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Sehnsucht Deutschland - Film

Hundert Tage Deutschland ... zu Fuß

Heimat, unbekanntes Land. Jens Franke wollte los. Einfach mal so. Was wagen. Konjunktive zu Hause lassen. Und wanderte 100 Tage lang durch das ihm unbekannte Deutschland. Hund Aiko war dabei.

Text: Ben Hilda

Fotos: Jens Franke

Eine Wanderung durch die Heimat - Jens Franke im Interview

Mit seinem Hund Aiko ist Jens Franke (damals 30) vom geografischen Mittelpunkt Deutschlands einfach los gegangen, um 100 Tage lang seine Heimat Deutschland zu erkunden. Am Ende haben sie 43.000 Höhenmeter erklommen, über 2.000.000 Meter zu Fuß zurückgelegt. Um unzählige Eindrücke und über 10.000 Fotos reicher, aber etliche Kilogramm Körpergewicht leichter, sieht Jens Franke Heimat seitdem in neuem Licht.

Jens, 100 Tage Deutschland. Warum?
Ich wollte endlich mein Heimatland kennenlernen. Vor meiner Reise kannte ich nur ein paar Großstädte. Und abgesehen davon hatte ich mit meinen damals 30 Jahren auch noch nicht viel von Deutschland gesehen. Meist suchte ich das Abenteuer im hohen Norden, vor allem Schweden, Norwegen und Island habe ich zu allen Jahreszeiten mit dem Kanu und auf Skiern erkundet.

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War deine Heimat so, wie du sie dir vorgestellt hast?
Nein, sie war viel besser. Mit den Jahren „bildet“ man sich aus Fotos und Erzählungen ein Bild von Orten, die man ja noch nicht selbst gesehen hat. Vielerorts wurde ich eines Besseren belehrt und meine klischeehaft en Vorstellungen von einzelnen Regionen fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen. An die Landschaft en hatte ich schon aus fotografischer Sicht hohe Ansprüche, aber auch da zeigte sich vor Ort ein anderes Bild – es war fast immer schöner, wilder und manchmal erstaunlich einsam für so ein dicht besiedeltes Land.

Wie fühlt sich Heimat für dich an? Kleine Heimat = Geburtsort und Kindheit, neue Heimat = Wohnort, große Heimat = Deutschland?
Nach meiner Reise ist Heimat für mich nicht mehr zwingend mit einem fest definierten Ort verbunden. Vielmehr verbinde ich sie nun mit einem Gefühl des Wohlbefindens und der Vertrautheit. Das kann ein Sonnenauf- oder Sonnenuntergang auf einem Gipfel, ein Morgen am See, ein Spaziergang im Wald oder ein Moment mit mir wichtigen Menschen sein.
Als Jens Franke losging, lebte er in Hannover, war oft in der Eilenriede, dem dortigen Stadtwald, unterwegs. Jetzt lebt er mit seiner Freundin in Bayern, in Waakirchen, nur fünf Kilometer vom Tegernsee entfernt. Aiko ist natürlich auch dabei.

Woher kam, wie lange reifte die Idee?
Es gab keinen direkten Schlüsselmoment, sondern immer mehr Bilder in Zeitschrift en, Büchern und im Fernsehen, die mir viel Lust auf Deutschland machten. Manches schnitt ich aus, heftete es an meine Pinnwand. Es war eine rein visuelle Vorbereitung über einen Zeitraum von vielleicht acht Monaten. Ich hatte keine Wanderkarten bestellt und auch keine konkrete Route ausgearbeitet.

Warum bist du gestartet, wo du gestartet bist?
Tja, ich war ein wenig in Sorge, dass ich, würde ich von zu Hause loslaufen, mir nach zwei Tagen die Frage stellen würde, was ich hier eigentlich mache. Und dann im Bus nach Hause säße. Und da kam mir die Idee, am geografischen Mittelpunkt Deutschlands zu starten. Der ist in Niederdorla, das ist in Thüringen in der Nähe von Mühlhausen. Keine Metropole im Wortsinn und weit genug von Hannover entfernt.

Du hast sicher viele Leute getroffen, wie ist denn DER Deutsche so? Gibt es DEN Deutschen?
Die Reise hat mich gelehrt, nicht in Schubladen zu denken. Es gibt nicht den Bayern, den Thüringer, den Pfälzer oder DEN Deutschen. Es gibt überall freundliche und hilfsbereite Menschen. Vorausgesetzt, man begegnet ihnen selber freundlich.

