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Sehnsucht Deutschland - Film
Schöner als im Barockschloss Mannheim kann man heutzutage in Deutschland kaum studieren

Das Vermächtnis der Wittelsbacher

Der Kurpfälzer Carl Theodor machte sich die Welt, wie sie ihm gefiel. Ohne den Wittelsbacher Kurfürsten würden Deutschland touristische Leuchttürme von Weltrang fehlen und, fast noch gravierender, der Leberkäse wäre Bayern erspart geblieben. Anlässlich einer gigantischen Wittelsbacher-Ausstellung in Mannheim hat Uta Buhr die Spuren der Wittelsbacher in der Kurpfalz gesucht.

Text: Uta Buhr

Fotos: Heidelberg Marketing; Universität Mannheim/Stefanie Eichler;

Auf den Spuren des kurpfälzischen Adelsgeschlechts

Die Alte Brücke in Heidelberg

Die Alte Brücke in Heidelberg

„Da legst di nieder!“, sagt der Bayer und auch der Kurpfälzer – das sind im Allgemeinen alle, die aus dem Raum Mannheim und Heidelberg kommen – steuert ein erstaunt genuscheltes „Des glaab isch etz net“ bei. Diese Kurpfälzer leben übrigens überwiegend in Baden-Württemberg, nicht etwa in Rheinland-Pfalz. So weit, so klar? Das Erstaunen ist durchaus angebracht, wenn man die Geschichte des Kurfürsten Carl Theodor hört, denn sie legt die schonungslose Wahrheit über die Herkunft typisch bayerischer Insignien der Lebensfreude wie Leberkäse, Bier und das Oktoberfest mit einem Augenzwinkern offen – und ist doch wahr. Aber dazu gleich …

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Warum bin ich in der Kurpfalz, wenn Wittelsbach doch stets mit Bayern in Verbindung gebracht wird? Weil das zu kurz gedacht ist; hier beginnt die ganze Geschichte. 1214 übertrug nämlich der Staufer Friedrich II. die Pfalzgrafschaft bei Rhein an die Familie der Wittelsbacher, die dort sechs Jahrhunderte lang herrschten. (Stellen Sie sich das mal vor im Zeitalter von E-Mail und Internet!) 2014 ist das wiederum 800 Jahre her und Anlass für das Wittelsbacherjahr, das am 8. September 2013 in den Reiss-Engelhorn-Museen (REM) von Mannheim mit einer spektakulären Ausstellung mit dem Titel „Die Wittelsbacher am Rhein. Die Kurpfalz und Europa“ beginnt.

Die weitverzweigte Familie brachte eine Reihe großartiger Herrscher, Mäzene und Kunstliebhaber hervor, die ihre Spuren in ganz Europa hinterließen und deren geistige Leistungen bis in die Gegenwart nachwirken. Eine Schlüsselfigur in dieser Erfolgsgeschichte ist eben der pfälzische Kurfürst Carl Theodor, der die Perlen der Region wie Schwetzingen, Heidelberg und natürlich Mannheim während seiner Regentschaft wie kein anderer zum Glänzen brachte.

Wenn Dr. Alexander Schubert, der jungenhaft wirkende Museumsdirektor der REM, von der Ausstellung schwärmt, leuchten seine Augen. Der Historiker und Germanist ist Projektleiter dieses ehrgeizigen, selbst initiierten Unterfangens, das neben der Hauptausstellung mit über 300 Veranstaltungen und rund 41 beteiligten Partnerstädten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen richtig trumpfen kann. Ich nehme an, er kennt die Geschichte des Hauses Wittelsbach besser als die seiner eigenen Familie.

Also, wie ist das jetzt mit dem Leberkäs’? Da freut sich Dr. Schubert und holt Luft. „Per Vertrag hatten sich die Oberhäupter des Hauses Wittelsbach, Kurfürst Carl Theodor und sein bayerischer Vetter, Herzog Max III. Joseph, darauf festgelegt, dass Ersterer von Mannheim nach München übersiedeln würde, sollte sein Vetter vor ihm sterben. Die weitsichtige Vertragsgestaltung sollte vermeiden, dass der Familienbesitz der Wittelsbacher Schaden nimmt. Denn durch den Vertrag würden erstmals seit fast 450 Jahren nach dem Erbfall die beiden Fürstentümer der Wittelsbacher – die Kurpfalz und Bayern – wieder als unteilbarer Gesamtbesitz aus einer Hand regiert werden. Im Jahre 1777 war es so weit: Max III. Joseph starb und Carl Theodor verließ schweren Herzens den Rhein in Richtung Isar, um seinen Wohnsitz vom Mannheimer Barockschloss in die Münchner Residenz zu verlegen“, erzählt der Museumsdirektor leicht verständlich.

