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Sehnsucht Deutschland - Film

48 Stunden Frankfurt

Frankfurt soll angeblich einen schlechten Ruf haben. Wir sagen: Mumpitz − selber sehen ist glauben −, und sind ihm trotzdem gefolgt. Jetzt leisten wir Abbitte, denn wir haben uns von einer überraschend schönen Stadt einnehmen lassen.

Text: David Pohle

Fotos: René Supper

Ist doch subbä, Frankfurt!

Ebbelwoi, Bembel und ein paar Gerippte. Foto: René Supper

Ebbelwoi, Bembel und ein paar Gerippte. Foto: René Supper

Frankfurt. Nur mal so? Und dann gleich für 48 Stunden? „Wer macht denn so etwas?“, fragte mich mein Freund, der sich schon bei dem Gedanken an einen Bembel Apfelwein schüttelte. „Na ich“ war meine kühne und abenteuerlustige Antwort. Ich vermutete, über Frankfurt kursierten ähnlich viele falsche Vorurteile wie zum Beispiel über Hannover. Dies zu überprüfen und optimalerweise zu widerlegen, ist mir stets eine Freude, weil es eine Reise ins Ungewisse ist. Jedenfalls, wenn man sich treiben lässt und die verfügbare Zeit nicht von vorne bis hinten verplant.




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14.03 UHR - Hauptbahnhof Frankfurt
Gut vier Stunden mit der Bahn ab Hamburg, ohne Umsteigen, das ist eine kommode Anreisezeit. Es ist ein Montag und die erste überraschende Beobachtung des mich begleitenden Fotografen René ist: „Das ist ja ein richtig schöner Bahnhof.“ Das freut den netten Herrn von der Bahn, der uns in flotter Uniform und mit gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm- Bart willkommen heißt und den Weg ins schwer angesagte Nordend weist, das an das mondäne Westend grenzt. Dort werden wir wohnen. Hotels in diesem und anderen Stadtteilen der Stadt findet man beispielsweise auf trivago.de.

14.17 UHR - Taxi ins Nordend
Taxi, kleine Plauderei über das Wetter, es ist schön und soll auch so bleiben, meint unser Fahrer, während wir die Nasen an die Fenster drücken und – ja, man kann das so nennen – in den Häuserschluchten des Bankenviertels von Mainhatten versuchen, den Himmel weit oben zu erkennen. Beeindruckend allemal, die Skyline und Hochhäuser erinnern an New York.

14.30 UHR - Nordend, Eschersheimer Landstraße
„Darf ich euch helfen? Schön, dass ihr da seid! Hattet ihr eine gute Anreise?“, fragt und sagt Boris in einem Atemzug, greift unsere Taschen und wuchtet sie in den zweiten Stock. Erklärt uns seine Wohnung, hat zwei Bier im sonst leeren Kühlschrank für uns vorrätig und eine Etagere mit Mohnkuchen steht ebenfalls parat. „Hier ist der Schlüssel, wenn was ist oder ihr Lust auf ein gemeinsames Bier habt, ruft einfach an“, verabschiedet er sich. Bums, fällt die Tür ins Schloss, wir sind allein. Stehen in einer komplett fremden Altbauwohnung, Dielenboden, Balkon, vier Zimmer, ein Traum. Ein merkwürdiges, doch nett es Gefühl.

16.00 UHR - Römer
Dort wartet eine hübsche junge Frau, strahlt uns an und sagt: „Sie sind bestimmt die Journalisten aus Hamburg. Ich bin Isabel, ihre Stadtführerin.“ Zwischen den ganzen Japanern, die nichts fotografieren, ohne sich oder einen Begleiter vorher beflissentlich ins Bild zu stellen, war das wohl auch nicht so schwer zu erkennen.

