Marzipan, Stadt der sieben Türme, Königin der Hanse, Tor zum Norden, Backstein. Zu Lübeck fällt jedem etwas ein. Ein Besuch in der schleswig-holsteinischen Hansestadt. Von Jana Gerlach
Sieben Türme in Backstein
Das Lübecker Wahrzeichen, das Holstentor; Foto: Lübeck Travemünde Martketing, Torsten Krüger
Schon von Weitem macht Lübeck seinem Namen alle Ehre: Die sieben Türme der Stadt leuchten mir backsteinrot entgegen. Die fünf stattlichen Kirchen scheinen stoisch über die beschauliche Altstadtinsel zu wachen, die ich heute erkunden will.
Auf meinem Weg treffe ich zunächst auf das Gebäude mit den berühmten Kegeltürmen: das Holstentor. Spätestens seit das Wahrzeichen der Stadt auch auf der schleswig-holsteinischen 2-Euro-Münze zu sehen ist, kennt die ganze Republik die mittelalterliche Befestigungsanlage. Das vollständig erhaltene Tor in Richtung Holstein ist der dickste Wehrturm der Stadt. Die Mauern, die stadtauswärts zeigen, sind ganze 3,5 Meter dick, im Unterschied zu dem einen Meter nach innen. Das erklärt auch die gefährliche Schieflage des Gebäudes, das vor einigen Jahren allerdings bautechnisch abgesichert wurde.
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Hinter den schmucken Salzspeichern an der Trave liegt sie nun vor mir: die leicht erhöhte Altstadtinsel von Lübeck, die bereits 1987 in die Liste der Welterbestätten aufgenommen wurde. Die UNESCO würdigt die intakte Altstadt, die in ihrer mittelalterlichen Struktur als Ganzes erhalten geblieben ist und stellt ihren „exemplarischen Charakter für die hansische Städtefamilie im Ostseeraum“ heraus.
Charakteristisch ist die Architektur der Hansestadt allemal: roter Backstein, wohin das Auge blickt. Dabei ist das Material eigentlich eine Verlegenheitslösung. In Ermangelung natürlicher Steinbrüche mussten Ziegel aus Lehm produziert werden, um die Kirchen der Lübschen Dimensionen zu erbauen. Die Ausbreitung des Baumaterials wurde durch die Hanse gefördert, so dass der gesamte Ostseeraum von der so genannten Backsteingotik geprägt wurde.
Die beeindruckendste Vertreterin dieser Bauweise ist die Marienkirche, die mit ihren 125 Meter hohen Türmen alle anderen Kirchen überragt. St. Marien, die in der Blütezeit Lübecks zwischen 1250 und 1350 gebaut wurde, ist die größte Backsteinkirche überhaupt und Vorbild für etwa 70 Kirchen rund um die Ostsee.
Diese ebenso schöne wie gewaltige Basilika beherbergt das höchste Backsteingewölbe der Welt – und dieses werde ich nun besteigen. Die Führung durch das Gewölbe dauert zwei Stunden und eröffnet Räume, die ich von unten kaum erahne. Nachdem wir die ersten 105 Stufen auf der Wendeltreppe hinter uns gebracht haben und meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt haben, sehe ich von oben, was eben noch 40 Meter über mir schwebte: das konvexe, verputzte Kreuzgewölbe über dem Chor. Wir turnen oberhalb des Hauptschiffes herum, kommen zur weltgrößten mechanische Orgel und klettern hoch in die Türme. Gigantisch sind die Ausmaße hier, es geht übers Dach, durch Gänge und schmale Treppen – es würde mich nicht wundern, wenn jetzt Quasimodo um die Ecke schaute. Und siehe da – im Glockenturm finden sich tatsächlich Spuren des Glöckners, der hier einmal gehaust hat. Zum Schluss steigen wir auf den Dachreiter, der einen fantastischen Ausblick auf die Altstadt bietet, auf ein Meer an Giebeln, Gängen und Gassen.
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