Fenster schliessen
Sehnsucht Deutschland - Film

Ahoi Hamburg!

Gibt es einen Grund, nach Hamburg zu fahren, wenn man schon da ist? Nicht dass Sie denken, ich hätte einen an der Marmel, ich meine natürlich, wenn man schon da ist, weil man in Hamburg wohnt. So wie ich.

Text: David Pohle

Fotos: René Supper

48 Stunden unterwegs in der Hansestadt

Cap San Diego - das größte, fahrtüchtige Museumsfrachtschiff der Welt liegt im Hamburger Hafen

Cap San Diego - das größte, fahrtüchtige Museumsfrachtschiff der Welt liegt im Hamburger Hafen

Immer, wenn andere von tollen Städtereisen in meine Stadt erzählen, denke ich: Wie schön, dass ihr euch so wohlfühlt, wo ich lebe. Vielleicht sollte ich auch mal dorthin fahren. Wie ein Tourist eben. Denn oft erleben diese Städtereisenden eine Menge in kurzer Zeit – meist Dinge, die man selbst nie macht oder nur, wenn man Besuch hat: Sie unternehmen zum Beispiel Hafen- oder Stadtrundfahrten, sehen Musicals (wir sind nämlich die Musicalhauptstadt Deutschlands), besuchen Museen und vieles mehr. Das alles machen Touristen, weil sie nicht von hier sind und was sehen wollen. Alles ist neu, aufregend, großstädtisch, aber nicht zu weltstädtisch, hanseatisch eben.

-- Anzeige --



Die Hamburg-Besucher fragen Dinge wie: „Hast du die Ausstellung von XY schon gesehen?“, und ich antworte: „Von wem?“ Sie erkundigen sich: „Kennst du das angesagte Restaurant von Tim Mälzer im Schanzenviertel?“ Und ich erinnere mich im November 2013: „Ja, ich war gerade letztes Jahr da.“ Sie räumen ein: „Bei euch ist das Wetter ja gar nicht so schlecht.“ Ich entgegne: „Sage ich doch auch immer.“

Jetzt habe ich also beschlossen, für zwei Tage nach Hamburg zu fahren. Von Hamburg. Nach Hamburg. Ich muss keinen Flug buchen, nicht im Stau stehen und auch nicht mit der Bahn kommen. Ich bin eben schon da. Tourist in der eigenen Stadt. Ein bisschen Quatsch, aber ein kleines Abenteuer ist es doch. Ich schlafe woanders. Zweimal sogar. Das ist wichtig, wenn man es richtig machen will. Für das Gefühl. Würde man abends nach Hause fahren, man wäre nur ein Spät-nach-Hause-Kommer. So schleiche ich mich in Hamburgs Übernachtungsstatistiken ein, obwohl ich gar kein Auswärtiger bin. Und einen festen Wohnsitz habe. Kein Wunder, dass es dauernd neue Rekordzahlen zu vermelden gibt. Vielleicht gibt es mehr von meiner Sorte.

Und weil Hamburg groß ist und 48 Stunden wenig sind, will ich hin, wo viele Touristen ohnehin hinwollen und ich auch immer, wenn ich irgendwo bin, wo ich eigentlich gar nicht sein möchte, zum Beispiel am Schreibtisch. Ich will an die Elbe. Und zum Hafen. Das liegt uns im Blut, denn wirklich nichts berührt einen Hamburger emotional so stark wie die Elbe. Vielleicht die Geburt der eigenen Kinder, schon mit Abstrichen die im optimalen Fall vorhergehende eigene Hochzeit. Aber die Elbe begeistert uns zu jeder Tageszeit, mit Containergiganten vor aufgehender Sonne, kleinen Booten, großen Schiffen, bulligen Schleppern, Windjammern und von Kreuzfahrtschiffen ausgelösten Flutwellen im Morgen- oder Abendlicht, bei Regen oder Schietwetter, bei Sonne oder Sturm. Unschlagbar.