„Da vorne auf dem Balkon wird Jogi Löw mit seiner Mannschaft stehen, wenn sie Weltmeister in Brasilien werden“, sagt Isabel und wünscht sich doch Uruguay weit vorne, weil sie dort geboren worden ist. Der Römer ist das Rathaus und wie ein Spickzettel für Frankfurter Geschichte. Vier alte Männer, die einmal Kaiser waren, hängen an der Fassade. Zunächst Barbarossa, aber auch Ludwig der Bayer, der Frankfurt das Messerecht einräumte und es damit reich machte, Karl IV., der die Stadt mittels Goldener Bulle zum wichtigen kaiserlichen Wahlort machte, und Maximilian II., der erste hier gekrönte Kaiser. „Der letzte Kaiser, der auf dem Balkon stand, war allerdings Franz Beckenbauer, der hier 1990 als Weltmeistertrainer gefeiert wurde“, kichert Isabel einen typischen Stadtführerwitz. Der Römerberg, wo wir uns gerade befinden, ist ein kaum wahrnehmbarer Buckel in der Frankfurter Topografie. Das war vor 1.200 Jahren Grund genug, eine Stadt anzusiedeln, die hier vor allem vor Hochwasser geschützt war.

Gegenüber ist die Schirn, berühmte Kunsthalle ohne eigene Sammlung, aber mit wechselnden Ausstellungen, die oft von Weltrang sind. Wir schauen uns an, wie Paparazzi (noch bis 12. Oktober) ihre prominenten Opfer zur Strecke bringen. Besser als jede Gala oder Bunte.

16.45 UHR - Kaiserdom und Dom Römer
Genau hier, zwischen Dom, Römer und Braubachstraße, läuft ein gigantisches Bauvorhaben, der DomRömer (www.domroemer.de) soll den Frankfurtern auf historischem Grundriss den Teil der Altstadt wiederbringen, der einst im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen war. 2016 wird das alte Quartier in neuem Glanz erstrahlen, bis dahin ist es vor allem laut und staubig.

17.05 UHR – Braubachstraße
Noch ist die halbe Straße Baustelle, die andere Straßenseite ist bereits eine kleine Perlenkette schöner Geschäft e, zum Beispiel das Bitter & Zart, so etwas wie die Schirn für Schokolade mit dem Unterschied, dass man alles auch gleich kaufen kann. Sabine Seidel, eine Frau, die mental stark genug zu sein scheint, einen Schokoladen-Laden zu führen, reicht gleich eine Praline rüber. Sünde, lieber schnell weg.

17.40 UHR – Kleinmarkthalle
Schokolade macht Appetit, wir haben noch nichts wirklich gegessen und Isabel schleppt uns in die Kleinmarkthalle mitten in der Stadt. Über 60 Händler, an der einen Ecke duft et es wie im Orient, an der nächsten schön nach Fisch. Und Friedrich Stoltze, Mundartdichter Nummer eins, dichtete schon vor über 100 Jahren: „Gemieß, Kardoff el und was noch all, des kriecht mer hier in dere Hall. Und owwe uff der Galerie, da möpselts nach Fromaasch de Brie.“ So ist es bis heute. Nur Frau Schreiber, die Institution in der Halle, gab es damals noch nicht. Die steht nämlich erst seit 50 Jahren jeden Tag – außer sonntags, da ist die Halle geschlossen – hier und verkauft genau sechs Sorten heiße Wurst in ihrem Imbiss. Mit Brot und Senf. Sonst nix. Vergessen Sie die berüchtigte Fressgass, hier ist das Leben. Einfach köstlich auf die Flosse.

18.45 UHR - Main Tower
Isabel ist wahrlich gut zu Fuß, sie behauptet zwar, sie hätte eine Verletzung, aber ohne die würde sie wohl wie ein junges Reh an Hauptwache und Goethe-Denkmal vorbeispringen. Isabel will ihre Stadt jetzt von oben zeigen und ein Fahrstuhl schießt uns knapp 200 Meter hoch auf das Gebäude der Hessischen Landesbank. Da Helaba-Turm sich, nun ja, doof anhören würde, heißt das Ding jetzt Main Tower. So oder so, das hier ist der beste Blick über Stadt und Hessen. Dort der Taunus, dahinter die Landeshauptstadt Wiesbaden. „Nicht der Rede wert“, meint Isabel. Offenbach noch weniger, das liegt in anderer Richtung und muss herhalten, wenn Frankfurter etwas brauchen, über das sie sich lustig machen können. Die Stadt ist grün, ein Drittel des Stadtgebietes ist Grünfläche. Um den Innenstadtkern verläuft ein grünes Band mit Parks, Gewässern und altem Baumbestand.

