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Sehnsucht Deutschland - Film

48 Stunden in Rostock

Ausflüge sind eine Leidenschaft. Ob 48 Stunden mit drei Kindern für Rostock und Warnemünde reichen? Ein schöner Anfang sind sie in jedem Fall.

Text: Fritz Vossiek

Fotos: René Supper; Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern

Mit Kindern auf Entdeckungstour in der Küstenstadt

Karls Erdbeerhof - ein Kinderparadies

Karls Erdbeerhof - ein Kinderparadies

Im VW-Bus herrscht Bombenstimmung, wie die Orgelpfeifen sitzen Jona (11), Helen (9) und Lott a (4 ½) auf der Rückbank, lachen vergnügt. Eben gab es Zeugnisse, morgen ist Freitag und anständigerweise auch wirklich mal schulfrei. Wir sind auf dem Weg nach Rostock, in den uns unbekannten Osten. Das soll sich ändern.

Von Gorillas haben die Kinder gehört, von paradiesischen Sandstränden und natürlich dem Meer. Das hört sich an nach Sommer, wenigstens Frühling, ist aber eine Exkursion im Winter, um Rostock schon jetzt auf Tauglichkeit für Sommertrips zu testen. Wie heißt das Meer hier noch mal? Über West- und Südsee tastet sich Helen an die Ostsee ran. Und die Stadt? Rostock. Richtig. Fluss? Warnow. Und wo die in die Ostsee mündet, liegt Warnemünde. Richtig. Heißt es deshalb auch Travemünde, Papi? Ja, nur dass Rostock dann Lübeck wäre und die Warnow Trave hieße.

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Aber im Prinzip genau so. Sagenhafte Stullen pflastern unseren Weg, dick belegt und garniert mit so Sachen wie Gurken- und Radieschenscheiben, die meine Kinder gerne essen, wenn das Abenteuer ruft . Wir reisen aus Hamburg an. Über die ständig freie Ostseeautobahn in guten zwei Stunden.

Nachmittags sind wir vor der Petrikirche verabredet, der Nachtwächter nimmt uns mit auf einen Rundgang. Es ist bitterkalt, Ende Januar, als wir vorher im Motel One einchecken. Für einen alleinreisenden Vater ein tolles Hotel, zwei Kinder mit im Doppelbett, ein kleines Extrabett und der schmucke Schuhkarton ist voll. So nah kommt man Familie selten. Ich liebe es. Und man kann das Fenster richtig öffnen.

Neben dem Hotel liegen die ab Frühling schönen Wallanlagen, und der Schnee hat den alten Stadtgraben zur Rodelbahn gemacht. Es folgt in Ermangelung von Schlitten – wer nimmt schon Schlitten mit nach Rostock? – ausdauerndes Runterkugeln als erster unvorhergesehener Programmpunkt. Die Kinder sind sehr zufrieden mit dem Hotel. „Cool“, findet Helen, wohl auch weil auf dem Tresen herzförmige Bonbons stehen.

Stadtführung mit dem Nachtwächter
Wir sind Reiseprofis, wir planen nur wenig, aber das Wesentliche haben wir dabei, zum Beispiel Schneeanzüge. In denen wandern wir zur Petrikirche. „Schau mal da, die vielen schönen Schnapshäuschen“, sagt Jona. Er meint die alten Rostocker Bürgerhäuser mit treppenförmig angeordneten Giebeln, die denen aus Amsterdam ähneln, die wir auf einem KLM-Flug mal als schnapsverfülltes Modell bekamen.

Unabhängig davon, dass es schon fast dunkel ist, verbreitet das vorherrschende Grau in Grau eine Stimmung, die in Wien feierlich als morbid bezeichnet würde. Daher schenken wir uns den Aufstieg, weil wir heute aus 45 Metern Höhe eh keinen Panoramablick über Rostock haben würden. Immerhin 196 Stufen gespart. Der Fahrstuhl wäre eh nur für Warmduscher, meint Jona. Dafür steht Rainer Schwieger im stattlichen Nachtwächterornat vor der Kirche, umringt von einer zweiten Klasse Rostocker Kinder und uns, schwenkt eine richtige Laterne, nötigt den Kindern mit seiner echten Hellebarde Respekt ab und bläst zum Auftakt der Altstadttour in sein Kuhhorn („Ich vibriere“, kommentiert Lotta).

