Machen wir uns nichts vor: Im Rheinland herrscht auch außerhalb der Karnevalszeit der Ausnahmezustand. Man wird in Deutschland kaum eine andere Region finden, in der es ein derart großes Bedürfnis nach Harmonie gibt. Supermarkt-Kassiererinnen erzählen einem ungefragt und am laufenden Band ihre ganze Lebensgeschichte und bei jeder sich bietenden Gelegenheit – Warten auf den Bus, Kneipenbesuch, manchmal sogar bei Beerdigungen – wird man hemmungslos von der Seite angekumpelt.
Wie sehr der Rheinländer, der unverbesserliche Gemütsmensch, seine Heimat liebt, zeigt sich auch in seinen Liedern. Mal möchte da das lyrische Ich zu Fuß nach Köln gehen, mal macht sich die Gemeinschaft dafür stark, den Dom ja nicht von der Stelle zu bewegen, und überhaupt ist man sehr stolz darauf, nur ein Karnevalsverein zu sein.
Vor diesem Hintergrund ist es auch wenig erstaunlich, dass der Autor dieser Zeilen als Kind kaum verreiste. „Wozu auch?“, wunderten sich die Eltern, beide erprobte Rheinländer. „Hier ist es doch so schön!“ Und dann ging es auf den Rhein, mit dem Ausflugsdampfer von Mehlem nach Andernach und zurück, in den Kölner Zoo, ins Phantasialand nach Brühl – und immer wieder wurde gewandert. Und zwar da, wo es doch so schön ist: zu Hause, im sogenannten Drachenfelser Ländchen.
Als die Bundeshauptstadt noch da war, wo sie hingehörte, galt die Ansammlung von 13 Ortschaften als „Schlafstube Bonns“. In der vormals bäuerlich geprägten Gemeinde Wachtberg – so der offizielle Name des „Ländchens“, das übrigens ziemlich weit vom romantischen Drachenfels entfernt landeinwärts liegt – hatte die große Politik Einzug gehalten.
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Dieser Text von Josef Engels erschien am 4.10.2010 in der Welt am Sonntag