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Sehnsucht Deutschland - Film
Die Redaktion der St. Pauli Nachrichten

Lokalheld/8: Günter Zint - Der Zeitzeuge von St. Pauli

Es sind der Kaufmann an der Ecke, der Bauer im Nachbardorf oder die Wirtin unserer Stammkneipe, die unsere Heimat Tag für Tag liebenswert machen. In der Serie „Lokalhelden“ stellen wir starke Frauenzimmer und echte Pfundskerle vor. Sie alle sorgen dafür, dass es zu Hause am schönsten ist. Teil 8: Günter Zint/Fotograf

Text: Fritz Vossiek

Fotos: Günter Zint, www.panfoto.de

Der Kiezfotograf - Günter Zint

Auf dem Kiez ein eingespieltes Team: Günter Zint und seine Kamera

Auf dem Kiez ein eingespieltes Team: Günter Zint und seine Kamera

Wer Günter Zint treffen möchte, muss nach Hamburg. Mitten ins Herz von Deutschlands sündigstem Stadtteil zwischen Reeperbahn und Hafen. Mitten rein nach St. Pauli. Da sitzt dann ein älterer Herr im ersten Stock über dem von ihm gegründeten Sankt Pauli Museum an der Davidstraße und sieht wie ein harmloser Rentner aus. Ist er aber nicht. Sein Kopf steckte einmal zwischen den dicksten Brüsten Deutschlands, denen der Edelhure und Domina Domenica, seine Nase bis heute in so ziemlich allem und seine Ohren haben Sachen gehört, die zu Lebzeiten nicht zur Wiedergabe bestimmt sind.

„Das Buch, das ich über St. Pauli schreibe, wird erst nach meinem Tode veröffentlicht“, grinst Zint, der lebenslustig und bauernschlau genug ist, um die Reihenfolge aus gesundheitlichen Gründen nicht infrage zu stellen. „Ich habe nicht studiert, ich bin auf der größten Universität der Welt, und das seit über 140 Semestern“, kokettiert der Fotograf. Nach einer Ausbildung bei der dpa verbrachte er seine Nächte im Star-Club auf der Großen Freiheit, fotografierte dort die Fensterdekoration, als Hausfotograf später die Beatles und Jimi Hendrix und ging mit vielen der Musiker auf Tournee. Studentenproteste, Ostermärsche, Atomproteste, Mauerfall und Deutsche Einheit – Günter Zint war überall in der ersten Reihe mit der Kamera dabei. Doch verankert ist er lebenslang auf St. Pauli.

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Vor über 40 Jahren erfand er hier die St. Pauli Nachrichten. „Ich war jung, im Krankenhaus und langweilte mich. Ich ärgerte mich mal wieder, tue ich bis heute, über Springers BILD-Zeitung. Da gründete ich 1968 mein eigenes Blatt.“ Was zunächst als einmaliges Spaßblatt gedacht war, wurde schnell zum aufklärerischen Kassenschlager. Die erste Ausgabe wurde für 10 Pfennig auf dem Hans-Albers-Platz verteilt, ein Solei gab es als Zugabe. Mit Überschrift en wie „Strauß (Franz Josef) kam aus dem Wienerwald, da stellten ihn zwei Nutten kalt“ und Kontaktanzeigen unter der Überschrift „Seid nett aufeinander“ sollte die Boulevard-, besonders die Springer-Presse, lächerlich gemacht werden. Ende der 1960er- Jahre erregte das noch Aufsehen. Einmal wurde die gesamte Kundenkartei von der Polizei beschlagnahmt, Verkehr außerhalb der Ehe galt als Unzucht und Kuppelei war bis 1974 ein Straftatbestand. Um dem Verbot zu entgehen, veröffentlichte Zint das Blatt ab 1970 als Tageszeitung, die nicht indiziert werden konnte. Zu dieser Zeit schlossen sich auch der spätere SPIEGEL-Chef Stefan Aust und der heutige Autor Henryk M. Broder der Redaktion an; mit ihnen legte das Blatt an politischer Schärfe zu.

Der Anteil an Nacktfotos stieg trotzdem, aus dem linken Revolutionsblatt war eine Sexpostille geworden. Die St. Pauli Nachrichten erreichten wohl vor allem deshalb zwischenzeitlich eine Auflage von mehr als einer Million Exemplaren. Das war für Zint das Ende der linksrevolutionären Presse; er lies sich ausbezahlen, blieb dem Stadtteil aber treu. „Heute bin ich Zeitzeuge, altersbedingt.“ Zint ist eine Institution, der Archivar von St. Pauli selbst ein Original, von denen so viele gestorben sind. Hans Albers und Freddy Quinn sind schon lange tot, die Beatles auch nicht mehr vollzählig, Domenica tot, Erna von der Kneipe Silbersack tot, Kiezkönig Bartels tot. Ihre Geschichten dokumentiert Zint.

Obwohl er längst mit einigen St. Paulianern auf dem Land lebt, ist Zint wenigstens zweimal pro Woche in seinem Museum. „Ehrensache“, sagt er. Ehrenhalber sowieso – das ständig von der Insolvenz bedrohte Museum ist längst ein Verein, Zint hat nur offiziell hier nichts mehr zu sagen. Aber das ist auch egal, denn alles, für das im Kopf und auf dem Land kein Platz mehr war, ist im Sankt Pauli Museum zu bestaunen. Dank Zint wird aus den Geschichten von St. Pauli selbst Geschichte, und deshalb ist er würdiger Lokalheld für Sehnsucht Deutschland.

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