Massenweise Touristen gibt es hier nicht, dafür Maulfaule, Kampfläufer und Kaltblüter. Beate Schümann gefällt die Region Fischland-Darß-Zingst gerade deshalb so gut.
Den Darß überblicken
Windflüchter-Kiefern am Ostseestrand; Foto: Tourismusverband Fischland-Darß-Zingst
Schon von Weitem sieht man ihn mit seiner Spitze über die Dächer hinausragen, den Turm der Wustrower Kirche. Sobald ich ihn erblicke, weiß ich, dass ich da bin. Ankunft auf einem Sehnsuchtsflecken. Gleich zu Beginn muss man etwas feststellen: Darß, wie die Halbinsel gemeinhin genannt wird, ist nur ein Teil des vom Meer umschlungenen Landes. Vielleicht waren es die Maulfaulen, die dafür sorgten, die anderen beiden Flecken im Namen zu unterschlagen. Fischland ist ein langes Wort und der Name Zingst geht nicht so glatt von der Zunge. Doch richtig heißt die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Zugegeben, ein etwas langer Name. Er deutet an, dass die drei Inselteile früher einmal getrennt waren. Erst durch das Verschwinden der Flutrinnen entstand die 45 Kilometer lange, leicht gebogene Landzunge, ein Prozess, der erst im 19. Jahrhundert abgeschlossen war.
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Mein Besuch auf Fischland-Darß-Zingst beginnt für mich mit eben jenem Turm der Wustrower Kirche. 18 Meter gilt es zu erklettern und er dankt es mit einem aufregenden Panoramablick: im Westen die Ostsee, im Osten die Boddenlandschaft. Unten sieht man kleine reetgedeckte Katen und Kapitänshäuser. Wie schmal Fischland ist! Auf wenigen 100 Metern kann man zwischen Stränden und Bodden beliebig pendeln. In ihrem Windschatten schützt die Inselkette eine einmalige Lagunenwelt, den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft mit Salzwiesen, Prielen, Seen und dem offenen Meer. Ein Paradies für Vögel wie Seeadler, Säbelschnäbler und die seltenen Kampfläufer. Naturfreunden wird hier einiges geboten. Bizarre Windflüchter-Kiefern markieren den Strand, Schilfgürtel wachsen bis an die Straßen. Kraniche und Kormorane, Silbermöwen und Seeadler kommen in Scharen wie auch Künstler und Zivilisationsflüchtlinge.„Tach“, sagt man hier zum Gruß. Das „ch“ muss richtig rau aus der Kehle kommen. Dann rollt das Herz des Mecklenburgers mit aus dem Bauch.
Bei Ahrenshoop beginnt der Darß – und Vorpommern. Das hübsche Dorf wird zu Recht „Worpswede des Ostens“ genannt. Es ist zwar nicht ganz so berühmt wie das Künstlerdorf, doch die malerische Landschaft, die Kombination aus Steilküste, Strand, Dünen und Wald, die Zeesensegler auf dem Bodden und die bunten Haustüren der Reetkaten ziehen seit circa 1890 Künstler an, etwa Paul Müller-Kaempff, den Begründer der Künstlerkolonie, Elisabeth von Eicken, Alexej von Jawlensky und Hedwig Woermann. In der 1909 errichteten Galerie Kunstkaten erfährt man, dass dem Charme auch Ernst Barlach, Bertolt Brecht, Anna Seghers und Stefan Zweig erlagen; nur blieben sie nicht ganz so lange. Der hohe Charmefaktor des Seebads wirkt auch heute noch, weshalb sich zur Sommerzeit zu den 724 Ahrenshoopern die Gäste gesellen, die die rund 2.100 Gästebetten belegen – nicht zu vergessen die vielen Tagesausflügler. Ab Ostern schlägt der Puls der Halbinsel wieder schneller, sodass die zentrale Nervenader, die Landstraße zwischen Wustrow und Zingst, am Ende noch jedem beigebracht hat, dass der Darß eine Insel der Zeitlosen ist: Wer nicht entschleunigen kann, wird einfach dazu gezwungen. Erste Wahl für die Fortbewegung sind deshalb die eigenen Füße oder das Fahrrad.
Am Darßer Ort macht die Halbinsel wie ein Bumerang einen Knick gen Osten. Hier wuchert ein urwaldähnlicher Wald wie wild, rund 4.700 Hektar, man wagt zu sagen: „Das ist der Darß.“ Was die Dörfer Prerow und Born mit all ihren Reizen natürlich nicht so gern hören würden. Auf den Holzbohlen des Naturlehrpfads kann man bis zum Leuchtturm von 1848 spazieren, um oben den Blick auf Küstendünen, Wald und Erlenbruch zu genießen.
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Text: Beate Schümann
Fotos: Tourismusverband Fischland-Darß-Zingst