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Sehnsucht Deutschland - Film

48 Stunden Görlitz

Im Osten viel Schönes: Romanik, Renaissance, Barock – sogar Hollywood dreht hier. Fachleute sagen: Deutschlands schönste Stadt. Die östlichste ist sie allemal. Michael Dietrich war an der Neiße und berichtet von zauberhaften Erscheinungen, historischer Halsabschneiderei und einem irren Pilgergang.

Text: Michael Dietrich

Fotos: Frank Krems

Frank Krems

Michael Dietrich ging in Görlitz auf Pilgerreise

„Mein Garten, mein Ferienhaus, meine Stadt!“ Da lagen sie nun vor mir, Bilder, die eine verwunschene Kate unter Apfelbäumen zeigten und mit städtischen Renaissance- und Gründerzeitfassaden prahlten. Über der heilen Welt funkelten die Augen eines befreundeten Fotografen. Ob ich nicht mitkommen wolle, in vier Wochen fahre er für zwei, drei Tage runter ins sächsische Görlitz. Dann schwärmte er von der Ruhe, die der hügelige Landstrich ausstrahle, von duftenden Bäckereien und Metzgereien, von den Restaurants und Cafés und vom südländischen Flair in der deutsch-polnischen Grenzstadt. Nebenbei erwähnte er noch einen Pilgerweg aus dem 15. Jahrhundert, „ganze tausend Schritte lang, also wie geschaffen für dich“. Mal ein bisschen pilgern, das wollte ich ja schon lange. Wenn sich dabei noch picknicken und gut einkehren ließe – warum nicht? Dennoch zögerte ich. Ein Wochenende in – Görlitz?

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Gottes Wille geschah dann zwei Wochen, bevor mein Freund, der Fotograf, von Hamburg aus aufbrechen wollte. Es klingelte mein Telefon. Am anderen Ende der Strippe saß David Pohle, Chefredakteur von Sehnsucht Deutschland: Wir planen, eine Geschichte über Görlitz ins Blatt zu nehmen. Wollen Sie die schreiben?“ Klar, etwas eingelesen hatte ich mich ja schon.

Deutschlands östlichste Stadt liegt direkt an der Neiße, etwa eine Stunde mit dem Auto von Dresden entfernt, hat momentan 55?000 Einwohner und blieb während des Zweiten Weltkriegs von Zerstörungen fast völlig verschont. Mit 4000 denkmalgeschützten und renovierten Häusern ist Görlitz das größte zusammenhängende deutsche Flächendenkmal, erbaut im Stil der Gotik, des Barocks, der Renaissance, der Gründerzeit und des Jugendstils. Rumgesprochen hat sich die Traumkulisse bis hin zu Hollywoods Filmemachern, die hier mitsamt ihren Crews öfter mal das Stadtbild aufmischen. Blöd nur: Nie darf Görlitz Görlitz spielen, mal steht es für Paris, mal für New York, mal für Frankfurt am Main. Der letzte große Film, der hier gedreht wurde, war „Alone in Berlin“, inszeniert nach Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Und vor Ort: Emma Thompson und Daniel Brühl.

Freitag 16.14 Uhr: Ankunft im Haus des frommen Lebemanns

Gut, Weltstars weilen hier, aber auch Allerweltspilger wie du und ich. Die sind – mit Pilgerausweis – gut und günstig in der erst fünf Jahre alten Jugendherberge aufgehoben (Etagenbett/F ab 23,50 Euro). Wer’s etwas komfortabler will, bucht sich als historisch interessierter Wallfahrer im Hotel Emmerich ein (DZ/F ab 95 Euro). Beide Unterkünfte liegen in der mittelalterlichen Altstadt, nur einen Katzensprung weit voneinander entfernt.

Nur mal kurz zu Georg Emmerich, dem Namensgeber des Hotels: Der führte hier im ausgehenden 15. Jahrhundert als Sohn eines reichen Tuchhändlers ein recht flottes Leben. Er fand nichts Böses dabei, eines schönen Tages seine protestantisch angehauchte Nachbarin zu schwängern.

