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Sehnsucht Deutschland - Film
Semperoper und Frauenkirche lassen Dresden in klassischem Glanz erstrahlen

Bettelarm durchs Notenreich - Wagners Sachsen

Richard Wagner, dieser Magier der Oper, erblickte in Leipzig das Licht der Welt. Wie wichtig seine Jahre in Sachsen waren, ist wenigen bekannt. Eine Reise zu den Stätten seiner frühen Jahre ist ein Gewinn – nicht nur für echte Wagnerianer.

Text: Uta Buhr

Fotos: © Dresden Marketing GmbH/Anja Upmeier; Christian Thielemann: Matthias Creutziger

Auf Wagners Spuren durch Sachsen

Stardirigent Christian Thielemann und die Staatskapelle Dredsden

Stardirigent Christian Thielemann und die Staatskapelle Dredsden

Richard Wagner ist ein Leipziger!“ Mit diesen Worten läutet Thomas Krakow, Vizepräsident des Richard-Wagner-Verbands International, das Richard-Wagner-Jahr 2013 ein. Am 22. Mai 1813 – im Jahr der Völkerschlacht – kam Wagner in Leipzig auf dem Brühl im zweiten Stock des Mietshauses „Roth und weißer Löwe“ als neuntes Kind der Eheleute Friedrich und Johanna Rosine Wagner zur Welt. Vom Haus existieren nur noch ein paar Stiche, die im Leipziger Stadtarchiv verwahrt werden.

Andernorts – in der Thomaskirche, wo er einst die Taufe empfing und als junger Mann Musikunterricht von Kantor Theodor Weinlig erhielt, und in der Alten Nikolaischule – finden sich noch Spuren. Ein vom Bildhauer Max Klinger entworfenes Monument mit Szenen aus dem „Ring des Nibelungen“ am Sockel wurde 2010 vor dem grauen Plattenbau des ehemaligen Stasigebäudes aufgestellt. Mehr hatte Leipzig für den „Cagliostro der Oper“ lange Zeit nicht übrig.

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„Im wunderschönen Monat Mai kroch Richard Wagner aus dem Ei. Ihm wünschen, die zumeist ihn lieben, er wäre besser drin geblieben“, dichtete Wagner an seinem 42. Geburtstag. Wollte er vielleicht damit auch das ambivalente Verhältnis zu seiner Geburtsstadt persiflieren? Zum Glück zeigt das nach der Wende wie Phönix aus der Asche wiederauferstandene Leipzig Flagge und widmet ihrem größten Sohn gleich mehrere Ausstellungen sowie das handliche Faltblatt „Wagner Wege“, das sämtliche Stationen des Meisters akribisch aufzeichnet – vom Brühl über das berühmte Kaffeehaus Zum Coffe Baum und Auerbachs Keller bis hin zum Richard-Wagner-Hain am Elsterflutbecken, wo die Figurengruppe des Rheintöchter-Brunnens zu bewundern ist. Ein von Max Klinger in den Dreißigerjahren begonnenes überlebensgroßes Denkmal ist jetzt fertiggestellt und soll noch in diesem Jahr feierlich enthüllt werden.

Was aber hat Müglenz, das verschlafene Nest bei Wurzen, nur mit Richard Wagner zu tun? In der Müglenzer Kirche spielte sein Urgroßvater Samuel einst die Orgel. Und in dem kleinen Haus unweit der Kirche wurde Wagners Großvater Gottlob Friedrich Wagner 1736 geboren. Jahrelang tobte ein erbitterter Kampf zwischen Wolfgang Wagner, dem Patriarchen auf dem Grünen Hügel, und der bescheidenen Pfarrei um die „Besitzansprüche“ an den Vorfahren des großen Meisters.