Doch was für Millionen Touristen heute Anziehungspunkt ist, traf so gar nicht den Geschmack des wählerischen Kurfürsten. In Bayern fühlte sich Carl Theodor niemals recht wohl. Er trauerte seinem riesigen Barockschloss nach und der Lebensqualität, die ihm in Mannheim geboten worden war. Wer heute München bereist, erfreut sich an den großzügigen Parkanlagen, an landestypischen Spezialitäten und am größten Volksfest der Welt. „Das alles fand Carl Theodor an der Isar damals nicht vor“, fühlt Dr. Schubert mit.

Dem Kurfürsten blieb nur übrig, sich das Leben in München etwas kurpfälzischer zu machen. Importe aus der Heimat mussten her! Ein Landschaftsgärtner aus Schwetzingen wurde beauftragt, in München den Englischen Garten anzulegen – als Weiterentwicklung des schon damals fantastischen Schwetzinger Schlossparks – und damit die bis heute beliebteste Parkanlage Europas zu erschaffen. Ein Mannheimer Metzger wiederum war es, der ein legendäres Leibgericht erfand, das heute als typisch bayerische Spezialität gilt: den „bayerischen“ Leberkäs’.

Nur das Münchner Oktoberfest konnte Carl Theodor nicht mehr erleben, obwohl es gewissermaßen als Mitbringsel aus der Kurpfalz gelten kann. Es wurde erst von seinem Nachfolger Max IV. Joseph von Pfalz-Zweibrücken begründet, der das Fest anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Ludwig I. mit Prinzessin Therese ausrichten ließ – und so eher unbeabsichtigt den Grundstein für das weltweit größte Vergnügungsfest legte. Dr. Schubert jedenfalls fühlt sich in Mannheim pudelwohl. Lebensart und kulinarische Vielfalt sind wie stets gegeben, die klimatischen Verhältnisse beispiellos schön und seine REM gehören zu den spannendsten Museumskomplexen in Europa.

Die große Stunde Mannheims
Architektonisch ist Mannheim … na ja, da frage ich lieber mal meine Stadtführerin Britta Bock. Die ist gebürtige Mannheimerin und kennt jeden Winkel ihrer Heimat wie ihre Westentasche. „Eine Altstadt“, sagt sie bedauernd, „hat Mannheim leider nicht mehr.“ In unmittelbarer Nachbarschaft von BASF in Ludwigshafen gelegen, fielen prachtvolle Gebäude und ganze Stadtteile während des Zweiten Weltkriegs den Bomben der Alliierten zum Opfer. Mannheim, 766 als Dorf Mannenheim zum ersten Mal urkundlich erwähnt, war quasi ausradiert. Die von Kurfürst Friedrich IV. angeordnete Gliederung in Planquadrate hat allerdings auch heute noch im Zentrum Bestand. Anstelle von Straßennamen gelten hier Adressen, die an das Spiel „Schiffe versenken“ erinnern. Die REM zum Beispiel haben die Adresse C 5 beziehungsweise D 5. Auf alle Fälle ein Alleinstellungsmerkmal!

Die große Stunde Mannheims und der gesamten Region schlug, als unser Freund Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz die Regierung übernahm. In seine Regierungszeit (1742 bis 1799) fallen der Bau des kurfürstlichen Schlosses sowie die Fertigstellung des Sommersitzes in Schwetzingen. Das Leben in Mannheim entfaltete einen bis dahin nicht gekannten höfischen Glanz. Die Stadt wurde zum europäischen Kulturmittelpunkt und war Anlaufstelle berühmter Gäste, darunter Mozart, Voltaire, Schiller und Goethe. Aus dieser Zeit stammt Mannheims Ruf als „pfälzisches Florenz“.

Schiller zum Beispiel fand hier Asyl und bedankte sich 1782 mit der umjubelten Uraufführung seines Sturm-und-Drang- Dramas „Die Räuber“ am Mannheimer Hof- und Nationaltheater. Ein Schillerhaus gibt es auch. Es ist zwar nicht das Original, wird jedoch bei jeder Stadtbesichtigung stolz präsentiert.

Und dann wäre da noch die „Mannheimer Schule“. Der aus Böhmen stammende Johann Stamitz, einer der Geigenvirtuosen seiner Zeit, gilt als Spiritus Rector dieser Schule, die als Vorläufer der Wiener Klassik angesehen wird. „Auch Wolfgang Amadeus Mozart bewarb sich bei Johann um eine Stellung in seinem über die Grenzen Mannheims hinaus berühmten Orchester, leider erfolglos“, berichtet Britta Bock.

Das monumentale Barockschloss – prachtvoll und in strahlendem Rot-Weiß –, das anno 1720 von Carl Theodors Vorgänger, dem Kurfürsten Carl Philipp, begonnen wurde, verschlägt dem Betrachter schier den Atem. Wie nicht anders zu erwarten, reizte Schloss Versailles von Ludwig XIV. als zu übertreffendes Vorbild. „Man sagt, das Mannheimer Schloss habe ein Fenster mehr als das von Versailles“, schmunzelt Britta Bock. Doch beim Zählen der Fenster des 400 Zimmer umfassenden Baus ist so manchem bereits auf halber Strecke die Puste ausgegangen.

