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Sehnsucht Deutschland - Film
Bei Franz Kellers Bruder Fritz liegen viele wunderbare Weine im Keller. Foto: Schwarzer Adler

Scheuermanns Weinkanon/ Teil 1 - Kellers Oberbergener Bassgeige

Mit dieser neuen Serie unternimmt der Hamburger Weinautor Mario Scheuermann den Versuch aus der Trinkerfahrung beinahe eines halben Jahrhunderts seinen persönlichen Deutschen Weinkanon aufzustellen. Teil 1 - Franz Kellers Oberbergener Bassgeige aus dem Kaiserstuhl

Text: Mario Scheuermann

Bassgeige - Weissburgunder ungeschminkt

Schlank und rank ist die Oberbergener Bassgeige. Foto: Schwarzer Adler

Schlank und rank ist die Oberbergener Bassgeige. Foto: Schwarzer Adler

Hier geht es nicht um die teuersten, berühmtesten und besten Hochprädikatsweine Deutschlands sondern um die wahren Klassiker.

Weine die besonders charakteristisch sind für ihre Sorte, für ihre Herkunft und dies völlig unabhängig von Preis, Menge oder Bekanntheit. Es sind Weine darunter die Geschichte geschrieben haben wie z.B. die Oberbergener Bassgeige aus dem Weingut Schwarzer Adler.

Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber es war damals tatsächlich so. Wenn man Ende der 1970er Jahre ein Gourmet-Restaurant beispielsweise in Hamburg oder Berlin aufsuchte und den Kellner nach einem trockenen deutschen Wein fragte, schüttelte der meist konsterniert den Kopf und verwies auf die französische Abteilung seiner Weinkarte mit Muscadet und Sancerre, Edelzwicker oder Chablis. Auch weisse Bordeaux-Weine von Entre deux Mers bis Graves waren damals im Gegensatz zu heute gerne getrunkene Essensbegleiter.

SDTV - Baden und der Kaiserstuhl

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Wenn man Glück hatte, dann empfahl der dienstbare Geist mit Verschwörermine eine Bassgeige von Franz Keller in Oberbergen. Vor allem der Weissburgunder wurde von Kennern und Puristen sehr geschätzt. Daneben gab und gibt es aus dieser Lage u.a. auch Silvaner, Müller-Thurgau und Grauburgunder. Dieser Wein war tatsächlich einer der letzten trockenen Weissweine, die es damals in Deutschland noch gab. Nur der dickschädlige Adlerwirt Franz Anton Keller (1927 – 2007), pflegte seine Kaiserstühler Weine noch vollkommen trocken, also durchgegoren auszubauen und vermerkte dies auch stolz und kleingedruckt auf dem Etikett.

Außer ihm gab es noch eine Handvoll andere – heute teilweise vergessene Winzer - wie Leo Kappes an der Mosel, Otto Troitzsch und Graf Kanitz im Rheingau, die Philippis bei Köhler-Ruprecht sowie ihr Nachbar Henninger, die sich konsequent gegen die Flut der lieblichen Moseltröpfchen stemmten, die das Land seit den 1960er Jahren überfluteten. Auch in Franken gab es noch einige Bastionen gegen den vorherrschenden Massengeschmack. Fränkisch trocken (unter 4 Gramm pro Liter Restzucker, 4 gL RZ) galt geradezu als Qualitätsausweis.

Die überwiegende Zahl der deutschen Winzer hatte sich dagegen dem Geschmack der Zeit ergeben und brachte die Weine mehr oder minder süß auf den Markt, sei es dass man ihre Gärung abgestoppt hatte oder sie mit Süßreserve aufpeppte. So wurden die Weine immer süßer, immer plörriger, immer billiger bis diese Blase 1985 in den großen Panschskandalen platzte.

Ich erinnere mich noch gut an Komissionärsproben in dieser Zeit bei der eines der großen und führenden deutschen Vorzeigegüter seine unfertigen Fassmuster hinstellte und der Betriebsleiter mit den Kunden aushandelte wie der Wein ausgebaut werden sollte: halbwegs trocken, halbtrocken, lieblich oder doch lieber süß. Von manchen Partien gab es dann später ein Dutzend verschiedener Füllungen je nach Gusto des Käufers und nicht nach dem Willen des Weins und seiner Kellermeisters. Heute kaum noch vorstellbar.

Dies alles war Franz Keller ein Greuel, genauso wie die Flurbereinigung am Kaiserstuhl gegen die er kämpfte wie später die Menschen gegen Wackersdorf oder Gorleben. Als Rebell vom Kaiserstuhl porträtierte ihn das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und verhalf ihm und seinen Weinen so zum Kultstatus. Bald galt es in der damals aufkommenden Sterne-Gastronomie der Nouvelle Cuisine als fashionable die Bassgeige auf der Karte zu haben. Und das leitete so die Renaissance des trockenen deutschen Weissweins ein. Die Flasche mit dem Schwarzen Adler auf weissem Grund auf dem Tisch galt bald als Ausweis der Kennerschaft aber für manche auch der political corectness.

Heute wie damals steht auf dem Etikett klein gedruckt nicht nur der Akoholgehalt, beim Jahrgang 2009 sind das satte 13 % vol., sondern auch der Restzucker, in diesem Fall 1,8 gL.

Das ist Weissburgunder ungeschminkt, geradlinig, klar und wirklich trocken, frisch mit feinen mineralischen Noten vom Basalt der Vulkanverwitterung, die der kleinparzelligen Lage ihren Charakter gibt.

Ein Klassiker, so wie er immer war. Einzig der Schraubverschluss ist dem neuen Zeitgeist geschuldet.
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Über den Autor:

Der 62-jährige Mario Scheuermann ist einer der renommiertesten Weinreporter des Kontinents. Er publiziert in führenden Fachzeitschriften und Publikums-Magazinen und betreibt u.a. die Website www.weinreporter.de. Er wohnt in Osteinbeck bei Hamburg.

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