19.30 UHR - Kanonesteppel
Unser Reh läuft und läuft und wir nach Grüner Soße und Ebbelwoi verlangend hinterher. Ob wir denn noch Lust auf Alte Meister im Städel www.staedel.de haben, möchte Isabel wissen. Ja, sehr gerne, aber an einem anderen Tag oder im nächsten Leben, aber nicht heute. Trotzdem kreuzen wir den Main über den Holbeinsteg, der direkt auf das weltbekannte Museum zuführt. Glücklicherweise hat es bereits zu. Wir bleiben stets freundlich, aber Isabel wittert eine Meuterei und willigt ein, Fahrräder zu mieten. Call-a-Bike-Stationen www.callabike-interaktiv.de gibt es in fast allen großen deutschen Städten. Mit Mobiltelefon und einer kostenlosen App eine herrliche Möglichkeit, sich günstig und schneller in einer Stadt zu bewegen. Mal abgesehen davon, dass man viel mehr sehen kann, kostet die Miete für einen Tag nur 12 Euro, als Bahncard-Inhaber sogar nur 9 Euro.

Und dann kommen wir zum Kanonesteppel, einer der alten Ebbelwoi-Kneipen in Frankfurt, die wissen, wie der Klassiker Grüne Soße geht. Rustikale Bänke und Tische, Platanen stehen im Hof, die Bedienung ist schnell und nett . Sieben Kräuter aus Frankfurt müssen rein, sonst nichts. Die Farbe kommt von ganz alleine, dazu gekochtes Ei und ein paar Salzkartoffeln. Isabel bestellt Handkäs. Die Kellnerin will wissen, ob mit oder ohne Musik. René und ich schauen fragend. „Das ist eine explosive Marinade mit Zwiebeln, Essig, Öl, Pfeffer und Salz und die Musik kommt dann, wenn man pupsend nach Hause geht“, lacht sie.

Dazu säuerlicher Ebbelwoi im 5er-Bembel. Das sind die blauen, tönernen Krüge. Unserer reicht für fünf Gerippte, so heißen die Gläser, aus denen man trinkt. Pur trinkt das kaum einer. Nur Warmduscher und Schattenparker mischen zur Hälfte mit Wasser, das nennt man dann tief gespritzt. Nur theoretisch gibt es auch süß gespritzten Ebbelwoi. Normale Frankfurter betrachten das allerdings als ein Verbrechen gegen die Menschheit und es gibt oft sichtbare Aufkleber, die an die Anti-Atomkraft –Bewegung erinnern und Süßgespritzten meinen.

22.30 UHR - Berliner Bar
Es ist noch WM-Zeit und Brasilien hat noch nicht 1 : 7 gegen Deutschland verloren, da fahren wir an der von den Frankfurter Brasilianern auserkorenen Kneipe namens Berliner Bar vorbei. Samba, jubelnde Schönheiten freuen sich in Neymar-Trikots über einen 4 : 1-Sieg gegen Kamerun. Wir freuen uns mit und trinken einen letzten Caipirinha zur zweiten Halbzeit. Was für ein Tag.

10.15 UHR - Call a Bike
Zwei Fahrräder stehen bereit. Wir radeln los, durch die Parkanlagen, die wir vom Main Tower bereits gesehen hatten. Am Albert-Mangelsdorff –Weiher vorbei zur Alten Oper. Von überall gibt es spektakuläre, weil überraschende Blicke auf die Stadt.