Woraufhin er von seinem erzkatholischen Vater zur Sühne nach Jerusalem geschickt wurde. Zurück kehrte er mit dem „Ritterorden vom Heiligen Grab“, mit detailtreuen Plänen des Heiligen Grabes – und vielen innovativen Ideen. Warum nicht den alten Henkersfriedhof vor den Toren der Stadt zum Wallfahrtsort umgestalten und somit reichlich Reibach machen? Herrgott! Dieser Hügel dort, der hatte doch Ähnlichkeit mit Golgata. Auch die Anhöhe gegenüber erinnerte verdammt an den Ölberg in Jerusalem samt seinem Garten Getsemani. Kniff Emmerich seine Augen zusammen, wandelte sich die schlängelnde Lunitz zum Bach Kidron. Und außerdem entsprach der Weg zur Peterskirche mit seinen tausend Schritten genau der Jerusalemer „Via Dolorosa“, dem Kreuzweg Jesu – von der Richtstätte des Pilatus bis hin zum Kreuzigungsort.

Na also, ging doch! Als Bürgermeister schließlich verwirklichte er seinen Traum und begann 1481 mit dem Bau der Grabanlage. Und die Pilger kamen in Massen, sahen, blieben für ein oder zwei Tage und ließen reichlich Heller in der Stadt. Pfiffig, die Idee des frommen Lebemanns. Nach der Geschichte wusste ich, wo ich einchecken wollte: Im stilsicher möblierten und unlängst eröffneten Hotel Emmerich. Unser Wagen rollte dann gegen 17 Uhr auf dem mittelalterlichen Untermarkt vor den Pforten der Unterkunft aus.

19 Uhr:?Erstes Abendmahl und letzter Gin Tonic

Wie es sich für ordentliche Luxuspilger gehört, nehmen wir unser Abendmahl in einem geschichtsträchtigen Patrizierhaus aus dem 15. Jahrhundert ein: Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat sowie Rumpsteak mit gebratenem Radicchio und Kartoffelgratin. Dazu Weißburgunder und Cabernet Sauvignon. Das Essen, der Wein: himmlisch. Und die Frau, die sich eben zu uns gesellt: zauberhaft.

Livia Kaiser, 28, arbeitet als Projektmanagerin bei der städtischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung. Sie liebe Görlitz und wolle uns bei der Arbeit unterstützen, hatte sie schon vor unserer Reise angedeutet. Geduldig hört sie sich unsere noch wirren Pläne für die kommenden Stunden an, gibt uns ein paar Tipps, muss dann aber gleich wieder gehen. Ob wir morgen Nachmittag Zeit hätten, so gegen 16 Uhr? Überhaupt kein Problem.

Satt und selig verlassen wir das Restaurant und geraten ein paar hundert Meter weiter mitten in eine kleine Open-Air-Session, dargeboten von schwarzen Musikern, die gerade Bob Marley, den Vater aller Reggae-Rhythmen, auferstehen lassen. Rund hundert Zuhörer lauschen der kleinen Nachtmusik. Viele von ihnen klatschen dabei in die Hände, manche zupfen an Luftgitarren. Unterdessen bereiten wir uns unter mittelalterlichen Arkaden auf unsere morgendliche „Exkursion Via Dolorosa“ vor. Den letzten Gin Tonic genehmigen wir uns mit dem Glockenschlag des Rathausturms um Mitternacht.

Samstag, 10 Uhr:? Gucken, staunen, Wohnung suchen

Hell und heiter begrüßt uns dann der Samstag. Die Sonne steht hoch am Himmel und Schwalben sirren durch enge Gassen. Lau weht der Wind von West nach Ost. Mit Rucksäcken bepackt, verlassen wir unser Quartier und schauen uns nach Proviant um. Erst einmal ein kleiner Stadtbummel. Auffallend neben der allseits berauschenden Architektur sind die großzügig angelegten Parks und Plätze der Stadt. Der Grund dafür: Das „neue“ Görlitz, geplant auf Reißbrettern in den Jahren der Gründerzeit, war für 100?000 Einwohner ausgelegt. 1990 wohnten hier noch 70?000. Heute sind es nur noch besagte 55?000. Dementsprechend günstig sind die Mieten. Topsanierte Wohnungen gebe es hier bereits ab fünf, sechs Euro pro Quadratmeter, hatte uns gestern Wirtschaftsförderin Livia erzählt. Schon beginnen wir uns nach einer passenden Wohnung umzugucken.