Beiläufig erklärt er, dass das Tuten schwierig zu erlernen sei und der Spruch, von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben, nicht aus der Rotlichtszene stamme, sondern aus dem Nachtwächtermilieu. Die Kinder schauen mich fragend an. Ich zucke verlegen die Schultern. Rund 90 Minuten sind wir unterwegs und Schwieger nimmt sich viel Zeit, um alle Kinderfragen zu beantworten, hat gute Anekdoten auch für Erwachsene parat und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn Helen nebenbei Räder schlägt und Lotta meckert, weil ihr Vater ihre Handschuhe vergessen hat.

Es ist jetzt sehr kalt, der Wind pfeift um die Häuser und die matten Lichter spiegeln sich auf dem vereisten Kopfsteinpflaster. Wir haben Hunger. Schwieger ist so nett, uns beim Alten Fritz am Warnowufer abzusetzen, einer großen Restaurantkneipe mit rustikaler Küche. Leider heute nicht für uns, denn die Kellner sind der Ansicht, sie könnten nicht verantworten, dass die reiseerfahrenen Kinder, die ja schon auf Elefanten und Bergspitzen gesessen haben, auf einer Hochbank sitzen. Als ich noch an einen unlustigen Spaß glaube, wird die Ansicht erneuert; darauf habe ich keine Lust. Heute nicht und sonst auch nicht.

Wir ziehen durchfroren ab und landen stattdessen im fröhlich, wo es erst mal einen Frozen Yogurt mit Gummibärchen und Smarties gibt. Eis geht für meine Kinder immer, und der Name ist hier Programm. Gegenüber ist eine einfache Pizzeria (www.piazza-sanmarco.net), es gibt sogar noch einen Tisch und zur großen Freude der Kinder Pizza und Nudeln satt. Und einen Averna an der Hotelbar für René, unseren Fotografen, und mich. Das haben wir uns verdient.

Es ist 8 Uhr morgens, als Helen bemerkt, dass draußen Schneetreiben ist, und eine wilde Kissenschlacht als Alternative zum Rostocker Schietwetter beginnt. Frühstück ist prima, Selbstbedienung und freie Auswahl in der gesamten Lobby. Die Kinder wählen die Chill-Ecke und lümmeln sich auf Sessel, die dafür gemacht sind. Die Croissants sind lecker.

Den Hafen mit der Min Herzing entdecken
Da schon meine Mutter immer sagte, es gebe kein schlechtes Wett er, sondern nur schlechte Kleidung, sind wir vorbereitet. Statt Arktisexpedition brechen wir nach Warnemünde auf, knapp 30 Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto. Ziel ist der Alte Strom, Warnemündes touristische Vorzeigemeile, gesäumt von wirklich pittoresken Häuschen, vielen Geschäften, Fischbuden und Ausflugsbooten. Heute ist tote Hose, es fährt nur die Min Herzing, und die hat fast alle frei laufenden Touristen an Bord gekobert.

Knapp 20 sind bei Kapitän Hannes Möller für die exzellent moderierte Stundentour entlang der Westmole und der imposanten Hafenanlagen an Deck gegangen. Die Kinder staunen ob der Krangiganten in den Werften, die Zigtausende von Tonnen heben können. Wir sind die Einzigen auf dem Oberdeck, die gefühlte Temperatur mit Wind liegt bei -15 Grad. Den Kindern ist es völlig egal, sie räumen Schnee an Deck und bewerfen Möwen mit Schneebällen.

