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Sehnsucht Deutschland - Film
Brachten gute Laune in deutsche Wohnzimmer: Paul Kuhn und die SFB-Bigband

Deutsche Legende Paul Kuhn

Paul Kuhn war der lässigste Jazzpianist, den es in Deutschland je gab, er war der unaufgeregteste TV-Star der Republik, ein Naturtalent der wirklich guten Unterhaltung. Jetzt ist er tot. Ein Nachruf.

Text: Tom R. Schulz

Fotos: Wüste/NDR, Svenja von Schultzendorff; rbb

Swing im Himmel weiter

Kuhn spielte 2010 in der Tragikomödie

Kuhn spielte 2010 in der Tragikomödie 'Schenk mir dein Herz'

Fast ganz am Ende seiner großen, langen Laufbahn als Unterhaltungsmusiker erfüllte sich für Paul Kuhn ein Traum seiner Jugend, ein Traum, der ihn einmal noch in die USA führen sollte, an die Westküste. Dorthin, wo sie schon damals, als er noch ganz jung war, den gegenüber all den schönen Aufgeregtheiten New Yorks viel entspannteren Jazz spielten. In den Capitol Studios in Hollywood nahm Kuhn im November 2011 ein Dutzend Jazz-Standards auf und zwei Eigenkompositionen. Im Trio, begleitet vom Bassisten und dem Schlagzeuger von Diana Krall. Die Platte „The L.A. Session“ (In & Out Records) erschien Anlass von Kuhns 85. Geburtstag. Das Album, aufgenommen von Al Schmitt, dem Tonmeister, der aus Jazzklängen feinste Seidensounds zaubern kann, wurde zu seinem Vermächtnis.

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Noch aus seinem alten, so wunderbar von den Jahren gezeichneten Leguangesicht strahlte diese Freundlichkeit, die nur behält, wer seine Lebenszeit nicht mit Egoblähungen vergeudet hat. In seinen Augen saß der melancholische Schalk. Seinen größten Erfolg verdankte Kuhn einem Akt passiven Widerstands. Es war 1953, der Pianist war 25 Jahre alt. Mit dem Jazz, seiner größten Liebe, lief es gerade nicht so richtig. Da kam der Produzent Nils Nobach und lockte Kuhn mit einem Vertrag, der ihn allerdings aufs Schlagersingen verpflichtete. Er bekam einen dummen, kleinen Walzer vorgelegt, der Text ließe sich rückblickend als spielerische Aufforderung zur Entrichtung eines flüssigen Mindestlohns für Unterhaltungspianisten deuten. „Gebt dem Mann am Klavier noch ein Bier“, lautet der Refrain.

Spaß an der Nummer hatte Paul Kuhn nicht, aber der Produzent ließ nicht locker. Das Ding singen oder kein Vertrag. Also hab ich das ziemlich gelangweilt runtergesungen“, erinnerte sich Kuhn Jahrzehnte später. Der nölige Ton, den er anschlug, kam an. Die Leute mochten das Lakonische. Die Single verkaufte sich innerhalb kürzester Zeit eine Viertelmillion Mal, der „Bierschlager, der mich heute noch verfolgt“ ebnete Kuhn den Weg ins Showgeschäft.

1928 in Wiesbaden geboren, hatten sie den begabten Paul Kuhn schon als Achtjährigen mit seinem Akkordeon zum Vorspielen auf die Funkausstellung in Berlin geschickt. Nach dem Krieg war er gerade alt genug, um in den Ami-Clubs auftreten zu dürfen. Weil der Sender AFN sein Studio in Frankfurt-Höchst hatte und Kuhns Band dort angestellt war, saßen er und seine Mitspieler an der Quelle der neuesten Entwicklungen des Jazz in den USA: „Wir hörten uns die Stücke raus und schrieben Arrangements für unsere Besetzung.“ Beim 1. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt im Mai 1953 trat Kuhn mit den German All Stars auf, zu denen neben dem Saxofonisten Max Greger und dem Bassisten Hans Last auch der verstorbene Hamburger Posaunist Günther Fuhlisch gehörte.

In den 1950er-Jahren lief Kuhn dem Jazz von der Fahne, „abgelenkt durch viele kommerzielle Versuchungen“. Er sang Schlager wie „Milch macht müde Männer munter“, „Mein Dackel Waldemar und ich“ und „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Werner Höfer holte ihn zum Fernsehen nach Köln, der NDR produzierte Sendungen mit ihm, die so leutselige Titel trugen wie „Hallo, Paulchen“. Der Kosename nervte ihn bald. Ab Ende der 1960er-Jahre schmiss Kuhn, mittlerweile Chef der exzellenten SFB-Bigband in Berlin, „Paul‘s Party“ vor den TV-Kameras. Mit fast schon Loriot‘scher Lust an Maskerade und Verkleidung, allerdings Jahre vor Loriot, erprobte sich Kuhn dabei auch als musikalischer Miniaturkomödiant.

1980 kam das Aus für die SFB-Bigband, mit der Kuhn die halbe Welt bereist hatte. Peter Alexander nahm den alten Fernsehkollegen unter seine Fittiche, später gründete Kuhn in Köln eine neue Band. Und immer wieder trat er mit den Swing-Legenden auf - komplett waren sie mit Hugo Strasser, Klarinette, und Max Greger, Saxofon. Gelassen ertrugen die drei Veteranen des deutschen Jazz, wenn das Publikum etwa bei der Show von Carmen Nebel im vergangenen Jahr bei „Shake, Rattle And Roll“ und „Mackie Messer“ wie im Musikantenstadl unverdrossen teutonisch auf Eins und Drei mitklatschte.

Kuhn hatte dabei vermutlich dolle Zahnschmerzen. Denn ihm saßen Swing und Offbeat in den Fingerspitzen. Sein Timing war untrüglich, er drosselte sein Spiel von der Notenmenge her oft so aufregend wie sonst nur Count Basie. Wie er zuletzt mit dieser Top-Rhythmusgruppe in Los Angeles spielte, so wollen wir ihn in Erinnerung behalten. Rest In Swing, lieber Paul.

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