Auf der Berliner Straße, der Fußgängerzone von Görlitz, steht dann Prachtbau an Prachtbau, ebenso an der Jakob- und Konsulstraße. Sie alle führen zum Postplatz, dem früheren Viehmarkt – mit seinen spätklassizistischen Gerichtsgebäuden, dem neubarocken Postamt und dem „Muschelminna“ genannten Kunstbrunnen aus weißem Carrara-Marmor. Wo sind wir hier eigentlich, in Paris oder Rom oder sonst wo?

13.30 Uhr: Die süßen Früchte der Irina Lilienska

Mit leichter Genickstarre erreichen wir schließlich den Wochenmarkt an der Elisabethstraße. Insgesamt acht Obst- und Gemüsebäuerinnen aus dem polnischen Umland bieten heute ihre Waren feil. Eine von ihnen ist die 63-jährige Irina Lilienska. Irina, kurz geschnittene Haare, sportliche Figur, wohnt im 21 Kilometer entfernten W?gliniec. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, sagt Jesus. Wir entscheiden uns für eine Schale Erdbeeren, ein Kilo zu zwei Euro. Süß und saftig schmecken sie. Irina lächelt und erzählt, seit sieben Jahren stehe sie hier. Obst und Gemüse ernte sie im eigenen Garten, Blaubeeren und Pilze stammten aus dem nahen Wald. Mal seien es zehn, mal 30 Euro pro Tag, die sie hier umsetze: „Nicht viel, aber man lebt ja bescheiden.“ Ihr Mann arbeite übrigens als Rangierer bei der … Stundenlang könnte man ihr zuhören, wie sie so aus ihrem polnischen Nähkästchen plaudert.

Aber: Wir müssen weiter. Müßiggang ist aller Laster Anfang! Noch haben wir unsere Marschverpflegung nicht beisammen. Auf zum besten Metzger der Stadt, zu Thomas Büchner in der Bismarckstraße. Büchners Würste sind ein Traum, sein Verkaufsraum ist es ebenso. Die Wände, gekachelt mit Fliesen aus dem 19. Jahrhundert, erzählen vom Handwerk der Metzger und von ?der Kunst, Säue und Rindviecher zu schlachten. Wir entscheiden uns für Pfefferbeißer und Rauchpeitschen. Die passende Würze dazu finden wir im „Senfladen“ an der Brüderstraße. 300 Sorten stehen dort zur Auswahl. Der etwas herbe Görlitzer Biersenf, produziert in einer kleinen, nahen Manufaktur, schmeckt uns am besten. Nun steht unserer Pilgerreise nichts mehr im Weg.

14.15 Uhr: Wo Pilgern Wasser verwehrt wird

Doch dann, auf dem Weg zur „Via Dolorosa“, passiert Unfassbares. Mittlerweile brennt die Sonne auf uns herab: 31 Grad. Durst! Als Pilger bittest du in solchen Extremsituationen um ein Glas Wasser, und du bekommst es von fremder Hand herzlich gern überreicht – dachten wir. Also nehmen wir im Caféhaus „Lucullus“ Platz und bestellen (neben Schoko-Kirsch-Törtchen und Cappuccino) das klare Lebenselixier. Der Wirt des Lokals, Typ Verkäufer auf Kaffeefahrten, schwenkt mit zwei Schnapsgläsern an unseren Tisch. Aber mehr Leitungswasser spendiere er nicht. Schließlich finanziere er seinen Laden mit Getränken. Wenn wir uns damit nicht abfinden könnten, seien wir die falschen Gäste in diesem Restaurant. Gott sei ihm gnädig!