Mit einer üppigen Spende beendete der Wagner-Enkel schließlich den Streit. Pfarrer Klaus-Peter Schmidt strahlt noch heute über das ganze Gesicht, wenn er an die Rettung seiner stark sanierungsbedürftigen Kirche mitsamt Orgel denkt. Der warme Regen aus Bayreuth kam buchstäblich in letzter Minute!

Ihr Name ist Programm: Cosima Curth gilt als Wagner-Spezialistin par excellence, die sich mit ihren Gästen in Dresden auf Spurensuche begibt. Die Häuser, in denen Wagner lebte, hat der Feuersturm des Zweiten Weltkriegs hinweggefegt. Einen kostbaren Schatz hütet die Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek – das Autograf von Wagners Chorwerk „Das Liebesmahl der Apostel“. Der Weg führt zur Kreuzschule, in der Richard nach dem Umzug der Familie ins Elbflorenz einst die Schulbank drückte, und schließlich zum Stadtmuseum, das in diesem Jahr mit einer aufwendigen Wagner-Ausstellung prunkt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Semperoper, der unter der Stabführung des neuen Chefdirigenten Christian Thielemann viele glanzvolle Stunden ins Haus stehen. Denn wer dirigiert Wagner leidenschaftlicher und souveräner als er?

Und weiter geht’s nach Chemnitz, in die während der DDR-Zeit unter dem Namen Karl-Marx-Stadt berühmt-berüchtigte schmuddelige Industriemetropole. Viel schöner ist die Stadt auch nach 1989 nicht geworden. Doch was wenige wissen: Chemnitz verdanken wir den Großteil von Wagners Werk. Aber eines nach dem anderen: Der Meister, gleichermaßen Erneuerer der Oper und Enfant terrible der Musikwelt, wurde wegen aufrührerischer Umtriebe von der Obrigkeit während der Mai-Revolution in Dresden im Jahr 1849 steckbrieflich gesucht: „Wagner ist 37 Jahre alt, mittlerer Statur und trägt eine Brille“, lautete die Beschreibung der Stadt-Polizei-Deputation, die die Bevölkerung aufforderte, „Wagnern im Betretungsfalle zu verhaften und uns davon schleunigst Nachricht zu erteilen“.

Der polizeilich Gesuchte entzog sich der Festnahme mithilfe seines Freundes und späteren Schwiegervaters Franz Liszt. Per „Diligence“ (Eil-Postkutsche) flüchtete er in das Haus seiner Schwester in der Chemnitzer Schönherrfabrik, an dem heute eine Inschrift an den denkwürdigen Besuch des Bruders erinnert. Von hier sollte es nach Zürich gehen. Zu Wagners Verdruss verspätete sich die Kutsche. Ein schicksalhaft er Glücksfall, denn um ein Haar wäre Wagner seinen Häschern in die Arme gelaufen. Und mit Revolutionären pflegte man seinerzeit kurzen Prozess zu machen.

Ein weitaus angenehmeres Kapitel im Leben Wagners spielte sich im Herrenhaus Ermlitz in Sachsen-Anhalt ab. Das elegante zweigeschossige Schlösschen mit prächtigem Landschaftsgarten dürfte so recht nach dem Herzen des Komponisten gewesen sein. „Mein lieber Schwan“, wird mancher ausrufen, der die Aufzeichnungen des Hausherrn und Wagner-Gönners Theodor Apel liest. Wagner war offenbar nicht nur ein sehr anspruchsvoller Gast, sondern auch ein Schnorrer ersten Grades. Ständig in Geldnöten und auf der Flucht vor seinen Gläubigern, schrieb er eine Reihe äußerst aufdringlicher Bittbriefe an Apel.

Müssen wir Wagner deshalb verachten? Mitnichten. Halten wir es doch mit den alten Römern, die mit dem Diktum „De mortuis nihil nisi bene“ (Nichts als Gutes über die Toten) taktvoll über die großen und kleinen Schwächen der Verstorbenen hinwegsahen. Ein Jahrtausendgenie wie Richard Wagner hat dies allemal verdient.

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