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Sehnsucht Deutschland - Film
Fördert den Nachwuchs klassischer Musik - Justus Frantz

Klassik ans Herz gelegt - Mittelmaß reicht nicht!

Justus Frantz. Professor, Pianist, Dirigent, Humanist. Der Vollblutmusiker feierte im Mai seinen 69. Geburtstag und wird nicht müde, den Wert von Bildung zu betonen. Für SEHNSUCHT DEUTSCHLAND schreibt er über seine klassisch geprägte Angst vor dem Verlust von Talenten und Eliten.

Text: Justus Frantz

Fotos: Philharmonie der Nationen

Musikalische Talentförderung in Deutschland

Dirigent Justus Frantz beflügelt die klassische Musik

Dirigent Justus Frantz beflügelt die klassische Musik

Deutschland im Juli 2013: Der Schüler Johannes ist neun Jahre alt und besucht eine Grundschule. Johannes lernt Schreiben, Lesen, Rechnen. Im Sachunterricht lernt er den Alltag, seine Stadt und viele andere interessante Dinge kennen. Außerdem hat er Sport-, Kunst- und im zweiten Schuljahr sogar Musikunterricht. Nachmittags legt Johannes in Projekten einen Schulgarten an, füttert Fische im Schulteich. Er malt, hat die Theatergruppe ausprobiert, Basketball gespielt, ist geschwommen und nahm an der Musik-Projektgruppe teil.

Der Schüler Johannes lernt viel. Aber er kann sich nicht so richtig konzentrieren und niemand fragt ihn, was ihm denn besonders viel Freude macht. Auch als er einmal eine Stunde lang ganz versunken am Klavier sitzt und die Töne probiert, fällt das niemandem auf. Drei Uhr, jetzt ist Basketball, und nachher noch Schachklub oder Reitunterricht. Und so kann sich die besondere Begabung des Schülers Johannes nicht entfalten. Des Schülers Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Denn so hätte es Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 2013 in Deutschland ergehen können.

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Wenn ich in andere Länder reise, um dort Konzerte zu geben, nehme ich mir die Zeit, für unser Orchester, die Philharmonie der Nationen, junge Musiker anzuhören. Mir ist aufgefallen: In Ländern wie Russland, Korea oder China ist es selbstverständlich, dass Kinder im Vorschulalter ausgewählt und in ihren besonderen Talenten gefördert werden. In Deutschland tun wir uns schwer, Talente und Eliten zu fördern. Dennoch müssen wir uns bewusst machen: Das gemütliche Mittelmaß, das wir damit unterstützen, reicht nicht für die Gegenwart und erst recht nicht für die Zukunft.

Heute hat alles die Tendenz zur oberflächlichen Zerstreuung: der Alltag mit seinen unzähligen optischen Reizen und akustischen Berieselungsangeboten, die Medien, die Fülle an Reizen und Informationen, die niemand mehr bewältigen kann. Müssen wir da nicht in den Kindergärten und Schulen eine Gegenwelt schaffen? Räume, in denen nicht das Beliebige und Unverbindliche bestärkt wird, sondern im Gegenteil Konzentration, Entfaltung der individuellen Anlagen und Vorlieben gefördert werden? Nicht jeder Schüler wird einmal ein Wolfgang Amadeus. Aber eine Kindheit, eine Schule, eine Musikförderung, die es einem kleinen Mozart möglich macht, ein großer Mozart zu werden, wäre ein Segen für das Kind und für alle Menschen.

Ist Klassik weniger interessant, als sie es noch vor 30 oder 50 Jahren war? Ich glaube nicht – im Gegenteil: Es gibt heute Interpretationen und Konzertformen, die den Zugang zur klassischen Musik einfacher machen. Es gibt Radio, Fernsehen, CDs, MP3-Player und das Internet. Was nachlässt, ist die Bereitschaft, sich auf klassische Musik einzulassen. Diese Art von Musik braucht die Bereitschaft, sich mit ihr auseinanderzusetzen, in ihr zu versinken. Ich glaube nicht, dass diese Bereitschaft heute noch gefördert wird. Damit verlieren wir einen Teil unserer Geschichte, unserer Identität. Wir verlieren die Bereitschaft, uns mit Interesse und Leidenschaft etwas zu widmen. Entmaterialisierung und Entschleunigung führen hingegen zu größerer Fantasie, Konzentrationsfähigkeit und Sensibilität.

Klassische Musik ist kein Allheilmittel. Aber sie ist ein Beispiel dafür, wie eine menschliche Schule, eine menschliche Gesellschaft, ein menschliches Miteinander aussehen könnten. Ein Orchester, meinetwegen auch eine Band, ist gelebte Begegnung, gelebte Begeisterung, gelebte Kommunikation. Wenn wir Desinteresse, Verrohung, Egoismus beklagen – im kleinen wie im großen Maßstab, denken wir nur an die Triebkräfte der derzeitigen Finanzkrise –, ändern wir nichts. Wenn wir aber Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, Musik zu leben und zu erleben, dann geben wir ihnen die Möglichkeit, gleich mehrere Dinge zu lernen: Es gibt etwas, das einen Wert in sich darstellt.

Musik ist ideell, nicht materiell. Sie erfüllt keinen Zweck, sondern ist sich selbst Erfüllung. Es gibt etwas, das uns neue Erfahrungen, Glücksmomente eröffnet, wenn wir uns ganz und gar darauf einlassen. Es gibt etwas, das wir nur erreichen können, wenn wir es gemeinsam versuchen, wenn wir nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die Interessen, Beiträge und Fähigkeiten der anderen beachten.

Denken Sie mal darüber nach. Das wäre schon ein Anfang.


Über Justus Frantz
Justus Frantz ist einer der bekanntesten und populärsten Wegbereiter der Klassik in Deutschland und der Welt. Aus zahlreichen TV-Sendungen und als Erfinder des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist der Pianist und Dirigent einem Millionenpublikum bekannt. Unter anderem Israels Staatspräsident Shimon Peres berief ihn in diesem Jahr zum Dirigenten der Israel Sinfonietta – als ersten nicht jüdischen Dirigenten. Eine Sensation! Frantz: „Eine historische Herausforderung für mich als Deutschen.“ Außerdem ist er Chefdirigent des von ihm gegründeten Orchesters Philharmonie der Nationen. Am 17. August 2013 gastiert Frantz mit „Sehnsucht nach Italien“ (!) im Park von Schloss Bothmer im Klützer Winkel.

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