Apropos: Genau mit dieser Art von Halsabschneiderei wurde Görlitz reich und mächtig. Der Flecken, einst an der Handelsstraße „Via Regia“ gelegen, blühte erst auf, nachdem findige Stadtväter anno 1260 eine Brücke über die Neiße schlagen ließen. Durchreisende Händler, die früher eine weite Furt vor der Stadt nutzten, wurden von nun an über diese Engstelle direkt in die Stadt gelotst und mussten dafür kräftig Zwangsgelder und Zölle zahlen. Und zwar mit Görlitzer Münzen, die sie zuvor gegen miserable Wechselkurse erwerben mussten. Wasser übrigens gab es damals nicht zu trinken, das war zu dreckig. Das gemeine Volk hatte seinen Durst mit Dünnbier zu stillen, das wiederum von Patriziern gebraut und teuer verkauft wurde.

15 Uhr: Von Ochsenbäckchen und vier lustigen Pilgerinnen

Zurück zum Pilgerweg. Der beginnt auf dem Vorplatz der spätgotischen Peterskirche aus dem 15. Jahrhundert. Die Kirche ist groß, mächtig, hat zwei 84 Meter hohe Türme und verfügt über eine ”Sonnenorgel“ mit zwölffacher Pedalmixtur, deren Funktionsweise während der Stadtführungen zwar erklärt wird, aber kein Mensch so richtig kapiert. Wir schauen uns um. Viel ist nicht los.
Gegenüber der Kirche sitzt ein älteres Pärchen auf einer Bank und rätselt darüber, wie denn wohl das Wetter gegen Abend sein wird. Um die Ecke verspricht die Speisekarte des nahen und vom Guide Michelin ausgezeichneten Hotelrestaurants „Schneider Stube“ göttliche Genüsse: Ochsenbäckchen mit Vanillemöhren und getrüffeltem Kartoffelpüree – für wohlfeile 18,90 Euro. Hätten wir doch bloß unser albernes Picknick nicht dabei!

Weiter geht’s über die mit schwarzem Basalt gepflasterte Nikolaistraße, es ist der erste Abschnitt unseres Kreuzwegs. Wieder Fehlanzeige: Pilger scheinen heute nur auf Abwegen unterwegs zu sein. Schade. Am Ende der Straße biegen wir schließlich in den Nikolaizwinger ein, einen zehn Meter breiten Grünstreifen zwischen der doppelwandigen Stadtmauer mit Kanonenschießscharten auf der linken und dicken Backsteinstützen auf der rechten Seite. Von ganz weit her hören wir Stimmen. Wallfahrer? Wir folgen dem Weg. Tatsächlich: Zwischen Birken ruhen vier junge Frauen, die wie wir den Kreuzweg machen. Salve! Woher des Wegs? Aus dem über 200 Kilometer entfernten Zwickau. Und zu welchem Behufe seid ihr angereist? Zum Gucken, Lachen, fröhlich sein. Die jüngste des lustigen Quartetts winkt uns zum Abschied mit einer Flasche Rotkäppchen-Sekt hinterher. Aha.

16 Uhr: 1500 Studenten und kein Tag ohne Feier

Ich schaue auf die Uhr. Mein Gott. Es ist jetzt viertel vor vier. Um 16 Uhr haben wir unseren Termin mit Livia Kaiser im Café Gloria am Untermarktplatz. Also zurück. Die Wirtschaftsförderin wartet bereits unter Schatten spenden-den Arkaden aus dem 16. Jahrhundert. Livia Kaiser ist in Leipzig geboren, ihr Abi hat sie in München gemacht, dann in Hannover als Barkeeperin gearbeitet, bevor sie vor fünf Jahren hierher zog, um Kultur und Management zu studieren.
Von dieser Zeit schwärmt sie noch heute: „Mir ging’s damals so richtig gut, 68 Quadratmeter große Wohnung mit Balkon und Gartenzugang. Für 320 Euro, warm! Und jeden Tag war was los: Partys in riesengroßen WGs, die Stadt erlaubte in leerstehenden Häusern zu feiern, Konzerte zu veranstalten und Workshops abzuhalten.“