Nichts berührt einen Hamburger emotional so stark wie die Elbe

Ich sage meiner Familie morgens Tschüss und schwinge mich auf ‘s Rad, lasse mich rollen. Durch den schönsten Hamburger Park, den Jenischpark mit der schneeweißen Würfelvilla des Barons, runter an die Elbe bei Teufelsbrück. Rechts geht es Richtung Blankenese – ein pittoreskes Fischerdörfchen ohne Fischer am Elbhang –, später folgen die Elbmündung und die Nordsee. Links geht es Richtung Dresden (hier führt nämlich auch der beliebteste deutsche Fernradweg, der Elberadweg, vorbei) und natürlich zum Hamburger Hafen und in die Innenstadt. Sieben flache Kilometer sind es, links Parks an steilen Elbhängen, rechts die Elbe, immer die Elbe. Und dann wird es über mir kurz dunkel; das größte Flugzeug der Welt, der A380, nur noch ein paar Hundert Meter hoch, schwebt über Teufelsbrück ein, um auf der anderen Seite bei Airbus, einem der größten Arbeitgeber Hamburgs, zu landen. Als die Start- und Landebahn wegen voller Auftragsbücher verlängert wurde und höheres Flugaufkommen zu erwarten war, sanken ganz kurz die Immobilienpreise in der Einflugschneise. Inzwischen sind sie höher als vorher, man hat sich gewöhnt, die Gegend ist einfach zu schön. Und der Fluglärm? Die Lage macht alles wett …

Wer weiter fährt, passiert feine Sandstrände. Die Elbe ist hier sauber. Früher war sie ein giftiger, fischloser Strom. Im Sommer wird wieder gebadet. Keinem wächst davon ein drittes Bein oder auch nur ein Pickel auf der Nase. Die Kulisse ist einzigartig, die Hafenanlagen sind in Sicht. Und das malerische Övelgönne, wo ein schmaler Weg an hübschen Häuschen – ohne Fischer – entlangführt. Vernünftige schieben hier, allen anderen ist die Durchfahrt verboten, verkündet ein Schild. In diesem Idyll wohnt meine Freundin Nina, macht eigenen Honig und richtet wunderbare Grillabende aus. Hafenblick inklusive. Und Töddi, dem die regelmäßig sturmgeflutete Kult-Elbkneipe, die Strandperle, gehört. Wenn die mich erwischen würden, ich wäre geliefert.

Deshalb Teufelsbrück. Fotograf René stößt dazu. Eine kleine Fähre setzt über nach Finkenwerder, umsteigen auf die schönste Linie der Stadt, die 62. Wind von vorn, tief durchatmen. Wir nähern uns über Museumshafen, Überseeterminal und Fischmarkt den Landungsbrücken, als würden wir in ein Postkartenpanorama eintauchen. Fischbrötchen. An der Brücke 10 sind sie noch in der Mache. Wir warten kurz. Da das Krabbenbrötchen so groß ist, dass sich die bis auf Weiteres im Bau befindliche Elbphilharmonie dahinter verstecken könnte, gibt es klassisch Bismarckhering. Und ein Alster. An der Elbe. Das kommt lecker.

453 Stufen zur besten Aussicht Hamburgs

Wir machen erstmals eine Stadtrundfahrt. In anderen Städten immer: Chicago, Paris, zuletzt Leipzig. Für einen ersten Überblick sind die launig moderierten 90 Minuten mit Elbe, Alster, Rathaus, Reeperbahn und natürlich St. Michaelis, dem Wahrzeichen, das in Hamburg nur Michel heißt, perfekt. 453 Stufen geht es hoch, der Blick ist atemberaubend, der Aufstieg auch. Es zieht sich langsam zu, für Fotos wird das Licht zu schlecht, René verabschiedet sich und mein Bruder Patrik löst ihn ab.

Wir treffen uns im Portugiesenviertel beim Spanier. Eine beliebte Touristenecke zwischen Michel und Landungsbrücken. Es ist ein Montag, das Viertel ist verwaist. In der Ecke läuft spanischer Fußball im Fernsehen, an der Bar sitzen Spanier, trinken Rotwein, lachen. Wir haben Tapas. Dazu ein paar Gläser San Miguel, das bekannte spanische Bier. Barcelona mitten in Hamburg.Eine Tür weiter Porto, daneben Lissabon. Wo wir schlafen werden, will mein Bruder wissen. Ich sage: Cap San Diego. Er frohlockt, denn der alte elegante Stückgutfrachter liegt fest im Hafen, ist Museums- und Hotelschiff.

Inzwischen ist es ein ganz gruseliger Novembermontag, kurz vor Mitternacht kommen wir über eine feuchte Gangway an Bord. Wind und dunkler Regen, Kragen hoch, Stadt und Elbe ganz ruhig, in der Ferne die Nordsee, unser Tor in die Welt. Wir gehen auf die Brücke, da, wo sonst der Kapitän steht, 20 Meter hoch über dem Strom. Träumen von großer Fahrt, trinken das letzte Bier und gehen in unsere Kabine. Draußen gluckst der Fluss und quietscht der Hafen, der niemals schläft .

