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Sehnsucht Deutschland - Film
In Warnemünden liegt die Hohe Düne mit Tillmann Hahns Butt und 10 weiteren Restos. Foto: Hohe Düne

Deutschlandreise/8 - Rostock, Warnemünde und Tillmanns

"Lass ihn treiben, es ist ein Rostocker", sagen Warnemünder in treuer Hassliebe über den großen Nachbarn im Landesinneren. Beate Schümann ging der Sache auf den Grund und fühlte sich hier trotzdem wohl.

Text: Beate Schümann

Einseitige Liebe - Rostock und Warnemünde

Kerstin Borgwardt fängt die dicksten Dorsche. Foto: TMV/Werk3

Kerstin Borgwardt fängt die dicksten Dorsche. Foto: TMV/Werk3

Ein paar Etappen Ostküste Mecklenburg-Vorpommern liegen schon hinter mir. Was ich zwischen Heiligendamm und Bad Doberan erlebte, lesen Sie gerne in den jüngeren Etappen der Deutschlandreise.

Nun fahre ich aber erstmal in die Stadt, nach Rostock. HRO – Hansestadt Rostock, steht auf den Autokennzeichen. Da schwingt Stolz mit, auch wenn die Hansezeit längst passé und der Schiffbau in der Krise ist. Die Hanse war im Mittelalter ein mächtiger Städtebund zur Sicherung des Fernhandels, dem Rostock 1259 beitrat. Die Kaufleute monopolisierten den Handel mit Tuch, Pelzen, Salz und Honig, was der Stadt Macht und Reichtum brachte. Im alten Stadtkern erinnern imposante Patrizierhäuser, das Rathaus, Klöster, Stadttore, Wehranlagen und drei Großkirchen daran. Zu den Schätzen gehört die Marienkirche mit der astronomischen Uhr von 1472. Schlag 12 Uhr bin ich da, um die Apostelfiguren in Bewegung zu sehen.

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Der Zweite Weltkrieg hat im Stadtbild bittere Wunden hinterlassen, so dass Rostock auf die Unesco-Würde, die die Hansekolleginnen Wismar und Stralsund längst haben, vergeblich hoffen dürfte. Den Kahlschlag erkennt man deutlich in der breiten Langen Straße. Die DDR-Regierung war darüber womöglich nicht unfroh, denn sie eignete sich bestens für Aufmärsche. Heute ist Rostock die größte und aktivste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, zwar nicht Regierungssitz, aber doch eine quirlige Studentenstadt.

An der Uferpromenade winkt eine fast lückenlose Zeile von Giebelhäusern Yachten und Containern vorüber. Im Stadthafen an der Warnow inszenieren sich alte Kräne und moderne Yachten. Es riecht nach Algen, Diesel und Fernweh. Doch der eigentliche Zugang zum Rostocker Hafen liegt gut zehn Kilometer nordwärts, in Warnemünde. Um ihren Koggen die ungehinderte Einfahrt von der Ostsee in die Warnow zu sichern, kauften die reichen Rostocker Handelsfamilien 1323 das kleine Fischerdorf an der Mündung gleich ganz. „Die Warnemünder fühlen sich bis heute verschachert“, erklärt Stadtführer Klaus-Dieter Laas auf der Brücke über den Alten Strom.

Wenn hier einer ins Wasser fällt, sagen sie: „Lass ihn treiben, es ist ein Rostocker.“

Alter Strom, so hieß die frühere Mündung des Warnow-Flusses. Als die Seefahrt zunahm und die Schiffe wuchsen, wurde um 1900 ein größerer Seekanal gebaggert, der Neue Strom. Im historischen Kern sorgen heute puppige Kapitänshäuser und Seemannskneipen für maritimes Flair. Am Kai dümpeln Barkassen für Hafenrundfahrten und Angel-Ausflüge. An den fest vertäuten Kuttern verkauft mir ein ostdeutsches Original ein frisches Fischbrötchen auf die Hand. Am alten Leuchtturm von 1898, dem Wahrzeichen von Warnemünde, beginnt die breite Strandpromenade. Einige Gebäude tragen noch den Stil der Bäderarchitektur, auch Haus Nr. 10, das von Wilhelm Bartel, der 1882 den Strandkorb erfand. Ohne das Rattanmöbel ist kein Ostseebild komplett.

Auf dem Meer tanzen mutige Kiter, und manche nutzen die von den Fähren produzierte Bugwelle zum Surfen. „Früher waren die Schiffe aus Holz und die Männer aus Eisen“, sagt Laas. Früher? Wenn man die Sportler beobachtet, stimmt es zumindest für sie.

Das Filet vom Mecklenburger Weiderind zerschmilzt auf der Zunge, als plötzlich die großen Bullaugen vorüberziehen. Eine weiße Schiffswand von bestimmt 30 Metern Höhe schiebt sich zügig an den Fenstern vom Restaurant „Der Butt“ vorbei, so dass ich mich für einen Moment auf See wähne. Doch ich sitze gepflegt auf dem Festland, einer schmalen Halbinsel namens Hohe Düne, am Neuen Strom gelegen, auf dem die großen Ostseefähren Kurs auf Dänemark nehmen.

Küchenchef Tillmann Hahn hat den “Butt“ zur besten Gourmetadresse des Landes gemacht.

Der Plattfisch ist nicht nur ein Ostseefisch, sondern auch ein Fabelwesen im ursprünglich vorpommerschen Märchen der Brüder Grimm „Vom Fischer und seiner Frau“, wo der Butt als verwunschener Prinz erscheint. „Es ist ein Plädoyer gegen Maßlosigkeit“, sagt der Sternekoch, der in der Erzählung eine Parabel zur gesunden Ernährung sieht. Für ihn entscheiden Qualität und möglichst regionale Produkte von Produzenten, die nicht in Masse, sondern in Maßen produzieren.

Das Ende der Landzunge markiert ein kleiner Leuchtturm. Eine scharfe Brise weht, der die Poren im Gesicht zum wohligen Prickeln bringt und an den Haaren zupft. Typisch Ostsee. Stundenlang kann ich hier so im Wind stehen, das Kommen und Gehen der Fährschiffe beobachten und, wenn man Glück hat, auf dem Meeresgrund einen Butt vorbeischwimmen sehen.
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Autorin: Beate Schümann

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