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Sehnsucht Deutschland - Film

Träumen im Wasserbett – mit dem Bungalowboot durch Brandenburg

Von vier Landratten, die auszogen, um dem Ruf des Abenteuers in die Wasserwildnis Brandenburgs zu folgen, und im BunBo ein unbekanntes Paradies zwischen Tom Sawyer und Robinson Crusoe entdeckten.

Text: Carolin Supper

Fotos: René Supper

Vier Landratten auf dem Wasser

Mit dem BunBo unterwegs

Mit dem BunBo unterwegs

Es war Frühjahr. Es ging um Ferien. Im Sommer. Unsere Freunde lieben den Trott, wollten wie stets dahin, wo der Strandkorbvermieter sie schon seit Jahren zu seinem engeren Freundeskreis zählt. Wir – Mittvierziger mit zwei reizenden Kindern – saßen in der Küche bei einer Flasche Wein und suchten Inspiration. Und je leerer die Flasche wurde, desto vernehmbarer konnte man das Abenteuer rufen hören. Erst leise, dann eindringlicher.

DER RUF
Es versprach eine der schönsten Landschaften Deutschlands, herrliche Seen und Flüsse sowie unberührte Natur. Es flüsterte von Tieren, die zwar wild und oft auch selten seien, aber auf deren Speiseplan wir nicht stünden. Von Menschen sprach es, die eher wortkarg, aber mit einem Herzen aus Gold ausgestattet seien. Und von einem merkwürdigen, knallbunten Boot. Das machte uns aber so neugierig, dass wir dem Abenteuer folgen wollten, einfach raus in dieses unbekannte Paradies. Die Flasche war leer, eine zweite halb voll. Die Gedanken drehten sich um ein Boot. Ich dachte Dinge wie „Thea (6) kann doch gar nicht schwimmen“, „Hugo (8) wird schon im Auto schlecht“, „Ich liebe Wasser zum Duschen und zum Trinken, aber sonst?“. Mein Mann war euphorisiert. Ich ließ mich anstecken.

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Am Tag danach buchten wir. Ein Hausboot für den Juli. Brandenburg, kontinentales Klima, kalte Winter, heiße Sommer. Kleines Sommergepäck für fünf Tage. Wir haben kein Haus und schon gar kein Boot. Wir haben auch noch nie Ferien auf dem Wasser gemacht. Okay, einmal drei Tage Kreuzfahrt, aber das war auf der Elbe, gesteuert von einem schneidigen Kapitän. Jetzt hatten wir alles in einem, und das hieß kurz BunBo, lang Bungalowboot und lag an der Havel in Brandenburg-Plaue in schönstem Abenteuerrot parat.

Gepäck an Bord, René bekommt eine gründliche Einweisung, dann dürfen wir auch ohne richtigen Sportbootführerschein losfahren. Knapp 12 Meter ist das Ding lang, 4,65 Meter breit und hat einen Tiefgang von 65 Zentimetern. 15 PS hat der kleine Außenbordmotor, der das BunBo auf gemütliche 7 bis 9 Kilometer pro Stunde antreibt. Außerdem bringt René einen Angelschein und eine schlechte Nachricht mit: Da der Wind mit mehr als 4 Stärken bläst, müssen wir im kleinen Hafen bleiben, nutzen die Zeit für einen Bummel durch das entzückende Brandenburg und mustern staunend das „Herrenboot“ nebenan, auf das so viele Fässer Bier gekarrt werden, dass wir uns fragen, wie viel Gewicht so ein Boot wohl tragen kann. Daneben bezieht ein bunter Mix aus älteren Paaren, Familien und einer Gruppe voll Tätowierter bunte Boote, die an schwedische Ferienhäuser an stillen Seen erinnern.

Eine ruhige Nacht, der Wind lässt nach, die Havel plätschert uns in tiefen Schlaf. Glockengeläut. Wo sind wir noch? Ach ja. BunBo. Dann geht es endlich los, die Kinder sind mit Schwimmwesten ausgestattet, wir fahren erst leichte Schlangenlinien, dann immer gerader. Kein Kinderspiel eben.

Die Anspannung lässt nach. Das war versprochen worden. Aber etwas war doch da noch. Die Schleusen. Nadelöhre für ungeübte Freizeitkapitäne, die das ganze Potenzial haben, dass Schleusenzaungäste die Hände in Ehrfurcht über dem Kopf zusammenschlagen oder ob der ungeschickten Manöver in Lachsalven ausbrechen. Die erste Schleuse geht ganz gut und etwas nassforsch rufe ich den Schlaumeiern zu: „Die besten Seeleute sitzen eh an Land.“ Das sitzt, der Schleusenwärter nickt uns zu, ich meine Anerkennung und ein leichtes Grinsen in seinem Blick zu erkennen.

Eine erste Bucht kommt in Sicht. Wir wollen baden. Vom Boot aus natürlich. Die Anker greifen gleich und wir erfreuen ein paar Blässhühner mit dem knallroten Gummiboot-Schlager. Das kennen die wohl schon und wundern sich auch nicht, als wir jubelnd ins Wasser springen. Oh, wie schön ist Brandenburg.

DIE NATUR
Rehe, Reiher, Rathenow am Ufer. Wir legen an, mitten in der Stadt an der alten Schleuse, und denken an Amsterdam. Ein langer Tag, ein letzter Drink auf unserer großzügigen Terrasse und die Erkenntnis, dass Abenteuer in Verbindung mit frischer Luft und kaltem Wasser ziemlich müde machen. Möwengeschrei weckt uns. Mit einem kleinen Beiboot tuckern wir durch den Hafen, legen an und holen uns frische Brötchen. Bald ist Sonntag und Deutschland wird gegen Argentinien um die Weltmeisterschaft spielen. Ein Fernseher ist nicht an Bord und Hugo ist die wachsende Nervosität anzumerken.

