Ehemals am äußersten östlichen Strand Deutschlands, heute wieder frei
in Europa kann unsere größte Insel Rügen sich wieder
zu alter Schönheit entfalten.
Wie bitte? Poppelvitz, Stönkvitz, Natzevitz, Kasselvitz. Gesundheit!
Jagdschloss Granitz; Foto: Hinstorff Verlag, Landschaft im Licht, Thomas Grundner
Meter für Meter richtet sich vor mir der monströse, blau schimmernde Pylon mit den harfenförmig gespannten Stahlseilen der neuen Rügenbrücke auf.
Seit sie ihren leganten Bogen über den Strelasund schlägt, fließt der Verkehr durch das einstige
Nadelöhr besser. Auf der B 96, dem Zubringer zu den Ostseebädern Binz, Sellin und Sassnitz, geht es trotzdem stockend weiter. Aber Fans sind ja geduldig. Rügens Beliebtheit bringt jährlich rund 1,2 Millionen Gäste auf die Insel. Ich bin auch darunter.
Rechts biegt die Deutsche Alleenstraße ab. Verlockend, aber erst fahre ich in Richtung Bergen, der Inselhauptstadt. Unterwegs auf Deutschlands größter Insel gleiten Rapsfelder, Kartoffeläcker und Pferdeweiden an mir vorbei. Die Dörfer heißen Poppelvitz, Kasselvitz, Natzevitz, Stönkvitz und Dumsevitz; das „vitz“ am Ende ist original Rügen. „In Bergen selbst ist nichts Merkwürdiges“, schrieb einmal der Philosoph Wilhelm von Humboldt. Er hat die Marienkirche nicht besucht!
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In Rügens ältestem Bauwerk verweben sich Romanik, Gotik und Barock zauberhaft. Am westlichen
Eingang des Christenhauses finde ich die zwergenhafte, im Laufe der Jahrhunderte verwaschene Steinfigur, die man lange für den Slawengott Svantevit hielt. Nicht merkwürdig? Erst seit Kurzem identifizieren Wissenschaftler den Mann mit Bart und Mütze als den bekehrten Slawenfürsten Jaromar I.
Einem weiteren Fürsten kommt man südlich von Bergen auf die Spur. Wenn sich ein Ort zu Recht als „weiße Stadt“ loben darf, ist es wohl Putbus. Wie mit Kreide gepudert, zeigt sich die Residenzstadt von Fürst Malte I. (1783–1854), der sie planmäßig und im großen Stil klassizistisch
anlegte. Der kunstsinnige Regent leistete sich zwei große Plätze, die die zahlreichen Palais der Hofschranzen säumen, ein Theater, ein Pädagogium, eine Orangerie und ein Kurhaus – Stein gewordene Fürst-Malte-Zeit. Im 75 Hektar großen Schlosspark ist der Grundriss des um 1960 gesprengten Schlosses durch Markierungen veranschaulicht. Irgendwie scheint die Zeit in Putbus stehen geblieben zu sein. Das mag am mächtigen Denkmalschutz liegen, der das einheitliche Weiß an allen Fassaden durchsetzte und Werbung verbannte. Wie früher dürfen an der Sparkasse oder dem Kaufhaus nur Goldlettern in Times-Schrift glänzen.
Die meisten kommen wegen des Strands. Auf Rügen kann er lang sein wie von Göhren bis Alt Mukran, er kann breit sein wie bei Binz und Baabe, schroff und felsig wie bei Kap Arkona. Andere kommen wegen der Natur, der Vorpommerschen Boddenlandschaft, des Buchenwalds im Mönchsgut und des Nationalparks Jasmund.
Endlich ist die Deutsche Alleenstraße dran. Über sie mache ich einen Abstecher nach Gingst. Für einen 600-Seelen-Ort hat das einstige Handwerkerstädtchen eine mehr als riesige Kirche. „Im Mittelalter war Gingst der Schnittpunkt einer wichtigen Handelsroute, wo man Markt hielt, Kutschen reparierte und Pferde wechselte“, erklärt Olaf Müsebeck im Café Historische Handwerkerstuben, das Einkehrer mit Selbstgebackenem und heißer Schokolade empfängt. Der Philosoph und Lebenskünstler empfiehlt Mohnkuchen mit Cranberrys und Birne – köstlich. Müsebeck, der als Museumsdirektor lange Herr über die benachbarten Reetdachhäuser war, erzählt gern vom Leben der Weber, Schneider und Schuhmacher. Im Sommer organisiert er Lesungen, Ausstellungen und Konzerte.
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