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Sehnsucht Deutschland - Film
Beate Uhses 1962 eröffnete Fachgeschäft für Ehehygiene war der erste Sexshop der Welt

Pilotin & Mutter der Erotikbranche Beate Uhse

Manche Legenden sind Märchen, doch die leben, von denen hier erzählt wird, waren echt. Berühmtheiten und Charaktere, charismatischer und mutiger als andere, sind sie heute unverwechselbar und haben ihrer Zeit Stempel aufgedrückt, die uns generationsübergreifend noch immer bewegen. Sie sind deutsche Legenden. Teil 6: Beate Rotermund alias Uhse, Pilotin, Aufklärerin und Mutter der Erotikbranche.

Text: Janika Kästner

Fotos: Beate Uhse AG

Mutter der Erotikbranche: Beate Uhse

Als Pilotin überführte Beate Uhse zwischen 1939 und 1945 Flugzeuge an die Front

Als Pilotin überführte Beate Uhse zwischen 1939 und 1945 Flugzeuge an die Front

Bewusst unauffällig sind sie und trotzdem kennt sie jeder, die „Kaffeepakete aus Flensburg“. Als Absender eine neutrale Adresse. Kein Name, keine Firma. Diskret und doch auf den ersten Blick unverwechselbar – auch für Postboten und Nachbarn. Wer Post aus Flensburg bekommt, ist Verkehrssünder oder hat bei Beate Uhse bestellt. Da kann der braune Pappkarton so neutral sein, wie er will.

Beate Uhse. Blitzartig schießen halbseidene Bilder in den Kopf. Verruchte Seitenstraßen in großstädtischen Bahnhofsgegenden, Pornofilme mit Namen, die man lieber nicht gekannt hätte, und Sexspielzeug in allen (un-)erdenklichen Formen und Farben. Beate Uhse ist als Imperium der Lust bekannt. Sie selbst sagte einst, der Name Uhse stehe für Sex wie Weck fürs Einmachen. Doch wer war die Frau, die der Erotikwelt ihren Namen schenkte?

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Beate Rotermund, verwitwete Uhse, geborene Köstlin, war nicht nur Unternehmerin, sie war auch Pilotin, Mutter von vier Kindern und Aufklärerin der Nation – bis sie begann, aus Sex Gold zu machen. Als ihr Bruder Ulrich ihr die Geschichte vom fliegenden Ikarus erzählte, war ihre Neugier geweckt. Mit kindlichem Leichtsinn baute sich Beate ihr eigenes Flügelpaar. Schlauer als Ikarus wollte sie sein. Nicht so dicht an die Sonne herankommen, dann würde schon nichts passieren. Mit den Flügeln Marke Eigenbau unternahm sie ihre ersten Flugversuche. Bruchlandung – blaue Flecken von Kopf bis Fuß. Dem Reiz des Fliegens tat es keinen Abbruch.

Nach einem Au-pair-Ausflug nach England und einer hauswirtschaftlichen Ausbildung auf dem elterlichen Gut in Wagenau in Ostpreußen stimmten die Eltern Köstlin endlich zu und Beate ging in die Luft. Als einziges Mädchen unter 60 Flugschülern wagte sie sich ins Himmelreich. Den lang ersehnten Flugschein endlich in der Tasche, nahm sie Kunstflugstunden und bekam beim Anblick ihres Lehrers bald selbst Flugzeuge im Bauch. Zwei Jahre lang hielten sie ihre Liaison geheim, bis Hans-Jürgen Uhse 1939 in den Krieg fliegen sollte und sie sich zu einer spontanen Kriegstrauung entschlossen.

Im Jahr 1943 kam ihr gemeinsamer Sohn Klaus zur Welt, doch das junge Familienglück war nicht von langer Dauer. Während Beate inzwischen selbst als Pilotin ihr Geld verdiente und Flugzeuge an die Front überführte, kam ihr Mann aus dem Krieg nicht mehr zurück. Das Kriegsende rückte näher und mit ihm die Russen. Gemeinsam mit Sohn Klaus und Kindermädchen Hanna kaperte Beate ein Flugzeug der Wehrmacht und floh von Gatow aus Richtung Nordwesten. Schließlich strandete das Dreiergespann in Schleswig-Holstein und fand im kleinen Örtchen Braderup ein neues Zuhause. Finanziell sorgte Beate bald als Schieberin für ihre kleine Familie.

Alles eine Frage der Aufklärung. Von ihrer Mutter – eine der ersten Frauen, die in Deutschland ihrerzeit Medizin studierten, – wurde Beate früh ins Bild gesetzt. Im verhütungsarmen Nachkriegsdeutschland mit seinen ungewissen Zukunftsperspektiven wurde dieses Wissen zu ihrem ungeahnten Kapital. Wieder und wieder wandten sich bei ihren Verkaufstouren Rat suchende Frauen an sie, wollten zum Engelmacher oder wissen, wie sie sich vor dem ungewollten Schwangerwerden schützen konnten.

Kondome gab es keine (mehr). Beate erinnerte sich an eine Methode, von der ihre Mutter erzählt hatte: die Geburtenkontrolle nach Knaus-Ogino. Um ihr Wissen aufzufrischen, las sie sich durch die medizinische Abteilung der Bücherei in Niebüll und fand ein Buch, das erklärte, wonach sie suchte. Wenn die Lehre von den empfängnisfreien Tagen der Frau auch nicht zu hundert Prozent sicher war, schien sie doch besser als gar keine Verhütung.

