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Sehnsucht Deutschland - Film
Historischer Mittelpunkt einer weitläufigen Parklandschaft: Schloss Berge; Foto: Stadt Gelsenkirchen

Der Pott - Zechen mit Kultur

Das Ruhrgebiet war nie ein besonderer Tourismusmagnet, die meisten hatten das Bild von grauen Fassaden und Maloche. Doch der moderne Pott ist unbedingt eine Reise wert.

Wo einst die Schlote dampften - das Ruhrgebiet im Aufbruch

Das Deutsche Bergbau Museum in Bochum; Foto: DBM

Das Deutsche Bergbau Museum in Bochum; Foto: DBM

Wenn man heute in Gelsenkirchen-Schalke, Bochum-Langendreer oder Marl-Brassert mit frisch gestärkter Kleidung auf die Straße tritt, dann bleibt der Kragen weiß und die Muster im Kleid trübt kein Grauschleier. Nix Besonderes? Doch. Denn früher war das anders.

Da schnaufte die Pott-Luft Koks und Kohle. Es roch nach Ruß, der sich überall – auf Häuserfassaden, auf dem Fell von Hund und Bergmannsziege, den Trikots der Fußballer und viel zu oft auch in den Lungen der Kumpel – niederließ.

Da dampften die Schlote, und die Räder der Fördertürme drehten sich emsig, Loren ratterten lautstark und man sang das Steigerlied. Was geblieben ist, ist der Fußball – Schalke 04, VFL Bochum, Borussia Dortmund, MSV Duisburg, Rot-Weiß Essen – und Grönemeyers Currywurst. Die gibt es noch immer an jeder Ecke, nur der hierfür zur "Pommesbude" umgebaute Wohnwagen ist selten geworden. Genauso wie die Kokereien, Fördertürme, Zechen.

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Und doch ist die Vorstellung von grau in grau und Ödnis veraltet. Das junge Ruhrgebiet ist im Aufbruch. Hin zu Europas Kulturhauptstadt 2010 – gemeint ist eigentlich Essen, doch Essen steht in diesem Fall stellvertretend für das gesamte Ruhrgebiet – einem gigantischen Ballungsgebiet mit 5,3 Millionen Einwohnern, den meisten Arbeitsplätzen, Theatern und Universitäten.

Das Ruhrgebiet ist grün (was es übrigens schon immer war) und selbstbewusst. "Wat suchen Se denn hier Frollein?", fragt mich auf einem Parkplatz in Duisburg-Ruhrort ein älterer Herr mit Blick auf mein Hamburger KFZ-Kennzeichen. Ich erkläre ihm, dass ich für die Leser von Sehnsucht Deutschland einen Artikel schreibe über das Ruhrgebiet und es einfach zu viel zu erzählen gibt.

Zum Beispiel, dass Ruhrort wesentlich schöner ist, als man es aus Schimanskis Tatorten kennt, eine wohlhabende Geschichte unter anderem als Rheinzollstelle hat oder auch dass zwei von den insgesamt sechs deutschen Kirchenbooten im Duisburger Hafen schippern. Dass dieser sich zu einer architektonischen Attraktion gemausert hat, dem die Innenstadt auf diesem Weg bald folgen soll, dass auch Oberhausens City schicker ist als ihr Ruf und die Einkaufszentren im Pott mit amerikanischen Shopping-Malls mithalten können.

Doch den hilfsbereiten Herrn bewegt etwas anderes. "Hörn Se mal Mädchen“, sagt er, „dann tun Se mir alten Mann doch den Gefallen und stellen Se in Ihrer Zeitung einmal klar, dat Düsseldorf nich zum Pott gehört." Tu ich gern. Weil es stimmt. Düsseldorf liegt wie Duisburg am Rhein und doch in einer anderen Welt.

Im Ruhrgebiet geht es nicht um Couture, hier geht es um Kultur. Die meisten Zechen stillgelegt, viele dem Erdboden gleichgemacht, sind einige der alten Industrieanlagen mittlerweile wichtige Eckpfeiler des kulturellen Lebens im Ruhrgebiet und ein neu erschlossener Teil seiner Wirtschaft.

Wie die Zeche Zollverein. Sie wurde im Jahre 1986 als letzte Essener Zeche stillgelegt und gehört zum Weltkulturerbe. Errichtet wurde die riesige Schachtanlage 1932 in Anlehnung an den Bauhausstil und war einst das schönste Steinkohlebergwerk Europas.

