbara und Florian entfernen die Reste vorsichtig mit dem Taschenmesser. Weiter geht es mit Hufschuhen aus Gummi. Am Abend kommt der Schmied. Er legt einen Rohling an, bringt ihn mit einem kleinen Gasofen zum Glühen und schlägt ihn schließlich auf einem Amboss in Form.

Dann weiter durch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg. Platt es Land. Die Felder werden jetzt immer größer, die Dörfer schnörkelloser. Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein. Tag um Tag. Anfangs hatten wir geplant, jede Woche einen Ruhetag einzulegen. Nach dem ersten Versuch geben wir die Idee auf. Die Pferde sind so voller Energie und kaum mehr zu halten. Ständig springen sie unvermittelt los, stellen die Ohren auf und stupsen sich gegenseitig an.

Je weiter wir in den Norden kommen, desto stärker leiden Pferd und Mensch. Immer mehr verspannte Rücken, entzündete Gelenke, abgeschürfte Haut. Wie haben Eroberer wie Alexander der Große oder Dschingis Khan, Herrscher der Mongolen, es bloß geschafft, monatelang, ja jahrelang jeden Tag rund 100 Kilometer auf dem Pferd unterwegs zu sein?

Keine Pause, das heißt auch, täglich für sechs Menschen, fünf Pferde und einen Hund eine neue Unterkunft zu finden. Eine Herausforderung für Wilfried im Begleitwagen. Wir reiten an Maisfeldern entlang, durch Wälder und Industriegebiete – bis zum Abend aber hat er immer irgendwo einen Lagerplatz gefunden und uns per Handy dorthin geführt. Meist bauen wir unsere Koppeln und Zelte auf den Wiesen von Bauernhöfen oder Reitställen auf. Ab und zu gönnen wir uns eine Nacht im Landgasthof. Und dann der Höhepunkt: Kurz nachdem wir in Sandau die Elbe auf einer Fähre überquert haben, übernachten wir im Schloss Calberwisch in der Altmark.

Außer uns sind nur ein Ziegenbock und ein Hirsch mit seinen drei Kühen auf dem Anwesen. Der Besitzer will das Neorenaissance-Herrenhaus verkaufen und hat es uns nun für eine Nacht überlassen. Wir schlafen in Zimmern, die so groß sind dass alle unsere Pferde darin Platz hätt en. Wir haben die Gastfreundschaft im Land unterschätzt. Wo wir hinkommen, heißen die Menschen uns willkommen, freuen sich, uns zu beherbergen.

Was sie verbindet, ist der Spaß am Grillen: In der Oberpfalz sitzen wir mit einem Bierbrauer, seit 2012 Weltmeister seines Fachs, um ein Kohlefeuer, in der Dübener Heide in Sachsen-Anhalt verbringen wir einige Stunden mit einem Förster, in Nordfriesland mit den jungen Betreibern einer Rohmilchkäserei.

Die eigene Heimat aus dem Sattel betrachten
Der Herbst naht, es wird kühler. So hoch oben kommen uns die ersten Vogelschwärme entgegen. Bei der Norwegerstute Sonne sehen wir schon Anzeichen von Winterfell. Friedrichsruh, das Holstentor in Lübeck, Travemünde. Das Meer! Beim Blick auf die Ostsee denke ich zurück an die Zugspitze und den Eibsee zwischen dunklen Bergen. Die Lübecker Bucht erscheint mir wie ein Ozean.

54 Tage sind wir schon im Sattel. Eine Zeit, in der sich zuvor nur flüchtig bekannte Menschen und Tiere sehr nah gekommen sind und einander immer mehr vertrauen. Ich gehe seit gut zwei Monaten mit meinem Pferd Pepino durch dick und dünn. Wie stark ich ihm verbunden bin, wird mir in einer intimen Situation bewusst: beim Wasserlassen am Wegesrand. Wie selbstverständlich steht der 13-jährige Paintwallach neben mir, schaut mich an – und pinkelt dann in großem Strahl. Von diesem Augenblick an sind wir echte Kumpel.

