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Sehnsucht Deutschland - Film
Clemens Wilmenrod hat ihn ganz eventuell nicht erfunden: Toast Hawaii

Typisch Deutsch - Toast Hawaii

In „Typisch Deutsch“ stellen wir die leckersten Sachen vor. Diesmal Toast Hawaii, exotischer Fernsehstar und Nachkriegsdelikatesse.

Text: Stevan Paul

Fotos: Effilee/Andrea Thode

Toast auf der Mattscheibe

Nachkriegsdelikatesse Toast Hawaii

Nachkriegsdelikatesse Toast Hawaii

Am 20. Februar 1953 trat Carl Clemens Hahn erstmals vor die Zuschauer an den Fernsehempfängern, um ein knappes Jahrzehnt lang zu erklären, was denn auf dem Herd so alles zu brutzeln sei. Unter dem Künstlernamen Clemens Wilmenrod wurde Hahn der erste Fernsehkoch Deutschlands. Mit „Ihr lieben, goldigen Menschen!“ oder später „Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus!“ begrüßte er ein weitestgehend männerfreies Publikum zu seiner Sendung Bitte in zehn Minuten zu Tisch!, ausgestrahlt zur besten Sendezeit.

Mit Fantasie, fern jeglicher Konventionen und ohne Konkurrenz, erschuf er aus Konserven zahlreiche Klassiker der Wirtschaftswunderjahre. Der geistige Vater von Mälzer, Lafer, Lichter und Co. war nicht zögerlich in der Entwicklung erstaunlich handfester Speisen, die er mit exotischen und wohlklingenden Namen garnierte. Die wohl berühmteste Kreation des Showkoch-Pioniers ist der Toast Hawaii. Der gebutterte Toast mit Schinken, Scheiblettenkäse und Belegkirsche war Futter für die Nachkriegssehnsucht der Menschen nach Ferne und Exotik. Insbesondere die Kombination von salzigem Käse und Schinken mit der süßen Dosenananas war neu.

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Als die ersten frischen Ananas das Wirtschaftswunder-Deutschland erreichten, lagen die Früchte wie Blei in den Kaufmannsläden, es fehlte die Süße (und der dezent metallische Beigeschmack) der gezuckerten Dosenfrüchte, die bis heute erste Wahl für einen klassischen Toast Hawaii à la Wilmenrod sind.

Allerdings ist sich die kulinarische Geschichtsschreibung mittlerweile gar nicht mehr so sicher, ob der Toast Hawaii tatsächlich eine Erfindung des selbst ernannten „Bundesfeinschmeckers“ ist. Die Kulturhistorikerin Petra Foede entdeckte auf der Internetseite www.kitchenretro.blogspot.de eine Anzeige der Dosenschinken-Firma Hormel (Spam) von 1939. Darauf findet sich die Abbildung eines Hot Cheese Spamwich, mittig mit roten Zwiebeln garniert. Ein im gleichen Jahr erschienenes Rezeptheft des Frühstücksfleisch-Unternehmens führt auch eine Variante des Toasts mit einer Scheibe Ananas. Wilmenrod könnte Heft und Rezept gekannt haben, mutmaßt Foede, immerhin lebte der Fernsehkoch seit den 1930er-Jahren in Wiesbaden, einem wichtigen amerikanischen Militärstützpunkt, und Hormels Spam war ein wesentlicher Bestandteil der Truppenverpflegung.

Hatte sich Wilmenrod also von einer Werbebroschüre für Dosenschinken inspirieren lassen? Als gesichert gilt, dass der Toast Hawaii den Fernsehkoch insbesondere wegen seiner Käsedecke erfreut haben dürft e, die war nämlich bares Geld wert. Wilmenrod war ein Meister des Gratinierens. Das war einem Werbeabkommen mit den Herstellern des Elektroofens Heinzelkoch geschuldet.

Wilmenrod schleichwarb auch für Kühlschränke, Rumtöpfe und Küchen-Gimmicks wie Schneidboy und Greifhexe (heute abgelöst durch die Jamie-Oliver-Zange). Als der Spiegel aufdeckte, Wilmenrod habe für seine mediale Präsentation eines Putenbratens zum Weihnachtsfest vorab 1000 D-Mark von einem Oldenburger Geflügelfarmer erhalten, fiel der Fernsehkoch in Ungnade: Gesendet wurde ab 1957 nur noch einmal im Monat, später verbannte man Wilmenrod ins Nachmittagsprogramm und am 16. Mai 1964 wurde die Sendung ganz abgesetzt.

Der ehemalige Fernsehstar lebte nur noch drei Jahre. Mit der Sendung war ihm der Lebensinhalt entzogen, dazu bekam er die Diagnose Magenkrebs. In tiefe Depression verfallen, nahm sich Clemens Wilmenrod 1967, im Alter von sechzig Jahren, das Leben. 2009 erinnerte die ARD mit der Erstausstrahlung des wunderbaren Fernsehfilms „Es liegt mir auf der Zunge“ an den ersten deutschen TV-Koch. Ein würdiges filmisches Denkmal für den Mann, der ganz eventuell den Toast Hawaii nicht erfunden hat, dafür aber die Kulinarik ins Fernsehen brachte.

Rezept Toast Hawaii
Zubereitungszeit: ca. 15 Minuten

8 Scheiben Toastbrot, weiche Butter, 8 Scheiben Kochschinken, 8 Scheiben Dosenananas, 8 Scheiben Scheiblettenkäse, 8 Beleg- oder Cocktailkirschen

1. Toastbrot dünn mit Butter bestreichen, mit Schinken und abgetropften Ananasscheiben belegen. Mit Scheiblettenkäse bedecken.

2. Im heißen Ofen bei 220 Grad und zugeschaltetem Grill die Toaste 3 bis 5 Minuten lang überbacken. Mittig mit je 1 Belegkirsche garnieren und den Schmaus eilig servieren.


Stevan Pauls Artikel über Toast
Hawaii ist auch in der Rubrik „Herrn Paulsens Deutschstunde“ von Effilee erschienen. Das „Magazin für Essen und Leben“ erscheint alle drei Monate in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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