Heute Industriedenkmal, können diverse Bereiche besichtigt werden, wie etwa die Fördermaschine oder das Kesselhaus, während andere für Kongresse oder Veranstaltungen genutzt werden. Im Winter gibt es zudem für Besucher eine Eisbahn, sommers plantscht man im Werksschwimmbad. Doch allein das "Casino Zollverein", Gastronomie in imposantem Industrieambiente, ist schon einen Besuch wert.

Oder die denkmalgeschützte Zeche Carl. Auch in Essen. Sie wurde 1970 stillgelegt und ist jetzt ein Zentrum alternativer Kultur mit Ausstellungen, Comedy und Satire, mit Punk, Rock und Blues. Im Gegensatz dazu bietet etwa die 1873 von Alfred Krupp erbaute Villa Hügel in Bredeney Kunst und feine, kleine Konzerte.

Essen ist vielfältig. Eine charmante Art, die Stadt und seine unterschiedlichen Gesichter zu erkunden, ist per Straßenbahn. Die Linie 107 führt auf 17 Kilometern vom Villen-Süden weiter durch Kneipenviertel, vorbei an modernen Innenstadt-Bürotürmen durch Essens Norden mit seinen Arbeitervierteln und Kolonien bis nach Gelsenkirchen. Entlang der Strecke: knapp 60 Sehenswürdigkeiten, zwei Opernhäuser, ein Dom, eine Philharmonie, zwei Museen und die Zeche Zollverein.

Angekommen in Gelsenkirchen erwarten viele nicht mehr als Tauben, Kleingärten und Schalke 04. Doch mitten in der Stadt, im bürgerlichen Stadtteil Buer, gibt es eine Oase. Wasserschloss Berge mit seinem herrlich angelegten, weitläufigen Park, dem historischen Kräutergarten und dem Berger See ist seit vielen Jahrzehnten eines der beliebtesten Naherholungsziele der Menschen im Ruhrgebiet. Schloss Berge bietet zudem Gastronomie auf exzellentem Niveau.

Garten- und Parklandschaften wie hier sind seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Lebens in allen Ruhrgebietstädten und gehören ebenso ins Bild wie die Industrieanlagen.

Einige von denen, die in den letzten Jahren mit neuem, insbesondere kulturellem Leben erfüllt wurden, sind u. a. der Nordsternpark in Gelsenkirchen, das Gasometer in Oberhausen, der Landschaftspark Duisburg Nord oder die Zeche Zollern in Dortmund.

Entlang der "Route der Industriekultur" kann man diese per Auto oder auch Rad kennenlernen. Radtouren durchs Ruhrgebiet werden zahlreich angeboten, es gibt Routen auf den Spuren der Römer oder dem Lauf der Ruhr folgend.

Kulturhauptstadt wird das Ruhrgebiet derweil auch aus anderem gutem Grund – nirgendwo gibt es so viele Festivals wie hier, etwa die Ruhrfestspiele Recklinghausen, Ruhr-Triennale, Internationale Kurzfilmtage Oberhausen oder auch Mülheimer Theatertage, um nur einige zu
nennen.

Dazu umwerfende Veranstaltungsorte wie Zollverein oder die Jahrhunderthalle Bochum. Zudem erfreuen sich das Folkwang-Tanz- Theater in Essen oder auch das Schauspielhaus Bochum eines internationalen Rufs. Und der "Adolf-Grimme-Preis" ist in der Deutschen Fernsehkultur eine feste, anspruchsvolle Größe. Er kommt aus Marl.

Für denjenigen, der sehen will, was das Ruhrgebiet besonders gemacht hat, bietet das Deutsche Bergbau Museum in Bochum die Möglichkeit dort einzufahren, wo einst das Herz des Reviers schlug: in die Stollen unter Tage.

Um aber endgültig zu verstehen, was die Schönheit Ruhrpott, die eigentlich keine ist, ausmacht, muss man die Menschen kennenlernen: Humor ist die Basis von allem, Solidarität ist Selbstverständlichkeit und Toleranz eine Tugend. Seit jeher Schmelztiegel der Nationen, lebt man heute als multikultureller Mensch, der vielleicht Müller, Mazzarini, Kozlowski oder Akdemir heißt. Und der sich über ausländerfeindliche Ausschreitungen anderswo in Deutschland zumeist nur wundern kann.

Man ist und bleibt eben Kumpel. Glück auf!

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