Momentan studieren in Görlitz rund 1500 Leute „und gefeiert wird immer noch, und die Jazztage gibt es auch, und das dreitägige Internationale Straßentheaterfestival, das Altstadtfest, das Sommertheater, die tollen Parks und der Campus der Uni liegt noch heute so romantisch an der Neiße mit Blick nach Polen wie früher.“ Frau Kaiser, so viel lässt sich nach eineinhalb Stunden sagen, ist in Görlitz bis über beide Ohren verknallt. Mittlerweile sei sie glücklich liiert und bewohne eine 120 Quadratmeter große „Maisonette-Wahnsinns-Wohnung“ mit zwei Badezimmern, großem Südwest-Balkon und Holzparkett für 800 Euro. Warm natürlich.

18 Uhr: Erst ein Tyskie, danach Zander polnische Art

Es ist jetzt kurz vor 18 Uhr – und das Heilige Grab wird in wenigen Minuten geschlossen. Kurzerhand verschieben wir die restlichen Schritte unserer Wallfahrt auf morgen und beschließen, unser Abendessen im polnischen Teil der Stadt, in Zgorzelec, einzunehmen. Abenteuer! Zum Ostufer der Neiße sind es mit unseren gemieteten Rädern knapp zehn Minuten. Drüben auf der Promenade reihen sich Restaurants, fast alle Tische sind belegt. Im besten, im Miódmaliny, finden wir noch einen. Erst mal ein frisch gezapftes Tyskie zischen. Aaah! Als Vorspeise bestellen wir Piroggen mit Spinat ?und Parmesan. Gut. Danach Zander polnische ?Art (mit Eier-Sahne-Sauce) und Hähnchenbrust mit Knoblauchbutter, Bohnen und Möhren. Ebenso gut. Serviert wird unser Essen von zwei gnadenlos attraktiven Kellnerinnen, der Panoramablick rüber zur Görlitzer Stadtsilhouette ist gigantisch. Darauf einen Wodka mit Büffelgras. Na zdrowie!

Schnell noch Zigaretten kaufen. Auch in der früheren Oststadt von Görlitz finden sich schöne Gründerzeithäuser, viele Fassaden jedoch bröckeln. Hinter einem mit Werbung zugeklebten Schaufenster bekomme ich, was ich will: Gauloises. Für 35 Euro. Der Verkäufer ist ein kleiner, feiner Mann mit rundlichem Kopf und Lesebrille auf der Nase. Er sagt, er spreche kein Deutsch. So viel dann aber doch: „Alles echt, polnische Banderole, kein Schmuggel, keine EC-Karte, nur Bares.“ 17 Euro gespart.

Sonntag, 10 Uhr: Ebereschen rauschen im Wind, die Luft ist voller Spatzen

Über Nacht sind Wolken aufgezogen, die Temperaturen sind gefallen. Gott sei Dank. Frühstücken, Peitschen und Beißer in den Rucksack und los. Wir folgen unserer gestrigen Route bis zu der Stelle mit den vier Rotkäppchen-Pilgerinnen.

Unsere erste Station ist die Jesusbäckerei. Der Ort symbolisiert die Stelle, an der Jesus unter der Last seines Holzkreuzes zusammenbrach, das hernach Simon von Cyrene übernahm. Die Bäckereifachverkäuferin schätzt, dass sich hier täglich etwa 30 bis 40 Pilger mit Wegzehrung versorgen. An Karfreitagen würde für die Prozession extra Tränenbrot gebacken, Roggenbrötchen mit Hagelsalz obendrauf. Uns rät sie zu Streusel- oder Mohnkuchen als Dessert für unser Picknick. Wir entscheiden uns für zwei Semmeln und einen Twister, ein Plundergebäck mit Pudding und Schokostückchen.

