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Sehnsucht Deutschland - Film

Clooneys Quedlinburg

Quedlinburg gilt als Wiege der deutschen Nation. Da sind 48 Stunden das mindeste, was man an Respekt aufbringen sollte. Es hat sich gelohnt. Für mich. Und für George Clooney?

Text: David Pohle

Fotos: René Supper

UNESCO-Welterbestadt Quedlinburg

UNESCO-Welterbestadt Quedlinburg

Mit Peinlichkeiten ist das so eine Sache. Nicht jedem ist etwas peinlich, bei dem andere schon lange im Boden versunken wären. Doch mir ist es schon peinlich. Ein bisschen jedenfalls. Aber ich hoffe auf Nachsicht und wähle wie der Bayernpräsident die Selbstanzeige: Ja, es stimmt, vor ein paar Jahren hatte ich noch nicht von Quedlinburg gehört. Ein grobes Versäumnis, denn kürzlich war sogar Hollywoodstar George Clooney, einer der besten, in jedem Fall sogar aus Männersicht einer der schönsten Schauspieler unserer Zeit, vor Ort.

Clooney war auf der Suche nach Drehorten für seinen neuen Film The Monuments Men, in dem eine Gruppe alliierter Kunstspezialisten zum Kriegsende versucht, deutsche Kunst vor dem Untergang zu retten. Ambitioniert, wenn man weiß, dass der Quedlinburger Domschatz von amerikanischen Soldaten als Souvenir nach Texas „mitgenommen“ wurde. Nun gut, er ist wieder da, der Rest ist vergessen, der Film wird sicher sehenswert.

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Und jetzt bin ich auch da, endlich, mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, wenige Tage nach George und erst mal nur für 48 Stunden. Man weiß ja nie. Angekommen in einer mittelalterlichen Stadt, von der kein Geringerer als Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Haseloff mit Stolz in der Stimme sagt, es handele sich um die Wiege der deutschen Nation, weil Quedlinburg vor knapp tausend Jahren die Metropole des Deutschen Reichs war, wo Kaiser und Könige sich die Insignien der Macht in die adligen Hände gaben, während ihre Ritter in den dunklen Wäldern des Harzes Lager aufschlugen.

Seit 1994 ist Quedlinburg Welterbe der UNESCO. Ein Gesamtkunstwerk mit über 1.300 Fachwerkbauten aus acht Jahrhunderten und der prächtigen Stiftskirche St. Servatii, die erhaben über der Stadt auf dem Schlossberg liegt und die Gebeine des ersten deutschen Königs, Heinrich I., ebenso sicher verwahrt wie eben den bereits erwähnten geheimnisvollen Domschatz.

Von Hamburg kommend, schrammte ich am nördlichen Harz entlang, ließ den Brocken und das prächtige Schloss Wernigerode rechts liegen und bog kurz hinter Blankenburg rechts ab. Eingecheckt habe ich im ersten Haus am Platze, dem Hotel am Brühl, nahe dem Stadtpark, durch den die ehemals wilde Bode fließt, und nur fünf Gehminuten vom Schlossberg entfernt.

Es ist schon später Nachmittag. Ich bin anlässlich des Jahrestreffens der derzeit 37 deutschen Welterbestätten in der Stadt, wo der entsprechende Verein vor 20 Jahren gegründet wurde. Im meisterhaft restaurierten Barockpalais Salfeldt wird getagt, drei dicke schwarze Limousinen stehen vor der Tür, der Ministerpräsident ist da und spricht. Die Stimmung bei den Bodyguards ist entspannt. Wohl auch, weil hier ab 19 Uhr die meisten Bürgersteige senkrecht nach oben geklappt werden. Keine Hochschule oder Universität, die den Nächten mit jungen Leuten Leben einhauchen würde.

Dafür bin ich heute zuständig und nach dem offiziellen Teil entlasse ich mich in die Stadt. Vor der Tür das nette Benedikt, französische Bistro-Atmosphäre, die auch Kollege Clooney schätzte, der auf einem Polaroid jovial grinsend neben dem Tresen hängt. Kaum Gäste, ist ja auch schon nach sieben, aber dafür köstliche Quedlinburger Kaisersülze und ein anständiger Rivaner, der gleich um die Ecke im Harzer Weingut Kirmann angebaut wird. Hier sind, wer ahnt das schon, die nördlichsten Ausläufer des Weinanbaugebiets Saale-Unstrut. Um 21.30 Uhr ist Schluss. Am Rathaus vorbei gehe ich über den vorübergehend geschotterten, aber eigentlich sehr pittoresken Marktplatz. Der ist voraussichtlich noch bis Mitte 2014 eine große Baustelle, da auch hier – wie an allen Ecken der Stadt – ein großes Investitionsprogramm der Welterbestätten zur Umgestaltung läuft. Für Anlieger wie das hübsche Traditionshotel Theophano eine echte Nagelprobe. Ein leckeres Schwarzbier gibt es noch in der kleinen Privatbrauerei Lüdde, dann hauche sogar ich den letzten Lichtern kein Leben mehr ein.