11.20 UHR - Westhafen
Direkt am Main liegen die teuersten Wohnungen der Stadt. Schicke Motorboote direkt vor der Tür. Die Häuser, ähnlich der Hamburger Hafencity oder vergleichbaren Projekten in anderen Städten, die aus alten Industriebrachen modernen Wohnraum schaffen, möchte man sich nicht auf der grünen Wiese vorstellen. Auf den ersten Blick ganz nett , irgendwie ist „ganz nett “ aber auch der kleine Bruder von „ziemlich langweilig“, denkt René laut.

13.20 UHR – Mainufer
Schon nah an traumhaft ist das Ufer beiderseits des Mains. Wir lassen uns treiben, kreuzen mehrfach den dicken Fluss. Viele Läufer, Radfahrer, Inlineskater, die Ufer sind bevorzugter Sportplatz für alle, die in Frankfurt etwas für sich und ihre Figur tun wollen. Und manchmal riecht es auch nach Musik. Wo die wohl gestern waren?

15.20 UHR – Brückenstraße
„Wenn ihr was über Frankfurt macht, dann müsst ihr da hin“, hatten wir im Bitter & Zart gehört. So viele kleine Läden, Ebbelwoi-Kneipen und viel Lokalkolorit. Mehr als bei Frau Maurer, die seit 40 Jahren selbst bemalte Bembel verkauft, kann es nicht geben. Die ehemalige Ebbelwoi-Königin greift sofort zum Akkordeon und spielt uns den Klassiker „Frau Rauscher aus der Klappergass“, dabei lächelt sie wie ein junges Mädchen. Ein paar Meter weiter gibt es coole Gürtel aus Fahrradmänteln. Frauenkluft heißt der Laden, der Diane gehört und das junge Frankfurt symbolisiert. Daneben ein Designladen, dessen Konzept es ist, Künstlern kleine Boxen als Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen; ein Bioeisladen mit zwei Stühlen in der Sonne. Unsere. Gegenüber wird ein Film gedreht. Wir bleiben lange sitzen.

19.13 UHR - Treiben lassen
Wir fahren fast zwei Stunden lang Fahrrad, langsam, halten mal hier, mal dort, biegen links ab, dann wieder rechts, bis uns einfällt, dass wir noch gar nichts Richtiges gegessen haben.

21.45 UHR - Omonia
Abends spielt Griechenland. Das Glück weist uns die letzten beiden Plätze beim besten Griechen (www.omonia.de) der Stadt zu. Das Essen ist köstlich, das Schicksal den Griechen hold. Sie gewinnen auf den letzten Drücker, Papiertaschentücher fliegen durch den Laden, Sirtaki wird getanzt und wir werden als Glücksbringer geherzt und mit Ouzo entdurstet.

08.45 UHR – Iimori
Ein Japaner. In der bekannten Braubachstraße nahe dem Römer. Leckeres Frühstück, Croissants und
Sushi, kichernde Bedienungen ob der gigantischen Fotoausrüstung von René.

10.10 UHR – Caricatura
Ein Fundstück für uns. „Alle Kritiker der Elche waren früher selber welche“ ist der Wahlspruch und ein Elch vor der Tür zeugt davon. Wechselnde Ausstellungen und dauerhaft e Exponate der Neuen Frankfurter Schule in diesem besonderen Museum, das wie mehr als 30 andere zum berühmten Frankfurter Museumsufer gehört und die Stadt damit zu einem Füllhorn an sehenswerten, herausragenden Museen macht.

12.45 UHR - Best Worscht in Town
Imbissbude, die einen legendären Ruf im Frankfurter Raum genießt. Alles einfach, aber vor allem frisch, köstliches Brot zur Wurst und Schärfegrade, die einen heulen lassen. Ich schaffe B+ und fühle mich wie ein Meister, aber es gibt noch vier höhere Grade.

14.14 UHR – Abfahrt
Geben die Räder vor dem Bahnhof zurück und sind schwer angetan von der Stadt, die eindrucksvoll bewiesen hat, dass 48 Stunden ein wunderbarer Anfang, aber noch lange nicht das Ende sind. Gilt übrigens auch für Hannover. Und mit dir haben wir noch nicht fertig, Frankfurt.

Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper Foto: René Supper

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