Im Übrigen ist Mannheim mobil; wer gut zu Fuß ist oder Rad fährt, lebt einfach besser. Um den Innenstadtkern – Sie wissen noch, den mit den Planquadratadressen – gelangt man vom Kaiser- über den Friedrich- und den Luisen- zum Parkring. Kindern wird dieser Weg mit folgender Formel vermittelt: „Kaiser Friedrich ging mit Luise im Park spazieren.“ Und wer komplett die Orientierung verliert, richtet sich am Wasserturm der Augustaanlage neu aus, einem der Wahrzeichen der Stadt.

Aber zurück zu Carl Theodor, der neben seiner Leidenschaft für die schönen Künste auch ein großes Herz für das weibliche Geschlecht hatte. Als betagter Mann heiratete er eine blutjunge italienische Prinzessin, was ihm – hinter vorgehaltener Hand – folgenden Spott bescherte: „Oh lieber Herr und Heiland, was schickst du uns aus Mailand so eine schöne Frau für diese alte Sau!“

Heidelberg, Du Feine!
Alles ist vergänglich, leider auch meine Zeit in Mannheim. Heidelberg, mein nächstes Ziel, ist mit der S-Bahn gerade mal 15 Minuten entfernt. „Alt Heidelberg, du Feine, du Stadt an Ehren reich, am Neckar und am Rheine, kein’ andre kommt dir gleich.“ Wer wollte dieser Hymne aus der Feder Victor von Scheffels widersprechen?

Heidelberg beziehungsweise sein Schloss, inzwischen nur noch eine Ruine, ist das bei ausländischen Touristen beliebteste Reiseziel in Deutschland. Mit ihren großzügigen Plätzen, engen Gassen, prachtvollen Bürgerhäusern und rund 30.000 lebenslustigen Studenten ist die Stadt auch tatsächlich eine Augenweide. Das hat unter anderem mit den Wittelsbachern zu tun, denn sie haben wesentlich dazu beigetragen. Bevor sie damals ihre Residenz nach Mannheim verlegten, war das nahe gelegene Heidelberg für viele Jahrhunderte der Mittelpunkt kurfürstlicher Politik gewesen. Bis zur Zerstörung des Schlosses im Pfälzischen Erbfolgekrieg in den Jahren 1689 und 1693 hatten die Kurfürsten von der Pfalz darin residiert.

Zeitgleich mit dem Bau der kurfürstlichen Residenz wurde 1356 in Heidelberg die erste Universität auf deutschem Boden gegründet. Viele Dichter, Denker, Philosophen und Wissenschaftler, aber auch Altkanzler und Saumagenbotschafter Dr. Helmut Kohl, erwarben hier akademische Würden. Auf Studierende übt die Stadt nach wie vor einen unwiderstehlichen Reiz aus. Kaum einer versäumt es, dem „Studentenkarzer“ an der Rückseite der Alten Universität einen Besuch abzustatten. Die Vorstellung, dass Studiosi bei Wasser und Brot für ihre Verfehlungen büßen mussten, ruft bei so manchem Erziehungsberechtigten in Zeiten des Internets einen wohligen Schauer hervor.

Doch warum wurde das Schloss nie wieder aufgebaut? Diese Frage beschäftigt viele Touristen, die das romantische Flair der Stadt in vollen Zügen genießen, während sie an der Peterskirche oder dem schönen Rathaus vorbeischlendern, einen Blick in die Jesuitenkirche werfen oder später den Neckar über die Alte Brücke queren.

Die Antwort: Weil heute die Schlossruine als Heidelbergs größte Attraktion gilt. „Ihre Unterhaltung kostet uns noch mehr, als wenn man das Schloss wieder aufgebaut hätte“, erklärt eine Gästeführerin. Der Magie der nach Einbruch der Dunkelheit angestrahlten Ruine kann sich keiner entziehen! Wer den Hügel zum Schloss hinaufsteigt, wird über die Ausmaße der Anlage erstaunt sein. Mehrere Tausend Menschen sollen einst hier in luftiger Höhe gelebt haben. An einem prachtvoll restaurierten Renaissancegebäude prangen, in Stein gehauen, die berühmtesten Wittelsbacher – angeführt vom „Stammvater“ Karl dem Großen. Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass keine Blutsbande zum großen Frankenkaiser bestehen. Doch, so fragen sich viele, hat die verdienstvolle Dynastie es wirklich nötig, sich mit fremden Federn zu schmücken?

Klar, auch Goethe war mal da und äußerte sich – selbstredend – lobend über die Stadt. Leider war während seines Besuchs kein Zimmer frei im Goldenen Hecht – einem Gasthaus wie aus dem Bilderbuch, wo das Zimmer, das Goethe nicht bekam, heute für 97 Euro zu haben ist. Und selbst der sonst so kritische Mark Twain sprach in Bezug auf Heidelberg von der „äußersten Möglichkeit des Schönen“. Vermutlich nachdem er einen Leberkäs’ kurpfälzischer Art genossen hatte.

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