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Sehnsucht Deutschland - Film

Wandern im Chiemgau - Wo die Glückshormone schuhplatteln

Aussichtsreiche Bergpanoramen, duftende Almwiesen, urige Berghütten und gut ausgeschilderte Wanderwege. Der Chiemgau bietet wanderbar abwechslungsreiche Bergtouren für jeden Geschmack.

Text: Norbert Eisele-Hein

Fotos: Norbert Eisele-Hein

Wanderlust im Chiemgau

Schmal und aussichtsreich: Der Gipfelgrat des Dürnbachhorns im Chiemgau

Schmal und aussichtsreich: Der Gipfelgrat des Dürnbachhorns im Chiemgau

Herbst ist Wanderzeit. Warum eigentlich? Knallrote Äpfel lassen Äste durchhängen. Bunte Streuwiesen malen duftende Fleckerlteppiche in die Landschaft. Urige Biergärten verleiten zur Einkehr, sirenengleich. Frische Würste mit Brez‘n, dazu ein Weißbier. Zeit zum Frühschoppen. Obazda, Schweinshax‘n mit Knödel oder ein Steckerlfisch − so locken die mit Kreide beschriebenen Tafeln der Wirtshäuser. Oder nur ein Eisbecher und die Füße ins kristallklare Wasser baumeln lassen? Zeit für das Dolce Vita an der Riviera Bayerns? Nein, noch nicht!

Der Berg ruft. Später sicher, aber jetzt, nein, jetzt noch nicht: Erst der Aufstieg, dann der Müßiggang. Kalorien wollen verdient sein, schließlich sind wir in erster Linie zum Wandern − und erst in zweiter zum Futtern − in den Chiemgau gereist.

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Mit 1.674 Metern Seehöhe ein wahrer Prachtkerl des Chiemgaus. Wir wandern über den Pulvergraben und die Bründlingalm und entgehen so auf einem schönen, schattigen Waldweg den unerbittlichen Sonnenstrahlen. Oben am Gipfel tummeln sich etliche Paragleiter. Sie schweben mit der riesigen Kabinengondel ein und schonen ihre Kräfte, um dann mit einem kurzen kraftvollen Anlauf die perfekte natürliche Startrampe zu nutzen. Bei passender Thermik heben sie gleich menschlichen Adlern ab und sehen die ganze Pracht von oben. Den menschlichen Adlern entgeht allerdings so manche irdische Freud.

Der Themenweg rings um den Gipfel mit seinen 22 informativen Tafeln zur Entstehung des Hochfelln führt durch ein prächtiges Blütenmeer aus Teufelskrallen, Vergissmeinnicht und Alpenrosen. Entlang des vierzigminütigen Rundwegs wecken etliche Sitzbänke in hübsch umwucherten Panoramanischen romantische Gefühle. Und dann strömt der feine Duft von frischem Kaiserschmarrn aus dem Hochfellnhaus. Und nun? Mit Apfelmus oder doch lieber Zwetschgenröster? Probleme gibt‘s, denke ich grinsend.

Apropos Süßspeisen: Wer über Ruhpolding den östlichen Chiemgau ansteuert, sollte unbedingt bei der Windbeutelgräfin einkehren. „Extra bavariam non est vita et si est vita non est ita“, lautet das Motto der Gräfin auf einer Holztafel über dem prächtig herausgeputzten Hof. Frei aus dem Lateinischen übersetzt: Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und wenn doch, dann nicht dieses. Wenn weiße Schäfchenwolken einen stahlblauen Himmel zieren und sich vor den Bergzacken noch ein XXL-Windbeutel mit Sauerkirschen und Vanilleeis aufbaut, wenn dann etwas weiter in der Laubau, direkt neben dem sehenswerten Holzknechtmuseum auch noch eine Trachtengruppe ihr Sommerfest feiert und die feschen Dirndln und schneidigen Burschen in traditionellen Trachten tanzen, schuhplatteln und juchitzen, dass die Bühne wackelt, ja, dann gibt es wohl keinen Zweifel mehr an dieser These.

