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Sehnsucht Deutschland - Film
Vogelperspektive: Osnabrück aus der Luft betrachtet; Foto: Detlef Heese

Osnabrück - Steinreiche Friedensstadt

48 Stunden in einer fremden Stadt. Reicht, um auf den Geschmack zu kommen? Janika Kästner hat es probiert, ein Stück Osnabrück verkostet und die Stadt für äußerst lecker befunden.

Text: Janika Kästner

Fotos: Detlef Heese (1); OMT (1)

48 Stunden in Osnabrück

Der Türknauf am Osnabrücker Rathaus erinnert an den 1648 geschlossenen Westfälischen Frieden

Der Türknauf am Osnabrücker Rathaus erinnert an den 1648 geschlossenen Westfälischen Frieden

Meine Vorliebe für Schokoladen aller Art ist kein Geheimnis. Nun habe ich einen besonderen Tipp bekommen: Ihrem Namen nach sollen sie himmlisch sein, die Pralinen aus Osnabrück. Klare Sache, die Geburtsstätte einer solchen Leckerei hat meinen Besuch verdient. 48 Stunden habe ich Zeit, um mir Schokolade und Stadt auf der Zunge zergehen zu lassen.

Durch das Waterloo-Tor betrete ich das historische Herz der Stadt nördlich des Teutoburger Waldes. Das triumphbogenförmige Kriegerdenkmal erinnert an die Osnabrücker Soldaten, die 1815 wesentlichen Einfluss auf die europäische Geschichte nahmen, als sie Wellington halfen, Napoleon zu besiegen. Doch wer sich mit einem Osnabrücker am Waterloo-Tor verabredet, bleibt zum vereinbarten Zeitpunkt allein und wartet – wie Godot – vergeblich. Der Volksmund spricht nämlich vom Heger Tor, dem ehemaligen Stadttor, das einst fast an dieser Stelle stand. Das ist zwar falsch, macht aber nichts.

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Das geschichtsträchtige Ambiente hinter dem Tor zieht mich in seinen Bann. Macht mich neugierig auf das, was früher einmal war, und das, was es heute zu entdecken gibt. Schnell habe ich mein Hotel erreicht. Das Walhalla ist mit seinem historischen, windschiefen Fachwerk von 1690 fast so süß wie Schokolade. Mittendrin und perfekt für die Eroberung der Stadt.

Das berühmte Rathaus mit seinem Friedenssaal liegt quasi vor der Tür. „Friede 1648“ erinnert mich der messingfarbene Türknauf in Friedenstaubenoptik, wofür Osnabrück bekannt ist: Nach fünf Jahre währenden Verhandlungen wurde von der Rathaustreppe aus der Westfälische Frieden und damit das Ende des Dreißigjährigen Krieges verkündet. Heute wird die Friedenskultur beim Steckenpferdreiten zelebriert.

Über tausend Viertklässler galoppieren jedes Jahr im Oktober auf ihrem selbst gebastelten Stolz über die Rathaustreppe und nehmen vom Oberbürgermeister eine süße Brezel entgegen. Auch gegenüber im Erich-Maria-Remarque-Zentrum wird der Friedensgedanke postuliert und unter anderem an den bekannten Sohn der Stadt und seinen berühmten Antikriegsroman Im Westen nichts Neues erinnert.

Außer friedfertig ist Osnabrück vor allem eins: reich an Stein. Im Mittelalter hatte die Handelsstadt erheblich unter ihrer Fachwerkbauweise zu leiden. Was heute als schön gilt, war damals gefährlich. War der Funke erst einmal übergesprungen, brannten die alten Lagerstätten aus Holz, Stroh und Lehm schnell lichterloh. Nicht auszumalen der Verlust, den ein Brand für die Handelsleute bedeutete.

Für Tuch, Leinen und Co. versprachen die massiven Steinwerke Rettung vor der Feuersbrunst. Mit seinen 150 wertvollen Steinwerken bei gerade einmal 800 Einwohnern war Osnabrück damals steinreich, rund 30 konnten bis heute erhalten werden. Ihre dicken Mauern zeigen stolz ihr versteinertes Gesicht, an einigen wurden die Zeichen der Zeit mit strahlender Fassadenfarbe überschminkt.

Wer offenen Auges durch die Altstadt schlendert, kann sie entdecken. Über einem leuchtet ganztägig der Osnabrücker Sternenhimmel. Das Restaurant la vie in der Krahnstraße zählt zu den besten der Republik. Chefkoch Thomas Bühner erhielt für seine Kreationen den Ehrenritt erschlag der Küchenwelt, drei Michelin-Sterne zieren seine Kochjacke. Seine Weine lagert der Gourmet statt im Keller übrigens auf dem Speicher seines alten Steinwerks. Knapp 90 Euro kostet das Mittagsmenü.