Die Stadt wacht vor uns auf, die Sonne blitzt hinter der Elbphilharmonie, reges Treiben auf dem Wasser. Schnell raus, ein Stehkaffee, diesmal beim Portugiesen, dann ist mein Bruder weg, René wieder da. Wir lassen uns treiben, die Wege sind kurz. Historische Speicherstadt, dahinter hypermoderne HafenCity. Alt und Neu direkt nebeneinander, das eine vielleicht bald Welterbe, das andere eines der größten Städtebauprojekte der Welt. Geplant fertig im Jahr 2025. Vielleicht. Sturmflutsicher in jedem Fall. 1962 war das in Hamburg nicht der Fall, eine sehenswerte Dauerausstellung erinnert an die Katastrophe.

Der Tag verfliegt, wir gönnen uns ein Hamburger Rundstück in der unter der Eisenbahn versteckten Oberhafen-Kantine. Um die Ecke sind die Deichtorhallen, wo ich dann doch noch die Bourdin-Ausstellung zu sehen bekomme. Mahnmal Nikolaikirche, die fertige Elbphilharmonie im Miniaturwunderland und Störtebekers Schädel im Museum für Hamburgische Geschichte. Endlich ist der Hunger wieder da. Auf Labskaus. Eine Hamburger Spezialität. Trauen Sie sich! Nur da gut, wo es aus gepökelter Ochsenbrust gemacht wird, zum Beispiel im Old Commercial Room, noch so eine Hamburgensie vis-à-vis dem Michel.

Der Tag ist fast rum, es ist dunkel, an der Elbe ist Haifisch-Bar-Wetter. Zwischen dem Touristenfischmarkt und dem echten liegt meine weltweit liebste Hafenkneipe. Gert Schlufter ist da, er ist dort bald seit 30 Jahren Wirt und erzählt von alten Zeiten mit Stuttgarter Dieter und dass er hier nie etwas ändern wird. Es gibt Astra und eine Musikbox, an der Decke hängt ein Hai. Dieter, der Expolizist, zapft perfekte Biere. Wir bleiben viel zu lange. Dafür ist der Heimweg nicht gefährlich, ein Fahrstuhl fährt uns in den 14. Stock des schicken Riverside Hotels (vergleichbar z.B. bei trivago). Hinten das alte St. Pauli mit Reeperbahn und Herbertstraße, vorne ein voll verglastes Eckzimmer mit dem besten käuflichen Blick auf Elbe und Hafen.

Der Selbstversuch war schön. Und es gibt viele Gründe, bald einmal wiederzukommen. In meine Heimatstadt. Als der Tourist, der aus Hamburg kommt. Ahoi Hamburg!

Weitere interessante Artikel

Gegen den Strom - Radwandern auf dem RheinRadWeg

Zwischen pulsierenden Großstädten und urigem Landidyll: Radfahrern bietet der RheinRadWeg Nordrhein-Westfalen eine besondere Grenzerfahrung entlang des Niederrheins.

Deutscher Klassiker & Hamburger Institution seit 1814 - L.W.C. Michelsen

L.W.C. Michelsen von 1814 ist ein Hamburger Traditionshaus, das sich vom Kolonialwarenhändler zum kaiserlich-königlichen Hoflieferanten entwickelte und sich als familiengeführtes Unternehmen heute zu einem der führenden Online-Versender für Delikatessen und Wein ausbaut.

Mosel- und Saartäler zwischen Trier und Koblenz

Zwischen Trier und Koblenz schlängelt sich in zahlreichen Windungen ein blaues Flussband, das zu den schönsten Flusstälern Deutschlands gehört. Die Mosel und ihr Nebenfluss, die Saar bilden eine über 2000 Jahre alte Kulturlandschaft, die von den Römern nachhaltig geprägt wurde.

Kurztrip - Lindau

Deutschland ist eine Welt für sich. Sie ist da und erwartet uns. Tun wir ihr doch den Gefallen und entdecken sie. Und SEHNSUCHT DEUTSCHLAND empfiehlt Ihnen dafür die schönsten Ziele. Für einfach mal so.

Der Schlie-Krog in Sieseby - Wir sind Schleswig-Holstein

Unter blau-weiß-roter Flagge betreiben Renate und Peter Möller seit über 25 Jahren den Schlie-Krog im Dörfchen Sieseby am Ostseefjord Schlei.

Suche  
Fotowettbewerb 2016
Jetzt den Kalender 2017 bestellen!
Cover 2015
Magazin hier bestellen!
Ausgabe 04/2016

Ausgabe 04/2016


Einzelausgabe
Leseprobe

Newsletter hier anmelden!





Urlaubskataloge kostenlos bestellen
  • Kühlungsborn - das Ostseebad mit Flair
  • Ruhr Tourismus - Metropole Ruhr 2015
  • Chiemsee - Hotel Gut Ising
  • Landidyll Hotels - traumhaft auf dem Lande
  • Heilklima-Wandern in Deutschland
  • Ostseeland Vorpommern
-- Anzeige --


-- Anzeige --