Quer durch Schleswig-Holstein nach Nordwesten. An einem Sonntag ist es so weit: Wir verladen die Pferde in Anhänger und fahren mit dem Autozug nach Sylt. Auf einem schmalen Asphaltweg zwischen den Dünen bewältigen wir die letzten von rund 1.700 Kilometern unseres Abenteuers. Ständig werden wir von klingelnden Radfahrern überholt, die nicht bereit sind, sich auch nur wenige Sekunden lang dem Tempo anzupassen, mit dem wir den Großteil der vergangenen neun Wochen unterwegs waren. Schade, sie sollten es mal versuchen.

Tiefe Wolken. Typisch norddeutsches Schietwetter kündigt sich an, als wir den Leuchtturm am Ellenbogen, dem nördlichsten Zipfel Deutschlands, erreichen. Vor uns liegt die Nordsee. Auch wenn wir unsere Hüte in die Luft werfen und mit Küstennebel anstoßen, ist es ein seltsam profaner, nüchterner Augenblick. Vielleicht weil uns bewusst wird, dass wir ihn uns in den vergangenen Wochen als etwas Großes, Erhabenes erträumt haben. Es wirklich bis nach Sylt zu schaff en – das war anfangs das Ziel unserer Reise. Es bündelte unseren Ehrgeiz und schweißte die Gruppe zusammen. Mit jedem Tag, mit jeder Begegnung und jedem Erlebnis unterwegs aber wurde es zu einem von vielen einzigartigen Momenten dieses Sommers in Deutschland.

Weitere interessante Artikel

Die 10 schönsten Wissenschaftsmuseen (1.Teil) - Anfassen erlaubt!

Ein Museumsbesuch ist heutzutage nicht mehr nur das blosse Betrachten von kostbaren Exponaten. Die neue Generation von Ausstellungshäusern heisst Science-Center. Hands-on-Museen oder zu Deutsch Mitmachmuseen. Ihr Merkmal: Es darf angefasst, gefühlt, gerochen und eigenständig experimentiert werden. Sehnsucht Deutschland stellt die spannendsten Wissenschaftsmuseen des Landes vor.

Elberadweg - der Publikumsliebling

Die perfekte Mischung aus Natur und Kultur bietet der Radweg entlang des zweitgrößten Flusses Deutschlands, der Elbe. Nur der Wind kommt meist von vorne...

Hüttenzauber (Teil 2) - Traumhütten in Deutschland

Von Nord nach Süd, von Ost nach West – SEHNSUCHT DEUTSCHLAND präsentiert die zehn schönsten Feriendomizile für traumhafte Wintertage zu zweit, mit der Familie oder mit Freunden.

Wellnesstrend Aquacycling - Ein Rad taucht ab

Aquacycling heißt die neue Trendsportart: In Baden-Württemberg haben inzwischen immer mehr Kurorte und Heilbäder den neuen Gesundheitssport in ihre Angebotspalette aufgenommen.

Kurztrips - Essen

Deutschland ist eine Welt für sich, die es zu entdecken gilt. Zu Hause ist es nämlich am schönsten, wenn man von unterwegs erzählen kann. Und SEHNSUCHT DEUTSCHLAND empfiehlt Ihnen stets die schönsten Ziele. Für einfach mal so.

Suche  
Fotowettbewerb 2016
Jetzt den Kalender 2017 bestellen!
Cover 2015
Magazin hier bestellen!
Ausgabe 04/2016

Ausgabe 04/2016


Einzelausgabe
Leseprobe

Newsletter hier anmelden!





Urlaubskataloge kostenlos bestellen
  • Rheinland-Pfalz - Gastlandschaften
  • Boppard - Vielfalt zum Träumen
  • Ostseeland Vorpommern
  • Markt Wiesenttal
  • Regensburg an der Donau - Urlaubskatalog
  • Calw - Die Hermann Hesse-Stadt, der Fachwerktraum im Schwarzwald
-- Anzeige --


-- Anzeige --