Statt der vorgesehenen 14 Tage behielt sie das Buch sechs Wochen lang und musste am Ende 20 Pfennig nachbezahlen. Eine Investition, die sich auf Dauer rechnen sollte. Mit ihrem Wissen um die Geburtenkontrolle begann die Geschichte ihres Erotik-Imperiums.

Das Interesse rund um Braderup war groß. Wie würde es dann erst in Niebüll, Flensburg, Kiel oder gar Hamburg sein? Kurzerhand setzte sie sich an die Schreibmaschine und klärte auf vier Seiten über die Geburtenkontrolle nach Knaus-Ogino auf. Anschließend kam sie mit einem Drucker aus Flensburg ins Geschäft. 5 Pfund Butt er nannte er als Preis für 10.000 Postwurfsendungen und 2.000 Abdrucke ihrer Schrift X. Nach drei Wochen hatte Beate ihr Fett in Marken weg und in Flensburg wurden die Druckmaschinen angeworfen. 2 Reichsmark kostete das dünne Heftchen – nicht sehr teuer, eine Zigarette kostete damals 9 Reichsmark. Schon bald trudelten die ersten Bestellungen ein. Es lief besser, als Beate es je für möglich gehalten hatte. Die aufklärerische Schrift X wurde 1946 zum ersten Versandartikel des später größten Erotikversands Europas.

Aber Beate Uhse kümmerte sich nicht nur um das Liebesleben anderer. Auch in ihrem Leben hatte sich ein neuer Mann gefunden: Kaufmann Ernst-Walter – genannt Ewe – Rotermund. In der steigenden Kundennachfrage nach Verhütungsmitteln und Aufklärungsbüchern sah der Kaufmann Potenzial für Beates Geschäft. Unter dem Firmennamen Beate Uhse erweiterten sie das Sortiment: Eheberatungsbücher, Präservative und Anregungsmittel bildeten den Grundstock des Versandhandels mit Firmensitz in einem Flensburger Pastorat.

Sexversand aus dem Pastorat? Klingt skurril, war aber wirklich so. Das damals wohl obszönste Handelsunternehmen des Landes entwickelte sich aus den heiligen Mauern eines Pfarramts heraus. Die Post ließ die weitsichtige Beate allerdings an ein neutrales Postfach mit der Nummer 185 schicken.

Das Geschäft mit der Lust fand Anklang im prüden Deutschland der 1950er-Jahre. Dennoch, Beate Uhse fand nicht jeder gut. Immer wieder musste sie sich und ihr Unternehmen wegen ihrer „Schweinereien“ vor Gericht verteidigen. Rund 2.000 Anzeigen liefen bis zur Liberalisierung des „Pornoparagrafen“ 184 des Strafgesetzbuches 1975 auf. Bis dahin wurde der Gerichtssaal für Beate zum gewohnten Parkett. 700 Mal kam es zu Gerichtsverhandlungen, verurteilt wurde sie jedoch nur ein einziges Mal. In ihren Pornokinos hatte sie Bier unter dem gesetzlichen Mindestpreis verkauft. Hinsichtlich ihres Geschäfts mit der Liebe behielt sie immer Recht.

Auf den Versandhandel folgte ein Fachgeschäft für Ehehygiene – der erste Sexshop des Landes – in Flensburg. Das Vorortgeschäft ging so gut, dass schon bald Geschäfte in Hamburg, Frankfurt und Berlin eröffnet wurden. Doch längst ging es nicht mehr nur um die Aufklärung in Sachen Geburtenkontrolle. Bald schon erweiterten Dessous, Anregungsmittel, Pornofilme und Sexspielzeug das Sortiment.

Mit Erotik ließ sich Geld verdienen. Ziemlich viel sogar. Doch auch wenn sich Beate Uhses Unternehmen wirtschaftlich zu einem der bedeutendsten Unternehmen Flensburgs gemausert hatte, als die Chefin 1963 um die Aufnahme in den örtlichen Tennis-Club bat, wurde ihr der Zutritt verwehrt. Erst 1999, zu ihrem 80. Geburtstag, wurde sie zur Ehrenbürgerin von Flensburg ernannt – jener Stadt, in der sie einst nicht einmal Tennis spielen durfte.

Aus der einstigen Selbsthilfe zur Geburtenkontrolle ist ein Imperium der Lust geworden, das gestern wie heute auch Kritiker auf den Plan ruft. Wenngleich ihr im prüden Nachkriegsdeutschland ein regelrechter Aufklärungskreuzzug durch die deutschen Betten gelang, so wird sie trotzdem nicht laut als Heldin der deutschen Frauenbewegung gefeiert. Von Frauenrechtlerinnen wurde Beate spätestens kritisiert, als sie in den 1970er-Jahren ins Pornogeschäft einstieg. Denn nicht der Befreiungsschlag der weiblichen Sexualität trieb Beate Uhse an, sondern das Wachstum ihres Unternehmens. Allen Kritikern zum Trotz ist es der Vorreiterin der Lust über die Jahre gelungen, Schlafzimmerthemen salonfähig zu machen, Tabus zu brechen und offen zu diskutieren. Dennoch, die Pakete bleiben bis heute diskret verpackt.

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