Wie hast du das finanziert, was täglich ausgegeben, wie und wo übernachtet?
Ich habe mich selbst belohnt. Für zehn Jahre Arbeit. Natürlich habe ich jedes Essen und jede Übernachtung selbst bezahlt. Mein Ziel war dabei anfangs klar: möglichst viele regionale Spezialitäten zu probieren, und um das zu können, möglichst günstig zu übernachten, meist in einfachen Pensionen, Fremdenzimmern (was für ein deutsches Wort) und urigen Berghütten.

» Du hast regional gegessen und getrunken. Es gab dabei immer wieder Wurst, quasi im überregionalen Franke-Test. Wo gab es deine beste?
Eine echte Thüringer Bratwurst an der Thiemsburg im Nationalpark Hainich, (www.forsthaus-thiemsburg.de).

Wo hast du insgesamt am leckersten gegessen?
Generell war es immer wieder schön, nach totaler Anstrengung ehrliche deutsche Hausmannskost zu essen. Oft überraschten mich dabei die regionale Vielfalt und mir unbekannte Gerichte, zum Beispiel ein Pfälzer Carpaccio vom Saumagen, eine Krenoder Keschdesuppe (Maronen). Ein kulinarischer Höhepunkt war allerdings hochpreisiger und trug den Namen „Velouté von Muskatkürbis mit gebratener Jakobsmuschel und süßsaurem Kürbis“. Das habe ich in der Bauernstube der Traube Tonbach in Baiersbronn im nördlichen Schwarzwald gegessen. Immer wieder ein Genuss war eine frische Buttermilch auf einer Almhütte in den Alpen.

Thema Sprache: Hast du überall immer gleich verstanden, was los ist?
Ich perfektionierte die hohe Kunst, mit einer Gegenfrage zu prüfen, ob ich die Frage meines Gegenübers richtig verstanden hatte. Das hat meistens ganz gut funktioniert.

Was war denn dein schönstes Erlebnis?
Der Aufstieg zur Zugspitze war sicher eines der allerschönsten.

Und das schlechteste?
Oben angekommen in die hässliche Fratze des Tourismus auf dem Plateau zu blicken.

Hast du ausländische Touristen getroffen, wie sehen die dein Land?
Die sehen vor allem Aiko, einen Schlittenhund, der sein eigenes Futter im Rucksack trägt, und machen direkt ein Foto. In den Bergen habe ich vereinzelt Kanadier getroffen, die die Natur und die Berge in Deutschland liebten. Überraschend, da ihre Heimat ja nicht weniger landschaftliche Schönheit zu bieten hat. Ansonsten traf ich an den Welterbestätten der UNESCO ausländische Touristen, dann meist in großen Gruppen mit wenig Muße für ein Gespräch.

Hattest du stets ein Gefühl von Sicherheit?
Manches Mal ertappte ich mich, wie ich mir einbildete, einen Waldschrat hinter einem Baum gesehen zu haben. Im nächsten Moment konnte ich herzlich über mich lachen. Ansonsten fühlte ich mich sicher, ich hatte ja einen eigenen Wolf an meiner Seite.

Fünf Adressen deiner Tour, die du jedem wärmstens ans Herz legen kannst?
Die Baumkronenpfade in den Nationalparks waren toll, der Donaudurchbruch bei Weltenburg ist spektakuläre Natur. Dann noch der Maximiliansweg, der vom Bodensee nach Berchtesgaden führt, das Reintal und der Schluchtensteig im Schwarzwald, der seinen Namen absolut verdient hat.

Wer hätte Spaß, dein Buch zu lesen?
All diejenigen, die Lust haben, auf ungeraden Pfaden mit mir und Aiko zu wandern, und die Lust auf kleine unbekannte Orte am Wegesrand haben. In dem Buch geht es allerdings um mehr als die reinen Höhen und Tiefen beim Wandern, es geht auch um die Höhe- und Tiefpunkte in deutschen Gaststuben.

Deutschland ist flächenmäßig nicht so groß, wie sieht es mit der Vielfalt aus? Schönes Reiseland?
Ich war immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich selbst einzelne Tage waren. Betrachte ich meine Reise auf einer Karte, dann wird mir klar, wie viel und gleichzeitig wie wenig ich von Deutschland gesehen habe. Ich würde lügen, wenn es da nicht direkt wieder in den Füßen kribbelte, erneut durch Deutschland zu reisen.

Und was ist das Fazit deiner Reise?
Das Abenteuer beginnt vor der Haustür.

Das komplette Wanderabenteuer von Jens Franke ist auch als Buch erschienen:
100 TAGE HEIMAT
Autor Jens Franke
304 Seiten
ISBN 978-3-492-40525-6
14,99 Euro


Der Blog zum Abenteuer: www.100tage.jensfranke.com




Foto: Jens Franke Foto: Jens Franke Foto: Jens Franke Foto: Jens Franke

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