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Sehnsucht Deutschland - Film
Das Leben kann man nicht verlängern, nur verdichten, sagt Willemsen in seinem Buch Momentum

Nachgefragt – Interview mit Roger Willemsen

Er hat ein Jahr lang im Bundestag gesessen. Auf der harten Bank der Zuschauertribüne hat er die Volksvertreter nicht aus den Augen gelassen und genau zugehört. SEHNSUCHT DEUTSCHLAND hatte das große Vergnügen, dem Bürger Roger Willemsen das Rederecht einzuräumen.

Text: David Pohle

Fotos: Anita Affentranger; Mathias Bothor

Ein herausragender Beobachter

Ein ganzes Jahr lang drückte Willemsen im Deutschen Bundestag die Bank

Ein ganzes Jahr lang drückte Willemsen im Deutschen Bundestag die Bank

Roger Willemsen ist in Bonn aufgewachsen. Er selbst erzählte einst, dass er in seiner Jugend so unattraktiv war, dass Eltern ihre Kinder panisch von der Straße holten, wenn der langhaarige Willemsen mit durchfallfarbener Jacke vorbeikam. Als libidinös Unterversorgter legte er sein Augenmerk damals erfolgreich auf die erlösende Spezies der englischen Austauschschülerin, studierte später Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte, um sich fortan als Nachtwächter, Museumswärter und Reiseleiter zu verdingen. Heute ist der inzwischen attraktive Willemsen einer der angesehensten Publizisten und Intellektuellen unseres Landes. Er hat Bestseller geschrieben, zuletzt erschien Das Hohe Haus. Er war Talkshow-Moderator und hat viele der großen Persönlichkeiten der Erde interviewt, zum Beispiel Gorbatschow und den Dalai Lama. Er reist viel, lebt allein in Hamburg und ist ein herausragender Beobachter des Lebens.

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Drei gute Gründe für ein Leben in Hamburg?
Man kann in der Stadt abseits von ihr leben. Sie hat viele Himmel. Aus der Perspektive des Heimwehs wirkt sie ideal.

Was ist Glück für Sie?
Hervorbringung mit Aussicht auf gutes Essen. Verschwinden. Leere Tage.

4 Tage frei! Ideen für einen Kurztrip in Deutschland, wer kommt mit?
Kristen Stewart, und wir suchen Pilze im Schwarzwald.

Was sollte ein ausländischer Gast im Lande sehen?
Die Geissens. Danach hat er ein paar Illusionen weniger.

Und was auf keinen Fall probieren?
Sprühsahne, H-Milch, Flüssigei, also die Geissens übersetzt in Nahrungsmittel.

Was ist Ihr typisch deutsches Leibgericht?
Pommes Schranke.

Worüber lachen Sie am liebsten?
Amy Farrah Fowler. Wer sie kennt, wird mich verstehen.

Wen oder was mögen Sie gar nicht?
Ärztliche Befunde.

Lieblingshelden oder Vorbilder der Geschichte?
Dieter Hildebrandt hat exemplarisch gelebt und seine öffentliche Rolle vorbildlich interpretiert.

Sie sind ein ewiger Junggeselle, der die Frauen liebt? Warum ist es dennoch schöner allein als zu zweien?
Vielleicht weil ich Angst hätte, sie weniger zu lieben, wenn ich weniger allein wäre.

Was lieben Sie denn an den Frauen besonders?
Man kann ewig auf sie zugehen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Bildung und Wissen?
Wissen kann bloß die Versammlung von Daten und Fakten sein, Bildung fußt auf Erfahrung und geht von der Veränderbarkeit des Charakters durch geistige Impulse aus.

Macht Wissen glücklich? Oder Bildung?
Nein, beide machen nicht glücklich, tun aber so.

Macht Bildung sexy oder attraktiv und anziehend?
Ja, denn sie macht zunächst einmal hintergründig.

Mögen Sie sich?
Wir werden uns nicht scheiden lassen.

Wann ist ein völlig gesunder Mensch dumm?
Wenn ihn Angela Merkels Neujahrsansprache überfordert.

Denken Sie über alternative Energien nach? Ihre Meinung zu Windrädern, inhaltlich und optisch?
Windräder sind optisch oft ein Desaster, aber ein nötiges, und eine Erinnerung an unseren maßlosen Naturverbrauch.