Morgens steht Sabine Houben vor der Tür. Gut gelaunt und unternehmungslustig stiefelt die Stadtführerin mit mir durch kleine kopfsteingepflasterte Gassen, über scheinbar vergessene Plätze und natürlich auf den Schlossberg, von wo aus man einen famosen Blick über die Stadt hat, die wegen ihrer Harzer Regenschattenlage (!) sogar mal Welthauptstadt für Saatgut und Sämereien war. Heute ist der Horizont weit und in der Ferne ist sogar die den Hexenkult befeuernde Harzer Teufelsmauer zu erkennen.

Windschiefes Fachwerk überall, besonders ist der kleine Finkenherd. Hier soll Heinrich im Jahr 919 die Königskrone erhalten haben. Gleich nebenan gibt es bei Vincent den dicksten Käsekuchen, den ich jemals verputzt habe, und nur ein paar Schritte weiter das Geburtshaus des Hamburger Lieblings Klopstock. Fast alles ist in den letzten 20 Jahren behutsam mit viel Aufwand und Liebe zum Detail renoviert worden. Dass das überhaupt möglich war und noch weitergeht, ist unter anderem der Stiftung Denkmalschutz zu verdanken, die nicht nur ungeheuerliche Geldmittel aufbrachte, sondern auch junge, handwerklich begabte Leute für die Denkmalpflege in sogenannten Jugendbauhütten begeistern kann. Manche bleiben nach einem freiwilligen Jahr und verhelfen der Stadt langfristig zu neuer Blüte.

Schön, dass der Wahnsinn Quedlinburg mehrfach verschont hat. SS-Scherge Himmler zum Beispiel entweihte die Stiftskirche und gerierte sich als lächerliche Reinkarnation von König Heinrich. Zu DDR-Zeiten wollte man das, was heute Welterbe ist, wegsprengen und durch schmucken Plattenbau ersetzen; glücklicherweise fehlte die Kohle. Und auch Clooney wird jetzt woanders drehen. Gut oder schlecht? Eher ein bisschen peinlich, lieber George ...


Die besten Tipps für Quedlinburg

1 Am Finkenherd soll Heinrich seine Krone erhalten haben.

2 Kleiner Platz und Quedlinburgers Lieblingskneipe, die Münzenberger Klause.
Pölle 22, www.muenzenberger-klause.de

3 Zum Panoramablick vom Münzenberg gibt es solche Flammkuchen …

4 Bastion der Kultur: Buchhandlung Gebecke in der Pölkenstraße 3
www.antiquariat-gebecke.de

5 Der Sternkiekerturm gehört zur prächtigen Villa Lindenbein, die ein von der Stadt ignoriertes Hotel beherbergt.
Wallstraße 96, www.schlosshotel-zum-markgrafen.de

6 Die kleine wilde Bode fließt durch den Brühl, das schönste Hotel liegt am Brühl.
Billungstraße 11, www.hotelambruehl.de

7 Hörbaren Erfolg mit Bieren wie Knuttenforz und Pubarschknall hat das Brauhaus Lüdde.
Blasiistraße 14, www.hotel-brauhaus-luedde.de

8 Carsten Kriseleit hat frische Nudeln, Tapas und gepflegte Getränke.
Lange Gasse 32, www.schillers-quedlinburg.de

9 St. Wiperti vorm Harz war Kirche und Industriellenvilla und ist heute Fachschule für Gartenbau.

10 Man fragt sich, ob Frau Schinkel oder ihr Hotel der Domschatz ist? Liebevoller geht es nirgends.
Mühlenstraße 20, www.hotel-domschatz.de

11 Die waren sooo gut: Tapas vom Schiller's.

12 Benedikt-Wirt Till Schicker hat ein Foto mit George Clooney, wir eines von ihm.
Marktkirchhof 18, www.benediktquedlinburg.de


13 Eine kleine Auswahl an Saatgut für das Quedlinburg einst weltberühmt gewesen ist.
Blasiistraße 5, www.saat-24.de

14 Sommermorgenstunde am Schlossberg.

15 Im Benedikt hatte Clooney Weißburgunder vom Harzer Weingut Kirmann und Kaisersülze mit Bratkartoffeln.

16 Die leckersten Käsekuchen gibt es bei Vincent.
Schlossberg 13, www.kaesekuchenbaeckerei.de

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