Vom Holzknechtmuseum aus lässt sich der höchste Gipfel des Chiemgaus, das 1.961 Meter hohe Sonntagshorn, in Angriff nehmen. Vor allem über den Staubfall ist dieser Aufstieg eine reizvolle Tour. Der mit gut 80 Metern Fallhöhe zu Tal rauschende Wasserfall zeichnet fast immer wundervolle Regenbogen in die Gischt. Allerdings bietet die unweit davon aufragende, „nur“ 1.684 Meter hohe Hörndlwand ebenfalls spannende Alternativen. Durch die spektakuläre Felswand führen sogar etliche Sportkletterrouten. Wanderern mit ausreichend Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ermöglicht die Route über die Brandneralm und den Jägersteig eine abenteuerliche Besteigung mit einzelnen kurzen Kletterpassagen in den untersten Schwierigkeitsgraden. Der Rückweg über das Ostertal komplettiert die lohnende Gipfelüberschreitung.

Wenn dann die Waden ziehen und die Bergstiefel qualmen, kommt die Riviera des Chiemgaus gerade recht. Das Trio aus Löden-, Weit- und Mittersee lädt Wanderer, Biker und andere Badegäste zum erfrischenden Planschen in einer monumentalen Berglandschaft Bergschuhe am Strand parken und im Wasser eines dieser drei tiefgrünen Smaragde abtauchen. Ordentlich runterkühlen, denn das nächste Wanderziel erwartet uns bereits.

Reit im Winkl ist ein amtlich verbrieft es Schneeloch. Seit Rosi Mittermaier 1976 bei der Olympiade von Innsbruck Edelmetall abräumte, sind die Winklmoosalm und Reit im Winkl feste Begriff e im Wintersport. Dort, wo im Winter gute Skifahrer wegen vieler schwieriger (schwarzer) Pisten mit der Zunge schnalzen, finden aber auch Wanderer jede Menge erstklassiger Routen. Denn auch im Sommer greift Reit im Winkl nach Medaillen. Nirgends in ganz Deutschland gibt es mehr zertifizierte Premiumwanderwege als in der äußersten Ecke des Chiemgaus. Premium bedeutet, die Wege zersägen die Landschaft nicht, sondern offenbaren sie. Die majestätische Landschaft und das Gipfelrund fühlen sich nicht erobert, sondern geschmeichelt. Reit im Winkl bietet viele gratis geführte Touren an und hat vor allem für Frauen noch ein paar sehr spannende Extras auf Lager.

„Frauen wandern anders“ heißt das von Annette Heigenhauser entworfene Programm. „Nein, wir reiten nicht auf Besen“, erklärt Annette Heigenhauser scherzhaft. „Wir tanzen auch nicht ums Lagerfeuer. Schauen Fliegenpilze nur an und kochen daraus keine Flugsalbe, um damit unsere Männer zu vergiften“, fügt sie lachend hinzu. „Unser ‚Frauen wandern anders‘-Programm soll auf keinen Fall als überzogener Emanzipierungsversuch aufgefasst werden. Es geht vielmehr darum, wunderschöne Wanderungen in der Bergwelt rings um Reit im Winkl mit Themen anzureichern, die eher Frauen ansprechen. Und da bleibt frau einfach mal gerne unter sich.“
Und frau geht auch schnell los. Tautropfen blinken im Gras, Sonnenstrahlen brechen sich im Astgewirr des Zauberwalds. Von der Hindenburghütte, knapp 1.250 Meter über dem Meeresspiegel, marschieren wir – ich darf heute mal als Frau mitgehen − in flottem Tempo auf dem Premiumweg „Gletscherblick“. Auffällig und angenehm: Die Damen drängeln nicht. Und allen voran prescht die Hundedame Paula, die Annette auf fast allen Touren begleitet und die verwunschenen Steiglein schon von vielen anderen Wanderungen kennt.