Sind Sie eigentlich ein Kopf- oder ein Bauchmensch?
Ich hab so viel Bauch im Kopf, dass ich kaum noch weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

30 Jahre nach Ihrem ersten Buch ist jetzt Das Hohe Haus publiziert worden. Sie waren ein Jahr lang im Reichstag, haben alle Plenarsitzungen gehört und beobachtet. Warum?
Weil ich die Entscheidungsmitte der Demokratie nicht immer nur durch die Augen des täglichen Nachrichtenjournalismus, sondern weil ich das Vollbild sehen wollte.

Ein Jahr auf der Zuschauertribüne. Hatten Sie nichts Besseres vor?
Nein.

Wer oder was hat Sie besonders beeindruckt?
Sachverstand, Haltung, echte Bewegung, Courage haben mich in jeder Partei beeindruckt.

Was beschämt oder peinlich berührt?
Die Kälte im Umgang mit Rüstung und Armut, die Floskelhaftigkeit vieler Reden, die Definitionsmacht des Fraktionszwanges, die Missachtung des parlamentarischen Gedankens, sie waren alle oft beschämend.

Was ist denn ein „mündiger Bürger“?
Er wiederholt nicht nur stereotyp, dass man wählen müsse, er weiß auch, was und warum man wählen könnte oder sollte. Gilt übrigens auch für die Bürgerin.

Haben Sie „die Bereitschaft zur Leistung“, die die Kanzlerin so oft anmahnt?
Ausgerechnet den Deutschen gerade diese abzusprechen, das ist schon ein bisschen unverfroren, oder? An Leistungsbereitschaft fehlt es nicht, eher an sinnvollen und angemessen bezahlten Leistungsmöglichkeiten.

Wählen Sie, wenn Sie die Wahl haben?
Neuerdings wähle ich sogar, wenn ich die Wahl nicht habe.

Sie wirken so kontrolliert. Können Sie auch böse? Schon mal randaliert?
Ich spucke, kratze, ziehe andere an den Haaren. Häufig Witwen.

Passiv: Fußball oder Boxen? Stadion oder Glotze?
Fußball, oft Glotze, seltener Stadion.

Aktiv: Sport? Wenn ja, welcher? Oder eher nicht?
Mich dauernd meiner Materialermüdung vergewissern? Wenn ich es täte, ich würde mich nie dazu bekennen.

Sie sind viel unterwegs. Wie sieht es aus mit Willemsen 2.0? Welche Rolle nimmt das Internet bei Ihnen ein?
Kein Smartphone, aber ein iPad, um alles schriftlich abwickeln zu können. Die Display-Sucht ringsum bringt lauter Einsame hervor.

Mathematik soll nicht Ihre Stärke sein. Aber was ist/sind Ihr(e) Laster?
Leere Landschaften, Völlerei, das Begehren meines Nächsten Weib, Hab und Gut, Haus und Hof, solche Sachen.

Was ist Ihr – nicht bierernstes − Lebensmotto?
„Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.“ (Franz Kafka)

Wie alt würden Sie gerne werden?
Ich würde gerne die Erschöpfung nicht bis zur Neige auskosten müssen.

Vervollständigen Sie: SEHNSUCHT DEUTSCHLAND ist …
... die Antwort auf Deutschland-Sehnsucht.


5 Toptipps in Hamburg
Roger Willemsen ist Junggeselle, würde sich von sich nicht scheiden lassen und ist gerne unterwegs. Hier sind seine fünf Tipps, wenn Sie sich mal in Hamburg treiben lassen wollen.

1) Überqueren Sie einmal hin und zurück die Köhlbrandbrücke. Sie ist rasant, erlaubt einen guten Blick auf wahres Hamburg und soll abgerissen werden.

2) Gehen Sie ins Schauspielhaus und sehen Sie sich eine beliebige Produktion mit Maria Schrader an. Sie ist immer erstaunlich.
www.schauspielhaus.de

3) Essen Sie einmal im Piment, denn das können Sie nur hier, und diese Geschmäcker kommen niemals wieder.
www.restaurant-piment.de

4) Machen Sie, aber nur in einem der kleinen Boote, eine Hafenrundfahrt. Klingt spießig, ist aber herrlich.
www.barkassen-meyer.de

5) Behandeln Sie den Hamburger Hauptbahnhof wie eine Sehenswürdigkeit. Er ist eine.


Ein Jahr im Parlament
Er hat nichts Besseres vor und setzt sich als Zuhörer und Beobachter ein Jahr lang in wirklich jede Plenarsitzung im Deutschen Bundestag, erlebt die vermuteten Klischees, aber auch echte Dramen, geheime Tränen und effektive Arbeit. Chefredakteurs Lesetipp für mündige Bürger.
S. Fischer Verlag
19,99 Euro
400 Seiten


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