Fünf Minuten später lassen wir uns erschöpft auf Steinbänke sinken. Der Biersenf passt herrlich zur Wurst. Ebereschen rauschen im Wind, die Luft ist voller Spatzen. Ansonsten ist es ruhig. Seelenruhig. Ein kleiner Abstecher hat uns zum historischen Nikolaifriedhof geführt. 17 Grufthäuser stehen dort auf ansteigendem Gelände, dazwischen meterhohe Steinkreuze und flache Grabplatten – letzte Relikte des alten Görlitzer Patriziats, das sich hier ab dem frühen 17. Jahrhundert kreuz und quer bestatten ließ. Für die Philosophin und Schriftstellerin Ricarda Huch war dieser Ort der „schönste Campo Santo jenseits der Alpen“. Ich fühle mich hier wie in einer vergessenen Totenstadt, irgendwo in der griechischen Bergwelt.

Am Aldi vorbei, rechts an der Heilige-Grab-Straße, liegt es dann, das Ziel aller Pilger, eingebettet in Europas ältestem religiösen Landschaftspark. Beeindruckend. Zwei Euro kostet der Eintritt. Zum Grabhügel führen 33 Stufen empor, die das erreichte Lebensalter Jesu symbolisieren. Oben dann recken sich drei Linden dem azurblauen Himmel entgegen, die für die drei Kreuze stehen. Dahinter die doppelstöckige Kapelle zum Heiligen Kreuz, das Salbhaus und schließlich das Heilige Grab. Wir müssen Schlange stehen, bevor wir den zwei auf zwei Meter großen Raum mit der Grabbank aus Sandstein betreten können.

Komisch, auf der 1000-Schritte-Strecke kaum Glaubensbrüder. Und plötzlich sind alle sakralen Gebäude voll mit Wallfahrern – wohl mit dem Auto oder der Straßenbahn angereist, die Damen und Herren. Mein Freund, der Fotograf, raunt: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen – Goethe.“

Nach der Besichtigung des Grabs schreiten wir hinab durch das Tal des Kidron, anschließend durch den Garten Getsemani bis hinauf zur Spitze des Ölbergs. Ganz oben steht das städtische Krematorium, die erste im Jugendstil erbaute Feuerbestattungsstätte Schlesiens. Was für ein Panorama von hier – über Gotik, Barock, Renaissance, Gründerzeit und Jugendstil. Eben über „Deutschlands schönste Stadt“, so Prof. Gottfried Kiesow, Gründer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.


Hotels
?
Börse

Mit Sternchen: Beliebte Filmstar-Bleibe. Das Haus verfügt über das Hotel „Börse“,?das Gästehaus „Flüsterbogen“ – unbedingt den Bogen ausprobieren – und schließlich?noch über die Pension „Zum sechsten Gebot“ – der Name des Etablissements geht wohl?auf die angrenzende Rosenstraße zurück, einst die Rotlichtmeile von Görlitz. Alle Zimmer sind stilvoll mit Antiquitäten ausgestattet. Frühstück inklusive. DZ ab 69 Euro/Nacht. ?Untermarkt 16, Telefon: 03581/76 420

www.boerse-goerlitz.de

Schwibbogen

Kunstvoll: Kleines, feines Stadthotel mit 15 Zimmern. Und großer Malerei. Im Frühstücksraum gibt’s Zeichnungen, Grafiken und Votivtafeln von Lukas Cranach d. Ä. – oder seinen Schülern, wie einige vermuten. Die Malereien wurden bei der Sanierung des Hauses entdeckt, eröffnet wurde das Hotel im Jahr 2011. DZ/F ab 85 Euro/Nacht.?Obermarkt 34?Telefon: 03581/87 77 890

www.hotelschwibbogen.de

Emmerich?

Charmant: Das Haus des ehemaligen Bürgermeisters von Görlitz, Georg Emmerich (1422–1507, siehe Text), besticht mit modernem Design, schlichter Eleganz und tollem Service. Klasse Frühstücksbuffet. Wir übernachteten hier: rundherum eine Wohlfühladresse.
DZ ab 95 Euro/Nacht.?Untermarkt 1?Telefon: 03581/76?66?00

www.emmerich-hotel.de


Anschauen ?