Der Weg nach Semlin wird ein unglaublich schöner. Da ist sie, links und rechts, die unberührte, nur vom Wasser zugängliche Wildnis. Ich bin Katharine Hepburn und René ist Humphrey Bogart, nur größer. Unser BunBo ist unsere African Queen. Aber dann fällt mein Schal ins Wasser, kleine miese Böe, und bis wir unser schwerfälliges Boot gewendet haben, hat er sich vollgesogen und grüßt mit einem tiefen Blubb ein letztes Mal von der Oberfläche, um für alle Ewigkeit gerade tief genug zu verschwinden.

René ist mein Held, Krokodile gibt es hier nicht, aber den Schal ertaucht auch er nicht wieder. Tränen der Trauer, der war so teuer. "Was für eine doofe Idee, diese Tour", denke ich. Hugo lässt derweil die Beine ins Wasser baumeln, Thea liegt in der Hängematte. Jetzt denke ich: "Wer braucht schon einen Schal?" Ist ja Sommer …

Semlin. Wir nehmen unsere Fahrräder und schwärmen aus. Wir brauchen eine Glotze. Heute ist Finaltag. In der Gaststätte Seeterrasse findet Hugo eine Leinwand größer als unser Gefährt. Hier bleiben wir. Es gibt Torjäger-Müller-Menü, Calmund-Haxe und Götze-Brust. Letztere erscheint uns ziemlich schmal. Das ändert sich nach dem Spiel, Götze hätte jetzt für alle gereicht, wir – ja, auch wir vier Landratten – sind Weltmeister.

Die Magie des Titels überträgt sich auf uns und die Natur. Beide sind selbstsicher, komplett gelassen, wir lassen uns den ganzen nächsten Tag treiben, legen in einer wild-verwunschenen Bucht an, ganz alleine. Wie klar das Wasser ist. War das da etwa ein Biber? Da sitzt ein Fischadler im Baum. Das soll Deutschland sein? Man kann die Stille förmlich hören. Diesmal sind wir Robinson Crusoe. Das schönste Erlebnis unserer Reise. Ich wache auf. Ist da ein Delfin gesprungen? Nein, es war mein Mann, der sich noch schlaftrunken und mit voller Absicht ins Wasser hat fallen lassen. Mein Kerl.

Leichter Frühnebel zieht über das völlig ruhige Wasser. Was für ein Start in den Tag! Die Reise endet viel zu früh am Ausgangspunkt. Das nächste Mal touren wir länger. Auch weil die Kinder fünf Tage nicht nach Fernsehen gefragt haben. Es lohnt, dem Ruf des Abenteuers zu folgen. Man(n) – und Frau – muss einfach nur hinhören.


Bungalowboot – Guide
Den Alltag hinter sich lassen und wie Tom Sawyer die brandenburgischen Gewässer auf eigene Faust erkunden.
Durchlesen und Leinen los!

Wer einen Sportbootführerschein Binnen hat, braucht keinen Extraschein, alle anderen brauchen einen Charterschein, den man vor Ort nach einer gründlichen Schulung aus Theorie und Praxis – Dauer ca. 2 Stunden – erhält, wenn man sich nicht allzu dusselig anstellt. BunBos verzeihen kleine Fehler.

BOOTSTYP
Unten drunter zwei Rümpfe wie ein Katamaran, obendrauf ein Holzhaus, hinten einen 15-PS-Motor dran, fertig ist das Bungalowboot, kurz BunBo. Es gibt sie in unterschiedlichen Größen, unseres war ein rotes BunBo des größten Typs 1160 (11,60 Meter lang, 4,65 Meter breit, 15-PS-Außenbordmotor) mit drei Zimmern, vier richtigen Betten, Kaminofen, herrlicher überdachter Terrasse und einer Hängematte. Warmwasserdusche und Toilette sind hier selbstverständlich. Kein WLAN und kein TV. Das ist auch gut so.

REVIERE
Ruppiner Gewässer im Naturpark Stechlin, die Flusslandschaft der Peene und die Mecklenburgische Seenplatte. Unser Revier war das Brandenburger Havelland direkt vor den Toren von Berlin und Potsdam. Außerdem gibt es ein Revier in den Niederlanden.

ANGELN
Ruten und Angelbedarf konnten geliehen werden. Brandenburg bietet darüber hinaus die Möglichkeit, ohne Fischereiprüfung auf Friedfische zu angeln. Für Hecht und Co. gilt das aber nicht.

PREISE/SAISON
Unser BunBo gibt es ab 735 Euro/Woche, im Hochsommer kostet es 1.240 Euro/Woche. Endreinigung, Gasverbrauch und ein Parkplatz sind inklusive. Annehmlichkeiten wie Fahrräder, Beiboot, Kanu oder Kaminholz gehen extra. Haustiere sind willkommen, kosten 25 Euro/Woche. Kurzwochen und Wochenende sind ebenfalls buchbar. Nur von Mitte November bis Mitte März erfolgen keine Vermietungen.

EXTRATIPP
Wir hatten einige Verluste, zum Beispiel eine schöne Sonnenbrille, die mit einem Brillenband versehen nicht versunken wäre. Eine blutige Wunde am Fuß wäre erspart geblieben, hätte mein Held Bootsschuhe angehabt.

KONTAKT
Günter Großmann hat die BunBos erfunden. Seit 2010 sind sie unterwegs, 2013 gab es sogar den Deutschen Tourismuspreis. Die Flotte wächst, derzeit gibt es knapp 80 BunBos.
Aquare Charter GmbH
www.bunbo.de

Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper

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