Als wir anlegen, löscht Dieter Zimmermann auf dem Fischkutter Jasmund gerade seinen Fang und verkauft direkt von Bord. Aus der Zucht am künstlichen Riff vor der Ostseeküste fischt er zum Beispiel Dorsch, Seeforellen und fette, kleine Schollen, die man später im Altstadtrestaurant Amberg 13 (www.altstadtrestaurant.de) essen kann. Immer nur so viel, wie gerade gebraucht wird. „Pass auf, dass der Fisch nicht vom Teller wieder ins Wasser springt, so frisch ist der“, meint Zimmermann. „Wirklich?“, fragt Lotta.

Meine Kinder haben dauernd Hunger. Nur würden sie wohl lieber verhungern, als sich auf ein Fischbrötchen am Hafen einzulassen. Auf dem Rückweg nach Rostock lassen wir die Platten von Lichtenhagen rechts liegen und werden am Warnower Ufer geblitzt. Abends hatten wir einen Tipp für einen Sushi-Laden erhalten, dort werden wir vorstellig. Die Kinder protestieren, schon wieder Fisch. Aber Mathias Harder zerstreut alle Zweifel und filetiert erst mal eine Dorade vor ihren Augen. Damit macht der sympathische Sushi-Koch die Kinder so neugierig, dass der Vater nichts vom Essen abbekommt. Egal, Hauptsache, den Kleinen geht es gut, grummele ich vor mich hin.

Gorillas waren versprochen. Die leben im Rostocker Darwineum mit 79 anderen Vollexoten unter einem Dach. Lotta ist begeistert, sie liebt Affen und kann sich an Meerkatzen, Orang-Utans und den kleinsten Zwergseidenäffchen (mit klimperndem Augenaufschlag haucht sie ein „So einen will ich auch haben, Papi“) nicht satt sehen. Kurz vor 16 Uhr sind wir noch reingehuscht, eine Gnadenstunde später stehen wir wieder im Rostocker Stadtwald vor der Zootür. Winteröffnungszeiten sind so eine Sache für sich.

Touristenmagnet Karls Erdbeerhof
Gut, dass Karls Erdbeerhof in Rövershagen, 20 Autominuten östlich der Warnow, noch offen ist. Vergessen Sie alles, was Sie sich eventuell unter einem Erdbeerhof vorstellen. Nur drei Generationen Familie Dahl hat es gedauert, um aus Gemüse und ein paar Erdbeeren diesen heute enormen Erlebnispark mit Bauerngarten zu einem der beliebtesten Ausflugsziele Norddeutschlands zu machen.

Es gibt Erdbeeren in Seife, Flaschen, Marmeladen, Bonbons, Broten, in jeder erdenklichen Form, und an einem kalten Winterfreitagnachmittag stehen noch rund 500 Autos auf dem Parkplatz dieses Touristenmagnetes. Wohl auch, weil es hier einen Klettergarten, eine Eisbahn, ausrangierte Trecker spektakuläre Eisfigurenausstellung gibt. Gehen Sie einfach davon aus, dass Ihre Kinder es lieben werden. So wie meine, deren enttäuschte Gesichter ob der bevorstehenden Heimreise der erfahrene Vater nur mit einem Kurzstopp bei Burger King aufhellen kann.

Und mit Hamburger in der Hand ist wieder Bombenstimmung auf der Rückbank. „Kinder, wie fandet ihr es denn in Rostock?“, will ich wissen. Und drei Kinderdaumen gehen schmatzend mit einem lang gezogenen „Cooooool“ senkrecht nach oben. „Der Gorilla hatte Ähnlichkeit mit ... Ach, nicht so wichtig, Papi. Und den Sandstrand machen wir im Sommer, versprochen?“ Versprochen.

Seestadt mit Meer
Nicht nur Rostock und die tollen Strände von Sandburgenhausen, will meinen Warnemünde, sind ein Märchenland für kleine Entdecker und ihre großen Begleiter. Den besten Überblick über Mecklenburg-Vorpommern, das Bundesland der schier unbegrenzten Möglichkeiten mit allen Stränden und Adressen – nicht nur für Familien −, gibt es hier:

Platz der Freundschaft 1
18059 Rostock
Telefon: (0381) 403 05 00
www.auf-nach-mv.de



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René Supper René Supper René Supper René Supper

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