Heiliges Grab

Kreuzweg: 1000 Schritte von der Peterskirche bis zur Heilige-Grab-Straße. Hier ist die Grabanlage, bestehend aus der Doppelkapelle zum Heiligen Kreuz mit Adamskapelle (unten) und Golgatakapelle (oben) sowie dem Salbhaus. Nördlich der Kapelle der Ölberg mit Garten Getsemani, der Gebetsstätte und der Jüngerwiese. Dazwischen die Lunitz bzw. der Bach Kidron.

www.heiligesgrab-goerlitz.de

Kulturhistorisches Museum im Barockhaus

Geschichten: Auch bei Sonnenschein empfehlenswert. In der ersten Etage, die Wohnung ?des Damasthändlers Johann Christian Ameiß (lebte Mitte des 18. Jahrhunderts). Darüber die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften. Hier die klassizistische Kulissenbibliothek mit ihren Bogenregalen, den „Triumphbögen der Wissenschaft“, mit rund 120?000 Bänden anschauen! Ebenfalls interessant: das Physikalische Kabinett mit frühen technischen Geräten. Neißstraße 30,?Telefon: 03581/67?13?55?

www.museum-goerlitz.de


Restaurants ?

Destille

Hausgemacht: Früher Schnapsbrennerei, heute ein schickes Wirtshaus in einem der ältesten Anwesen der Stadt. Gute mediterrane und schlesische Küche, schöne Restaurantterrasse, ?prima Service. Und im Keller befindet sich ein 800 Jahre ?altes jüdisches Tauchbad, eine Mikwe, mit acht Grad kaltem Quellwasser. Besichtigung ist täglich zwischen 12 und 14 Uhr. Nikolaistraße 6, Telefon: 03581/40 53 02

www.destille-goerlitz.de


Ausflüge

Reichenbach

Schmaus: Der schwäbische Bäcker vom Görlitzer Wochenmarkt, Winfried Neuer, betreibt ein sehr nettes Restaurant im nahen Reichenbach, mit großem Garten und vorzüglichem Essen. Wenn Sie in der Schwaben-Pfeil-Stube sind, sollten Sie sich auch die drei Granitkronen des 406 Meter hohen Hochsteins bei Königshain und die kulissenreifen Granitsteinbruch-Seen bei Arnsdorf-Melaune ansehen (grüßen Sie Winnetou und Old Shatterhand von uns, falls die vor Ort sein sollten).?Gartenstraße 4, Reichenbach, Telefon: 0178/62 41 575

www.schwaben-pfeil.de

Landskron Brauerei

Braukunst: In der östlichsten Brauerei Deutschlands. In denkmalgeschützen Hallen werden hier ausgezeichnete Biere produziert.?An der Landskronbrauerei 116, Telefon: 03581/46 50
www.landskron.de

Lucie Schulte

Abgeschmeckt: Vom Restaurantführer „Feinschmecker“ zu einem der besten Restaurants in Deutschland erkoren. Gute Idee: Auf der Speisekarte werden zu den jeweiligen Gerichten auch gleich die passenden Weine genannt. Was man probieren „muss“: Currywurst mit Pommes zu achtfuffzig – „ohne Trüffel, ohne Chi Chi nur mit einer hausgemachten Sauce serviert“.?Untermarkt 22,?Telefon: 03581/41?02?60

www.lucieschulte.de

Hallenhäuser

Tuchfühlung: Görlitz war im Mittelalter die Stadt der Tuchmacher- und händler. Hauptsächlich der Händler, die einen Aufstand der Görlitzer Weber anno 1527 blutig niederzwangen und so die Preise drücken konnten. Relikte ihres Reichtums sind Geschäftspaläste mit prächtigen Gewölbedecken und hohen Zentralhallen. In Görlitz existieren noch rund 35 dieser „Hallenhäuser“, erbaut im Stil der Spätgotik und Renaissance.

ABGEFAHREN: Die Citycard-Görlitz für 27,50 Euro lohnt sich. Online bestellen unter www.we-love-goerlitz.de

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