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Sehnsucht Deutschland - Film
Signaltafel unter Tage - eine Zeche reicht bis 1400 Meter in die Tiefe

Lokalheld/14: Lutz Backhaus

Lutz Backhaus ist Bergmann im Ruhrpott. Aufsichtshauer, um genau zu sein, mit Armen wie Stahlträger. Als er abseits der Zeche sein Leben riskiert, um andere zu retten, wird der fast Zweimetermann zum Helden.

Text: David Schraven

Fotos: Ankerherz Verlag/Uwe Weber

Kumpel, Aufsichtshauer & Held von Sterkrade

Lutz Backhaus ist der Held von Sterkrade

Lutz Backhaus ist der Held von Sterkrade

Das große Schwitzen begann schon kurz nach meiner Lehre. Ich habe immer dort gearbeitet, wo es heiß ist. 1.400 Meter tief in der Erde, unterhalb der siebten Sohle. Wir holten die letzte Kohle aus dem Berg, aus dem heißen Loch. Man misst dort unten eine Temperatur von mehr als 30 Grad, das hältst du nur in Unterhose aus. Wenn eine Kohlewand in Sicht kam, sind die Männer durchgedreht. Als ich zu meiner ersten Störung gerufen wurde, rannte ich mit meiner Werkzeugtasche durch den heißen, dreckigen Streb.

Mehr als 20 Jahre sind seither vergangen. Den Job mache ich immer noch, doch die Zeiten haben sich geändert. Früher lebten in unserer Siedlung nur Leute aus dem Pütt . Mein Vater war aus Ostfriesland ins Ruhrgebiet gekommen, zu einer Zeit, als man hier noch um Arbeitskräfte warb. In Ostfriesland blieben ihm nur zwei Alternativen: Krabbenfischer oder Postbote. Also wurde mein Vater Bergmann. Meine Mutter stammte aus Dresden und lernte Vater in einem Mülheimer Tanzlokal kennen.

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Ich wurde 1964 geboren. Mein Vater starb im Alter von 73 Jahren. Von ihm habe ich manches mitbekommen: Ich mache mich gerade, auch für andere. Bei dem kleinen Gehalt, das wir Bergleute bekommen, verdienen sich viele Kumpel nach der Schicht noch etwas dazu. Ich selbst arbeitete jahrelang als Türsteher. An der Tür war Eingreifen mein Job, aber auch im Alltag könnte ich nie tatenlos zusehen. Als ich das letzte Mal richtig eingriff, nannte mich die Zeitung „Held von Sterkrade“. Wie das kam?

Anfang 2012, mitten in Oberhausen. Ich schlendere gerade mit meiner Freundin aus einem Laden. Vor uns bewegt sich ein Mann auf einen älteren Herrn zu und rammt ihm mit voller Wucht ein Messer in den Rücken. Eiskalt, eine unwirkliche Situation. Panik bricht aus. Der Kerl wirkt, als sei er auf Droge. Eines ist klar: Wir können nicht warten, bis die Polizei eintrifft. „Alle weg hier, Amokläufer“, rufe ich. Ich muss etwas tun.

Für Kampfsport habe ich ein Faible. Bruce Lee hat mich immer begeistert. Durch ihn bin ich zu Wing Tsung gekommen. Dabei nutzt du die Kraft des Gegners. Als ich Mitte 20 war, eröffnete in der Gegend die erste Wing-Tsung-Schule. Heute bin ich „Sifu“, ein Lehrervater. Der Kampfsport brachte mir nicht nur einen Nebenerwerb, sondern sorgte dafür, dass ich rumkam: 1996 begleitete ich den Skandalkampf von Dariusz Michalczewski gegen Graciano „Rocky“ Rocchigiani als Leibwächter. Auf der Zeche war was los, als mich die Kumpel im Fernsehen sahen! Den Job als Türsteher gab ich Ende der 1990er-Jahre auf und wurde stattdessen unter Tage immer aktiver. Ich schuftete mich zum Aufsichtshauer hoch.

Beim Anblick des Amokläufers von Oberhausen ist mir klar: Es ist Zeit zu handeln, bevor es viele Verletzte gibt. Der Typ sucht sein nächstes Opfer. Das ist mein Moment, ich starte durch. Angst? Nur Adrenalin. Ein Armhebel und schon fliegt das Messer weg. Der Typ fällt unglücklich. Wie das so ist, wenn man versucht, Leute umzubringen, und das nicht klappt. Vom Bergbau nimmt man viel mit für das Leben: „Geht nicht gibt‘s nicht“, diese Einstellung haben wir Bergleute tief in uns drin. Einer tritt für den anderen ein. Ich bin gerne Bergmann. Das Kumpelhafte, der Zusammenhalt, das Miteinander – das gibt es nur unter Tage. Der Irre sitzt heute in einer Psychiatrie. Sein Opfer hat wie durch ein Wunder überlebt: Die Klinge ging genau zwischen Wirbelsäule und Niere durch.


Tipp: Zechenkinder
Nicht mehr lange, dann wird der Bergbau im Ruhrgebiet Geschichte sein. In Zechenkinder erzählen 25 Kumpel von der schwarzen Seele des „Potts“. Lutz Backhaus ist einer davon. Einen Auszug konnten Sie hier lesen. Das packende Buch ist bei Ankerherz erschienen, dem Verlag, der die Geschichten der Helden des Alltags präsentiert.
230 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
24,99 Euro

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