Wer sich nicht zu den Steinreichen zählt, begnügt sich wie ich mit dem Blick durchs Fenster und kehrt etwas rustikaler in der Rampendahlschen Gaststube ein. Hier stehen Osnabrücks einzige aktive Braukessel. Was in den großen Kupferkesseln gärt, kommt frisch gezapft auf die rustikalen Holztische.

Gestärkt setze ich meinen Altstadtbummel fort und finde im Stammhaus von Leysieffer meine Himmlischen. Doch unsere Zeit ist noch nicht reif. Ich übe mich in der Kunst des Wartens und entdecke am anderen Ende der Altstadt Deutschlands ältesten Stammtisch im Grünen Jäger. Seit 1819 treffen sich seine Mitglieder immer freitags in der „Klause“. Wenn die „Gesellschaft zur freudigen Entspannung", wie sich die Klausenrunde im Untertitel nennt, zusammenkommt, wird geklönt und geschnackt. Themen wie Politik und Religion sind dabei tabu. Rein kommt nur, wer auf Vorschlag eines der Mitglieder auch die anderen Klausenbrüder überzeugt. „Wenn sich der erlauchten Runde ein Wohltäter nähert, heißt es: Alle austrinken“, ruft der Dorfschulze und schlägt auf das Klausenbuch, was recht häufig passiert.

Der illustre Herrenbund, der im Separee um den runden Eichentisch aus Bismarcks Zeiten sitzt, pflegt ein weiteres Ritual: Wenn am Straßenbahnhaltegriff gezogen wird und per Seilzugsystem am weit entfernten Tresen die Glocke schellt, heißt es: Nachschenken bitte. Während das Durchschnittsalter der Klausenbrüder bei um die 70 liegt, ist der Grüne Jäger ansonsten vor allem bei Studenten sehr beliebt. Voller Hoffnung auf eine steinreiche Karriere feiern die frischen Erstsemester mit der Essacher Luft, einem feurigen Kräuterschnaps, der es in sich hat, ihren Einstieg in die Kneipenkultur. Wen es auch nach dem Studium in Osna hält, der hofft , eines Tages selbst die Füße unter den Klausentisch strecken zu dürfen.

Ich für meinen Teil entscheide mich für Betthupferl statt Absacker. Vor mir liegt sie, die kleine Kugel, charismatisch braun und von zarten Zuckerkörnern ummantelt. Als die Himmlische auf meiner Zunge zerschmilzt, reise ich ab ins Traumland. Osnabrück, ich freue mich auf Tag zwei, denn du und deine Pralinen seid einfach zum Anbeißen.

Tag 1
9:58 Uhr | Bitte eintreten: Das Waterloo-Tor als Altstadteingang. Heger-Tor-Wall
10:23 Uhr | An das Ende des Dreißigjährigen Krieges erinnert der Friedenssaal im Rathaus. Marktplatz
12:17 Uhr | Dank der Steinwerke ist Osnabrück steinreich.
13:04 Uhr | Für mich bleibt seine Küche ein Traum: Sterne-Koch Thomas Bühner. Krahnstraße 1
15:48 Uhr | Leysieffers Himmelreich der Pralinen. Krahnstraße 41
18:00 Uhr | Hier lassen sie Puppen tanzen. Figurentheater. Kleine Gildewart 9
20:34 Uhr | Die Klause im Grünen Jäger ist Deutschlands ältester Stammtisch. An der Katharinenkirche 1
0:47 Uhr | Gute Nacht. Romantik Hotel Walhalla. Kleine Gildewart 11

Tag 2
11:03 Uhr | Kunststunde im Felix-Nussbaum-Haus. Lotter Straße 2
12:26 Uhr | Osnabrücker Künstlerseele mit japanischem Herz. Johannes Eidt,
Heger Straße 16
13:04 Uhr | Bunte Kleider für flippige Leute. Frau Kahlo’s Art, Bierstraße 7
14:07 Uhr | Stöberstunde in den Altstädter Bücherstuben. Bierstraße 37
14:46 Uhr | Tape Art und Hookboards. madeinosnabrueck, Redlingerstraße 5
17:05 Uhr | Wenn Hamburger in Osnabrück den Dom besuchen, landen sie auf
der Maiwoche. Große Domsfreiheit
18:11 Uhr | In seinem Wein Cabinet findet Jean-François Pelletier für jeden Anlass
den passenden Tropfen. Bierstraße 7
19:34 Uhr | Der Vorhang fällt im Theater Osnabrück. Domhof 10

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