„Als kleines Mädel durfte ich oft mit meinem Großvater mit. Er war Holzknecht und fast immer fern der Hauptwanderwege unterwegs. Er hat mir diese Geheimpfade gezeigt“, erklärt Annette. Weiter geht’s über die Hemmersuppenalm zur Sankt-Anna-Kapelle. Die heilige Anna, die Mutter Marias, gilt als Schutzpatronin, zuständig für Fruchtbarkeit und Kindersegen. Das schmucke Kirchlein wurde 1902 auf gewachsenem Stein errichtet. „Dies ist ein wahrer Kraftplatz. Eine todkranke Frau wollte hier einen letzten schönen Sommer verbringen. Sie trank täglich aus der nahen Quelle und galt schon bald als geheilt“, erzählt uns Annette.

Wir genießen die Stille in dem gepflegten Kleinod und füllen unsere Wasserflaschen. Man weiß ja nie und Vorsorge ist immer gut. Kurz vor der Pflegereck-Hütte ziehen wir die Schuhe aus. Ein Barfußpfad führt uns über Stock und Stein, butterweiche Moose und feuchtes, piksendes Gras. Der Wald verströmt wohltuende Hustenbonbonluft, Baumwipfel wiegen sich in der leichten Brise, Vogelgezwitscher ertönt aus allen Himmelsrichtungen. Zugegeben, als Mann wäre ich wohl achtlos durchgestapft. Aber Annette fordert uns auf, die Bäume anzufassen, an Kräutern zu schnuppern und auch einen kleinen Käfer mal genauer zu betrachten. Sie zeigt uns Frauenschuh-Orchideen und Spuren von Rotwild.
Annette hat nicht nur jeden noch so kleinen Steig erwandert. Nein, sie ist auch bewandert. Kennt viele wissenswerte Details ihrer heimischen Bergwelt. Das kommt den Teilnehmerinnen zugute. Anekdoten, Aphorismen und kleine, feine Geschichten versüßen die Wanderung. Annette hat es sogar geschafft, Gerlinde Kaltenbrunner, die weltberühmte Bergsteigerin, für ihr Programm zu begeistern. Gerlinde war als erste Frau der Welt ohne die Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff auf allen 14 Achttausendern. Aber auch sie freut sich mal über eine Wanderung mit Herzblut und Zeit für die kleinen Dinge am Wegesrand, ohne Druck und Gefahren.

Auch der Aufstieg zum 1.776 Meter hohen Dürrnbachhorn ist ein Gedicht. Sumpfdotterblumen, Schusternägel und Enziane erstrahlen wie kleine Glühlampen im Gegenlicht. Der Blick in die Gipfelrunde verleitet zum Schwelgen. Kühn leuchten die Schneiden des Großvenedigers und der komplett versammelten Zillertaler Alpen. Davor ragt das Kitzbüheler Horn in den strahlend blauen Himmel. Der stark gekerbte Wilde Kaiser wirkt von hier aus wie ein Monolith, die sanft grünen Chiemgauer Alpen hingegen fast schon lieblich. Watzmann, Hochkalter und die monumentalen Loferer Steinberge ergänzen dieses alpine Kolosseum.

Zurück in Reit im Winkl wandern wir noch ein Stück auf der Dorfrunde. Mit jedem Schritt versinken wir tiefer und tiefer in einem fast schon kitschig-romantischen Heimatfilm. Kühe stehen wie Statuen am Steilhang. Einzig ihre Kiefer bewegen sich beim meditativen Kauen auf der blumenübersäten Streuwiese. Ein Almbauer wetzt die Sense und mäht die steile Bachböschung mit der Hand. Oben funkeln die Bergzacken immer noch rot-golden. Unten im Dorf leuchten die Geranien in den Blumenkästen. Die Zunftzeichen am Maibaum werden raffiniert von Schäfchenwolken hintermalt. Wahrlich, so eine weiß-blaue Überdosis Chiemgau setzt jede Menge Glückshormone frei – auch wenn es in den Schenkeln brennt und der Magen knurrt. Dank Annette haben wir all die Antennen für dieses Erlebnis auf Empfang gestellt.

Foto: Norbert Eisele-Hein Foto: Norbert Eisele-Hein Foto: Norbert Eisele-Hein Foto: Norbert Eisele-Hein

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